20.05.2013 20:30 Merkliste 0

Das Selbstbestimmungsrecht muss auch in der EU gelten

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Katalanen, Basken, Schotten streben nach Unabhängigkeit. Warum nicht? Unter dem europäischen Dach sollte es auch möglich sein, neue Staaten entstehen zu lassen.

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Die Schuldenkrise in Europa verleiht separatistischen Bewegungen Auftrieb. Am vergangenen Sonntag gewann die nationalistische NV-A die Kommunalwahl in Flandern. Noch in der Nacht seines Sieges schlug Bart de Wever vor, Belgien in eine Konföderation zu verwandeln. Mit den bestehenden Autonomierechten will sich der Volkstribun nicht zufriedengeben. Die Flamen hätten genug davon, wie Melkkühe behandelt zu werden und für Wallonien immer nur zu zahlen.

Auch Spanien steht vor einer Zerreißprobe. Die Basken und die Katalanen drängen immer lauter auf Unabhängigkeit. Am kommenden Sonntag dürften die gemäßigten Nationalisten mit ihrem Ruf nach einer „baskischen Lösung“ für die Wirtschaftskrise einen Triumph bei der Regionalwahl im Baskenland einfahren. Die Katalanen haben schon am 11.September ein deutliches Signal gesetzt. Mehr als eine halbe Million Menschen ging an diesem Tag allein in Barcelona auf die Straße, um für mehr Eigenständigkeit zu demonstrieren.

In Zeiten der Krise werden alte Bruchlinien deutlicher. Auf ihre Sprache, Kultur und Geschichte waren die Katalanen immer schon bedacht. Richtig erhitzt haben sich die Gemüter, so wie in Flandern auch, wenn es ums – fehlende – Geld geht. Jahr für Jahr würden Steuergelder in der Höhe von 16 Mrd. Euro aus ihrer Region abgesaugt und in ärmere Gegenden Spaniens gepumpt, acht Prozent der katalanischen Wirtschaftsleistung, beklagen die Separatisten. Artur Más, der Chef der Regionalregierung Kataloniens, wirbt mittlerweile offen für die Unabhängigkeit. Der Konflikt ist programmiert: Denn Spaniens Verfassung sieht die Option einer Sezession nicht vor.

Denk- und Abstimmungsverbote werden jedoch keinen Beitrag leisten, um Interessenkonflikte zwischen Volksgruppen friedlich und intelligent zu lösen. Inzwischen hat es sich in Europa eingebürgert, Unabhängigkeitsbewegungen als vorgestrig zu diffamieren. Das Nationale gilt im EU-Diskurs der politisch Korrekten als das Böse schlechthin, als ein verabscheuungswürdiges Relikt, das es nicht mehr geben dürfte und deshalb getilgt werden müsste. Gültigkeit beansprucht diese Betrachtungsweise jedoch ausschließlich für Länder des EU-Raums. Gegen die Unabhängigkeit der Ex-Sowjetrepubliken hatte niemand Einwände. Auch an der Unabhängigkeit des Kosovo regte sich wenig Kritik, außer in Staaten wie Spanien, die ihre eigenen Sezessionsängste haben und die Ansteckungsgefahr fürchten.

Sinnvoller als die Dämonisierung von Separatisten wäre es, einen Umgang mit dem Phänomen zu finden, der auf Prinzipien beruht. Einen solchen Grundsatz gäbe es bereits seit Längerem: das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das schon US-Präsident Woodrow Wilson in seinem 14-Punkte-Programm für eine Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg umriss und das 1945 auch Eingang in die Charta der UNO fand. Jedes Volk hat demnach das Recht, über sein Schicksal selbst zu bestimmen, auch das katalanische, flämische, kurdische, palästinensische oder tibetische.

Natürlich steht dem ein anderes Prinzip entgegen: die territoriale Integrität. Auflösen lässt sich der Widerspruch nur, wenn der Abspaltung eines Staates beide Seiten zustimmen. Dieser Idealzustand kann nicht immer hergestellt werden, deshalb haben wir im Jahr 2012 immer noch ein Kurden-, Palästina-, Tibet- oder auch ein Baskenproblem.


