22.05.2013 17:58 Merkliste 0

Der (Vize-)Kanzler, der sich nicht traut

VON RAINER NOWAK (DiePresse.com)

Die Hoffnung von SPÖ und ÖVP, die Veröffentlichung von Skandalen und das Sichtbarmachen politischer Verantwortung dafür verhindern zu können, ist lächerlich.

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Acht Verhandlungstage. Mehr nicht. Mehr bewirkte der Protest gegen ein Abwürgen des Untersuchungsausschusses zur Untersuchung von gut einem halben Dutzend schwerer Korruptionsfälle nicht. Der Aufstand war zwar spontan und kurz heftig, aber leider nicht übertrieben wirkungsvoll. Eine sehr ungewohnte Koalition aus Qualitätszeitungen, Opposition, namhaften Künstlern und Autoren wollte den Durchgriff nicht hinnehmen und formulierte verbalen Widerstand auf Papier und im Netz. Werner Faymann, seine Partei und ihr Koalitionspartner reagierten, wie man es von Zeitgenossen erwarten kann, die glauben, man könne ein Land mit zwei, drei befreundeten Medien regieren: vorerst perplex und genervt. Dann ignorant und arrogant. Der U-Ausschuss müsse verschwinden, das sei nur ein Tribunal und Schauprozess. Vor allem aber werde sich der amtierende SPÖ-Chef nicht ein Jahr vor der Nationalratswahl von kleinen Mandataren verhören lassen. Auch das konnte das Aufbegehren in Zeitungen, via Twitter und vor dem Parlament nicht erzwingen.

Aber vielleicht macht das überhaupt nichts. Denn Werner Faymann ist und bleibt der Kanzler und SPÖ-Spitzenkandidat, der vor Peter Pilz, Stefan Petzner und Freunden schon vorab in die Knie gegangen ist. Zeigten sich Franz Vranitzky als Kanzler und Wilhelm Molterer als Vize vor dem Ausschuss, verweigerte Faymann, sich den Vorwürfen wegen der unsauberen und höchst fragwürdigen Inseratenaffäre von staatlich finanzierten Unternehmen zu stellen. Auch Deutschlands Joschka Fischer nahm den mühseligen Gang zu dem politischen Untersuchungsorgan auf sich. Nur Werner Faymann traut sich nicht.

Interessanterweise unterstützt ihn dabei ausgerechnet der ÖVP-Klub. Dass dieser der SPÖ ängstlich folgt, war klar. Dabei ist die Abneigung gegenüber den Sozialdemokraten in der parlamentarischen Truppe von Karlheinz Kopf etwa im Vergleich zur koalitionären Stimmung in manchen ÖVP-geführten Ministerien oder Ländern besonders ausgeprägt. Zudem spürt man im Klub ausgeprägte Revanche- beziehungsweise Rachegefühle: Nachdem harmlos geltende ÖAAB-Funktionäre vor dem Sommer plötzlich als indirekte Empfänger von Telekom-Zahlungen enthüllt wurden, wollen viele in der Partei den SPÖ-Chef für seine intensive „Krone“-Unterstützung schwitzen sehen. Und in jedem zweiten Interview attackieren ÖVP-Sekretäre und Klubmänner, als gäbe es keine Koalition.

Warum entdeckte die ÖVP also plötzlich die Koalitionsräson? Aus Vernunft? Nein, ganz sicher nicht. Die ÖVP fürchtet wie der Kanzler selbst neue Enthüllungen. Daher stellte die Partei bei der U-Ausschuss-Kastration nur eine zentrale Bedingung: Die von der Staatsanwaltschaft freigegebenen, noch nicht behandelten Akten zu den bereits im Ausschuss erörterten Telekom-Zahlungen dürften keinesfalls im Ausschuss behandelt werden. Das war der einzige Erfolg der ÖVP in den vergangenen Tagen. Offiziell heißt es natürlich, man wolle zurück zur Sachpolitik. Natürlich, die klingt vor allem dann verlockend, wenn sie wieder von Skandalen – wie etwa dem jüngsten um die mehr als fragwürdige Vergabe von Rettungslizenzen im sehr weltlichen Land Tirol – ablenkt.

