Man darf sich doch nicht erwischen lassen

Die Causa Petraeus wird mit Scheinheiligkeit und Häme verfolgt. Sie offenbart vor allem: Gegen eine böse Verführerin hat sogar ein Geheimdienstchef keine Chance.

Niemanden sieht man lieber scheitern als den Untadeligen. Und nichts sieht man lieber zerbröckeln als die heile Fassade einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der Fall des ehemaligen CIA-Chefs David Petraeus bedient das Bedürfnis nach Häme, nach Unterhaltung, nach Indiskretion. Es geht aber nicht nur um Sex, Eifersucht und Verrat auf höchsten Ebenen von Geheimdienst und Militär, der Fall zieht weitere Kreise, als es der ursprüngliche, relativ banale Tatbestand – zwei jeweils anderweitig verheiratete Menschen haben eine Affäre – hat erahnen lassen.

Welche Auswirkungen hätte ein Aufdecken des Skandals vor der US-Wahl gehabt? Und welchen Einblick hatte die Geliebte in geheimdienstliche Informationen, in militärische Geheimnisse? Was wusste sie über den Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi, bei dem vier US-Bürger starben? Wie groß war das Sicherheitsrisiko tatsächlich? Und: Warum trat Petraeus tatsächlich zurück, was wird vertuscht?

Während die US-Behörden an der Aufklärung dieser Fragen arbeiten, finden medial Ermittlungen ganz anderer Art statt, die in eine klare Richtung zu laufen scheinen: in die der totalen Demontage der Geliebten Paula Broadwell. Als karrierebesessen, eitel, rachsüchtig wird die Elitesoldatin und Petraeus-Biografin nun bezeichnet. Eine Verführerin, die ihr wahres Wesen hinter der Fassade einer fürsorglichen Mutter und Ehefrau versteckte, die sich als „Traumnachbarin“ gab, gern grillte und zu Halloween einen Sack Süßigkeiten für die Nachbarskinder bereithielt. Auf der Einfahrt zu dem Einfamilienhaus, aus dem ihre Familie vor Reportern geflüchtet ist, findet sich wie zum Hohn ein Relikt aus besseren Tagen: „Dad loves mom“ hat da jemand auf den Boden gesprüht. Tiefer kann man nicht stürzen.

Die Rollen werden ganz klar verteilt: Umgarnt und verführt strauchelte der unfehlbare General. Es fehlte noch, dass jemand die Bibel bemühte: Immerhin reichte doch Eva Adam den Apfel.

Der gefallene CIA-Chef ist längst zum armen Sünder geworden: Er sei am Boden zerstört, heißt es. Und er sei entsetzt gewesen, als er von den E-Mail-Attacken der Geliebten erfahren habe. Da hatte er allerdings schon lange die Kontrolle verloren.

Es ist der Kontrollverlust, der den Kern des Falls Petraeus darstellt, nicht die Tatsache des Ehebruchs. In einem Land, in dem die eheliche Treue als Voraussetzung für eine politische Karriere gilt, darf man sich nicht bei einem Seitensprung erwischen lassen. Wenn die moralische Rüstung nicht intakt ist, wird man angreifbar, verwundbar. Erpressbar.

Wäre dies auch in Frankreich so passiert? In einem Land, in dem es kaum jemanden zu stören scheint, wenn beim Begräbnis des Altpräsidenten neben der Ehefrau auch die langjährige Geliebte trauert? In Deutschland, in Österreich? Wann wird man hierzulande eigentlich zum Sicherheitsrisiko?

David Petraeus galt als genialer Stratege, als gefeierter Vordenker. Nur seine linken Kritiker schmähten ihn wegen seiner Rolle im Irak-Krieg in Abwandlung seines Namens als „General betray us“. Dass ausgerechnet er einen sogenannten „toten Briefkasten“ für den E-Mail-Verkehr mit seiner Geliebten eingerichtet hat, wie ihn auch Terroristen des al-Qaida-Netzwerks für ihre Kommunikation benützen, bestürzt die Öffentlichkeit. Dass hochdekorierte Generäle überhaupt wie Teenager zehntausende private E-Mails verschicken, noch mehr. Gerade in Zeiten, in denen angesichts moderner Kommunikation nichts mehr privat zu sein scheint, wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit unüberwindbar hoch.

Nach dem US-militärischen Kodex ist Ehebruch in Uniform seit 1775 strafbar. Grund dafür war hauptsächlich, Soldaten, die fern der Heimat im Einsatz waren, vor Kameraden zu schützen, die daheim den einsamen Ehefrauen nachstellen könnten. Gleichzeitig wurde von – verheirateten – Soldaten aber kein zölibatäres Leben erwartet: Prostituierte galten als normale Begleiterscheinung marschierender Heere. Später schossen für diese Bedürfnisse Bordelle aus dem Boden. Ehebruch ist nicht gleich Ehebruch, wenn die Fassade gewahrt wird. Das nennt man dann Moral.

 

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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