22.05.2013 23:53 Merkliste 0

Parteischutzengel statt Korruptionsjäger

KARL ETTINGER (Die Presse)

Die Regierungsvertreter fallen in alte schlechte Muster zurück: Mit einem Abwürgen des Untersuchungsausschusses schaden sie der Demokratie und letztlich sich selbst.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

 

Der Elan der Abgeordneten – speziell jener von SPÖ und ÖVP – im parlamentarischen Korruptionsuntersuchungsausschuss für umfassende Aufklärung zu sorgen ist über den Sommer deutlich erlahmt. Jetzt sind die Parlamentarier der Regierungsparteien, von denen die meisten im nächsten Jahr wieder von ihren Parteien bei der Nationalratswahl aufgestellt werden wollen, mehr daran interessiert, rasch die Aktendeckel zu schließen und die Prüfung im Hohen Haus aus wahltaktischen Gründen möglichst frühzeitig abzuwürgen. Die Farce rund um die De-facto-Ausschussblockade am gestrigen Donnerstag, die vorerst in einer Vertagung der Sitzung mündete, war gleichsam der Anfang vom Ende.

Vorerst ist die Ausschussarbeit jedenfalls zum Erliegen gekommen. Ein Schelm, wer dabei an einen Zufall denkt: Nun sollte es ausgerechnet um höchst aufklärungswürdige Inseratenvergaben staatsnaher Firmen im Einflussbereich des früheren Verkehrsministers gehen. Dieser ist mittlerweile Bundeskanzler und heißt Werner Faymann. Sein Adjutant als Kabinettschef war Josef Ostermayer und ist heute der einflussreichste Staatssekretär. Beide sind also in hohen Ämtern der Republik. Und natürlich gilt auch dort die völlige Unschuldsvermutung, zumal nach allem, was man von den Ermittlungen hört, die beiden in rein strafrechtlicher Hinsicht nicht oder nur sehr stichhaltig belangt werden dürften. Aber in demokratiepolitischer Hinsicht ist es für die Hygiene dieser Republik wichtig, den Scheinwerfer darauf zu richten, warum ausgerechnet dem Kanzler und der SPÖ wohlgesinnte Boulevardmedien besonders große Stücke vom Werbekuchen erhalten haben.


Es mag noch nachvollziehbar sein, warum SPÖ-Parlamentarier aus Parteiräson wenig Interesse daran haben, dass einige Monate vor der Nationalratswahl mittels ausführlicher Befragungen in den Hinterzimmern der Macht nachgeforscht wird, in denen sich die Interessen roter Parteipolitik und mancher Medien getroffen haben. Die parlamentarischen Handlanger, die mit diesem demonstrativen Nichtinteresse der ohnehin oft malträtierten Demokratie noch ein Stück mehr Schaden zufügen, nehmen dies aus parteipolitischen Motiven offenbar bewusst in Kauf. Als es zuvor um Vorgänge während und um Akteure wie Grasser und Strasser der stets bekämpften schwarz-blauen und schwarz-orangen Regierung ging, konnte es für die Sozialdemokraten gar nicht genug Aufklärung geben.

Viel weniger verständlich ist, warum der Regierungspartner ÖVP bei diesem Schauspiel mitmacht. Noch vor nicht allzu langer Zeit hörte man es aus dem Mund von Klubchef Kopf nämlich ganz anders. Der verlangte, dass auch Faymann zur Inseratenaffäre vor dem Untersuchungsausschuss Rede und Antwort stehen müsse. Offenbar ist in der ÖVP nach einem Vierteljahrhundert in der Regierung die Sorge angesichts müder Umfragewerte groß, dass ihr die SPÖ vorzeitig die Ministersessel vor die Tür stellt, sodass sie endgültig zum Kanzler-Schonverein mutiert.


