Den Friedensnobelpreis kann man nicht essen

RAINER NOWAK (Die Presse)

Das Nobelpreiskomitee hat die Mitwirkung der USA an der Befriedung Europas dezent übergangen. Die Reaktionen auf die Vergabe lassen Schlimmes befürchten.

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Die schwere Krise der Europäischen Union und seiner Währung wurde am Freitag auch hochoffiziell bestätigt. Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees, der EU den Friedenspreis zu geben, überraschte aber dann doch: So schlecht geht es der Union schon? Die strategisch-politischen Gründe für die Preisvergabe funktionierten in den artverwandten Kategorien Frieden und Literatur doch bisher immer getreu dem Motto: Nur wer gerade dringend Hilfe braucht, bekommt den Preis. Weiters ließe sich witzeln, die EU brauche das Preisgeld auch wirklich dringend, um wenigstens ein bisschen zu feiern.

Doch da wäre etwa der selbstherrliche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der das Preisgeld „in die soziale Gerechtigkeit in Europa investiert“ sehen will. Der Mann erkennt im Preis gar „ein Mandat für eine stärkere Umverteilung des Reichtums“. Denn: „Es kann nicht sein, dass wir in einer Union leben, in der in einem Land die Leute richtig reich sind, und in einem anderen die Menschen – teils Akademiker – in Mülltonnen nach Essen wühlen müssen.“ Der Friedensnobelpreis als Auftrag für Vermögenssteuern? Es ist interessant zu beobachten, wie schnell EU-Politiker Kleingeld für die eigene Agenda wechseln. Zum Vergleich: Angela Merkel interpretierte den Preis als persönliche Verpflichtung, die Eurorettung weiter voranzutreiben.

Das Komitee hat keine Silbe über Umverteilung verloren, sondern die Preisvergabe mit logischeren Argumenten belegt: Seit 1945 sei die Versöhnung in Europa Wirklichkeit geworden. Über 70 Jahre hätten Deutschland und Frankreich drei Kriege ausgefochten, heute sei Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar. Das ist ein enormes historisches Verdienst der EU und ihrer Gründer, das zu Recht gewürdigt wird.

Dass auch die US-Truppen mit ihrer Befreiung Europas, später ihrer Militärpräsenz, beziehungsweise ein gemeinsamer äußerer Feind, nämlich der Ostblock, mitverantwortlich waren, fiel in Oslo leider unter den Tisch. Auch dass das Verdienst für den echten Frieden in Europa, nämlich die Beendigung des Kalten Krieges durch den wirtschaftlich-politischen Sieg des Westens über den Kommunismus, wohl eher Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Karol Wojtyła denn der EU-Kommission zugeschrieben werden muss, blieb vorerst unerwähnt. Und in einem Punkt wurde das Preiskomitee unfreiwillig zynisch: durch die Erwähnung des „Prozesses der Aussöhnung“ auf dem Balkan, der durch die mögliche Aufnahme von Kroatien als Mitglied, die Einleitung von Aufnahmeverhandlungen mit Montenegro und den Kandidatenstatus für Serbien vorangetrieben worden sei. Es war die EU, die lange tatenlos dem Morden und den Vertreibungen in den Balkankriegen zugesehen hatte, bis endlich die USA intervenierten und Europa wieder aus der Bredouille halfen. Und nein, da war kein Öl zu holen.

Aber der Freitag war zweifelsohne ein erfreulicher für die EU, der Preis ist eine verdiente Auszeichnung für Europa: Die Frage ist nun, wofür er politisch verwendet wird. Als Anstoß für eine notwendige rasche Neukonstruktion der EU-Organisation mit verbindlichen (!) Regeln und auch mit Ausstiegsszenarien für einzelne Mitglieder? Für eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, die bisher darin bestand, auf nächtlichen Gipfeltreffen in Brüssel Wasser zu predigen und daheim mit Hinweis auf die Brüsseler Bürokraten Wein zu trinken? Oder für eine Anstrengung, eine der Hauptursachen der Krise zu beseitigen, nämlich das Geldausgeben auf Kredit? Leider klingen die meisten Reaktionen auf den Nobelpreis nicht danach, sondern nach dem Gegenteil. Selbstgefällig drechseln Regierungspolitiker aller Parteien und Länder jene salbungsvollen Floskeln, die den Blick auf den tatsächlichen Erfolg Europas bis zur Unkenntlichkeit verstellen: Es sei „eine Injektion“ gegen „Kleingeister und Zweifler“. Die Idee Europa verhindere das Böse und den lokalen Egoismus. Kurz: Wer nicht laut juble, sei quasi ein Bruder Andreas Mölzers.

Es sind genau jene Schwarz-Weiß-Propaganda und dieser Floskelpathos, die dazu geführt haben, dass viele die EU nicht verstehen. Und sich vor Eurokrise und dazugehörigen Rettungsversuchen fürchten. Oder um es in Herrn Schulz' Logik zu formulieren: die wissen, dass man den Nobelpreis nicht essen kann.