Wie es funktionieren kann, zeigt nun, allerdings nach 300-jährigem Anlauf, das Vereinigte Königreich vor. 2014 dürfen die Schotten über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Es ist gut möglich, dass Europa in Zukunft zwei gegenläufige Entwicklungen aushalten muss. Einerseits deutet alles darauf hin, dass die EU enger zur politischen Union zusammenwächst und Mitglieder Souveränität abgeben. Anderseits könnten, eine Ebene darunter, genau im Verlauf dieses Prozesses neue Staaten entstehen. Unter einem gemeinsamen Dach Europas sollten solche kleineren Umzüge organisierbar sein: Es muss nicht gleich als Hausfriedensbruch gelten, wenn eine der Wohnungen neu aufgeteilt wird und eine zweite Eingangstür erhält. Das Selbstbestimmungsrecht sollte ein selbstverständlicher Teil der europäischen Hausordnung sein.

 

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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20 Kommentare
Gast: schlÄchter
23.10.2012 12:56
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sg herr ultsch!

im grunde guter artikel - wenn sie ihn aber bitte auf europa beschränkt lassen: tibet, kurdistan usw. - da wird europa nicht viel mitreden können, wir sollten unsere hausaufgaben hier in europa erledigen und nicht weltpolitisch als heilsbringer auftreten-diese macht haben wir schon lange nicht mehr und gibt es viel zu viele sezessionsprobleme weltweit mit ganz verschiedneen hintergründen.

wenn es uns in europa - wie richtig von ihnen skizziert -- gelingt eben ethnischen minderheiten unter dem deckmantel eines geeinten europas auf einer unteren ebene ihr selbsbestimmungsrecht in form eines föderalismus zu regeln - dann wäre das eines friedensprojektes europa würdig und ein qunatensprung in unserer gem. europ. geschichte - von der andere lernene können aber nicht müssen.

mfg
s.

mfg
s.

Gast: Jaromir D.B. Nemec
21.10.2012 22:56
0 0

Die Separatisten sind die mobilen Provider in der EU

Interessanter weise kommt niemand auf die Idee, das die Nationalisten weniger durch die romantisch-nationalistische Ideen des vorigen Jahrhunderts getrieben sind, sonder einfach mehr Selbstbestimmung in Steuer- und Schuldenbelastung erlangen wollen.
Verglichen mit Telephonie ist Europa bei Regelung der Steuern noch in der Festnetz-Phase der staatlichen Monopole.
Was ist so problematisch auf der Idee für kleinere Subjekte finanzielle Hoheiten zu erlauben? Die Schotten sind nicht durch ihre Kilts definiert, sondern als die, die in Schottland Steuer zahlen wollen. Das kann auch ein waschechter Österreicher sein.
Hier kommt aber der erste Einwand der Skeptiker - wie kann es funktionieren; man zahlt Steuer in Schottland aber lebt in Österreich. Wer soll die Infrastruktur hier bezahlen? Hier bin ich aber fest überzeigt, dass die EU genug liberal-regulatorische Kraft hat, um die Regel zu definieren.
Der positive Nebeneffekt dieser Regelung ist, dass künftig nicht so einfach wird, neue Schulden zu machen. Wer haftet für die Österreichischen Schulden mit dieser Regelung? Alle Österrecher? Nein! Es bleiben nur die, die noch nicht zu "alternativen Provider" gewechselt haben.
Hier kommt schon das Killer-Argument der Opponenten. So einer Steuerprovider wird sicher früher oder später Pleite gehen! Wie richtig; das ist aber die Stärke des Konzepts. So ein Provider wird sicher nicht "too big to fail". Wie viele bleiben noch bei Griechenland angemeldet, sollte er in Konkurs gehen?

Mein Beitrag von gestern Abend?

Passte nicht ins Konzept?
Deshalb nochmals (in etwa):

Eigenartiger Kommentar.
Kann die EU mit ihren 27 Mitgliedern - in absehbarer Zeit werden's 30 sein - kaum mehr administriert, geschweige denn regiert werden, um im internationalen Wettbewerb nicht auf der Strecke zu bleiben, soll künfig jede sich "anders" fühlende Gruppierung ihre Individualinteressen, sprich: ihre Egoismen, in Brüssel lauthals verkünden und damit jeglichen Beschluss unmöglich machen dürfen. Lebt Christian Ultsch am Mond?
Die Katalanen, Basken, Schotten, Flamen,... sollen ihre Auseinandersetzungen im Land ausmachen und nicht damit die EU belästigen. Die EU kann diesen separatistischen Bestrebungen, die zu ihrer völligen Lähmung führen, aber damit bekämpfen, dass klar gestellt wird, die so Abgespalteten sind nicht automatisch Mitglied der Union, sondern können nur nach harten Verhandlungen, wo sie höchstwahrscheinlich mehr Eigenständigkeit aufgeben müssen als sie durch Separation zu erlangen glaubten, wieder Mitglied werden. Zur Sicherheit sei einmal - um die Narreteien in Belgien einzubremsen - gleich das Headquarter von Brüssel nach Straßburg abgezogen; hört scih wenigstens der monatliche Wanderzirkus auf.
Resumée: Wir brauchen mehr Dialog, aber nicht noch mehr Streithähne.

