Man darf sich doch nicht erwischen lassen

FRIEDERIKE LEIBL (Die Presse)

Die Causa Petraeus wird mit Scheinheiligkeit und Häme verfolgt. Sie offenbart vor allem: Gegen eine böse Verführerin hat sogar ein Geheimdienstchef keine Chance.

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Niemanden sieht man lieber scheitern als den Untadeligen. Und nichts sieht man lieber zerbröckeln als die heile Fassade einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der Fall des ehemaligen CIA-Chefs David Petraeus bedient das Bedürfnis nach Häme, nach Unterhaltung, nach Indiskretion. Es geht aber nicht nur um Sex, Eifersucht und Verrat auf höchsten Ebenen von Geheimdienst und Militär, der Fall zieht weitere Kreise, als es der ursprüngliche, relativ banale Tatbestand – zwei jeweils anderweitig verheiratete Menschen haben eine Affäre – hat erahnen lassen.

Welche Auswirkungen hätte ein Aufdecken des Skandals vor der US-Wahl gehabt? Und welchen Einblick hatte die Geliebte in geheimdienstliche Informationen, in militärische Geheimnisse? Was wusste sie über den Anschlag auf das US-Konsulat in Bengasi, bei dem vier US-Bürger starben? Wie groß war das Sicherheitsrisiko tatsächlich? Und: Warum trat Petraeus tatsächlich zurück, was wird vertuscht?

Während die US-Behörden an der Aufklärung dieser Fragen arbeiten, finden medial Ermittlungen ganz anderer Art statt, die in eine klare Richtung zu laufen scheinen: in die der totalen Demontage der Geliebten Paula Broadwell. Als karrierebesessen, eitel, rachsüchtig wird die Elitesoldatin und Petraeus-Biografin nun bezeichnet. Eine Verführerin, die ihr wahres Wesen hinter der Fassade einer fürsorglichen Mutter und Ehefrau versteckte, die sich als „Traumnachbarin“ gab, gern grillte und zu Halloween einen Sack Süßigkeiten für die Nachbarskinder bereithielt. Auf der Einfahrt zu dem Einfamilienhaus, aus dem ihre Familie vor Reportern geflüchtet ist, findet sich wie zum Hohn ein Relikt aus besseren Tagen: „Dad loves mom“ hat da jemand auf den Boden gesprüht. Tiefer kann man nicht stürzen.

Die Rollen werden ganz klar verteilt: Umgarnt und verführt strauchelte der unfehlbare General. Es fehlte noch, dass jemand die Bibel bemühte: Immerhin reichte doch Eva Adam den Apfel.

Der gefallene CIA-Chef ist längst zum armen Sünder geworden: Er sei am Boden zerstört, heißt es. Und er sei entsetzt gewesen, als er von den E-Mail-Attacken der Geliebten erfahren habe. Da hatte er allerdings schon lange die Kontrolle verloren.

Es ist der Kontrollverlust, der den Kern des Falls Petraeus darstellt, nicht die Tatsache des Ehebruchs. In einem Land, in dem die eheliche Treue als Voraussetzung für eine politische Karriere gilt, darf man sich nicht bei einem Seitensprung erwischen lassen. Wenn die moralische Rüstung nicht intakt ist, wird man angreifbar, verwundbar. Erpressbar.

Wäre dies auch in Frankreich so passiert? In einem Land, in dem es kaum jemanden zu stören scheint, wenn beim Begräbnis des Altpräsidenten neben der Ehefrau auch die langjährige Geliebte trauert? In Deutschland, in Österreich? Wann wird man hierzulande eigentlich zum Sicherheitsrisiko?

David Petraeus galt als genialer Stratege, als gefeierter Vordenker. Nur seine linken Kritiker schmähten ihn wegen seiner Rolle im Irak-Krieg in Abwandlung seines Namens als „General betray us“. Dass ausgerechnet er einen sogenannten „toten Briefkasten“ für den E-Mail-Verkehr mit seiner Geliebten eingerichtet hat, wie ihn auch Terroristen des al-Qaida-Netzwerks für ihre Kommunikation benützen, bestürzt die Öffentlichkeit. Dass hochdekorierte Generäle überhaupt wie Teenager zehntausende private E-Mails verschicken, noch mehr. Gerade in Zeiten, in denen angesichts moderner Kommunikation nichts mehr privat zu sein scheint, wird die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit unüberwindbar hoch.

Nach dem US-militärischen Kodex ist Ehebruch in Uniform seit 1775 strafbar. Grund dafür war hauptsächlich, Soldaten, die fern der Heimat im Einsatz waren, vor Kameraden zu schützen, die daheim den einsamen Ehefrauen nachstellen könnten. Gleichzeitig wurde von – verheirateten – Soldaten aber kein zölibatäres Leben erwartet: Prostituierte galten als normale Begleiterscheinung marschierender Heere. Später schossen für diese Bedürfnisse Bordelle aus dem Boden. Ehebruch ist nicht gleich Ehebruch, wenn die Fassade gewahrt wird. Das nennt man dann Moral.

