Den Friedensnobelpreis kann man nicht essen

Das Nobelpreiskomitee hat die Mitwirkung der USA an der Befriedung Europas dezent übergangen. Die Reaktionen auf die Vergabe lassen Schlimmes befürchten.

Die schwere Krise der Europäischen Union und seiner Währung wurde am Freitag auch hochoffiziell bestätigt. Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees, der EU den Friedenspreis zu geben, überraschte aber dann doch: So schlecht geht es der Union schon? Die strategisch-politischen Gründe für die Preisvergabe funktionierten in den artverwandten Kategorien Frieden und Literatur doch bisher immer getreu dem Motto: Nur wer gerade dringend Hilfe braucht, bekommt den Preis. Weiters ließe sich witzeln, die EU brauche das Preisgeld auch wirklich dringend, um wenigstens ein bisschen zu feiern.

Doch da wäre etwa der selbstherrliche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der das Preisgeld „in die soziale Gerechtigkeit in Europa investiert“ sehen will. Der Mann erkennt im Preis gar „ein Mandat für eine stärkere Umverteilung des Reichtums“. Denn: „Es kann nicht sein, dass wir in einer Union leben, in der in einem Land die Leute richtig reich sind, und in einem anderen die Menschen – teils Akademiker – in Mülltonnen nach Essen wühlen müssen.“ Der Friedensnobelpreis als Auftrag für Vermögenssteuern? Es ist interessant zu beobachten, wie schnell EU-Politiker Kleingeld für die eigene Agenda wechseln. Zum Vergleich: Angela Merkel interpretierte den Preis als persönliche Verpflichtung, die Eurorettung weiter voranzutreiben.

Das Komitee hat keine Silbe über Umverteilung verloren, sondern die Preisvergabe mit logischeren Argumenten belegt: Seit 1945 sei die Versöhnung in Europa Wirklichkeit geworden. Über 70 Jahre hätten Deutschland und Frankreich drei Kriege ausgefochten, heute sei Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar. Das ist ein enormes historisches Verdienst der EU und ihrer Gründer, das zu Recht gewürdigt wird.

Dass auch die US-Truppen mit ihrer Befreiung Europas, später ihrer Militärpräsenz, beziehungsweise ein gemeinsamer äußerer Feind, nämlich der Ostblock, mitverantwortlich waren, fiel in Oslo leider unter den Tisch. Auch dass das Verdienst für den echten Frieden in Europa, nämlich die Beendigung des Kalten Krieges durch den wirtschaftlich-politischen Sieg des Westens über den Kommunismus, wohl eher Ronald Reagan, Maggie Thatcher und Karol Wojtyła denn der EU-Kommission zugeschrieben werden muss, blieb vorerst unerwähnt. Und in einem Punkt wurde das Preiskomitee unfreiwillig zynisch: durch die Erwähnung des „Prozesses der Aussöhnung“ auf dem Balkan, der durch die mögliche Aufnahme von Kroatien als Mitglied, die Einleitung von Aufnahmeverhandlungen mit Montenegro und den Kandidatenstatus für Serbien vorangetrieben worden sei. Es war die EU, die lange tatenlos dem Morden und den Vertreibungen in den Balkankriegen zugesehen hatte, bis endlich die USA intervenierten und Europa wieder aus der Bredouille halfen. Und nein, da war kein Öl zu holen.

Aber der Freitag war zweifelsohne ein erfreulicher für die EU, der Preis ist eine verdiente Auszeichnung für Europa: Die Frage ist nun, wofür er politisch verwendet wird. Als Anstoß für eine notwendige rasche Neukonstruktion der EU-Organisation mit verbindlichen (!) Regeln und auch mit Ausstiegsszenarien für einzelne Mitglieder? Für eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, die bisher darin bestand, auf nächtlichen Gipfeltreffen in Brüssel Wasser zu predigen und daheim mit Hinweis auf die Brüsseler Bürokraten Wein zu trinken? Oder für eine Anstrengung, eine der Hauptursachen der Krise zu beseitigen, nämlich das Geldausgeben auf Kredit? Leider klingen die meisten Reaktionen auf den Nobelpreis nicht danach, sondern nach dem Gegenteil. Selbstgefällig drechseln Regierungspolitiker aller Parteien und Länder jene salbungsvollen Floskeln, die den Blick auf den tatsächlichen Erfolg Europas bis zur Unkenntlichkeit verstellen: Es sei „eine Injektion“ gegen „Kleingeister und Zweifler“. Die Idee Europa verhindere das Böse und den lokalen Egoismus. Kurz: Wer nicht laut juble, sei quasi ein Bruder Andreas Mölzers.

Es sind genau jene Schwarz-Weiß-Propaganda und dieser Floskelpathos, die dazu geführt haben, dass viele die EU nicht verstehen. Und sich vor Eurokrise und dazugehörigen Rettungsversuchen fürchten. Oder um es in Herrn Schulz' Logik zu formulieren: die wissen, dass man den Nobelpreis nicht essen kann.

 

E-Mails: rainer.nowak@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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