Doch dabei unterlaufen den Medienstrategen in SPÖ und ÖVP schwere Denkfehler. Die ÖVP-peinlichen Akten werden schon bald irgendwo auftauchen, irgendwo gibt es immer ein schönes Leck. Das gilt auch für Werner Faymann und seine Berater, die wie kleine Kinder vorgehen: Aber nur weil sie die Augen schließen, verschwindet das Problem noch nicht. Auch acht Verhandlungstage dürften reichen, um die Inseratenvergabe nachhaltig zu thematisieren. Und die Tatsache, dass sich der Kanzler nicht in den Ausschuss traut, wird ihn bis zur kommenden Wahl begleiten, ob er will oder nicht.

Nein, es war keine schwarze Stunde für die Demokratie oder das Ende des österreichischen Parlamentarismus, als SPÖ und ÖVP versuchten, den Ausschuss abzudrehen, wie manche Kommentatoren fürchteten. Es war nur ein Offenbarungseid des Dilettantismus. Und der Beweis, dass Werner Faymann und Michael Spindelegger wirklich glauben, sie kommen damit durch.

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59 Kommentare
 
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Man macht´s der Koalition leicht...

...sich darauf auszureden, daß die Opposition im U-Ausschuß nur politisches Kleingeld einsammeln möchte! Es müßte ein wirklich unabhängiges, nicht ins politische Tagesgeschäft eingebundenes Gremium die an sich unbedingt nötigen Untersuchungen durchführen. Zwar mag der parlamentarische U-Ausschuß vom Gesetzgeber als Mittel der Korruptionsbekämpfung vorgesehen sein. Aber wenn die Untersuchten halt so gar nicht gewillt sind, für Sauberkeit in den eigenen Reihen zu sorgen, dann kann dieses an sich gut gemeinte Instrument nie wirklich funktionieren!

Auch in Ämtern, Behörden, der Exekutive und anderen staatlichen Einrichtungen sind die Organe der "inneren Revision" keineswegs unmittelbare "Kollegen" der von ihnen überprüften Personen! Sie sind auch nicht unmittelbare Konkurrenten im Bemühen um berufliche Beförderungen, sodaß man ihnen auf diese Weise unlautere Absichten unterstellen könnte. Genau darin liegt jedoch die Schwäche des von den Grünen geleitete U-Ausschußes: Man streut Zweifel bzgl. dessen objektiver Bewertung offen gelegter Fakten. Eine strenge Trennung von politischem Parteimandat (Grüne, FPÖ und BZÖ) und quasi-juristischer Funktion im U-Ausschuß ist freilich in der Tat sehr schwierig. Vor allem dann, wenn man den von der Opposition gestellten UA-Mitgliedern ohnehin nicht traut! Egal, ob diese Skepsis nun berechtigt ist oder nicht; sie wird zumindest medienwirksam vorgeschoben...

Beschädigt hat sich die Koaltion freilich schon durch ihre notorische Untätigkeit...

Das ist ein System-Problem ...

.. verbunden mit einem gehörigen Maß an Naivität und/oder Dummheit der beteiligten Politiker, die sich vor lauter "Rettungsversuchen" im Endeffekt ihr Grab schaufeln. Wenn wählbare Alternativen vorhanden wären dann könnte man sich darüber sogar freuen ...

Intelligente Wähler werden diese unselige Verbindung von Arroganz und Ignoranz, die vielen Politikern offenbar innewohnt, bis zur Wahl sicher nicht vergessen. Aber mangels wählbarer Alternativen ist es leider vollkommen unklar wie diese reagieren werden. Weiß wählen wäre ein Weg ;-)

Ein integrer, unabhängiger und um Österreich wirklich besorgter BP würde hier alle Möglichkeiten ausschöpfen um Ordnung hineinzubringen und könnte sicher einiges erreichen. Bei UHBP muss man diesbezüglich Zweifel anmelden, auch das ist ein eher trauriges Kapitel ...

Gast: Hannes Ebner
22.09.2012 15:59
6 0

Ein Unabhängiger

Es müssen endlich unabhängige Menschen mit Hirn und Verstand ins Parlament, die frei ihrem Gewissen und nicht Parteien-Dünkel folgen. Vorher ist diese Republik nicht mehr zu retten!

Das ist zumindest meine freie Meinung, die ich hier frei und unabhängig äußere!

Zumindest die Hälfte der Parlamentssitze sind mit völlig "Unabhängigen" zu besetzen. Und zwar bei der nächsten Wahl bereits! Das ist MEINE FORDERUNG!!

