19.05.2013 10:16 Merkliste 0

Europas nicht erwiderte Liebe zu Barack Obama

FRANZ SCHELLHORN (Die Presse)

Dem US-Präsidenten wird in Europa alles verziehen. Vor allem von Journalisten, die ihre Zuneigung zu Obama offen zur Schau tragen. Das hat sich Obama nicht verdient.

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Es ist völlig egal, wen man in Europa fragt. Ob Gewerkschafter, Industrieller, Politiker, Wissenschaftler, Krankenschwester, Lobbyist, Kleinunternehmer, Banker, Arzt, Steuerberater, Architekt oder Kunstschaffender: Sie alle würden am 6. November von Herzen Barack Obama wählen, wenn man sie nur ließe. Der amtierende US-Präsident gilt als „einer von uns“. Ein Mann, der europäisch denkt, die staatliche Umverteilung propagiert, um so die hässlichen Falten der sozialen Ungerechtigkeit auszubügeln. Ein Politiker, dessen gesellschaftspolitische Positionen weitaus sympathischer sind als jene seines Widersachers.

Einer, der nicht peinlich ist, sondern mitreißende Reden hält, Charisma hat und überhaupt ziemlich cool rüberkommt. Barack Obama für einen tollen Burschen zu halten ist mittlerweile so riskant, wie Helmut Schmidt gut zu finden. Diesen „Bescheidenheitsprotz“ und an „Geschwätz-Diarrhoe leidenden Ersatz-Hindenburg“ wie der deutsche Feuilletonist Fritz J. Raddatz jüngst in einem Interview mit der „FAZ“ so treffend sagte.

Wer hingegen Präferenzen für Mitt Romney erkennen lässt, steht im Verdacht, einen von Finanzhaien und hinterwäldlerischen Waffennarren gesteuerten Religionskranken im Weißen Haus sehen zu wollen. Schön, wie einfach die Dinge hin und wieder liegen können.

Darüber freut sich auch das Gros der hauptamtlichen Berichterstatter. In Europa wird die zahlende Kundschaft kaum mit kritischen Berichten versorgt, die der Frage nachgingen, warum aus den vielen Wahlversprechen so wenig geworden ist. Wie aus dem Rückzug aus Afghanistan eine massive Aufstockung des Truppeneinsatzes werden konnte, wieso das Gefangenenlager in Guantánamo noch immer in Betrieb ist und was aus dem harten Vorgehen gegen die Wall Street wurde. Kaum ein Wort darüber, dass selbst wohlwollende Beobachter aus den USA in Obama mittlerweile einen besserwisserischen Zauderer sehen, dem es an Verhandlungsgeschick fehlt. Fast so, als wären derartige Fragen unanständig oder deren bloßes Stellen schon ein heimtückischer Verrat an der „guten Sache“.

Stattdessen werden alberne Thesen serviert. Etwa jene, dass Barack Obama einfach nur zu gut für die Macht sei. Ein Mann, der zu wenig entschlossen gegen seine Gegner vorgehe, weil er sie unterschätzt habe. Dass nicht Obama seine Widersacher unter-, sondern dessen Bewunderer ihn heillos überschätzt haben, gilt hingegen als denkunmöglich.

Hervorragend im Rennen liegt auch die These, dass Obama vom „Erbe“ seines Vorgängers erdrückt wird. Auch wenn das ökonomische und außenpolitische Desaster der Bush-Ära außer Zweifel steht, dürfte es doch einer Erwähnung wert sein, dass es der Demokrat Bill Clinton war, der die Vergabe von Krediten an mittellose US-Bürger für den Ankauf von Eigenheimen forcierte. Derselbe Clinton, der 1999 den „Glass-Steagall Act“ außer Kraft setzte. Ein Gesetz, das Zusammenschlüsse von Investmentbanken und traditionellen Kredithäusern untersagte, damit die spekulierenden Teile „im Fall des Falles“ nicht auf Einlagen der Sparer zugreifen konnten. Deshalb ist es über Jahrzehnte hinweg zu keiner „Kernschmelze“ im Finanzgeschäft gekommen.


