Es ist nur ein bizarrer Film. So schlecht gemacht, dass kurz das Gefühl aufkommt, er sei nicht nur unfreiwillig komisch, sondern absichtlich als Parodie angelegt. Eigentlich sollte er so wie hunderttausende ähnliche Streifen auf dem Schrotthaufen der Bedeutungslosigkeit sein Ausgedinge finden. Doch das Filmchen wurde gleichsam zum Kern einer medialen und diplomatischen Atombombe, die über die gesamte Welt ihre Schockwellen aussendet. Nach Ägypten und Libyen erreichten sie nun Tunesien, den Jemen, den Iran und Afghanistan, wo aus Sicherheitsgründen YouTube gesperrt wurde, damit niemand den Trailer des Trash-Movies sehen kann – offenbar nachsynchronisierte Aufnahmen, in denen der Prophet Mohammed verunglimpft wird.
Eine Beleidigung des Propheten ist für gläubige Muslime besonders schmerzhaft. Der Widerpart zum Schutz vor Kränkung ist freilich die Meinungsfreiheit, die selbst für Schund und Schwachsinn gilt. Doch dieser Meinungsfreiheit wird auch in westlichen Ländern Grenzen gesetzt – auch, wenn es um religiöse Belange geht. So stellt in Österreich die Herabwürdigung religiöser Lehren einen Straftatbestand dar, für den man bis zu sechs Monate Gefängnis ausfassen kann. Wirklich exekutiert wird das in voller Schärfe aber selten.
Im komplizierten Spannungsfeld zwischen Freiheit von Meinung und Kunst auf der einen und Verletzung religiösen Empfindens auf der anderen Seite wird das Gut der Freiheit meist höher bewertet. Den Strafrichter versucht man, so weit es geht, außen vor zu lassen. Und das ist auch gut so. Wer sich verunglimpft fühlt, hat – wie auch in nicht religiösen Angelegenheiten – die Möglichkeit, sich zivilrechtlich wehren.
So amüsierten sich in ganz Europa Millionen Zuseher ungehindert über den Monty-Python-Kultfilm „Das Leben des Brian“, eine Parodie über das Wirken Jesu. Haderers Cartoons über das „Leben des Jesus“ lösten zwar einen Proteststurm aus. In Griechenland wurde der Karikaturist in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt. In Österreich blieb der Comic aber in den Regalen der Buchhandlungen. Und weitaus härtere Beiträge zum Thema Religion wie Ulrich Seidls neuer Film „Paradies: Glaube“ erhielten in Venedig einen Preis.
Aus künstlerischer Sicht und hinsichtlich der dahinterstehenden Absicht ist Seidls Film mit dem schwachsinnigen Mohammed-Machwerk aus den USA in keiner Weise vergleichbar. Aber auch er verletzt offenbar religiöse Gefühle: Eine katholische Vereinigung in Italien erstattete gegen den Regisseur Anzeige wegen Blasphemie. Das mag bereits bizarr erscheinen. Man stelle sich aber nur eine Sekunde lang vor, ein wütender Mob hätte wegen Seidls Film Österreichs Botschaft in Rom abgefackelt und den Botschafter umgebracht.
Im libyschen Bengasi brannte die US-Vertretung, und der Botschafter verlor sein Leben. Wegen des Mohammed-Streifens, für den die gesamte USA in Geiselhaft genommen wird. Wie gekränkt auch immer sich jemand fühlen mag: Das ist völlig inakzeptabel.
Die „Verletzung religiöser Gefühle“ ist aber nur eine der Ingredienzien, die die Wut speisen. Dahinter liegt noch eine zweite, eine politische Ebene. Auch wenn US-Präsident Obama in den vergangenen Jahren in Reden versucht hat, eine Brücke zur „islamischen Welt“ (was immer er angesichts deren Inhomogenität darunter verstehen mag) zu schlagen: Er konnte nicht verhindern, dass die USA bei vielen Gruppen in arabischen Ländern nach wie vor ein Feindbild darstellen – nicht nur bei Islamisten. Auch nach dem Sturz von Machthaber Mubarak verdächtigen in Ägypten linke Revolutionäre die USA, die Revolution zu sabotieren und dabei sogar mit den Moslembrüdern unter einer Decke zu stecken.
In Libyen herrscht nach wie vor Dankbarkeit gegenüber Amerika und der Nato für die Hilfe gegen Diktator Gaddafi. Alle wichtigen politischen Führer entschuldigten sich für den Tod des US-Botschafters. Zugleich versuchen aber jihadistische Fraktionen, das Sicherheitsvakuum im Land zu nutzen. Nun haben die Amerika-Feinde neue Munition erhalten. Durch einen Film, der eigentlich bedeutungslos sein müsste
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)















