26.05.2013 06:40 Merkliste 0

Es gibt gute Nachrichten aus der Sozialdemokratie

RAINER NOWAK (Die Presse)

Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat hat kaum Chancen, aber er nützt der Politik, Angela Merkel, der EU und dem Euro. Denn der Mann ist kein Soufflé-Sozialist.

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Der Vergleich von Angela Merkel einerseits und Werner Faymann und Michael Spindelegger andererseits macht schon sicher. Mit der Entscheidung der SPD, Peer Steinbrück ins Rennen um die Kanzlerschaft zu schicken, wird Deutschland dem SPÖ-Chef in Wien nun vormachen, wie ein Politiker ganz vorn und links der Mitte auftreten kann: mit Visionen, Ideen und Mut. Also dem österreichischen Regierungsdefizit.

Natürlich hat sich die deutsche SPD nicht wegen dieser drei Merkmale für Steinbrück entschieden, sondern, weil mittlerweile kein anderer Kandidat mehr da ist. Der brave Frank-Walter Steinmeier hat abgesagt, der tapsige Karenz-SPD-Parteichef hat so schlechte Umfragewerte, dass er nun Steinbrück vorschlagen muss. Der hat allerdings auch nicht gerade viel Charisma. Oder wie es Manfred Güllner, Chef des deutschen Meinungsforschungsinstituts Forsa, vor einem Jahr formuliert hat: „Ich glaube, dass die SPD mit Steinbrück null Chancen hat.“ Denn der ambitionierte SPD-Politiker würde in der Finanzkrise wohl eher als „der Hilfsreferent“ Angela Merkels wahrgenommen werden. Steinbrück – ähnlich wie Wolfgang Schüssel hier – wird bei vielen deutschen Medien wenig Begeisterung auslösen, er kann seine Verachtung gegenüber Journalisten nur schlecht verbergen, wie er in seinem Buch „Unterm Strich“ schreibt: „Ich kenne keinen Berufsstand, der so exzellent im Austeilen und so schwach im Einstecken ist wie der Journalismus. In der Boxersprache spricht man von schlechten Nehmerqualitäten – oder einem Glaskinn.“ Da hat er zwar recht, weil er diese Einstellung aber auch in Interviews lebt, wird er es im Wahlkampf schwer haben. Steinbrück hat zudem als Ministerpräsident seine entscheidende Wahl verloren, Nordrhein-Westfalen ging an die CDU Jürgen Rüttgers.

In der Bundespolitik dürfte es ihm ähnlich ergehen: Angela Merkels CDU liegt in allen Umfragen weit und klar voran. Rot-Grün ist – ähnlich wie beim hiesigen Bergklammpärchen Faymann und Eva Glawischnig – in weiter Ferne. Da die FDP aber wieder einmal mehr ernsthafte Existenzängste plagen, könnte unser Nachbar zu der Regierungsform gezwungen werden, die unsere Realverfassung in Österreich immer vorsieht: also die sogenannte Große Koalition – nur mit vergleichsweise guten Spielern.

Das, was Peer Steinbrück sagt und denkt, könnte einigen Einfluss auf die Politik Europas haben. Im Gegensatz zum charmant-realitätsfremden François Hollande, dessen Soufflé-Politik Wirtschaft und Budget weiter belastet, obwohl gerade in Frankreich das Gegenteil notwendig wäre, glaubt ein Peer Steinbrück sehr wohl, dass die Schuldenlast das vielleicht drängendste und gefährlichste Problem für Länder im Allgemeinen und für die Eurostaaten im Besonderen darstellt. Der ehemalige Finanzminister steht klar in der Tradition der pragmatischen Linken wie Tony Blair oder Gerhard Schröder, der ihn auch öffentlich unterstützt. Der linke Parteiflügel, der in der Krise sonst in vielen Ländern die programmatische Führung übernommen hat, ist vorerst abgemeldet. Und: Mit Steinbrück wird wohl auch nicht jene massive Kampagne gegen Merkels (relativ) strenge Euro-Disziplin bei den Themen Griechenland, Eurobonds und Hilfspaketetürme fahren. Diese musste sie zwar ohnehin selbst schon mehrmals aufweichen, aber von Robert Menasse bis Neapel wird sie immer noch realitätsfern und frech zugleich angegriffen. Damit stärkt Steinbrück die deutsche Position und somit wohl auch den Euro. Man kann sich einigermaßen vorstellen, wie verwirrend das alles für Werner Faymann, den Exfreund Merkels und neuen Hollande-Fan sein muss.

Vor allem aber ist Steinbrück ein guter Kritiker der Parteipolitik im Allgemeinen: Er geht mit den Parteien scharf ins Gericht. Dort würden stets nur die Linientreuen befördert. Und die, die sich durch die Niederungen von Parteien und Parteiveranstaltungen gequält hätten. Die, „die Parteiweisheiten bis zur Leugnung des gesunden Menschenverstands aufsagen können“. Das kennen wir doch. In Österreich wird man damit Kanzler, in Deutschland mit der Kritik daran Kanzlerkandidat.