Bemerkenswert an der Zuneigung Europas zu Barack Obama ist nicht nur, dass sie eine bedingungslose, sondern auch eine sehr einseitige ist. Der US-Präsident hat für Europa nämlich herzlich wenig übrig. Abgesehen von jeder Menge Belehrungen für Europas Politiker, wie sie ihre Länder wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen hätten. Zum Beispiel, indem sie den Kontinent mit frisch bedrucktem Papier überschwemmen, um so die Konjunktur wieder ankurbeln zu können.

Eine Strategie übrigens, mit der Barack Obama seine Heimat an die Wand fährt. Was sich nicht zuletzt daran ablesen lässt, dass die Neuverschuldung des vergangenen Jahres zu 77 Prozent mit frisch bedruckten Scheinen aus der US-Notenpresse bezahlt wurde. Mit Geld also, das weder erwirtschaftet noch geliehen, sondern einfach erfunden wurde.

Wie der Außenpolitik-Chef dieser Zeitung, Christian Ultsch, vor einer Woche an derselben Stelle meinte, könnte also der ökonomisch versierte Mitt Romney die bessere Wahl für die USA sein. Wenn auch im Vergleich zu Barack Obama die weniger sympathische.

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)

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68 Kommentare
 
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Fundamentalismus

Hr. Schellhorn Sie sind ein fundamentalistischer
Marktliberaler. Das ist der Grund warum Sie
Romney bevorzugen.

Antworten Gast: öde phraseologie
04.11.2012 14:36
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Re: Fundamentalismus

ist obama etwas gegen den internationalen freihandel (=sklavenarbeit aus asien und afrika, industriearbeit wandert auf nimmerwiedersehen dorthin, internationale konzerne, die überall zugang wollen, aber nirgends steuern zahlen) zu betreiben?

Re: Fundamentalismus

das ist aber auch ein hervorragender grund

Re: Re: Fundamentalismus

Danke übrigens für Ihren Beistand gegen den P.Salmisten ;-)

Aber im Grunde sollte man sich mit derartigen Postern auf keine Diskussionen einlassen. Völlig sinnlos. Und schade um die Zeit.

Gast: IO
04.11.2012 09:14
2 2

Den Hautfarbenbonus gibts nur in Europa

In den USA zählt Leistung.
Und da schauts für Obama nicht gut aus obwohl ich fix mit seiner Wiederwahl rechne.

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Klar

Im europäischen Verständnis gilt Obama als links, daher automatisch gut, und Romney als Gegenteil. Die Meinungsmacher in Europa (Medien) sind überwiegend links ausgerichtet, daher ist die beispiellos einseitige Sicht und Berichterstattung ganz leicht verständlich. Musterbeispiel wie immer der ORF, der seine Einseitgkeit im Inland zumindest versucht, zu überdecken. Im Ausland gibt es da allerdings keine hemmungen, das lassen die Berichte nichts an (linker) Einseitigkeit zu wünschen übrig.Warten wir auf den 7.11.

Gast: justerix
03.11.2012 22:30
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obama - das kleinere Übel?

Vielleicht haben die Europäer nur Angst, dass Romney sich wie G.W. Bush aufführt und wieder
irgendwo einen Krieg beginnt, um die "Landkarte
des Nahen 0stens neu zu zeichnen" wie es die Neocons gerne gehabt hätten.

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Interessanter Artikel but biased...

Sicher, ohne brummende Wirtschaft kann man kein Soziales Netz knüpfen. Und Romney wird zu Unrecht zum Buhman einer Art Raubtierkapitalismus gemacht, denn zu wirtschaften ist per se nichts Schlechtes. Was mir an diesem Kommentar überhaupt nicht gefällt, dass er die Leistungen Obamas kleinredet bzw. überhaupt vegisst, dass jede Zeit auch seinen Präsidenten braucht. So haben die USA seit Obama wieder jene Soft Power im internationalen Miteinander entwickeln können, der es den dumpfbackigen Realo-Vorgängern komplett gefehlt hatte; was wiederum auch gut für die Wirtschaft wäre, da ein besseres Klima im Konzert der Staaten miteinander auch leichter wirtschaften lässt. Dass die USA wirtschaftspolitisch anders als Europa tickt, das dürfte Herrn Schellhorn wohl zu wenig bewusst sein; kurz- bis mittelfristig, kontrolliert höhere Inflationsraten für die Stabilisierung der Produktion und des Finanzsektors sind aus historischen Gründen für US-Amerikaner weniger ein Problem, als für die noch von den Zeiten der Hyperinflation von Albträumen geplagten Europäer... Schellhorns Kommentar redet Obamas Leistungen zu klein, eine zweite Amtszeit wäre für das Klima in der internationalen Staatengemeinschaft, aber auch für die US-Amerikanische Gesellschaft in puncto sozialer Ausgleich und bessere Einkommensgerchtigkeit enorm wichtig. Danach ist ja durchaus wieder Zeit für einen wirtschaftslastigeren Präsidenten...

