19.06.2013 09:54 Merkliste 0

Leitartikel: Teilzeit als Sackgasse? Das gilt längst nicht für alle

JEANNINE HIERLÄNDER (Die Presse)

Viele Österreicher sind gern "atypisch" beschäftigt. Der Staat kann Menschen nicht zwingen, mehr zu arbeiten. Aber er kann dafür sorgen, dass sie es freiwillig tun.

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Die erste Nachricht ist unbestritten gut: Die Beschäftigung steigt in Österreich trotz Krise weiter. Zwischen Juli und September fanden zusätzlich 51.000 Menschen eine unselbstständige Arbeit, teilte die Statistik Austria in der Vorwoche mit. Die zweite Nachricht gibt da schon mehr Grund zum Streiten: Die meisten Arbeitsplätze – knapp 37.000 – waren Teilzeitjobs und wurden fast nur von Frauen aufgenommen. Während in den rund 15.000 neuen Vollzeitjobs nahezu ausschließlich Männer arbeiten.

Für die Gewerkschaft ist der Fall klar. Frauen würden in die Teilzeitarbeit gedrängt. Wer freiwillig auf Teilzeit umsteige, müsse daher das Recht bekommen, nach einer gewissen Zeit zur Vollzeit zurückzukehren, fordern die ÖGB-Frauen. Dabei dürfen sie auf die Unterstützung von SPÖ-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek zählen, die der Teilzeit den Kampf angesagt hat. Teilzeit, so die Ministerin, dränge die Frauen in eine Sackgasse, aus der es nur schwer ein Zurück gebe. Deshalb will sie sie aus der womöglich auch noch freiwillig gewählten Falle befreien.

Es stimmt: Seit einigen Jahren werden überwiegend Teilzeitstellen geschaffen. Das ist eine normale Entwicklung in einer Wirtschaftskrise. Wenn es mit der Wirtschaft wieder ernsthaft aufwärts geht, entstehen in der Regel auch wieder mehr Vollzeitjobs.

Es ist daher unlogisch, diese Entwicklung zu verurteilen – oder die Schuld allein den Unternehmen in die Schuhe zu schieben. Es gibt nämlich einige Indizien, dass die Zunahme an Teilzeitjobs vielen Menschen gar nicht so ungelegen kommt, weil sie ganz gern „atypisch“ beschäftigt sind. Und sich nicht als die Opfer sehen, als die sie gerne dargestellt werden. Das – eher linke, also unverdächtige – Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat erhoben, dass in Deutschland nur ein Fünftel der Teilzeitarbeiter lieber Vollzeit arbeiten möchte. In Österreich gar nur ein Achtel.

Ähnliche Daten liefert eine Studie, die das Sozialministerium in Auftrag gegeben hat. Sie untersuchte die Situation der geringfügig Beschäftigten in Österreich. Also Menschen, die keine 30 Euro am Tag verdienen. Trotzdem sagten 80 Prozent, sie würden ein „normales“ Arbeitsverhältnis nicht bevorzugen. Weil die meisten das Geld zur Pension, zum Studium oder zum Arbeitslosengeld dazuverdienen. Würden sie mehr arbeiten, fielen diese Transferleistungen weg.

Atypisch beschäftigt sind auch viele Ein-Personen-Unternehmen und die „neuen Selbstständigen“. Es gibt zwischen 240.000 und 320.000, je nach Definition. Viele von ihnen wollen nicht wachsen, sondern nur in Ruhe und ohne Chef ihrer Arbeit nachgehen. Obwohl die Hälfte der heimischen Selbstständigen weniger als 11.000 Euro im Jahr verdient, wollen immer mehr Österreicher so arbeiten. Und über die Hälfte der Gewerbetreibenden sind Ein-Personen-Firmen.


Manche Menschen verzichten eben gern auf Geld, um weniger zu arbeiten. Das zeigt auch der Boom der Bildungskarenz. Die Nachfrage hat sich in den Krisenjahren mehr als vervierfacht. Obwohl das Einkommen dabei auf rund 60 Prozent sinkt. Sogar das AMS, das eher schlechter Qualifizierte vermittelt, berichtet von einer Nachfrage nach Teilzeitjobs, die das Angebot deutlich übersteigt. Teilzeitarbeit ist ein Privileg der reichen Wohlfahrtsstaaten. Weniger arbeiten kann eben nur, wer es sich leisten kann.

Und das sind in Österreich einige. Wer Glück hat, reduziert seine Arbeitszeit um die Hälfte und verdient netto nur ein Drittel weniger. Und bekommt dafür viel „Qualitätszeit“, die er verwenden kann, wie er will: für ein Studium, die Familie oder zum Entspannen. Wer sein Einkommen mit Transferleistungen aufbessern kann, steigt überhaupt besser aus. Auch, weil in Österreich erst Einkommen ab 11.000 Euro (Bemessungsgrundlage) besteuert werden.