 

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)

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13 Kommentare
Gast: Anderl74
01.10.2012 10:17
0 0

DER Peer Steinbrück....

der heute in seinem linken WahlKAMPFprogramm 180 Grad dessen vertritt, was er als deustcher Finanzminister vor wenigen Jahren vertreten hat? Oder DER Peer Steinbrück, der noch nie in seinem Leben eine Wahl gewonnen hat, ja noch nicht einmal seinen eignen Wahlkreis ('Salzburger Nachrichten' von letzter Woche). Für mich ist Steinbrück nur ein lauter, zwischen Ironie und Zynismus schwankender linker Populist. Die Deutschen können sich ja als Wahlhilfe gerne auch an die letzte Rot-Grüne Regierung Schröder/Fischer erinnern, mit über 5 Millionen Arbeitslosen und Deutschland als 'kranker Mann' Europas...

Ein lustiger Chefredakteur!

"Peer Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidat hat kaum Chancen, aber er nützt der Politik, Angela Merkel, der EU und dem Euro."
Die Österreicher sind gut. Selbst Journalisten aus der 2. Reihe können in die Zukunft sehen!

die quintessenz des kommentars -

für österreich - ist im letzten absatz zusammengefasst.
aber für d wie auch a ist es inzwischen interessanter sich die meinungen der kabarettisten über die handelnden personen anzuhören.

die quintessenz des kommentars -

für österreich - ist im letzten absatz zusammengefasst.
aber für d wie auch a ist es inzwischen interessanter sich die meinungen der kabarettisten über die handelnden personen anzuhören.

Die SPD sollte sich wahrlich glücklich schätzen,

so einen cleveren und pragmatischen Kanzlerkandidaten wie Steinbrück zu haben. Das, was sie am linken Rand durch ihn vielleicht verlieren, holt er doch locker in der Mitte durch die Wechselwähler wieder rein, und darüber hinaus.

Die Deutschen wissen, dass in Soufflé à la Hollande viel heiße Luft drin ist, und sie wissen es vielleicht auch zu schätzen, dass nicht jeder Sozialist ein glühender Anhänger der Schuldenpolitik ist.

Und was das Charisma angeht, so hat Steinbrück jedenfalls um Längen mehr davon als diese unterkühlte Merkel. Die soll sich warm anziehen. Ich denke, das wird ein spannender Wahlkampf.

Jedenfalls spannender als der, den wir im eigenen Land zu erwarten haben. Und wahrscheinlich niveauvoller.

Gast: Putzi
29.09.2012 13:51
2 0

Schüleraufsatz

Den "Leitartikeln" von Herrn Novak fehlt jede
Eleganz, jede Ironie oder geistreiche und witzige Formulierung;
die köstlichen Wortspiele vom Fle vermisse ich sehr!

Gast: deutschemeister
29.09.2012 12:32
1 0

schön, das haben wir gelesen

und wissen jetzt, warum der Herr Nowak Chef
geworden ist.

Antworten Gast: gastrophilus
29.09.2012 14:07
1 0

Re: schön, das haben wir gelesen

Einmal unter dem Pseudonym deutschemeister, einmal als Gastrosoph getarnt - die Kritik an Nowak ist dennoch schwach. Keine Substanz. Und kein Argument. Es ist eben schwer, wenn der andere Recht hat. Dennoch: Die Parteizentrale links vom Burgtheater war schon besser.

Antworten Antworten Gast: deutschemeister
29.09.2012 15:17
0 0

Re: Re: schön, das haben wir gelesen

bestechend der Scharfsinn, umwerfend die Logik, Sie haben es erkannt.

Gast: Gast: Leser
29.09.2012 11:23
1 0

Neudeutsch

"Mit Steinbrück wird wohl auch nicht jene massive Kampagne gegen Merkels (relativ) strenge Euro-Disziplin ... fahren". Also, die Kampagne wird mit Steinbrück fahren? Presse-Neudeutsch des neuen Chefredakteurs?

Gast: Gastrosoph
29.09.2012 10:35
3 1

Halt eine Meinung

In Deutschland wird man mit solch einer Einschätzung nicht einmal Ressortleiter - in Österreich Chefredakteur.

Gast: hartzIVfüreuropa
28.09.2012 22:57
0 2

die SPD mit steinbrück ist zum diener der banken- und finanzmärkte gworden und diese SPD hat keinerlei bezug mehr zum hartzIV volk und diese SPD hat die altersarmut durch die minipensionen nach 40 jahren arbeit erst ermöglicht.


Na na Herr Novak, so gering sind die Chancen der SPD (leider) doch nicht.

Wenn man davon ausgeht, daß die SPD sich auch nur ein wenig verbessern kann, die FDP nicht in den Bundestag kommt, haben SPD und Grüne eine relative Mehrheit, die sich mit Piraten o.ä. auffetten läßt. Selbst wenn die FDP in den Bundestag einzieht, haben recht prominente Aufbegehrer in der FDP schon für ein Dreierbündnis aufgezeigt, da die mit Steinbrück, der ja nicht gerade links ist, durchaus können.

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