 

E-Mails: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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46 Kommentare
 
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Gast: schlÄchter
16.10.2012 08:08
0

sg herr CR nowak!

natürlich darf die rolle der usa (militärisch gabe ihre intervention 1917 und ab 1941) in den europ. bürgerkriegen und auch am ostasiatischen schauplatz nicht übersehen werden - ganz bei ihnen.

auf europa bezogen müsste man aber insb. die gerade heuer 60 jahre zurückliegende aussöhnung F und D (ansparache de gaulles an die deutsche jugend) mitberücksichtigen. es ist die "achse" dieser beiden ex-erzfeinde, die den grundstein für das erfolgreiche "friedensprojekt" europa legte und nachwievor die basis eines friedlichen europas bildtete. die EU ist ein produkt aus dieser aussöghnung (GB nahm nur aus wirtschaftlichen gründen teil - die "splendit isolation-tradition ist dort tief verwurzelt-dank besonderer kultrurller und wirtschaft. connections zu den usa und dem commonwealth, italien als weitere großnation hatte machtpoltisch kaum einfluss).

die zukunft des abendländischen-aufgeklärten europas ist in der CH bereits vorgelebt (ausgleich zwischen romanen-germanen- zw. katholiken und protestanten - im verbund einer wirtschaftlichen gem. politik). die Ch sollte das vorbild für europa sein-föderalismus, respekt der eigenheiten der kantone/mitglieder-im inneren, aber geeint nach außen.

dazu gehört aber auch eine klare deffinition der grenzen eines vereinten europas-russland, ukraine türkei und auch teile des balkan haben ganz andere prägungen/interessen/verbindungen.

mfg
s.


Sprachrohr der CIA?

Es ist schon klar, dass die Presse finanziell kämpft. Aber wenn man sich die Blattlinie so ansieht muss man sich schon fragen, woher das Geld da wohl kommt.

Nix deitsch

"Die schwere Krise der Europäischen Union und seiner Währung wurde am Freitag auch hochoffiziell bestätigt..."

und "seiner" Währung? der oder das Union?

ein chefredakteur?

EU.phoriker

ich freue mich..ganz ohne die kleingeistigen einwände diverser beckmesser..

Antworten Gast: achlass
13.10.2012 23:49
0

Re: EU.phoriker

Ach, lass sie, ist ganz amüsant...

Gast: Leopold Figl
13.10.2012 11:51
1

Dass der Friedensnobelpreis solche Wellen schlägt ...

Völlig richtig, dass mit der Militärpräsenz der US-Amerikaner in Europa der Frieden über Hitler errungen und das westliche Europa gesichert werden konnte.

Völlig verfehlt werden aber Schlussfolgerungen gezogen. Die andauernde US-Militärpräsenz ist kein Zeichen der Schwäche der EU, sondern ein Zeichen für europäische Nationalstaaten die in der NATO zu Vassallenstaaten der USA - was Sicherheits- und Außenpolitik angeht - degradiert sind.

Die EU ist der wirtschaftspolitische Aufstand gegen die US-Hegemonie: angeführt von den zu weltpolitischen Zwergen verkommenen einstigen europäischen Großmächten Frankreich und Deutschland. Ein Versuch, der durch wechselnde Zuwendungen der USA an einzelne willfährigere EU-Mitgliedsstaaten und dem US-Engagement für einen EU-Beitritt der Türkei, regelmäßig torpediert wird.

Ein Zusammenbruch der EU bewirkte, dass europäische Interessen vor allem in und von Washington entschieden würden; dann dürfen die europäischen Nationalstaaten dort antanzen und ihre Standpunkte deponieren (als Bittsteller) ... wie es unserer ehemaligen Außenministerin ihrem ORF Interview gemäß gefallen hat - beim Besuch von Condoleza Rice in Brüssel.

Widersprüche

Schwach, sehr schwach, Herr Chefredakteur!

Sie schreiben eingangs:
"Die schwere Krise der Europäischen Union und seiner Währung wurde am Freitag......."

Und im vorletzten Absatz erkennt er dann messerscharf die Ursachen der Krise:

"....... eine der Hauptursachen der Krise zu beseitigen, nämlich das Geldausgeben auf Kredit?"

Also was jetzt? Wer hat Geld auf Kredit ausgegeben?
Die EU oder die Nationalstaaten mit andauernder Billigung durch die Wähler?

Wir haben somit eine Krisen einiger Mitgliedsstaaten, immer noch nationale Staaten!

Deshalb kann auch keine Lösung durch "Renationalisierung" geben!

Re: Widersprüche

na es sind doch erererbte probleme aus der nationalstaatlichen epoche..die muß die EU jetzt lösen..leider. das aber ist keineswegs eine schwäche der EU sondern altlast

Re: Re: Widersprüche

Ererbte Probleme der Nationalstaaten?

Erben kann man nur nach einem Exitus des Erblassers. Solange es die Nationalstaaten aber noch immer gibt, sind es in erster Linie auch deren Problem, die sie selber lösen müssen. Die EU kann nur helfen, aber die Aufgaben der Nationalstaaten nicht so 1:1 übernehmen!