Antworten Gast: gast-01
22.09.2012 18:22
1 0

Unabhängige ins Parlament - ein Vorschlag

Die Stimmen aller Nichtwähler und Ungültigwähler sollen mit unabhängigen Wahlberechtigten im Parlament berücksichtigt werden.
einfach verlosen - oder wie bei Schöffenbestellung zuweisen.
Das würde ganz neue Zusammenarbeiten ermöglichen bzw. notwendig machen.

Bitte genau durchdenken. Das ist ernst gemeint und würde sehr viele Probleme lösen !!

Gast: phj
22.09.2012 15:10
6 0

Die Richtung der "Presse" hat sich verändert

Und das gefällt mir.

Geh bitte, in Österreich kann mich nichts mehr erschrecken...


....ein Bundeskanzler ohne Ausbildung

...eine Zahnarzthelferin als Infrastruktur-Ministerin

....ein Pressesprecher als ESM-Direktor

...ein Beamter als selbsternannter Wirtschaftskapitän

...und und und.

Allein diese Fakten sind schon Skandal genug!

die haben beide beim hochegger abgecasht ....

da gehts schon lang nicht mehr um faymann's vorladung. vielmehr sollen keine neuen akten zur causa telekom nachgeliefert werden.

die hat nämlich über den hochegger ca. 40 mio euro an alle parteien und deren abgeordnete zur beeinflussung gezahlt.

der amon ist da auch wieder betroffen. also mauert da auch die övp - und der ausschuß muß rasch abgedreht werden.

Die älteren Leser

werden sich sicher noch erinnern, dass Stillschweigen und Aussitzen immer die Standardvariante von SPÖVP im Fall von Korruptionsvorwürfen und Skandalen war.

Und im Zeitalter der "alten Kommunikationsmittel" (Zeitungen auf Papier, roter ORF) war das auch eine meistens funktionierende Methode, wenn sich nicht ein Journalist in eine solche Sache verbissen hat (Bretterebner-Lucona, ...).

Hoffen wir also, dass so etwas im "Zeitalter der neuen Kommunikationsmittel" (Internet, Facebook, etc.) nicht mehr so "gut" funktioniert. Oder es eventuell wieder einmal einen Journalisten gibt, welcher solche Dinge nicht in der Versenkung verschwinden lässt.

Antworten Gast: Till aus dem Haus der Freude
22.09.2012 16:40
0 0

Re: Die älteren Leser

Nicht zu früh freuen- immerhin hat der Kanzler auch die neuen Medien im Griff!
20 Millionen österreichische Face-Book-Freunde sprechen eine beredte Sprache für Dr. Faymann!

Re: Re: 20 Millionen österreichische Face-Book-Freunde ...

Kann die Löwelstr. schon nicht mehr rechnen? 20 Mio. österr. Freunde bei 8 Mio. Einwohner? Und ich erinnere mich auch noch an die vielen "Freunde" mit SPÖ-Zentrale-IP und den im Internet gekauften Fotos. Usw.

Oder haben Sie diesen Beitrag ironisch gemeint?

Re: Re: Re: 20 Millionen österreichische Face-Book-Freunde ...

Machen Sie Sich nichts draus, Sie sind eben schon ein älterer Leser.

Antworten Antworten Antworten Gast: Till aus dem Haus der Freude
22.09.2012 22:52
0 0

Re: Re: Re: 20 Millionen österreichische Face-Book-Freunde ...

Um Ihnen eine schlaflose Nacht zu ersparen, sollte Ihnen der "Dr. Faymann" (sic!) auf die Sprünge helfen ;-)

Gast: Gast: Leser
22.09.2012 14:11
4 0

Richtig kalkuliert

Es ist zu befürchten, dass das Kalkül Faymanns und Spindeleggers tatsächlich aufgehen wird; die langjährige Erfahrung hat immer wieder gezeigt, dass die Bevölkerung sehr schnell vergisst. Damit rechnen die beiden ganz fest und dürften sogar richtig liegen. Wenn sogar jetzt noch die SPÖ 27% und die ÖVP 22% haben, werden sie wohl in einem Jahr wieder so etwa bei 30% bzw. 26% liegen. Würde mich jedenfalls freuen, wenn ich mich getäuscht hätte.

Gast: Wähler 123
22.09.2012 13:06
9 0

Ich freu mich schon auf die Wahlen


Re: Ich freu mich schon auf die Wahlen

selten wird kreuzerlmachen so befriedigend sein!