enorm wichtig

Antworten Gast: Mr. Ho
04.11.2012 12:43
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Re: Interessanter Artikel but biased...

Das haben Kommentare halt so an sich, dass sie "biased" sind...

ich mag keine wunderfuzzis, die alles können.

denn sie entpuppen sich mit sicherheit früher oder später als versager.

die sympathie, die viele europäer für obama hegen, (klar ein schellhorn nicht, denn ein schellhorn allein ist ja um vieles, vieles schlauer, als die vielen anderen zusammen!), liegt im prinzip: er ist das KLEINERE ÜBEL.
wenn man schon eine krot wie das nach wie vor dominierende amerika fressen muss, dann eben lieber die nicht ganz so ekelhafte!

im übrigen wundert es mich, dass ein angeblicher wirtschaftsjournalist wie schellhorn über alle möglichen dinge herumfaselt, von denen er von berufs wegen wenig/keine ahnung hat, aber die wirtschaftsentwicklung der obama-jahre nicht mal am rande erwähnt:
die ist nämlich eindrucksvoll. der dow jones lag bei seiner amtsübernahme bei ca 6500. heute bei ~13.000. also eine verdoppelung in knapp 4 jahren!
(dass unternehmenswerte und auswirkung auf die bevölkerung nicht hand in hand gehen, ist leider eine andere geschichte: dazu müsste ein teil dieser wertsteigerung nämlich umgeleitet werden. doch das wäre für einen schellhorn bereits sozialismus und für viele amerikaner kommunismus pur....)

Antworten Gast: sie träumen
03.11.2012 17:41
2 0

Re: ich mag keine wunderfuzzis, die alles können.

was hat der manipulierte börsenwert mit tatsächlichen unternehmenswerten zu tun? mit der realität hat das schon lange nichts mehr zu tun, wenn man wie gestern virtuell ein viertel der weltjahressilberproduktion (ungleich physischen silber im eigenen besitz) auf den markt wirft um, den silberpreis unten zu halten, finanziert mit virtuellen geld.

50 millionen foods stamps, tatsächliche arbeitslosenquote bei 23%, das land deindustrialisiert (bis auf rüstungsindustrie), 16 billionen schulden, fed kauft staatsanleihen der us treasury, dollar auf nahezu 1% seiner kaufkraft von 1913 reduziert...

Gast: ZH
03.11.2012 15:39
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economist

übrigens "the economist" für obama, was im hinblick auf die eigentümerschaft aussagekräftig ist und manche verschwörungsheorie über die britische einflussnahme über die eigentümerschaft an der federal reserve bestätigt.

Gast: CJF
03.11.2012 15:32
4 1

guter leitartikel

man kann nur hoffen, dass barry soetero kein unheil mehr anrichten darf.

Gast: little_brother_is_watching_you_too!
03.11.2012 15:31
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dass mitt

romney kein heiliger ist, und darüber hinaus auch nur eine marionette derselben machtzentren ist wie obama, ist es doch geradezu bizarr, wie in europa obama aufgrund pathologischer ahnungslosigkeit der bürger wie ein popstar gefeiert wird. dabei ist er so ziemlich der schlimmste, denn die amis je hatten.


