21.05.2013 17:27 Merkliste 0

Wenn die Provokation zum langweiligen Ritual erstarrt

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Satire darf alles, sich also auch über Mohammed lustig machen. Nur sollte sie bei allem Mut auch originell bleiben: Karikaturen dieser Art hatten wir wirklich schon.

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Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ spielt mit hohem Einsatz, wenn es inmitten der aufgewühlten Stimmung, die der Schundfilm „The Innocence of Muslims“ ausgelöst hat, neue Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Leichtfertig haben die Verantwortlichen der Zeitschrift die Entscheidung kaum getroffen. Denn sie wissen, welche Humorlosigkeiten auf sie zukommen können. Die Redaktion war schon einmal, im November 2011, Ziel eines Brandanschlags, nachdem sie eine „Scharia“-Sondernummer unter der Ägide von Gastchefredakteur „Mohammed“ herausgebracht hatte.

Auch diesmal werden es viele Muslime nicht lustig finden, wenn ihr Prophet nackt mit hochgerecktem Hinterteil in Gebetshaltung gezeigt wird. Und Islamisten werden wahrscheinlich auch nicht schmunzeln, wenn einer ihrer mit wirrem Gesichtsausdruck gezeichneten Gesinnungsgenossen in einer Sprechblase freimütig bekennt: „Zeigt uns einen intelligenten Film, und wir werden den Dritten Weltkrieg auslösen.“

Doch um guten oder mangelnden Geschmack geht es gar nicht – und vermutlich auch nicht vorrangig um erhöhte Verkaufszahlen. Denn selbst in ökonomisch schwierigen Zeiten setzt wohl kein Chefredakteur für eine Auflagensteigerung sein Leben aufs Spiel. Nein, bei den Witzblattmachern handelt es sich, wenn man so will, um Überzeugungstäter. Die Truppe von „Charlie Hebdo“ betrachtet sich offenbar als blasphemische und islamkritische Avantgarde im Kampf um die Meinungsfreiheit. In einer ganzen Reihe von Selbstversuchen testet die Zeitschrift schon seit längerer Zeit lustvoll diesbezügliche Grenzen aus. Die Serie begann 2006, als „Charlie Hebdo“ die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitschrift „Jyllands-Posten“ nachdruckte.

Nun abermals zu provozieren ist vor allem ein Akt der Courage. Die Satiriker und Zeichner der Zeitschrift verstecken sich nicht feige in der Anonymität. Sie fechten ihre Sache mit offenem Visier aus. Gleichzeitig enerviert mittlerweile die Absehbarkeit des ganzen Spektakels. Im Grunde ist das Provokations- und Empörungsritual, das dieser Tage auf internationaler Bühne inszeniert wird, die Wiederholung der Wiederholung. Alle Argumente wurden in ähnlicher Weise bereits vorgebracht, als vor sechs Jahren die islamische Welt wegen der dänischen Mohammed-Karikaturen in Aufwallung geriet. Ein großer Erkenntnisgewinn ist bei der Neuauflage der Auseinandersetzung nicht zu erwarten.

Man wundert sich eher, wie leicht und wie schnell in diesem pawlowschen Wechselspiel zwischen Provokation und blindwütiger Reaktion mehr als ein halbes Jahrzehnt später wieder derselbe Erregungspegel erreicht wird. Wobei freilich die Steigerung der Absurditätsdosis schon bemerkenswert ist. Das Unfassbare an der Aufregung um den Mohammed-Film besteht ja darin, dass ein irrelevantes Trash-YouTube-Video eines anonymen Privatspinners einen Sturm auf westliche Botschaften auslösen kann.


