Leitartikel: Etwas zu intim

Eine Fibel zur sexuellen und gesellschaftspolitischen Aufklärung sorgt bei Eltern und Teilen der Politik für Aufregung - teils zu Recht, teils zu Unrecht.

Etwas intim
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Vergangene Woche haben wir es endlich wieder einmal geschafft: Auch internationale Medien nahmen Notiz vom wichtigsten Kleinstaat der Welt. Grund dafür war die Debatte um eine Sexbroschüre für Sechs- bis Zwölfjährige, die Lehrer (und eben auch Eltern) bekommen (haben).

Die Diskussion lief wie folgt: Eltern beschwerten sich über die Fibel „Ganz schön intim“, in der detailliert über Sexualität informiert wird. Darin würde die gute alte Familie nur abfällig zwischen Homoehe und Transgender erwähnt und würden die Kinder zur Selbstbefriedigung angeleitet. ÖVP, FPÖ und BZÖ stellten sich auf die Seite der Kritiker, Grüne, SPÖ und natürlich das Gros der Bildungsexperten hielten dagegen. Nur die Lehrergewerkschaft blieb zurückhaltend, aber vermutlich tagten die Gremien, um die Abgeltung für die Mehrarbeit zu verhandeln.

Eine Debatte wurde ausgelassen: Warum muss eigentlich ständig die Schule, also die Ausbildungsstätte von Mama Staat, Kinder in allen Lebensbereichen formen und erziehen? Kann es nicht die Aufgabe von Eltern sein aufzuklären oder zu vermitteln, was gut und was nicht gut ist?

Liest man die aufwendig produzierte und bemüht modern gestaltete Broschüre, wundert man sich auf vielen Seiten über die ganze Aufregung. Die Anleitung zur „Aufklärung“ klingt genauso künstlich, wie sie schon im Biologieunterricht vor Jahrzehnten war. Auch der Hinweis beim Thema Selbstbefriedigung verblüfft: „Bitte nicht in der Schule oder der U-Bahn vollziehen!“ Danke, das musste einmal geschrieben werden.

Dass seitenweise über Transgender informiert wird, passt ins Bild: Betont fortschrittlich darf keine auch noch so kleine Gruppe ausgelassen werden, immerhin produzieren hier Bildungsexperten für Bildungsexperten. Genau dieser Punkt empört die Kritiker, die von der Gegenseite als verstockte, konservative Gegner von berufstätigen Frauen und Sex vor der Sponsion diffamiert werden. (Werner Amon und die FPÖ wirken nicht gerade wie die besten Anwälte einer zeitgemäßen Gesellschaftspolitik.)

In der Fibel heißt es wörtlich gedrechselt: „In jeder Klasse sitzen Kinder, die in unterschiedlichsten Lebensformen verortet sind. Trotz vieler Bearbeitungen von Schulbüchern und sonstigen Medien, die auf die Diversitäten junger Menschen reagieren, hält sich das Bild der klassischen Mutter-Vater-Kind-Familie als erstrebenswertes Ideal hartnäckig...“ Bearbeitungen? Hartnäckig? Das klingt schon ein bisschen so, als würden die Autoren da bekennen: Wir haben mit der Umerziehung begonnen, noch ist sie wegen der dummen Ideale nicht gelungen, daher jetzt mit neuer Kraft und Fibel: Weg mit diesem sinnlosen Bild.

Logischerweise führen dazu zwei Wege: den anderen „Lebensformen“ breiten Raum geben und als wünschenswert darstellen. (Wie geht das eigentlich? „Gründet eine Patchwork-Familie, wenn das nicht funktioniert, könnt ihr immer noch das langweilige Spießerfamilienmodell wählen.“) Variante zwei ist es, das alte Modell zu diffamieren. Dass dies Kritik all jener hervorruft, die privat in diesem Modell leben, kämpfen und häufig scheitern, ist logisch. Und gut so.

rainer.nowak@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2012)

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