Re: schellhorns nicht erwiderte liebe zu todd akin & co

ich glaube, in der abtreibungsdebatte steht die selbstbestimmung über den eigenen körper dem schutz wehrlosen lebens gegenüber. ich persönlich finde diese frage wahnsinnig schwierig und immer schwieriger, je weiter die überlebenschancen von frühgeborenen steigen (ab 27. woche 90% - ende des 4. schwangerschaftsmonats).
ich finde die äusserungen von todd akin zeugen von wirklicher ignoranz und er hätte - wie die meisten führenden republikaner (auch mitt romney) gefordert haben - seine kandidatur zurückziehen sollen. im fall von mourdock sollte man aber differenzieren. nicht die vergewaltigungen seien gottgewollt, sondern das dadurch entstandene leben.
obama auf der anderen seite hat GEGEN das verbot von "teilgeburtsabtreibungen" und GEGEN den schutz von während der abtreibung lebend (!) geborenen babys im 2. und 3. schwangerschaftstrimester gestimmt hat. beides gilt in Ö strafrechtlich als mord!!!
ich bin dagegen, dass der staat einer frau vorschreibt, was sie mit ihrem körper machen darf, aber ab einer bestimmten grenze ist der staat auch für den schutz der kleinen menschen und ihrer rechte verantwortlich.
worte können zwar unsensibel, verletzend und dumm sein, gesetze aber haben direkte konsequenzen, wie z.b. babys, die zum sterben weggelegt werden. also, ob der amtsinhaber obama hier moralischer oberwasser hat, muss jeder selbst entscheiden.

Re: schellhorns nicht erwiderte liebe zu todd akin & co

das sind die leute die bei einem wahlsieg romneys an die macht kommen würden. wirklich merkwürdig, dass man da den amtsinhaber vorzieht...

Antworten Antworten Gast: Karl Jakob Dachs
04.11.2012 12:44
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Re: Re: schellhorns nicht erwiderte liebe zu todd akin & co

Steht doch eh ganz klar im ersten Absatz: "Ein Politiker, dessen gesellschaftspolitische Positionen weitaus sympathischer sind als jene seines Widersachers". So where is the problem?

Der Presse unerwiderte Liebe zu Mitt?

Ich würde es schon mal für eine alberne These halten, dass "alle" Obama für einen Politiker nach europäischer Art halten. Er hat in punkto Menschenrechten rein gar nichts verändert (keine Gerichtsverhandlungen über im Rahmen des war on terror begangenes Unrecht und evtl. Schadenersatz) und vertritt nach wie vor die US Interessen zu Lasten des Rests der Welt. Das wissen glaube ich inzwischen auch die meisten.

Aber dass dasselbe zum Quadrat samt einer völlig unklaren Wirtschaftspolitik (alles allen versprochen) die bessere Alternative wäre, ist zu bezweifeln.

Gast: Gastname12
03.11.2012 12:26
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Danke

Vielen Dank für diesen ausgezeichneten Artikel. Diese bedingungslose Pro-Obama-Stimmung in unseren Medien ist unerträglich.

Und die Menschen glauben denen auch blind. Kenne das aus meinen Bekanntenkreis...fragt man dann genauer nach, zeigt sich, dass sie von diesem Thema überhaupt keine Ahnung haben. Stattdessen machen sich die Leute über vermeindliche Versprecher und Verwechslungen Romneys lustig....die TV-Debatten hat sich aber niemand angeschaut.

Re: Danke

obama dagegen glaubt, in ö spricht man "austrian". obviously the smartest guy around! http://www.youtube.com/watch?v=Tr7zhnctF4c

Ist die Presse eine deutsche Zeitung?

Die Beispiele und die ansprochene Personen im Artikel stamman fast alle aus Deutschland!

Antworten Gast: Zitronenfalter
03.11.2012 13:39
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Re: Ist die Presse eine deutsche Zeitung?

Also das mit dem "Zu gut für die Macht" ist aus meinem Falter...Die Amerikaner haben ihn eben nicht verdient, ihren Barack Obama..

Re: Ist die Presse eine deutsche Zeitung?

Naja, vom "österreichischen Obama", wie es der Fellner in seinem Schmierblatt brachte, ist halt wenig übergeblieben. Und auch die sonstigen Figuren im ö. Parlament haben kein ausreichend großes Format um als Vergleich herangezogen werden zu können.

Re: Ist die Presse eine deutsche Zeitung?

na und??

Re: Re: Ist die Presse eine deutsche Zeitung?

Sei nicht sofort beleidigt. Ich möchte nur wissen, mit wem ich zu tun habe!

 
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