Die erste Nachricht ist unbestritten gut: Die Beschäftigung steigt in Österreich trotz Krise weiter. Zwischen Juli und September fanden zusätzlich 51.000 Menschen eine unselbstständige Arbeit, teilte die Statistik Austria in der Vorwoche mit. Die zweite Nachricht gibt da schon mehr Grund zum Streiten: Die meisten Arbeitsplätze – knapp 37.000 – waren Teilzeitjobs und wurden fast nur von Frauen aufgenommen. Während in den rund 15.000 neuen Vollzeitjobs nahezu ausschließlich Männer arbeiten.
Für die Gewerkschaft ist der Fall klar. Frauen würden in die Teilzeitarbeit gedrängt. Wer freiwillig auf Teilzeit umsteige, müsse daher das Recht bekommen, nach einer gewissen Zeit zur Vollzeit zurückzukehren, fordern die ÖGB-Frauen. Dabei dürfen sie auf die Unterstützung von SPÖ-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek zählen, die der Teilzeit den Kampf angesagt hat. Teilzeit, so die Ministerin, dränge die Frauen in eine Sackgasse, aus der es nur schwer ein Zurück gebe. Deshalb will sie sie aus der womöglich auch noch freiwillig gewählten Falle befreien.
Es stimmt: Seit einigen Jahren werden überwiegend Teilzeitstellen geschaffen. Das ist eine normale Entwicklung in einer Wirtschaftskrise. Wenn es mit der Wirtschaft wieder ernsthaft aufwärts geht, entstehen in der Regel auch wieder mehr Vollzeitjobs.
Es ist daher unlogisch, diese Entwicklung zu verurteilen – oder die Schuld allein den Unternehmen in die Schuhe zu schieben. Es gibt nämlich einige Indizien, dass die Zunahme an Teilzeitjobs vielen Menschen gar nicht so ungelegen kommt, weil sie ganz gern „atypisch“ beschäftigt sind. Und sich nicht als die Opfer sehen, als die sie gerne dargestellt werden. Das – eher linke, also unverdächtige – Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat erhoben, dass in Deutschland nur ein Fünftel der Teilzeitarbeiter lieber Vollzeit arbeiten möchte. In Österreich gar nur ein Achtel.
Ähnliche Daten liefert eine Studie, die das Sozialministerium in Auftrag gegeben hat. Sie untersuchte die Situation der geringfügig Beschäftigten in Österreich. Also Menschen, die keine 30 Euro am Tag verdienen. Trotzdem sagten 80 Prozent, sie würden ein „normales“ Arbeitsverhältnis nicht bevorzugen. Weil die meisten das Geld zur Pension, zum Studium oder zum Arbeitslosengeld dazuverdienen. Würden sie mehr arbeiten, fielen diese Transferleistungen weg.
Atypisch beschäftigt sind auch viele Ein-Personen-Unternehmen und die „neuen Selbstständigen“. Es gibt zwischen 240.000 und 320.000, je nach Definition. Viele von ihnen wollen nicht wachsen, sondern nur in Ruhe und ohne Chef ihrer Arbeit nachgehen. Obwohl die Hälfte der heimischen Selbstständigen weniger als 11.000 Euro im Jahr verdient, wollen immer mehr Österreicher so arbeiten. Und über die Hälfte der Gewerbetreibenden sind Ein-Personen-Firmen.
Manche Menschen verzichten eben gern auf Geld, um weniger zu arbeiten. Das zeigt auch der Boom der Bildungskarenz. Die Nachfrage hat sich in den Krisenjahren mehr als vervierfacht. Obwohl das Einkommen dabei auf rund 60 Prozent sinkt. Sogar das AMS, das eher schlechter Qualifizierte vermittelt, berichtet von einer Nachfrage nach Teilzeitjobs, die das Angebot deutlich übersteigt. Teilzeitarbeit ist ein Privileg der reichen Wohlfahrtsstaaten. Weniger arbeiten kann eben nur, wer es sich leisten kann.
Und das sind in Österreich einige. Wer Glück hat, reduziert seine Arbeitszeit um die Hälfte und verdient netto nur ein Drittel weniger. Und bekommt dafür viel „Qualitätszeit“, die er verwenden kann, wie er will: für ein Studium, die Familie oder zum Entspannen. Wer sein Einkommen mit Transferleistungen aufbessern kann, steigt überhaupt besser aus. Auch, weil in Österreich erst Einkommen ab 11.000 Euro (Bemessungsgrundlage) besteuert werden.
Es ist nicht die Aufgabe von Politik und Interessenvertretungen, Arbeitnehmern 40-Stunden-Jobs zu verordnen. Oder Firmen zu zwingen, mehr davon zu schaffen. Sie sollten sich besser darum kümmern, dass mehr Arbeit auch deutlich mehr Geld bringt. Der Staat kann Menschen nicht dazu zwingen, mehr zu arbeiten. Aber er kann dafür sorgen, dass sie es freiwillig tun.
E-Mails an: jeannine.hierlaender@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)