Bei der „Charlie Hebdo“-Aktion hingegen ist der Originalitätswert einigermaßen eingeschränkt. Mohammed-Karikaturen hatten wir wirklich schon. Dennoch kommt die übliche Maschinerie in Gang, sie ist ja inzwischen gut geölt. Und wieder finden sich muslimische Religionsführer und Politiker, die hyperventilierend protestieren. Und wieder müssen westliche Botschaften gesperrt werden. Und wieder treten europäische Politiker auf den Plan, die routiniert „unnötige Provokationen“ verurteilen, mit ernster Miene zu Zurückhaltung mahnen und, weil es sein muss, in einem Halbsatz pflichtschuldig ein Länzchen für die Meinungsfreiheit brechen.

Aber vielleicht liegt der Nutzen der ganzen Farce in der Redundanz. Irgendwann einmal vielleicht wird der Entrüstungszirkus allen Beteiligten zu blöd. Irgendwann wird es vielleicht zum Gähnen langweilig sein, sich über Mohammed oder den Islam lustig zu machen. So weit wird es aber erst sein, wenn Muslime Kritik an ihrer Religion dulden und mit angemessener Gelassenheit auf schräge Geschmacklosigkeiten reagieren. Es wird also noch länger dauern.

Zur Frage jedoch, was Satire darf, hat Kurt Tucholsky schon vor fast 100 Jahren eine erschöpfende Antwort gegeben: „Alles.“

 

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)

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37 Kommentare
 
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Es geht hier gar nicht um Humor!

Humor wird nicht geplant und schon gar nicht am Fliessband produziert. Humor gelingt manchmal gut. Was hier gemacht wird, ist vorsaetzliche Beleidigung bzw. Provokation von Andersglaeubigen. Das ist eine "Teufel komm raus" Mentalitaet.
Besonders Feige halte ich, dass diese Leute sich hinter der Meinungsfreiheit verstecken. Sie sollten zumindest den Mut besitzen und öffentlich sagen, dass sie beleidigend provozieren möchten!

ob originell oder nicht, ob blöd oder nicht, ob geschmacklos oder nicht...

facit bleibt: es muss möglich sein, auch die blödesten, unoriginellsten, geschmacklosesten usw. filme, witze, karrikaturen usw. zu veröffentlichen! Darum haben wir in europa lange genug gekämpt. das macht europa aus, dass man den staat, religion, philosophien, überzeugungen usw. kritisieren und diskutieren kann, dass man sich über diese dinge auch lustig machen kann.

ja, manchmal, oder sehr oft kommt dabei geschmackloses, diskriminierendes, einfach grottenschlechtes, unoriginelles heraus.

trotz allem: das darf nicht geopfert werden, einer völlig falschen poltischen korrektheit wegen.

und so schlecht und geschmacklos, so unoriginell kann eine mohammed-karrikatur gar nicht sein, dass sie nur annähernd als rechtfertigung für mord dienen könnte.

Gast: unbeteiligter
21.09.2012 15:54
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Es ist schon komisch, dass die postings...

zu vielen Themen immer weniger werden.

Sterben die Leute weg oder schlägt der Zensor härter zu.

PS: wo ist mein letztes posting in dieser sache - ist das das neue Verständnis von Meinungsfreiheit (die Zahl der Kopftücher auf der Straße bestimmt das Ausmaß der Meinungsfreiheit ? )

sehr schwach liebe presse !

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Gewissensfrage

"Auch diesmal werden es viele Muslime nicht lustig finden, wenn ihr Prophet nackt mit hochgerecktem Hinterteil in Gebetshaltung gezeigt wird":

Jeder sollte selbst mit Hand aufs Herz entscheiden, ob das wirklich Meinungsfreiheit ist (oder wohl doch nicht eher Beleidigung), wenn er seine eigene Mutter oder Vater auf lächerliche Weise mit nackten Hinterteil irgendwo abgebildet sieht.

"WAS DU NICHT WILLST, WAS MAN DIR AN TUE, DAS FÜGE AUCH KEINEN ANDEREN ZU"

Re: Gewissensfrage

die welt wäre ein viel besserer ort, wenn nicht immer alle gleich beleidigt wären...