Es ist nicht die Aufgabe von Politik und Interessenvertretungen, Arbeitnehmern 40-Stunden-Jobs zu verordnen. Oder Firmen zu zwingen, mehr davon zu schaffen. Sie sollten sich besser darum kümmern, dass mehr Arbeit auch deutlich mehr Geld bringt. Der Staat kann Menschen nicht dazu zwingen, mehr zu arbeiten. Aber er kann dafür sorgen, dass sie es freiwillig tun.

 

E-Mails an: jeannine.hierlaender@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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19 Kommentare

der staat kann da gar nichts tun.

nur die einstellung der menschen zu (frei)zeit und wohlstand kann es.

derzeit hat derjenige die bewunderer auf seiner seite, der sich schon wieder ein neues auto mit allen erdenklichen extras gekauft hat.
und nicht derjenige, der nur eine alte rostlaube sein eigen nennt, doch dafür stundenlang in der sonne liegen kann, währenddessen der andere für sein auto hackeln muss.

wenn die werte sich gesellschaftlich ändern und zeit endlich zumindest den gleichen wert wie materielles hat, wird es sich um keine "sackgasse" handeln sondern um die straße in eine bessere zukunft!

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Präpotent sozialistisches Weltbild

Heinisch-Hosek vertritt das typisch präpotente linke Weltbild: die Partei weiß besser was für den Bürger gut ist als dieser selbst. Vielleicht will die Frau, die Teilzeit arbeitet, mehr mit ihren Kindern verbringen? - Aber auf so einen Gedanken kommt die Frau Minister nicht.

Bei Teilzeit die gleichen Sozialabgaben wie für Vollzeit einheben....

....und das Problem ist gelöst! Ich meine das im Ernst und verstehe nicht warum das noch nie diskutiert wurde. Schon klar, dass das für die Unternehmer etwas teurer wird - aber das ist der Preis für die verlangte Flexibilität der Mitarbeiter. Auch die Teilzeitkräfte haben dann etwas weniger Geld im Börserl - aber dafür eine Pension als ob sie Vollzeit gearbeitet hätten.

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Symptom "Verdrängung" verbunden mit "Hängematte"

Zum Teil muss ich unsere Frauenministerien unterstützen:
Viele Frauen, die sich in Teilzeitbeschäftigungen befinden sind sich nicht bewusst, was dies für ihre Pension bedeutet, wenn die Teilzeitbeschäftigung über einen längeren Zeitraum aufrecht bleibt.
Oder sie verlassen sich darauf, dass die Allgemeinheit sie dann mit Ausgleichszulagen etc. ohnehin auffängt.

Was meiner Ansicht nach viele andere der "atypisch" Beschäftigten auch machen.

Und auch jene, die ein Sabbatical-Jahr nehmen, wobei hier der Anteil der im Staats- oder staatsnahen Dienst Beschäftigten wahrscheinlich wesentlich größer ist als jener aus den für Österreich so wichtigen und in Wirklichkeit ECHTEN "staatstragenden" Unternehmen - den KMUs.

Ohnehin steht für viele heute das eigene Befinden wesentlich mehr im Vordergrund als jenes der Allgemeinheit.

Was geht uns auch die Allgemeinheit auch an!

Re: Symptom "Verdrängung" verbunden mit "Hängematte"

Vollzeit arbeiten bringt vielleicht ein bisschen mehr in der Pensionsbörse, dieser Betrag kann jedoch nie den Verlust an Lebensqualität und Gesundheit ersetzten, welche durch den Vollzeitjob verloren gehen können - ich weiß vovon ich spreche - eine ehemals alleinerziehend Vollzeitarbeitende, deren Erschöpfung immer größer wurde, bis der kleine Rest von Freizeit sinnlos wurde, weil man sich zu nichts mehr aufraffen kann wenn Job Haushalt und Familie "erledigt" sind. Heinisch -Hosek hat keine Ahnung wovon sie spricht wenn sie Frauen Vollzeit "verordnen" will.