Gäbe es in der EU

wirklich ein "Selbstbestimmungsrecht", gäbe es wahrscheinlich die EU nicht mehr. Es hat den Anschein, nur die Verhinderung des "Selbstbestimmungsrechts" hält diese EU noch zusammen. Die Gründung neuer alter Staaten, die sich auf ihre Geschichte und Kultur berufen und darauf, dass sie einstmals eigenständig waren und nur durch kriegerische oder andere Ereignisse zu Provinzen wurden, ist für die Möchtegern-Politiker in Brüssel ein Horror. Je mehr Zentralismus und Diktat, desto lieber ist es diesem Politikerschrott. Doch eines Tages wird diesen "Tribunen" in Brüssel ein Licht aufgehen, ob sie wollen oder nicht, und sie werden durch Volkeswille eines Besseren belehrt werden. Das Schlimmste für ein Volk sind Zwang und Diktat und genau das macht nun die EU mit Hilfe ihrer Vasallen in den nationalen Regierungen. Was uns die EU-Bonzen nehmen wollen, ist die nationale Freiheit, die Selbstbestimmung über das eigene Land. Unser Land darf genau so wenig wie jene Regionen, die nun für ihre Freiheit kämpfen, zu einer Provinz der EU degradiert werden, denn das würde Fremdherrschaft bedeuten.

Bravo!

Jedes Dorf eine eigene Republik. Und für die Bankrotteure (z.B. Haider und seine Erben) kommen dann alle anderen auf?
Übrigens: Würde Wien nicht von ganz Österreich gesponsert, stünde es

Pardon: Hier ist mir etwas zu früh abgerauscht

Nochsatz nochmals: Würde Wien nicht von ganz Österreich gesponsert, stünde es nicht besser da als Kärnten.

Gast: machmuss verschiebnix
20.10.2012 12:34
1 1

Wenn schon die gesamte EU unter dem Diktat der internationalen Finanz-Mafia stöhnt,

woher nimmt dann eine kleine Region (wie Schottland) die Zuversicht,
daß ihre zukünftigen Politiker nicht genaus unter dem Druck "einknicken"
würden, wie die Genossen in den europäischen Finanz-Gremien ?

Es geht nicht ohne bündeln der Kräfte, es geht aber AUCH NICHT mit
den derzeitigen politischen Systemen, das wurde seit 2008 ausreichend
und anschaulichst bewiesen.

Liebe Leute, falls es jemanden gibt, der es noch nicht bemerkt hat:
das nächste Jahrtausend gehört den Chinesen - und der eindeutige
Grund dafür: DIE KÖNNEN ENTSCHEIDUNGEN TREFFEN ! ! !

Während sich unsere "Eliten" die Dümmsten des Volkes "ins Boot holen",
damit bei "demokratischen Abstimmungen" auch das gewünschte Ergebnis kommt.

Also, wenn nicht bald irgend ein vernunftbegabter Zeitgenosse die Reißleine
zieht, und das gesamte politische System (europaweit) als das hinstellt,
was es ist - ein Selbstbedienungsladen für die Polit-Mafia und ein williges
Opfer für die internationale Finanz-Mafia - dann wird uns die Freude über
den Zerfall der EU im Hals stecken bleiben ! ! !


Gast: phj
20.10.2012 11:31
2 2

Zweischneidiges Selbstbestimmungsrecht

Dort wo Trennungsrecht gilt muß auch Anschlußrecht gelten.

Re: Zweischneidiges Selbstbestimmungsrecht

Das kann aber jedenfalls nur einvernehmlich funktionieren. Und dann wird es erst so richtig schwierig Mehrheiten dafür zu finden.

Gast: na toll
20.10.2012 11:24
3 0

die völker innerhalb einer nation können sich offensichtlich nicht vertragen

aber wir sind doch EUropäer und wir sind doch so solidarisch und wir haben uns alle soooo lieb.....