Klar, auch den Grünen sind parteitaktische Motive vor der Wahl nicht fremd. Schließlich wollen sie es politisch nützen, als einzige Partei nicht in die untersuchten Affären verwickelt zu sein. Die bisher umsichtige Ausschussvorsitzende Moser hat sich jetzt von ihren grünen Parteifreunden mit Oberjäger Pilz an der Spitze zu einer Kopf-durch-die-Wand-Strategie hinreißen lassen. Sie hat der Koalition damit eine billige Ausrede für das rasche Ende des Ausschusses geliefert.

Die Bevölkerung darf sich wieder einmal von Politikern vorgeführt fühlen. Nach langem Drängen wurden vor dem Sommer strengere Anti-Korruptionsregeln beschlossen. Zur Beruhigung der Bürger, die wegen der vielen zwischen Wien und Klagenfurt hochgeschwappten Korruptionsvorwürfe zu Recht empört sind, wurde von der ÖVP sogar ein Ethikrat aufgestellt. Und alle haben schonungslose Aufklärung versprochen.

Zum Schaden der Republik gilt das offenkundig nun nicht mehr. Die Ex-Korruptionsjäger mutieren zu rot-schwarzen Parteischutzengeln. Wirklich erschreckend ist, dass sie glauben, man durchschaue sie nicht.

 

E-Mails an: karl.ettinger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

23 Kommentare
Gast: serenissimus
11.09.2012 12:28
1 1

sie können alle ganz beruhigt sein,

die Christlichen wissen ganz genau, warum sie das Mäntelchen des Schweigens darüber breiten.
Vielleicht schaltet der Herr Kommentator auch was
ein und spielt hier nicht den Unwissenden.

3 0

... ohne Partei bin ich nichts ...

... dieser Sinowatz Sager gilt bis heute, ob mit oder ohne Transparenz. Lumpen sind es die unter dem Deckmantel der Demokratie mit unserem Steuergeld im Parlament "arbeiten", zwecks eigenem Machterhalt. Kleinkriminelle an oberster Spitze eines Staates, seien doch nur am Balkan möglich.

Ewig der gleiche Klüngel zwischen Politik, Banken und Wirtschaft.

Vielleicht ist die Ausschußvorsitzende "part of the game" und deshalb so unnachgiebig, um den anderen Parteien einen Grund zu bieten den Ausschuss abzuwürgen und für die Grünen die reine Weste zu behalten.

Schließlich findet das alles in Wien statt mit einer rotgrünen Koalition. Ein Schelm der Böses denkt.

Ich denke im Prinzip wollen die uns (Bürger) alle verar.....!

eh klar!!!!

Nichts Neues unter der Sonne!!! (Zu Deutsch: Gauner bleiben eben Gauner)

Gast: TT1
07.09.2012 22:38
0 0

Wer heutzutage schwarz / rot / oder Blau wählt

unterstützt Demokratieabbau.

Gast: Anmerkung
07.09.2012 21:19
4 0

Die verkannten Grünen

Der Schlüsselsatz lautet: "Viel weniger verständlich ist, warum der Regierungspartner ÖVP bei diesem Schauspiel mitmacht."

Das Unverständliche daran beginnt sich allerdings aufzulösen, wenn man sich die Frage stellt, ob denn die ÖVP das überhaupt tut, nämlich beim Blockieren mitzumachen.

Und noch verständlicher wird das Ganze, wenn man - sich die in diesem Sommer wundersam erblühte Freundschaft zwischen Faymann und Glawischnig vor Augen haltend - sich das Abdrehen nicht mehr als gemeinschaftliche Sache von SPÖ und ÖVP, sondern vielmehr als konzertierte Aktion von SPÖ und Grünen vorzustellen beginnt ...

Gast: Theodore Roosevelt
07.09.2012 20:28
1 0

„Hinter der sichtbaren Regierung sitzt auf dem Thron eine unsichtbare Regierung, die dem Volk keine Treue schuldet und keine Verantwortlichkeit anerkennt.