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Re: Re: Symptom "Verdrängung" verbunden mit "Hängematte"

Ich bin grundsätzlich gegen Verordnung! Nur: was für Sie richtig war (und ist) ist für andere nicht richtig. Für die Politik stellt sich nur die Frage, ob die Entwicklung im Allgemeinen auch von der Gesellschaft getragen werden kann. Und die Zeiten ändern sich: irgendwann ist Familie nicht mehr gleich Familie, die Kinder werden erwachsen, ziehen aus und es bleibt wieder mehr Zeit. Ist dann die Frage, was jede Einzelne damit macht. Auch dies eine rein persönliche Entscheidung, soferne es dann nicht nötig ist, dass Ihnen die Allgemeinheit Ihre eigene, erarbeitete Pension bis zur Mindestpension aufzahlen muss. Denn dann haben Sie ein schönes Leben gehabt - auf Kosten aller anderen, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht die Möglichkeit dazu hatten.

Re: Re: Re: Symptom "Verdrängung" verbunden mit "Hängematte"

Keine Sorge ich hänge nicht in der Matte und lasse mich nicht versorgen. ich arbeite immer noch 35 Wochenstunden, die Kinder sind aus dem Haus. Was geblieben ist, sind Bandscheibenschäden, Verspannungen am ganzen Körper und Bluthochdruck trotz gesundem Leben und Sport. Einen Teil meines Einkommens gebe ich nun dafür aus, mir neben dem spärlichen Angebot durch die Kassen selbst bezahlte Kuraufenthalte und Psychotherapie zu leisten, um einigermassen meine Lebensqualität zu halten. Sie haben sicher recht mit der allgemeinen Betrachtungsweise, doch dem steht dem die rein persönliche Geschichte gegenüber, wie zu viel Belastung durchaus die Gesundheit zugrunde richten kann.

Gewerkschaft - Männer sind schuld.

Anders kann man den Satz, "Frauen würden in die Teilzeitarbeit gedrängt", nicht verstehen.
Dass Frauen aber absichtlich gerne nur Teilzeit arbeiten (davon kenne ich einige), weil sie eben mehr Freizeit haben wollen, mehr shoppen gehen wollen, etc., kommt den roten Gewerkschaftlern nicht in den Sinn.

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Arbeit & Leben

Es erkennen einfach immer mehr, dass Arbeit nicht alles ist. Denn Geld kommt und geht - notfalls kommt es vom AMS... - aber gelebte Zeit ist für immer verloren.

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dieser artikel

mir kommt das kotzen .....so viel verlogenheit unfaßbar

Gehts auch präziser?

Was bringt sie zum Kotzen? Ich z.B. habe einen Würge-Reflex wenn ich den Namen Heinisch-Hosek höre!

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frauen werden zumeist nicht in teilzeitarbeit gedrängt

viele unverheiratete frauen mit kindern machen das, um unter der zuverdienstgrenze zu bleiben, damit sie förderungen bekommen.
alimente zahlt in der regel sowieso der mann.

Re: frauen werden zumeist nicht in teilzeitarbeit gedrängt

Ja, das ist eben der gelebte Sozialismus. Einer der tausend kleinen Missstaende in der Demokratischen Republik Oesterreich (das hat schon einen Grund, warum unser Adler Hammer und Sichel fest umklammert).


frauen werden zumeist nicht in teilzeitarbeit gedrängt

viele unverheiratete frauen mit kindern machen das, um unter der zuverdienstgrenze zu bleiben, damit sie förderungen bekommen.
alimente zahlt in der regel sowieso der mann.

man

wird sehr wohl gezwungen - da es ein ungeschriebenes Gesetz des vollzeitjobs gibt.

die firmen bieten einfach keine teilzeit an - ausser für sekretärinnen und mütter.

das ist sowieso eine riesen Frechheit - männer werden hier benachteiligt.

der staat sorgt durch ams druck, dass jeder schön seinen vollzeitjob macht.

manche gehen dann halt den weg des Einzelkämpfers und machen sich selbstständig.

tatsache ist, dass kaum jemand mehr als 30 stunden arbeitet - der rest ist reine anwesenheitszeit und druck, damit man nicht zum nachdenken beginnt.

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das nenne ich eine verzerrte wahrnehmung

das kann nur von einer schwarzen kommen

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Viele Österreicher sind gern "atypisch" beschäftigt.

na sowas aber auch... Das wird unsere roten Emanzen von AK u. Gewerkschaft aber nicht freuen. Falls sie ´s kapieren...

Man sollte aber unterscheiden

zwischen Teilzeit ÜBER der Geringfügigkeitsgrenze und geringfügigem Arbeitsverhältnis, denn NUR Arbeitsverhältnisse mit Pflichtversicherung begründen einen Pensionsanspruch (mindestens 120 Monate Pflichtversicherung - d.h. 10 Jahre.) Die freiwillige Kranken- und Pensions-Versicherung bei geringfügigen Arbeitsverhältnissen kann keinen Pensionsanspruch begründen!

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vollkommen richtig!

bravo!

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