Das Selbstbestimmungsrecht sollte selbstverständlich sein

Nur müsste man es vorher mal definieren. Wer zählt dann als ein Volk und müsste daher das Recht haben abzustimmen? Es gibt auch selten ethnisch saubere Grenzen. Der Kosovo hat es sehr schön gezeigt: Wenn man sich einfach an alten Verwaltungseinheiten orientiert hat man auf einmal in einem neuen Staat wieder eine Minderheit, die in Regionen die Mehrheit stellt. Warum gilt das Selbstbestimmungsrecht nicht für die?
Es gibt kein Patentrezept für Separation, und daher hat es auch wenig Sinn das Selbstbestimmungsrecht als Schlagwort in die eurpäische "Hausordnung" aufzunehmen.

Hmm...

Seperatismus gab es schon immer. Wenn sich ein Teil der Bevölkerung (aus welchen Gründen auch immer) nicht mehr mit dem Staat identifizieren kann in dem es lebt, kommt es eben zu solchen Tendenzen. In Österreich kennt man das ja von uns Vorarlbergern. Hier sind es ja auch die Sprachunterschiede, zumal wir zum alemannischen Sprachraum gehören, während Ostösterreich (hinter dem Arlberg) dem bairischen Sprachraum zugehört.

Naturrecht auf nationale Existenz!

Am 17. Oktoberr fand im Curhaus (Wien, Stephansplatz 3) eine hochintressante Diskussionsveransaltung der Johannes Messner-Gesellschaft über "Vaterland Europa - Europa der Vaterländer" statt. Dabei wurde der Grundeinwand gegen die EU deutlich:

"Die EU leugnet von ihrem Konzept her das Naturrecht der europäischen Völker auf ihre Existenz als Nation" (wörtlich!).

EU als "Bundesstaat", "Republik Europa", "Vereinigte Staaten von Europa" wurde von der großen Mehrheit der Teilnehmer und Referenten als ein "idée fausse" abglehnt.

In Kürze soll die von Gloria TV aufgenommene Veranstaltung auf YouTube gebracht werden.


Österreich ist auch am Scheideweg!

Die einzige produzierende Wirtschaft in Europa ist in Deutschland. Alle andere machen ihre Gelder an Finanzmaerkten. In Zukunft werden nur die jenigen überleben, die produzieren können. Daher müsste sich Österreich jetzt entscheiden, ob es pleite gehen oder sich Deutschland anschliessen möchte!

Re: Österreich ist auch am Scheideweg!

Najo, die BRD erwirtschaftet auch nur noch einen geringen Teil im produzierenden Gewerbe, während der Großteil des BIP im Dienstleistungssektor entsteht.

Seperatismus

Selbstbestimmende und souveräne, freie Völker sind in der geplanten und zum Teil schon verwirklichten EUdSSR nicht vorgesehen. Diktatorische, demokratisch nicht legitimierte Institutionen sind damit einmal nicht vereinbar.

Re: Seperatismus

Tja, ich halte es auch für möglich, dass die EU zu dramatischeren Mitteln greifen könnte, wenn sich die abspaltenden Regionen gegen die EU entscheiden sollten. Aber die EU ist ja alternativlos. ;)

Gast: Bilderbergers Albtraum
20.10.2012 08:04
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Bürgerkrieg

Nun Herr Ultsch, ich hoffe die Mitglieder des Politbüros für die Einhaltung und Überwachung des Fünfjahresplanes in der EUDSSR teilen ihre Auffassung über das Selbstbestimmungsrecht.

Wenn nicht, befindet sich dieser Kontinent rascher in einem Bürgerkrieg als uns lieb ist, oder wir das Wort "Friedensnobelpreis" aussprechen können.

Gast: Xiongerl
20.10.2012 00:39
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Sind das Nationalisten?

Oder einfach nur Menschen die sich selber verwalten wollen? Da mögen viele kulturelle Eigenheiten als Basis herangezogen werden, aber es geht in Wahrheit um Selbstverwaltung. Man kann sich auch hinterfragen, warum Österreich so unnötig föderal verwaltet ist, wie es ist. Man kann sich auch fragen, warum Niederösterreich und Andalusien so schwer verschuldet sind. Das passiert nur, wenn man sich nicht wirklich selber verwaltet und die Demokratie nicht richtig funktioniert.

Re: Sind das Nationalisten?

Ja, in der Regel sind es Nationalisten. Denn es geht ihnen nicht darum sich möglichst regional zu verwalten - das wäre der leider immer noch zu wenig beachtete Grundsatz der Subsidiarität - sondern sie wollen die Grenzen nach ethnischen Kriterien ziehen. Und wenn man einen eigenen Staat für eine Ethnie haben will, dann ist das eben per definitionem Nationalismus.
Ein wenig anders sieht die Sache etwa bei Norditalien (ausg. Südtirol) aus, wo es meines Wissens kaum ethnische Argumente gibt.

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