Diese unsichtbare Regierung zu vernichten,
den gottlosen Bund zwischen korruptem
Geschäft und korrupter Politik zu lösen,
das ist die Aufgabe des Staatsmannes.“

Man muss dem Volk mehr Zeit geben

Der "gelernte Österreicher" braucht hat ein bisl lang bis er auf solche Umstände oder Neuerungen reagiert.
Bsp: Hofer Tanke wird neu eröffnet! EIN Jahr hat es gebraucht bis die Leute das richtig mitbekommen haben, bzw bis sie aus dem normalen Trott raus konnten.

Also gebts ihnen es bisl mehr Zeit, bis zur Wahl klappt es vielleicht!?
Wenn ich mit meine Nachbarn rede merke ich, wissen tuns sie eh, aber das Umsetzen.....

Antworten Gast: Eleonora K.
07.09.2012 12:47
1 0

Re: Man muss dem Volk mehr Zeit geben

Bitte vergessen Sie nicht, wieviele Österreicher des Lesens nicht mächtig sind. Ob Absicht hinter der Schulreform steckt?

Gast: wepa11
07.09.2012 11:13
1 0

wen wählen?

Die Regierungsparteien tun alles, damit sie bei der nächsten Wahl NICHT gewählt werden! Wer aber bleibt über? Die EU-kritische, rechtsaußen-FPÖ sicher nicht, Stronach allein ist kein Programm, BZÖ-wer?, die Grünen gingen ja noch, werden aber immer unglaubwürdiger-s. Wiens sog. Verkehrspolitik. Nicht wählen finde ich undemokratisch und einen Verrat an den Menschen, die für das Wahlrecht gekämpft haben. Bleibt ungültig wählen als Ausdruck, dass man mit dem geltenden System, den derzeitigen Politikern und Wahlrecht unzufrieden ist (hoffentlich gibts dann darüber eine Auswertung). ein jahrzehntelanger ÖVP und (seit Schüssel) Grün-wähler!!!

Gast: das hirn
07.09.2012 08:56
0 0

überleben

man gestatte mir einen vorausblick : faymann wird
den inseratenskandal nicht überleben ! sollte es sich ausgehen, dass ein soze wieder bundeskanzler wird, dann wird es eine bundeskanzlerin : gabi burgstaller.

"Die Bevölkerung darf sich wieder einmal von Politikern vorgeführt fühlen."

ach ja, die arme, arme bevölkerung....

würde ettinger ein bisserl mehr nachdenken, anstatt den üblichen populistenschaas nachzuerzählen, dann würde er erkennen, dass die BEVÖLKERUNG und nur die bevölkerung schuld am voraussichtlichen scheitern des u-ausschusses hat:

was für konsequenzen hat denn die bevölkerung aus den bisherigen ergebnissen gezogen? haben sich die prozentzahlen bei umfragen geändert? sind die korruptionskaiser övp&fpö&bzö ins umfragetief gefallen? hat die einzig nicht-korrupte partei dieses landes (die grünen) einen ordentlichen umfrageaufschwung?

nichts davon ist der fall. die arme, arme bevölkerung ist viel zu dumpf oder viel zu fanatisiert, um irgendwelche konsequenzen aus irgendwelchen korruptionsfällen zu ziehen (ausser gar nicht mehr wählen zu gehen, oder einen korruptionisten wie stronach zu wählen).

doch das gehört nicht zur politik von diePresse: nur ja nicht den leuten den spiegel vor die eigene nase halten. das könnte den einen oder anderen unser 75.000 leser vergraulen. lieber das verblödete politiker-bashing.

sorry: ihr wollt eine QUALITÄTSzeitung sein? lächerlich!

Antworten Gast: zzzuuu
07.09.2012 10:42
0 1

Re: "Die Bevölkerung darf sich wieder einmal von Politikern vorgeführt fühlen."

So ist es.

In anderen miteleuropäischen Ländern bei einem vergleichbaren Sumpf wäre die "dortige Ringstraße" schon längst täglich Demomeile.

