25.05.2013 19:19 Merkliste 0

„The Game“ ist eben doch kein Spiel

FLORIAN ASAMER (Die Presse)

Ein Jahr Haft pro veruntreuter Million. Diese Faustregel könnte das Verhalten in den Graubereichen heimischer Politik schlagartig und nachhaltig verändern.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

 

Am Tag nach dem Urteil gegen den ehemaligen Kärntner ÖVP-Chef Josef Martinz kann man auch so etwas wie Betroffenheit spüren. Das nicht rechtskräftige Urteil ist, so empfinden es viele, unverhältnismäßig hart ausgefallen. Fünfeinhalb Jahre Gefängnis unbedingt, das klingt irgendwie nach richtigem Verbrechen. Und das ist das unerlaubte Verteilen fremden Geldes an Parteien, Geschäftspartner und Gleichgesinnte im öffentlichen Bewusstsein dieses Landes immer noch nicht. Mit Untreue verbinden die meisten etwas augenzwinkernd Verbotenes, ein Delikt für Kavaliere und alle, die es noch werden wollen.

Doch ein Blick in das österreichische Strafgesetzbuch hätte schon genügt: Auf Untreue mit einer Schadenssumme von über 50.000 Euro steht die gleiche Strafe wie etwa auf Raub. Nämlich ein Jahr bis zehn Jahre. Über einen eingesperrten Räuber wundert sich freilich kaum einmal jemand. Der von der „Presse“ befragte Experte Fuchs meint übrigens, das übliche Strafmaß bei der Martinz zu Last gelegten Schadenssumme (immerhin 5,7 Millionen Euro, 300.000 Euro war das Birnbacher-Gutachten dann doch wert) betrage vier bis sechs Jahre. Fünfeinhalb Jahre Haft ist an der oberen Grenze, aber nicht außerhalb des Erwartbaren. Ein Jahr pro veruntreuter Million also. Das könnte als Faustregel das Verhalten in der heimischen Politik schlagartig und nachhaltig verändern.

Der zweite nach dem Schuldspruch häufig diskutierte Punkt betrifft die Person des Verurteilten. Es habe mit Josef Martinz wieder nur ein – Verzeihung – kleines Kärntner Würschtl erwischt. Die großen Würschteln (auch die aus Kärnten) liefen dort und auf Bundesebene nach wie vor frei herum. Auch dieser Einwand entspringt einer Sichtweise, die auf Verharmlosung aus ist. Martinz war bis vor Kurzem immerhin ÖVP-Chef in Kärnten und Mitglied der dortigen Landesregierung. Sein Rücktritt erfolgte erst, als dem Angeklagten im Laufe des Verfahrens langsam dämmerte, dass er aus dieser Nummer nicht mehr so ohne Weiteres herauskommen würde. Nicht eine Minute früher. In so exponierten politischen Positionen sollte man in seinem Verhalten als Vorbild taugen, zumindest aber verlässlich wissen, wann die Linie zum Kriminellen hin überschritten ist. Insofern hat es mit dem inzwischen zurückgetretenen Politiker kein bloßes Bauernopfer erwischt.

Vieles spricht aber dafür, dass der Ex-VP-Landeschef noch im Amt wäre, hätte er sein Unwesen in der Bundespolitik oder einer mächtigeren Landesorganisation getrieben. Denn wie im derzeit gerade noch laufenden Korruptions-U-Ausschuss im Parlament am Wiener Ring anschaulich wird, ist die Sumpfdotterblume keine ausschließlich kärntnerische Spezies. Ihr Bestand ist auch in Restösterreich ungefährdet.

Natürlich ist es aber viel einfacher, Summen wie die im Birnbacher-Prozess genannten Millionen Euro über große organisatorische Flächen (wie sie Vorfeldorganisationen, halbstaatliche Unternehmen und sonstige politiknahe Netzwerke bieten) in Parteien einzuspielen und so auf verschiedene Begünstigte aufzuteilen. In Kärnten mussten die mickrige ÖVP und die außerhalb des etablierten Systems agierende (Haider-)FPÖ-Nachfolgeorganisation mangels geeigneter Infrastruktur den patscherten Weg über ein zwanzigfach überteuertes Gutachten nehmen. Das ist keine Entschuldigung, aber vielleicht doch eine Erklärung dafür, dass es in jüngster Zeit noch keinen wirklich großen Fisch erwischt hat.