Gast: gustav ganz
22.09.2012 12:11
2 0

eines vergessen sie

für die spö gäbe es nichts schlimmeres als einen kanzler und spitzenkandidaten mit einem verfahren wegen falscher zeugenaussage, im nächsten wahlkampf.
deshalb kann man faymann politisch einfach nicht aussagen lassen obwohl die inseratenaffäre an sich stinknormale praxis in österreich darstellt und da rechtlich nichts folgen wird.
insofern hat diwövp da sehrwohl gute arbeit geleistet, von den eigenen skandalen abzulenken.

3 0

Schonugslos demaskiert

kann man für den Fall SPÖ oder Faymann als Beispiel amführen.
Der Fußballverein des ehemaligen SPÖ Ministers wird korrupt unterstützt und wäre auch ein Fall für den Staatsanwalt.
Aber auch das haben die Österreicher bei den letzten Wahlen schon vergessen.
Die Presse wird nächstes Jahr auch nicht mehr gegen ihren Presseförderer schreiben.
So schauts aus.

Antworten Gast: gustav ganz
22.09.2012 12:37
0 0

Re: Schonugslos demaskiert

schlag mal das wort korrupt im lexikon nach und dann versuch nochmal zu schreiben was du sagen willst! so machts nämlich von der deutschen sprache her keinen sinn

Antworten Antworten Gast: Gast: Leser
22.09.2012 14:13
1 0

Re: Re: Schonugslos demaskiert

Er meint wohl Rapid und Edlinger, sowie die 4 Mio an Rapid (= "korrupt unterstützt").

2 0

Schonungslos demaskiert

ich nehme diese Überschrift als Beispiel, denn diesen Versager Verein führt auch ein ehemaliger Minister, sprich ehemaliger SPÖ Politiker.
Wie korrupt dort hantiert wird und wurde in Bezug auf Vereinunterstützung ist ja hinlänglich bekannt oder schon vergessen?
Alle Faymann Kollegen!

Wenn SPÖ und ÖVP so schlecht sind,

wer soll denn Österreich regieren?

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Re: Wenn SPÖ und ÖVP so schlecht sind,

Lugner?

Antworten Gast: gast0815
22.09.2012 14:35
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Re: Wenn SPÖ und ÖVP so schlecht sind,

Die Grünen. Und zwar ganz alleine. /Ironie off

Re: Wenn SPÖ und ÖVP so schlecht sind,

ja wirklich, nach so vielen jahrzehnten an der macht und an den futtertrögen, da kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass es auch anders sein kann!

Gast: gggggg
22.09.2012 11:31
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Bitte weiter so, liebe Presse!

Diese ekelerregenden Fossilien SPÖ und ÖVP müssen weg von der Macht. (Allein das Interview des ´Herrn´ Amon in der ZIB2 mit Armin Wolf war von einer derartig kaltschnäuzigen Frechheit und Arroganz, dass einem wahrlich schreckliche Gedanken kommen!) Daher hoffe ich, dass eine entsprechend große Zahl von WählerInnen die Sauereien dieser Koalition nicht vergisst bis zur Wahl 2013. Und da spielen die Medien eine zentrale Rolle! Also bitte nicht nachlassen mit kritischen Artikeln, denn die SPÖVP setzt auf die Schnelllebigkeit (Vergesslichkeit) unserer Zeit - und wir MÜSSEN verhindern, dass diese Strategie aufgeht!

ps.: Der letzte Absatz des Artikels scheint mir ein wenig zu milde: Aus meiner Sicht war es nicht nur ein Offenbarungseid des Dilettantismus sondern vor allem auch einer der Unanständigkeit.

Gast: RA
22.09.2012 11:09
13 0

Spindelegger macht sich mitschuldig

Rainer Novak zeigt hier klar auf, dass es bei dieser Vertuschungsaktion vor allem darauf ankommt, was die ÖVP unter Spindelegger nicht tut:

Spindelegger stimmt (über den Parteisoldaten Amon) nicht für die Untersuchung der Faymnn-Inseratenaffäre.

Spindelegger stimmt nicht für die Untersuchung der ÖVP-Buwog-Schmiergeldaffäre.

Spindelegger stimmt nicht für die Untersuchung der ÖVP-Telekomgesetzeskaufaffäre.

Spindelegger stimmt nicht für die Untersuchung der ÖVP-Blaulichtschmiergeldaffäre.

 
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