Das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ spielt mit hohem Einsatz, wenn es inmitten der aufgewühlten Stimmung, die der Schundfilm „The Innocence of Muslims“ ausgelöst hat, neue Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Leichtfertig haben die Verantwortlichen der Zeitschrift die Entscheidung kaum getroffen. Denn sie wissen, welche Humorlosigkeiten auf sie zukommen können. Die Redaktion war schon einmal, im November 2011, Ziel eines Brandanschlags, nachdem sie eine „Scharia“-Sondernummer unter der Ägide von Gastchefredakteur „Mohammed“ herausgebracht hatte.
Auch diesmal werden es viele Muslime nicht lustig finden, wenn ihr Prophet nackt mit hochgerecktem Hinterteil in Gebetshaltung gezeigt wird. Und Islamisten werden wahrscheinlich auch nicht schmunzeln, wenn einer ihrer mit wirrem Gesichtsausdruck gezeichneten Gesinnungsgenossen in einer Sprechblase freimütig bekennt: „Zeigt uns einen intelligenten Film, und wir werden den Dritten Weltkrieg auslösen.“
Doch um guten oder mangelnden Geschmack geht es gar nicht – und vermutlich auch nicht vorrangig um erhöhte Verkaufszahlen. Denn selbst in ökonomisch schwierigen Zeiten setzt wohl kein Chefredakteur für eine Auflagensteigerung sein Leben aufs Spiel. Nein, bei den Witzblattmachern handelt es sich, wenn man so will, um Überzeugungstäter. Die Truppe von „Charlie Hebdo“ betrachtet sich offenbar als blasphemische und islamkritische Avantgarde im Kampf um die Meinungsfreiheit. In einer ganzen Reihe von Selbstversuchen testet die Zeitschrift schon seit längerer Zeit lustvoll diesbezügliche Grenzen aus. Die Serie begann 2006, als „Charlie Hebdo“ die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitschrift „Jyllands-Posten“ nachdruckte.
Nun abermals zu provozieren ist vor allem ein Akt der Courage. Die Satiriker und Zeichner der Zeitschrift verstecken sich nicht feige in der Anonymität. Sie fechten ihre Sache mit offenem Visier aus. Gleichzeitig enerviert mittlerweile die Absehbarkeit des ganzen Spektakels. Im Grunde ist das Provokations- und Empörungsritual, das dieser Tage auf internationaler Bühne inszeniert wird, die Wiederholung der Wiederholung. Alle Argumente wurden in ähnlicher Weise bereits vorgebracht, als vor sechs Jahren die islamische Welt wegen der dänischen Mohammed-Karikaturen in Aufwallung geriet. Ein großer Erkenntnisgewinn ist bei der Neuauflage der Auseinandersetzung nicht zu erwarten.
Man wundert sich eher, wie leicht und wie schnell in diesem pawlowschen Wechselspiel zwischen Provokation und blindwütiger Reaktion mehr als ein halbes Jahrzehnt später wieder derselbe Erregungspegel erreicht wird. Wobei freilich die Steigerung der Absurditätsdosis schon bemerkenswert ist. Das Unfassbare an der Aufregung um den Mohammed-Film besteht ja darin, dass ein irrelevantes Trash-YouTube-Video eines anonymen Privatspinners einen Sturm auf westliche Botschaften auslösen kann.
Bei der „Charlie Hebdo“-Aktion hingegen ist der Originalitätswert einigermaßen eingeschränkt. Mohammed-Karikaturen hatten wir wirklich schon. Dennoch kommt die übliche Maschinerie in Gang, sie ist ja inzwischen gut geölt. Und wieder finden sich muslimische Religionsführer und Politiker, die hyperventilierend protestieren. Und wieder müssen westliche Botschaften gesperrt werden. Und wieder treten europäische Politiker auf den Plan, die routiniert „unnötige Provokationen“ verurteilen, mit ernster Miene zu Zurückhaltung mahnen und, weil es sein muss, in einem Halbsatz pflichtschuldig ein Länzchen für die Meinungsfreiheit brechen.
Aber vielleicht liegt der Nutzen der ganzen Farce in der Redundanz. Irgendwann einmal vielleicht wird der Entrüstungszirkus allen Beteiligten zu blöd. Irgendwann wird es vielleicht zum Gähnen langweilig sein, sich über Mohammed oder den Islam lustig zu machen. So weit wird es aber erst sein, wenn Muslime Kritik an ihrer Religion dulden und mit angemessener Gelassenheit auf schräge Geschmacklosigkeiten reagieren. Es wird also noch länger dauern.
Zur Frage jedoch, was Satire darf, hat Kurt Tucholsky schon vor fast 100 Jahren eine erschöpfende Antwort gegeben: „Alles.“
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.09.2012)