Vieles spricht jedenfalls dafür, dass dieses Urteil mehr bewirken könnte als alle halbherzigen Antikorruptionsgesetze, zu früh abgedrehten Untersuchungsausschüsse und unfreiwillig komischen freiwilligen Verhaltenskodizes zusammen. Nämlich das Bewusstsein dafür schärfen, wo die Politik endet und die Kriminalität beginnt. Für Josef Martinz ist es bitter, diese Lektion auf die denkbar härteste Tour lernen zu müssen. Die Justiz sollte den eingeschlagenen Weg dennoch fortsetzen. Gut möglich, dass dann drastische Verurteilungen bald nicht mehr notwendig sind. Als Abschreckung sind Strafen ja unter anderem auch gedacht.

 

E-Mails an: florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

19 Kommentare

Hoffentlich nur der Erste von vielen

Nur halten muss es noch. Ab 10 Millionen gibt es leider Strafrahmenmässig "Rabatt". Wenn alle "Unschuldsvermutlichten" was davon abbekommen solls mir auch recht sein.

Gast: Paz
03.10.2012 14:36
3 0

1 Jahr Haft

Früher hat es einmal geheissen für 1 Mill. S ein Jahr Haft. Wie lange wird es bei diesem Banken- und Politsystem noch dauern bis es heissen wird für 1 Milliarde Euro ein Jahr Haft!!
Es wird mit den Millionen Euro herumgeworfen als wären es Schillingbeträge.
Es ist nicht nur eine währungsmäßige, sondern auch ein geistige Inflation eingetreten!
Je größer der Schaden umso billiger kommt der Täter weg.
Der österr. Steuerzahler ist der Trottel für dieses Freibeutersystem.

Gast: kaasbauer
03.10.2012 09:07
2 2

die Art und Weise der Zusammenarbeit

des Martinz mit Haider begrenzt das Mitgefühl auf
ein kaum registrierbares Mindestmass . Der Mann hat genau gewusst,was er macht, seine Verteidigung ist eine Beleidigung der Intelligenz
seiner Mitbürger.

1 0

1 Jahr Häfen für 1 Mio.

Da würden die meisten die Freiheit nicht mehr wiedersehen, ausser sie würden 130 Jahre alt!

3 0

Artikel

Guter, objektiver, den Tatsachen entsprechender Artikel!

Antworten Gast: Grummelbart2
03.10.2012 09:25
3 3

Re: Artikel

Nein.

Das ist kein "objektiver" "Artikel", sondern eine Meinung, die schon aus eben diesem Grund subjektiv ist.

Gut fundiert und begründet, ja. Aber die Vermengung von "Meinung" und "Artikel" sollte am Ende des Tages doch eher der Kronen-Zeitung vorbehalten werden.

PS: Bemerkenswert ist, dass grundsätzlich nur solche "Artikel" als "gut und objektiv" bezeichnet werden, mit denen man persönlich übereinstimmt....

3 0

Re: Re: Artikel

Ich finde, dass gerade entgegen den mehrheitlichen Artikeln in Medien, bei einem solchen Text weder Stellung gegen die Personen genommen wird, noch dafür. Es wird einfach aufgelistet, nicht bewertet und nicht Partei ergriffen. Und das ist eine Wohltat für mich, wofür ich mein Lob ausdrücke.
Du hast natürlich Recht mit dem gut befinden, wenn die eigene Meinung getroffen wird, aber darauf wollte ich nicht hinaus. Genauso hält man auch jemanden für intelligenter, der mit der eigenen Meinung halbwegs konform geht ;)

Gast: Parteirat
03.10.2012 07:58
9 0

Ein Jahr Haft pro veruntreuter Million ....

.... ÖBB sieben Millionen für den Werner....

wo sind die sechs Mio?

was mir bisher nicht klar ist:
hat die landesholding diesen Betrag an birnbacher überwiesen und wenn ja, was genau geschah mit dem Geld?
der birnbacher soll - laut Berichterstattung 10 Mio zurück zahlen, anscheinend zzgl. Schadenersatz oder was auch immer, aber was hat er mit dem Geld gemacht? entweder verteilt/ausgegeben/versteckt oder er hat es noch am Konto.
bitte, liebe Presse, klärt das endlich auf!