 

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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13 Kommentare

Causa petraeus

Nestroy hätte seine Freude gehabt und Stoff für eine neue Posse...
Da schreibt ein Geheimdiestler gar nicht geheime mails (damals Briefe) an seine Geliebte weil sein Gehirn im Hormonrausch ertrunken ist.
Wer weiß was er im "Ernstfall" noch alles getan hätte, dort in der weiten Welt....

Die armen Männer!

Wir sie sind das "starke Geschlecht" und trotzdem werden so viele von uns immer gegen ihren Willen zum Sex verführt!
Oder wollen viele "es" doch? Dann werden sie aber nicht verführt, sondern ergreifen die Gelegenheit!
So kann man den Artikel auch lesen!
Mir ist es übrigens Zeit meines Lebens immer gelungen, das Treueversprechen einer Frau gegenüber zu halten! Ich bin aber auch kein Kriegsheld und auch kein erfolgreicher Politiker.
Daher sehe ich "Ehre" auch anders an: Wort halten und nicht den Gelegenheiten "erliegen".


Verehrte Frau Leibl,

Ihr Versuch , die Sache so abzudrehen, ehrt Sie nicht. Sehen Sie sich ein wenig um, hierzulande
genügt, Sie werden eine ganze Reihe von Unterleibsakrobatinen finden, die es genau auf diesem Weg weit gebracht haben.

Re: Verehrte Frau Leibl,

Das ist doch der Punkt. Hierzulande interessiert das keine Medien. Die filtern solche Skandale raus.
Hier hat in der breiten Öffentlichkeit kaum einer bemerkt, daß der Vizekanzler nicht wegen Lungenembolie sondern wegen Herzinfarkt beim Seitensprung zurückgetreten ist.
In den USA wäre das das gefundene Fressen für die Medien.

man könnte differenzieren

Wenn jemand trotz des offensichtlichen Geheimhaltungsbedürfnissses (siehe Email-Tricks zur Verschleierung) Hatemails an reale oder eingebildete Nebenbuhlerinnen schickt, dann ist/hat diese Person schon ein ordentliches Problem.

Und wenn jemand eine offene Beziehung führt (oder offen schwul ist) so ist das mE seine Privatsache und für Militär und CIA unerheblich. Aber wenn er eine völlig andere Fassade vorgibt, dann bedeutet das, dass er große Angst vor der Konfrontation und/oder dem Schmerz für die Angehörigen hat. Und damit ist er hoch erpressbar. Denn ist die Antwort auf die Alternative "ich erzähle deiner nichtsahnenden Familie, dass du sie seit 2 Jahren betrügst oder tu mir eine kleine Gefälligkeit" wirklich so eindeutig staatstragend?

Re: man könnte differenzieren

Erstens ist er erpressbar und zweitens ist jede intime Beziehung eine Sicherheitslücke.

Das ist lediglich eine Variante des Falls Kachelmann. Verschmähte Frau rächt sich. Ist schon in der Bibel nachzulesen.

das nennt man Ansehen und Wirksamkeit

für MCM Art. 34, §62 (http://www.loc.gov/rr/frd/Military_Law/pdf/MCM-2012.pdf) ist auch der Nachweis erforderlich, daß das Verhalten dem Ansehen des Militärs schadet oder die Moral der Truppe untergräbt oder Bundeseigentum zweckwidrig verwendet. Dadurch ist Ehebruch umso weniger strafbar, je mehr er geheimgehalten wurde und je niedriger der Rang des Ehebrechers ist. In der Praxis passiert dem gewöhnlichen Soldaten nichts, wenn nicht noch andere Delikte hinzukommen.

Außerdem obliegt es der Ermessenfreiheit des kommandieren Offiziers, ob er das Delikt vor ein Militärtribunal bringt. Hier wäre das also der Präsident selbst, der völlig frei entscheiden kann. Er hat sich offenbar dafür entschieden, um den Rücktritt des Offiziers zu bitten, aber Automatismus gibt es da keinen.

Bestraft wird jedenfalls nicht die Moral, sondern die schädliche Wirkung auf das Militär.

Kein Problem

"Nach dem US-militärischen Kodex ist Ehebruch in Uniform seit 1775 strafbar". Er wird ja beim Akt die Uniform ausgezogen haben, schon wegen der strafrechtlichen Konsequenzen

einem rational denkenden hirn wird bei der lektuere

dieses artikels geistig schlecht wie nach verzehr von speckbrot mit kakau auf der achterbahn. jeder neue satz eine neue unbelegbare behauptung, dutzende gedanken wirr zusammengeflickt - kulturwissenschaftlerIn ?

Liebe Frau Leibl:

Wenn Frau sich eine Karriere ervögeln will, dann kann sie nicht gleichzeitig das arme Opfer sein. Das kauft Ihnen einfach niemand ab.

Re: Liebe Frau Leibl:

Ja, es ist unstimmig. Woher hat die Dame überhaupt die Information, dass Madam B. als Verführerin und Opfer dargestellt wird?
Um einfach ein Gschichtl zu schreiben, wie ungerecht doch die Welt mit Frauen umgeht?

Sie haben Recht!

Petraeus war schon immer eine Schurke! Er hat dies bereits im Irak und Afganistan bewiesen!

Schwamm drüber !


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