Schluss mit der Kirchendebatte: Aufruf zum Konzil-Gehorsam

Am Donnerstag jährt sich zum 50. Mal der Beginn der größten Kirchenversammlung der Geschichte. Glocken sollen läuten, Türen geöffnet werden. Und sonst?

Wir stehen am Anfang. Am Anfang des Anfangs. Auch 50 Jahre danach. Nach der größten Kirchenversammlung, die die Welt je gesehen hat. Tatsächlich, die Welt hat damals hingesehen. Das Interesse an den Vorgängen im Petersdom, der 1962–1965 als Konzilsaula diente, war riesig, zumindest jenes an den prächtigen Bildern der aberhunderten Bischöfe und Kardinäle.

Am Donnerstag wird es also 50 Jahre her sein, dass der selige Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil eröffnete. Mit seiner heute ebenso gültigen, fast ans rührend Naive grenzenden Warnung vor „Unglückspropheten“ – Monsignori, Exzellenzen und Eminenzen des päpstlichen Hofes durften sich betroffen fühlen. Und dürfen es heute. Denn die größten Feinde des Konzils sitzen nicht in irgendwelchen mysteriösen anti-theistischen Kommunen, sondern innerhalb kirchlicher Mauern. Nicht selten wird das Konzil verantwortlich gemacht für den Niedergang kirchlichen Lebens, der sich in den Rückgängen der Zahl der Priester in Europa (nicht weltweit), der Zahl der Mitfeiernden an der Messe manifestiert – bei gleichzeitiger Zunahme der Kritik an Rom.

Im deutschsprachigen Raum ist diese Lust am Widerspruch besonders ausgeprägt. Erinnerungen an die Jahrzehnte vor dem Konzil werden wach. Auch damals wurden Reformen gerade in Österreich und Deutschland vorbereitet. Der Klosterneuburger Chorherr Pius Parsch feierte trotz römischer Zurechtweisungen Messen in deutscher Sprache, als dies noch fast als Sakrileg galt. Und heute? 50 Jahre später? Was sind in der Kirchengeschichte schon läppische 50 Jahre! Und doch: Was hat sich in der(selben) Kirche nicht alles geändert. Liturgie in der Volkssprache, Bekenntnis zum Dialog auf Augenhöhe anstelle eines Verdammens von oben herab, Ja zum Dialog mit der Gesellschaft, den andern Kirchen, Religionsgemeinschaften, Atheisten. Wiederentdecken der Laien, die – wörtlich – „zum heiligen Priestertum geweiht“ sind. Zuwendung zu den Juden, die nicht länger als „Gottesmörder“ denunziert werden dürfen. Und, und, und. Das alles kann auch bei schlechtestem Willen nicht revidiert werden. Papst Benedikt XVI. wird morgen, Sonntag, eine große Bischofssynode im Gedenken an das Konzil eröffnen, die unter dem Thema „Neuevangelisierung“ steht. Am Donnerstag wird ein „Jahr des Glaubens“ eingeläutet. In Österreich verordnen die Bischöfe ein Öffnen der Türen der Kirchen des Landes an diesem 11. Oktober zumindest zur Mittagszeit. Symposien und andere gut gemeinte Aktionen folgen. Aber wo bleibt das große Zeichen dafür, dass die Zeichen der Zeit verstanden werden, wie es die Konzilsteilnehmer formuliert hätten?

Möglichkeiten gäbe es genug: Wie wäre es damit, einmal für ein Jahr alle kircheninternen Debatten über Struktur-, Ämter- und Disziplinarfragen ruhend zu stellen? Sich selbst zu einer Art Schweigegelübde zu verpflichten? Und stattdessen nicht nur die Konzilstexte zu studieren, sondern vor allem den Einsatz in der Gesellschaft zu forcieren. Hier, heute und jetzt. Wo bleibt, um nur ein Beispiel zu nennen, der Beitrag der katholischen Kirche – von rühmlichen Ausnahmen abgesehen –, einen echten Dialog mit der anderen großen monotheistischen Religion, dem Islam, zu versuchen? So schwierig das aus vielerlei Gründen ist. Wo bleibt der Einsatz gegen Korruption, fortgesetzte Verlotterung der politischen Sitten und den nicht unproblematischen Verlust des Interesses an demokratischen Wahlen? Auch der Einsatz der Kirche für soziale Nöte kann nicht an eine noch so erfolgreiche Zweigstelle, wie es die Caritas ist, delegiert werden.

Nicht nur die Kirche muss sich der Welt (was für ein fast vorkonzilar anmutendes Gegensatzpaar) in Wort und Tat verständlich machen. Verständlich machen in einer Sprache, mit Bildern, Formen des Feierns, Betens (!) und einer „Körperhaltung“, die State of the Art ist. Verständlich machen mit ihren Botschaften, Verheißungen, mit dem jahrhundertealten Schatz an Tradition, Riten und Wissen über den Menschen. Voraussetzung dafür ist: Die Kirche muss sich einmal die Welt selbst verständlich machen. Die Kirche steht am Anfang des Anfangs. 

E-Mails an: dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2012)

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