Re: wo sind die sechs Mio?

er hat das ziemlich genau dargestellt.
zuerst hat er 50% Steuern bezahlt, die würde er auch zurückzahlen, wenn er sie zurückbekäme.
dann hatte er einen ausschweifenden lebensstil, und wie er den rest verteilt hat, hat er auch erklärt

Gast: @Lohnschreiber asamer
03.10.2012 01:04
2 3

Eine kleine Frage:

Sie schreiben da FPÖ und implizieren,daß die auch Geld vom Birnbacher gekriegt haben.
Das ist aber nicht der Fall gewesen. Es gibt nur die Behauptung des B. daß etwas ausgemacht wurde.
6 Jahre später ist aber noch immer kein Cent geflossen.
Also was jetzt? Geht es nur ums Anpatzen?
Warum fragen Sie nicht, wo die 6 Millionen abzüglich der 65000 des geistig offenbar minderbemittelten Martintz sind.

12 1

Vieles spricht aber dafür, dass der Ex-VP-Landeschef noch im Amt wäre,

wenn Holub nicht so hartnäckig gewesen wäre oder wenn Jörg Haider noch am Leben wäre.

Gast: beschwerer
02.10.2012 22:08
5 1

ähem, ich gehe ja sonst d'accord

aber: "Über einen eingesperrten Räuber wundert sich freilich kaum einmal jemand".
Also bei Raub gehört zum Tatbestandsmerkmal ja auch Gewalt oder gefährliche Drohung, das solten Sie als Jurist aber schon wissen, Herr Asamer. Bei Herrn Martinz lag das offenkundig nicht vor, also kann man da schon räsonnieren...

Re: ähem, ich gehe ja sonst d'accord

Das weiß Asamer auch, wie Sie merken wenn Sie seine Argumentation nicht ausblenden.
Ja, Untreue ist was anderes als Raub, aber anscheinend für den Gesetzgeber gleich schlimm, weil sonst nicht der gleiche Strafrahmen gelten würde.
Der Bruch der Treue ist nicht weniger schlimm als die Gewalt oder gefährliche Drohung. Sagt zumindest das Gesetz, und das ist eben für die Justiz ausschlaggebend.

Antworten Antworten Gast: beschwerer
03.10.2012 22:21
0 0

Re: Re: ähem, ich gehe ja sonst d'accord

Lieber Ophicus,

Asamer deutet das nicht einmal an, und ich lese seinen Artikel jetzt das fünfte Mal und bin auch kein juristischer Dillo. Aber gut: Natürlich ist der Schaden enorm, weit größer als bei einem normalen Räuber, und das gehört bei der Strafzumessung natürlich berücksichtigt. Dennoch hat Martinz (dessen Parteigänger ich NICHT hin) zumindest keine Gewalt angewendet insofern ist die Strenge im Vergleich zur Ahnung eines Raubes etwas überraschend. Aber nicht unzumutbar, d'accord!

Re: ähem, ich gehe ja sonst d'accord

vermögensdelikte werden von der Öffentlichkeit immer unterbewertet, offensichtlich wird das Verbrechen hauptsächlich darin gesehen, sich erwischt haben zu lassen.

Antworten Antworten Gast: mh
03.10.2012 11:22
1 0

Re: Re: ähem, ich gehe ja sonst d'accord

"Vermögensdelikte in der Öffentlichkeit unterbewertet"

Glaub ich nicht, aber nach dem meist gutem Gerechtigkeitsgefühl der meisten Menschen sollte es doch härter Strafen geben für Gewaltdelikte als für Vermögensdelikte!

Schließlich will man in erster Linie keinem Gewaltdelikt zum Opfer fallen!

Zu diesem Fall/Urteil wird erst interessant wie und ob man auch andere Politiker streng verurteilt oder überhaupt erst anklagt oder ob es sich (wieder) nur um die genaue Prüfung und mediale Beobachtung Kärntens , eines verstorbenen Jörg Haiders, Blauer und Schwarzer geht und die Skandale der Linken in den anderen Bundesländern werden wieder kein Thema.

Dann hat die Justiz in diesem Land ihre Reputation endgültig verloren.


Gast: in guter hoffnung
02.10.2012 20:59
3 0

investigativer journalismus

Es wird wohl nur mit Druck gehen. Journalisten können zur Selbstreinigungskraft massiv beitragen. Damit sich auch die Grenzkriminalität-das Bedienen an der Allgemeinheit-langsam aufhört.

Gast: wünschdir was
02.10.2012 20:51
3 0

es könnte?

Wer wird denn den Filz-die Sümpfe-die Netzwerker quer durch die Gesellschaft bekämpfen? Es geht um die Grundhaltung- beim Pfusch wie bei der ministeriellen HP. Es geht um Transparenz, die doch niemand wirklich will.

Mehr Kommentare:

Top-News