Worüber man reden muss, wenn Worte fehlen

Am Tag nach dem Amoklauf an einer Volksschule in den USA beginnt die Debatte über das Waffengesetz. Die Medien müssen sich aber auch über ihre Berichterstattung Gedanken machen.

Unsere Herzen sind gebrochen.“ Es war ein Moment, an den man sich erinnern wird: Barack Obama, wie er sich den Augenwinkel wischt. Bei Tragödien wie diesen neidet man den Amerikanern den Hang zur verbalen Emotion. Denn andere Worte als ganz große versagen hier. Nüchtern lässt sich der Mord an 26 Menschen, davon 20 Kinder, nicht beschreiben.

Und doch gibt es Dinge, die man nun nüchtern diskutieren muss. Es sind die erwartbaren – wobei: Dieses Mal ist es eine Spur anders. Das betrifft zunächst die schon im Gang befindliche Debatte über das für EU-Verhältnisse liberale Waffengesetz in den USA. Die Diskussion gab es zwar bis jetzt noch nach jedem „school shooting“ – aber ohne größere Konsequenzen. Doch so viele so junge Opfer wie jetzt gab es auch noch nie. Dazu kommt, dass sich Obama in seiner zweiten Amtszeit befindet: Er muss keine Wahl mehr gewinnen. Er könnte es wagen, sich mit der National Rifle Association anzulegen. Ob er es macht, bleibt dennoch fraglich. Waffen sind Teil der US-Alltagskultur und ihrer Idee von Freiheit. Jenen, die mit den Konsequenzen der leichten Zugänglichkeit von Waffen argumentieren – Motto: „Gelegenheit macht Mörder“ –, wird entgegengehalten, dass die „Guten“ bewaffnet sein müssen, um sich gegen die „Bösen“ zu wehren, die, legal oder nicht, bewaffnet sind.

Praktischerweise haben beide Seiten Studien über den (Nicht-)Zusammenhang von Waffengesetzen und solchen Verbrechen zur Hand. Was man nicht leugnen kann: Auch in Ländern mit strengen Gesetzen wie Deutschland gab es Amokläufe (dort existieren bereits Routinenotfallpläne an Schulen), aus der liberalen Schweiz hört man weniger. Österreichs Gesetz ist übrigens im Vergleich sehr streng – und das ist gut so.

Trotzdem betrifft die zweite Debatte, die sich auftut, auch uns. Es geht um die prinzipielle Frage, wie man medial mit solchen Ereignissen umgeht. Denn die mediale Aufarbeitung wird von den Tätern beklemmend klar antizipiert: Schon 1999 fand man in den Notizen eines der Schützen des Massakers an der Columbine Highschool sozusagen eine Vorabkorrektur: Alles ist meine Schuld. Nicht die meiner Eltern, .. . nicht die meiner Lieblingsbands, der Computerspiele ...Die Schuld liegt bei mir.“ Vom Täter von Newtown ist (noch) kein Abschiedsbrief bekannt, aber – intelligent, wie er trotz psychischer Krankheit angeblich war – wird er geahnt haben, was nun besprochen wird. Vielleicht – es ist auch nicht allzu schwierig – bis in die Details: dass es immer die auffällig unauffälligen jungen Mittelschichtmänner wie er sind. Die Chance, dass er darüber nachgedacht hat, ist jedenfalls groß. Laut Studien ist die Hälfte aller Amokläufer Nachahmungstäter. Oft findet die nächste Tat sogar binnen zehn Tagen nach den ersten Medienberichten statt. Potenzielle Täter können derzeit den Schock der Gesellschaft – multipliziert auf allen Kanälen –, das fieberhafte Interesse am Täter genau verfolgen. Sie sehen, wie sogar ein US-Präsident um Fassung ringt. In einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit die wertvollste Währung ist, ist das – pervertiert, aber trotzdem – eine Form von Macht.

Das Unbehagen der Medien über diesen Umstand ist überraschend neu. Es kam eigentlich erst mit der krassen Selbstinszenierung des Täters von Utøya und nach dem Amoklauf bei der US-Premiere des letzten Batman-Films auf. Auf Initiative der Angehörigen der Opfer, die wütend waren, weil alle bloß über den Täter sprachen, hielt man sich bei der Berichterstattung über diesen zurück. Doch eine „Nennt ihn nicht beim Namen“-Kampagne ist schwer durchzuhalten (diesmal sickerte sogar zuerst der falsche Name, der des Bruders des Täters, durch; gleichzeitig brachen auf Twitter Shitstorms gegen Leute mit dem gleichen Nachnamen aus). Und es ist verständlich: Man ist neugierig, will verstehen, gerade bei einem Thema, das so bewegend ist, wie es nur sein kann. Trotzdem ist das Ringen um die richtigen Grenzen wichtig. Und um die richtigen Worte. Nicht nur für US-Präsidenten. Für alle.



ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2012)

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