Der gemeine Ösi sitzt aber lieber zu Hause und mault, protzt und schimpft im Forum oder am Stammtisch.
Oder es ist ihm überhaupt egal weil das Bier eh noch kalt ist und der Schweinsbraten halbwegs durch.

Wer sich in so peinlicher Art und Weise gegen ein bestehendes korruptes System auflehnt hat nichts anderes verdient als eben dieses.

Antworten Gast: Gastastast
07.09.2012 10:21
1 0

Re: "Die Bevölkerung darf sich wieder einmal von Politikern vorgeführt fühlen."

Die Grünen haben keinen Umfrageaufschwung weil viele Wähler sie nach wie vor für unwählbar halten. Nicht-Korrupte Politiker (und das lass ich jetzt einfach mal aus Mangel an Beweisen so dahin gestellt, nicht weil ich davon überzeugt wäre) geben sich dann eben mit ihrem Parteiprogramm den Gnadenschuss. Wenn Sie schon gegen die Schuldumwälzung propagieren, dann sollten Sie das auch auf ganzer Linie machen.

Bananenrepublik Austria

In Deutschland müssen Politiker wegen vergleichsweise Lappalien den Hut nehmen....
Bei uns wird weiterhin ohne Genierer in den öffentlichen Topf gegriffen!

Re: Bananenrepublik Austria

so ist es: bananenrepublik österreich.

aber nicht wegen der politiker. ausschließlich wegen der bevölkerung!
(die politiker sind nur ein abbild davon)

Antworten Antworten Gast: Vogel Strauss
11.09.2012 19:21
0 0

Re: Re: Bananenrepublik Austria

Es ist mal wieder soweit: Ausnahmsweise bin ich Ihrer Meinung! Alle quatschen von Denkzettelwahl etc., aber am Wahlsonntag wird dann wieder das Kreuzerl bei der angestammten Partei gemacht, die schon der Großvater, Urgroßvater etc. gewählt haben ... wenn es nicht trotz allem so schön bei uns wäre, wäre ich schon längst ausgewandert!

Antworten Antworten Gast: Hansi Hüpfer
07.09.2012 14:12
1 1

Immer noch zwischen zwei Jobs und zu viel Zeit zum Sudern?

Dann solltest du dich schnellestens vertschüssen. Ausser dir, du Dodel, ist hier niemand ein Bananenbürger.

Gast: untaus
07.09.2012 00:23
2 0

Ausschuss wiederbeleben

Genauestens analysiert, Herr Ettinger.

Nicht nur SPÖ/ÖVP spielen beim Abdrehen vor der Inseraten-Affäre mit auch die FPÖ

Ich glaube der weit aus unfähigste Politiker derzeit ist Strache.

Gast: b745
06.09.2012 20:30
4 8

die einzigen die noch nicht korrupt sind sind die grünen

und mitlerweile arbeiten offensichtlich alle anderen parteien gemeinsam an der vertuschung und schützen sich gegenseitig die hypo ist ein gutes beispiel ebenso wie faymann und schüssel oder ein blick nach kärnten wo wieder alles beim alten bleibt

Antworten Gast: Martin_S
06.09.2012 22:18
7 1

Re: die einzigen die noch nicht korrupt sind sind die grünen

also wenn man nach wien schaut: dort sind die grünen auch schon mitten im korruptionsgatsch!

Antworten Antworten Gast: 65/23
07.09.2012 10:58
0 0

Re: Re: die einzigen die noch nicht korrupt sind sind die grünen

Ich bin auch nicht mit der Politik der Grünen zufrieden, ich brauche sie nichtmal.
Persönliche Abneigung gegenüber den Grünen, ihrer Politik etc hat aber nichts mit Korruption zu tun.

Oder können Sie einen echten Fall aufzeigen welcher Korruption bei den Grünen in der Weise belegt wie sie uns von den "Altparteien" Tag täglich präsentiert wird?

Mehr Kommentare:

Top-News