Re: Gewissensfrage

das gilt aber erst recht für diese Muslime, denen es auf eine brennende Kirche mehr oder weniger sicher nicht ankommt - von wegen Talionsprinzip

Gast: wkko
21.09.2012 11:48
0 0

den Punkt getroffen

der Artikel trifft exakt den Punkt.

das Provozieren hört sofort auf, wenn keine Reaktion erfolgt.
Beispiel: als man mich in der Schule mit einem nicht grade schmeichelhaften Spitznamen rufen wollte, reagierte ich nicht, auch beim 2. Anlauf nicht, erst recht nicht nach 3. Versuch. Ergebnis: nie mehr diesen Spitznamen weiter gehört.
Das kann man auch auf alles andere übertragen: einfach keine Reaktion und alles hört spätestens nach dem 3. Versuch auf.

Re: den Punkt getroffen

das hat seine Grenzen:

Jemand nimmt Ihnen was weg.

Keine Reaktion.

Jemand nimmt Ihnen wieder was weg.

Keine Reaktion. etc.

Sie haben nichts mehr.


Herr Ultsch,

könnten Sie sich bitte ein bisschen was beim Herrn Schellhorn abschauen? Wäre wohltuend für Leser und Leserin!

Gast: hwjs
20.09.2012 23:23
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Freibrief für Missbrauch der Meinungsfreiheit?

Satire darf alles....
Da könnte man ja theoretisch eine verunglimpfende Satire über die Holocaust Opfer machen.
Bin gespannt, ob dann die Leute immer noch der Meinung sind, dass Satire alles darf, auch die GEFÜHLE ANDERER ZU VERLETZEN.

Antworten Gast: pff
21.09.2012 07:59
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Re: Freibrief für Missbrauch der Meinungsfreiheit?

Vielleicht sollten sie erst einmal die Definition von Satire erfassen um zu verstehen, dass jegliche Verunglimpfung von Opfern keine Satire sein kann.

Gast: ChrisPete
20.09.2012 18:25
6 0

Man erwartet keine Helden

auch nicht unter Journalisten, aber wenn man schon selbst zu viel Angst hat, Karikaturen zu veröffentlichen und vor dem Terror und dem islamistischen Mob kapiuliert, sollte man zumindest soviel Rückgrat haben und die Wahrheit zu sagen: Wir haben Angst und weichen der Gewalt.

Und man sollte den Anstand haben, jene Kollegen die unermesslich mehr Mut und Zivilcourage haben und die Karikaturen veröffentlichen, Respekt zu zollen.
Gäbe es mehr dieser Journalisten würde Europa im Jahr 2012 nicht vor dem Mittelalter kapitulieren.

Gast: pfff...
20.09.2012 15:35
0 4

...

legitimiert eine dummheit die andere?

Gast: Franz Tiefenberger
20.09.2012 15:35
3 0

Meinungsfreiheit?

Anscheinend darf Satire nicht alles. War da nicht kürzlich irgendwas in Österreich wegen einer Karikatur? Da wurde die Meinungsfreiheit überhaupt nicht verteidigt, sondern Strafverfahren eingeleitet. Aber da ging es ja nicht um Moslems. Anscheinend sind gewisse Religionen geschützter als andere.

Es wäre...

... alles wesentlich glaubwürdiger, wenn bei der x-ten Christentumsverunglimpfung auch einmal in der Zeitung stünde "langweilig" und "einfach schlecht".


Gast: talkfirst
20.09.2012 12:43
0 6

commUNIcation matters.

