Wie es Werner Faymann in diesen Tagen wohl so geht? Schwer zu sagen. Die „Gegebenheiten“ sind natürlich alles andere als angenehm – die Inseratenaffäre verfolgt ihn auf Schritt und Tritt: bei den ORF-„Sommergesprächen“, in den Zeitungskommentaren, im Parlament, auf der Straße. Ein Land im Aufruhr. Und Werner Faymann? Der lächelt. Dauernd. Überall.
Dies zu interpretieren überlassen wir den Experten. Samy Molcho zum Beispiel, dem Doyen der Mimik und Gestik. Eine laienhafte Bemerkung sei dennoch gestattet: Werner Faymann gebührt größter Respekt. So einen Marathon im Dauerlächeln muss man einmal durchhalten. Das schafft nicht jeder.
Doch Werner Faymann kann noch viel mehr. Nennen wir ihn ruhig ein politisches Naturtalent. Worin dieses besondere Talent besteht, hat er eindrucksvoll in seiner Zeit als Verkehrsminister bewiesen: Jedes Mal, wenn es stimmungstechnisch für ihn ungemütlich wurde – etwa, weil er politisch unliebsame ÖBB-Vorstände oder Asfinag-Chefs mit großzügigen Abfindungen entsorgen ließ –, schaffte Faymann es, im Endeffekt als Strahlemann dazustehen. Der Trick ist nicht sonderlich originell, aber besonders wirksam: Unmittelbar nach, sagen wir, diskutablen Vorgängen in seinem Ressort wurde stets eine Jubelmeldung über die Bahn, den Straßenverkehr oder Ähnliches an die Medien versandt. Und plötzlich war die Öffentlichkeit mit einem anderen Thema beschäftigt. Manipulation nennt man das im allgemeinen Sprachgebrauch. Also gezielte und verdeckte Einflussnahme. Zum eigenen Vorteil, versteht sich.
Manipulativ zu sein erfordert also – wie unschwer zu erkennen ist – keine überbordende Intelligenz. Aber geschickt sollte man sein. Und das ist Werner Faymann zweifellos.
So geschickt, dass er seine Aussagen zur Inseratenaffäre mit der Zeit völlig geändert hat – ohne dass dies einer breiten Öffentlichkeit aufgefallen wäre. Chapeau! Still und leise hat er einen ordentlichen Schwenk im Kommentieren der damaligen Ereignisse vollzogen. Zug um Zug, fein dosiert.
Ein Blick ins Archiv ist da recht aufschlussreich. Vor ziemlich genau einem Jahr tönte Faymann noch zu den Vorwürfen, er habe bei ÖBB- und Asfinag-Inseraten im Hintergrund die Fäden gezogen: „Das ist ein Unsinn und erledigt.“ Und sein früherer Kabinettschef und nunmehriger Staatssekretär Josef Ostermayer assistierte brav: Natürlich habe es immer wieder Gespräche mit dem Management von ÖBB und Asfinag gegeben. Ob es dabei auch um Inserate gegangen sei? Er könne sich „nicht mehr an jedes Detail der Gespräche erinnern“, sagte Ostermayer.
Zwei Wochen später stellte sich die Sache um eine Nuance anders dar. „Bitte, es gibt jeden Tag Kontakte zwischen dem zuständigen Ministerbüro und den betroffenen Unternehmen“, sagte Faymann. Und: „Die Gesprächsthemen reichen von den Fahrplänen bis zur Imagewerbung.“ Funktioniert ja doch, das Erinnerungsvermögen.
Schnitt, ein Jahr später. Faymann musste am Mittwoch dem Nationalrat Rede und Antwort stehen und bot folgende Version: Seine Selbstbeweihräucherung in den ÖBB-Inseraten sei in Abstimmung mit ihm von seinem Büro formuliert worden. Oha! Was wurde aus dem seinerzeitigen „Unsinn“?
Schnee von gestern, offenbar. Denn am Dienstag, nach dem Ministerrat, erklärte Faymann hochoffiziell: „Ich bin wahrlich nicht das einzige Regierungsmitglied in der Geschichte, in der Gegenwart und in der Zukunft, das für Inserate verantwortlich war.“ Für Inserate verantwortlich? Das ist neu. Und ziemlich aufschlussreich.
Solch mit der Zeit diskret adaptierte Wortspenden mögen bei der Öffentlichkeit „reingehen“. Beim Untersuchungsausschuss eher nicht. Kein Wunder, dass der Kanzler eine panische Angst vor ihm hat. Also geht er erst gar nicht hin. Außerdem hat er Wichtigeres zu tun: Seit einigen Tagen erklärt er bei jeder Gelegenheit, wie wichtig Inserate doch für die Wirtschaft seien.
Merke: Da bastelt jemand wieder an seinem Strahlemann-Image.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)