Re: Re: Re: Widersprüche

die nationalstaaten sind ex ..muff.. mort

Re: Re: Re: Widersprüche

die nationalstaaten sind gestorben..nicht alle haben es bemerkt

Re: Re: Re: Re: Widersprüche

Leider noch nicht!
Im Europäischen Rat sitzen immer noch die Regierungschefs der Nationalstaaten, die nur für die Lösung nationaler Probleme gewählt wurden, aber nicht für die Lösung GEMEINSAMER EUROPÄISCHER Probleme!

Re: Re: Re: Re: Re: Widersprüche

ihr einfluss wird immer geringer...die krise brachte den schub..

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: bwbw
13.10.2012 23:50
0

Re: Re: Re: Re: Re: Widersprüche

Was heißt 'leider'?

Re: Re: Re: Re: Re: Re: Widersprüche

leider..weil die scheubeklappten nationalpolitiker deren vorgänger uns zwei weltkriege mit 70 millionen toten, noch nicht alle sind...gottseidank werden sie aber immer weniger und die vereinigten staaten von europa immer näher

Gast: Hansi Hüpfer
13.10.2012 10:20
3

Verwirrter roter Jaglands 4. Streich

Die USA hätten den Preis bekommen sollen. Denn die 50 Staaten leben länger ohne Krieg zusammen als die 27 in der EU.
Ausserdem, kein Krieg in Europa? Ist nicht Zypern formell im Krieg mit der Türkei und das seit Jahren? (Waffenstillstand)
Was mit den Jugoslawienkriegen?
Was mit dem kleinasiatischen Kandidaten, der verzweifelt versucht, im Syrienkrieg mitmischen zu dürfen? Vielleicht kriegt er nach Kriegsende ein Drittel Syriens als Beute zugesprochen. Das hat ja für andere funktioniert.

Antworten Gast: gurkenhobel
13.10.2012 11:39
2

Re: Verwirrter roter Jaglands 4. Streich

Texte lesen und verstehen ist halt so eine
Sache, aber Sie können immerhin Herrn Nowak die Hand reichen. Ist doch was , oder ?

Gast: Lukas
13.10.2012 09:27
5

nachdem die EU Wirtschaftsgemeinschaft den Bach hinunter geht

wird sie zum Friedensprojekt umfunktioniert. Ein Friedensnobelpreis für die EU ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Die Politiker, die dieses Kaperltheater auch noch loben machen sich selbst zu dämlichen, unglaubwürdigen Figuren. Spätestens wenn der ESM-Vertrag schlagend wird ist es vorbei mit dem "EU-Frieden"!

rausgeschmissene Förderungen für den Süden: ein zentrales Beispiel für die Misswirtschaft in der EU

Jeder durchschnittsbegabte und mit Hausverstand ausgestattete Tourist fragt sich, warum Geld für nicht genutzte Autobahnen "investiert" wurde, in deren Nähe autobahnähnliche Schnellstrassen sind (Spanien bei Jerez) oder gar wie jene Mittelportugal, wo 2 Autobahnen parallel nebeneinander liegen. Das ist vernichtetes Geld der Nordstaaten, für unnütze Infrastruktur. Statt produktive Förderung der Wirtschaft, wurden sinnlose Straßen gebaut. Es ist wie in Italien, wo seit 60 Jahren ohne Erfolg hunderte Milliarden von Norditalien in den Süden flossen.

http://diepresse.com/home/wirtschaft/eurokrise/1300557/Spanier-meiden-Maut-Autobahnen-pleite?from=suche.intern.portal

http://diepresse.com/home/wirtschaft/eurokrise/1300557/Spanier-meiden-Maut-Autobahnen-pleite?from=suche.intern.portal

tagelang jubelte diePresse

über ihre 75.000er auflage und das 'abhängen' des standard um 3000...
ja, über solches MUSS man wirklich jubeln und kübelweise druckerschwärze verbrauchen!

ein nobelpreis... lächerlich, was ist das schon im vergleich dazu?


Re: tagelang jubelte diePresse

noch dazu wo er der eu und nicht der schutzmacht der "presse", den alleinseligmachenden USA USA USA verliehen wurde?

Antworten Antworten Gast: tutep
13.10.2012 23:52
1

Re: Re: tagelang jubelte diePresse

wirr, wirr, wirr ist das was du allerweil schreibst

Gast: galgenvogel
13.10.2012 09:09
2

also mit der Logik hat es Herr Nowak nun einmal

leider nicht, auch die Begründung für die Preisverleihung hätte er genauer lesen sollen, dann wäre vielleicht so ein Geschreibsel nicht herausgekommen.

Ach

Ist ja unglaublich, dieser ganze Geifer in den unten stehenden Kommentaren.

Auch wenns vielen nicht in den Kram passt. Amerika hat und wesentlich öfter geholfen als geschadet und wir sind einfach nur undankbar.

Antworten Gast: MarschallhatkeinenPlanmehr
13.10.2012 23:53
0

Re: Ach

Wie lange ist das her?

Re: Ach

genau, das ist das paradoxon...alle schreien nach hilfe...amerika hilft und wird geprügelt

 
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