War ein aufregender Sonntag, nicht? Weniger wegen der gewollt oder ungewollt bisweilen ins Halbkabarettistische oszillierenden Ausführungen des Josef Cap in der „Pressestunde“ des ORF. Aufregender war der Tag schon für jene gar nicht so wenigen, die zur selben Stunde nicht vor dem TV-Gerät, sondern vor dem Altar gesessen sind. Wegen eines Schreibens, das Kardinal Christoph Schönborn seine Priester in den 660 Pfarren der Erzdiözese Wien hat verlesen lassen. Hunderte Pfarren sollen in den nächsten zehn Jahren kirchenrechtlich aufgelöst und in eine Großpfarre überführt werden.
Nicht wenige Kirchgänger haben die vom Stephansplatz dekretierte Strukturreform mit zumindest gemischten Gefühlen vernommen und bei den diversen Pfarrcafés diskutiert. Denn die wenige Tage vorher von Schönborn überraschend rasch und radikal verordnete Strukturreform betrifft sie alle. Den gelegentlichen Messbesucher, den Mesner, die Pfarrsekretärin und die paar noch real existierenden Pfarrersköchinnen.
Der Kardinal korrigiert 200Jahre später den Kaiser: Er will die Zahl der Pfarren genauso drastisch verringern, wie sie Joseph II. hat ansteigen lassen. Schönborn und sein Team reagieren damit sehr spät auf eine Entwicklung, die vor Jahrzehnten begonnen hat. Auf das Einbrechen des Angebots an Priestern hat Schönborn bisher mit dem Holen ausländischer Seelsorger und mit Gesundbeten reagiert. Jetzt muss er ein Notprogramm einleiten. Es ist der Versuch eines Turnarounds auf hoher, rauer See: So oder ähnlich würde es der Manager eines Unternehmens ausdrücken.
Gestern ließ der Kardinal seine Priester also verlesen: „Die kirchlichen Strukturen sind dazu da, den Menschen und ihrem Heil zu dienen. Das ist der Maßstab, an dem sie zu messen und auszurichten sind.“ Wer würde einem Bischof widersprechen? Außer vielleicht Helmut Schüller. Und seine Mannen der Pfarrerinitiative. Und Paul Zulehner. Und die Frauen und Männer der Laieninitiative. Und die Plattform „Wir sind Kirche“. Und – aber das führt zu weit. Hier soll kein Widerspruch erfolgen. Lediglich ein kleiner Hinweis. Den Menschen, ihrem Heil dienen – gilt dieses Postulat nur für Strukturen? Eher nicht. Das gesamte Handeln „der Kirche“ hat sich daran zu orientieren. Es wäre lächerlich, dem Kardinal zu unterstellen, er wüsste das nicht. Aber wie in der Verkündigung neue Wege gegangen werden, wie sich die Kirche heute noch verständlich machen kann, dazu gibt es kein annähernd so ambitioniertes Projekt wie zum Auflösen von Pfarren.
Trotzdem: Unter der Annahme, dass sich in absehbarer Zeit die Rahmenbedingungen für die Zulassung zur katholischen Priesterweihe nicht ändern werden – und auf die Zuverlässigkeit dieser Annahme kann getrost gewettet werden –, ist die Strukturreform Schönborns nicht nur nachvollziehbar, sondern dringend geboten. Auch um seiner Priester willen, die unter Mehrfachbelastungen leiden. Vieles an administrativer Arbeit, das derzeit die Zeit eines „kleinen“ Pfarrers verschwendet, kann zentral geleistet werden. Kostengünstiger, von Laien. Ja die Laien! Ohne deren Mitarbeiten, Mitdenken und Mitentscheiden wären die Pfarren Ödland. Ihnen wird in Teilgemeinden, wenn kein Pfarrer mehr im unmittelbaren Umkreis wohnt, künftig eine noch stärkere Bedeutung zufallen. Helmut Schüller müsste das freuen. Tut es aber nicht. Genauso wenig wie den Papst. Der hat erst am Freitag, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, eine Warnung ausgesprochen: In Castel Gandolfo (wie beneidenswert lange doch der römische Sommer dauert) hat er sich gegen einseitige Fixierungen auf Strukturfragen gewandt. Und gemahnt, die Zuständigkeiten von Laien und Priestern dürften nicht verwischt werden. Er freue sich über das Engagement von Laien. Aber, so der Papst wörtlich: „Man muss allerdings daran erinnern, dass die spezifische Aufgabe der Laien in der Durchdringung der weltlichen Realitäten besteht.“ Zugespitzt heißt das so viel wie: Liebe Laien, kümmert euch um eure, nämlich die weltlichen Angelegenheiten. Den Rest erledigen wir. Schlaglichtartig wird deutlich, auf welch schmalem Grat sich Christoph Schönborn bewegt, der Lieblingsschüler Joseph Ratzingers.
E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2012)