Danke für Ihren gelungenen Artikel! es fehlt uns allen an konstruktiver Konfliktkultur mit Religionen - Ihr Artikel macht 1 gelungenen Anfang. extreme Reaktionen, ob Krieg oder Überharmonisierung/u Ignorieren des Bedürfnisses zu Verstehen, helfen nicht weiter, weil sie ins Grenzenlose und Welt-Abgewandte glauben-oder-Klappe-halten führen. bei real existierenden alltagsweltlichen Problemen, die nur scheinbar "religiöse" Ansichten ablehnen oder zur Diskussion stellen wollen, geht es meist vielmehr um vermutete oder gelebte religiöse Praxis, die verunsichert oder verstört. Hier einen Weg zu finden, diese religiös tatsächlich GELEBTEN Strukturen innerhalb einer ausdifferenzierten, komplexen und leider globalen Gesellschaft anzugehen, ohne dabei Menschenleben - auf welcher Seite auch immer - zu gefährden, wäre hoch an der Zeit. Ein solches dringendes Bedürfnis scheint mir auf ALLEN Seiten gut erkennbar.

super

vielen dank wunderbar es muss gesagt werden was gesagt werden muss.

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Kann man so oder so sehen

rein akademisch kann das in etwa stimmen, was Sie sagen.
Die verfolgten und getöteten Christen alltäglich in muslimischen Ländern bedürfen Ihrer akademischen Fürsorge glaube ich nicht.

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Enervierend ist was anderes!


Die politische Korrektheit

Die Tatsache, dass die Ausübung von Meinungsfreiheit überhaupt ein Diskussionsthema ist.

Das Appeasement vor dieser "Religion"

Artikel wie dieser

uvm

Re: Enervierend ist was anderes!

sind sie verheiratet/leben sie in einer partnerschaft?
schon ziemlich lästig, diese zwischenmenschliche korrektheit!

oder sind sie eh einer der 'glücklichen' menschen, deren partner geduldig und demütig jede beleidigung und bevormundung über sich ergehen lässt?

wie schaut es eigentlich in ihrem beruf aus?
zeigen sie da auch ihrem chef und ihren kollegen, enervierend sie einen korrekten umgang finden?

Re: Re: Enervierend ist was anderes!

Ihre Vergleiche werden auch immer schlechter.

1 0

Re: Re: Re: Enervierend ist was anderes!

Sinnlos!
Den Oberst "Hat einen an der Waffel" kann man nur ignorieren!

Gast: biersauer
20.09.2012 05:13
4 0

Wenn mir schon einmal die Bude abgefackelt wurde,..

würde ich mich wie auch Westergard im befestigten Clo einsperren - mit einer Pumpgun!

Gast: rodista
19.09.2012 23:54
1 20

Fahrlässige Tötung?

Warum kann man das Ganze nicht mal unter dem Aspekt sehen: Provokation, die zum TODE führt. Nämlich von unschuldigen Menschen, die bei Anschlägen/Unruhen/Racheakten etc. ums Leben kommen. Rechtfertigen diese Folgen denn das Recht auf Meinungsfreiheit? Haben die Provokateure dies in Kauf genommen? Sind die Schuldigen immer nur die Primitiven, die sich provozieren lassen? Das grenzt für mich an aufgeklärten Zynismus....

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Re: Fahrlässige Tötung?

Rechtfertigt Angst Appeasement, Feigheit, die Aufgabe von unverzichtbaren Positionen, wie z.B. Meinungsfreiheit?

Antworten Gast: Grummelbart2
20.09.2012 09:09
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Re: Fahrlässige Tötung?

Das heißt also, dass Primitive, die sich wegen jeder Kleinigkeit provozieren lassen, sich am Ende durchsetzen?

ich finde dieses Prinzip durchaus Verallgemeinerungsfähig: Stellen sie sich vor, sie gehen in einer dunklen Gasse spazieren; sie führen ein neues Handy mit sich, auf dem sie grade mit ihren Eltern telefonieren. Was ist, wenn sich irgendwelche "Primitiven" dadurch A) gestört fühlen, B) massive Neidkomplexe hinsichtlich ihres teuren Handys bekommen und dann C) beschließen, beide Probleme auf einen Schlag zu lösen, indem sie sie um ihr Mobiltelefon erleichtern?

Sollen wir es dann verbieten, dass Leute mit Handys spazierengehen, nur weil sich irgendwelche "Primitiven" auf irgendeine Art "provoziert" fühlen könnten?

 
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