Leitartikel: Was noch gefehlt hat: Die Nazi-Keule für den Endkampf

OLIVER PINK (Die Presse)

Streitfall Wehrdienst: Es ließen sich viele Argumente gegen Zwang und Pflicht finden. Man müsste nicht gleich mit dem schwersten aller Geschütze auffahren.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Selbst hauptberuflichen Komikern bekommen Vergleiche, die sich auf den Nationalsozialismus beziehen, mitunter schlecht – siehe Stermann und Grissemann. Aus der ernsthaften politischen Debatte sollte man solche am besten ganz heraushalten.

Mehr zum Thema:

Man kann viele Argumente gegen die Wehrpflicht, den Zwang, seine Zeit beim Bundesheer oder Zivildienst abzusitzen, finden. Warum man dafür ausgerechnet einen Nazi-Vergleich braucht, ist nicht nachvollziehbar.

Oberösterreichs SPÖ-Chef Josef Ackerl, immer wieder für deftig-linke Sager gut (wenn es sein muss, auch gegen den eigenen Parteichef – und das muss von Zeit zu Zeit sein), hat es getan: Bei der Pro-Berufsheer-Veranstaltung in der Welser Stadthalle am Mittwochabend erklärte er, die Zwangsverpflichtung sei eine Idee des Nationalsozialismus, der den Arbeitsdienst geschaffen habe.

Der heutige Zivildienst als Arbeitsdienst wie einst unter den Nazis? Der Vergleich hinkt nicht nur, sondern er ist so absurd, dass sich die Frage von selbst beantwortet. Ebenso ist es selbstredend Unfug, der ÖVP vorzuwerfen, sie würde an einem Landesverteidigungssystem festhalten wollen, das einst die Nazis geschaffen hätten. Die demokratisch gewählten Regierungspolitiker in den Gründerjahren der Zweiten Republik haben sich dazu entschlossen, zur Verteidigung der Neutralität auf eine Volksarmee zurückzugreifen. Dass diese dann von den Westalliierten, allen voran den USA, verteidigt wurde, ist wiederum eine andere Geschichte.

Natürlich haben die Nazis seinerzeit die Wehrpflicht samt Arbeitsdienst eingeführt. Zuvor hat es in Österreich eine Berufsarmee gegeben – wegen der die SPÖ jahrzehntelang für die Wehrpflicht war. Nie mehr wieder sollten wie in der Dollfuß-Zeit von der Staatsführung dafür abkommandierte Berufssoldaten auf die Arbeiter schießen. Da schon lieber eine Armee aus dem Volk für das Volk. Erst jetzt – und bedauerlicherweise unter dem Druck des Boulevards – hat die SPÖ von dieser doch anachronistischen Position Abstand genommen. Nach A – dem Aussetzen der Wehrpflicht – auch B – also den Beitritt zu einem Verteidigungsbündnis, wie es derzeit realistischerweise nur die Nato sein kann – zu sagen, so weit ist sie allerdings noch nicht.

So wie nun die europäischen Staaten von der Wehrpflicht abrücken, so war es nach dem Zweiten Weltkrieg europäischer Common Sense, auf eine solche zu setzen. Das hat mit den Nationalsozialisten gar nichts zu tun. Vielmehr mit dem heraufziehenden Kalten Krieg.

Die derzeit noch gültige Wehrpflicht samt Ersatzdienst in die Nähe von NS-Gedankengut zu rücken ist daher selbst als Polemik untauglich. Man sollte von Nazi-Vergleichen, dem schwersten aller Geschütze in politischen Debatten, überhaupt die Finger lassen.

Eine Diskussion über Zwang und Pflicht lässt sich auch so führen. Abgesehen vom befremdlichen Ursprung der jetzigen Volksbefragung – Häupl hüpft der „Krone“ nach, Faymann hüpft Häupl nach, Darabos hüpft Faymann nach, und nach einer längeren Schrecksekunde hüpft auch noch Spindelegger Pröll nach – lässt sich schon die Frage stellen, wieso junge Menschen, die ihre Zeit besser in ihre (richtige) Ausbildung oder ihren Beruf investieren können, für den Staat zwangsverpflichtet werden sollen. Bei der Polizei ist Sicherheit ein Fall für Profis, beim Militär einer für Amateure. Und die Staaten Europas, die die Wehrpflicht abgeschafft haben, können doch auch nicht alle irren, oder? Wobei diesbezüglich ein Einschub nötig ist: Die meisten von diesen haben ein weit höheres Heeresbudget als Österreich mit 0,7 Prozent des BIPs. Für eine erfolgreiche Rekrutierung von Freiwilligen wäre mehr Geld nötig.

In der Sache spricht viel für ein Berufsheer. Doch steckt der Teufel eben in den vielen Details. Wieso sollten sich genügend Freiwillige finden, die in halb verfallenen Kasernen mit halb verrottetem Gerät Dienst machen? Wieso sollten junge Männer – und auch Frauen – freiwillig ein Sozialjahr absolvieren? So altruistisch werden einige sein, möglicherweise aber nicht allzu viele.

Diese für das Heer und die sozialen Dienste existenziellen Sorgen zu zerstreuen, das ist der SPÖ bisher noch nicht gelungen. Heeres-Serie, Seite 4

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2013)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

51 Kommentare
 
12
10 0

was gibt man solchen "entgleisungen" überhaupt so eine mediale plattform?

menschen (insbesondere politiker), die zu blöd sind richtige, zeitgemäße argumente zu liefern und stattdessen die ausgelutschte, langweilige und über 60 jahre alte nazikeule schwingen, sind sowieso nicht ernstzunehmen und lächerlich. die medien sollten sich auch schämen, dass sie auch jedes mal auf dieses nazi-gerede eingehen. ich sags ganz ehrlich, das thema hat in themen der heutigen zeit überhaupt nix verloren und wenn mir persönlich in unterhaltungen jemand mit der nazikeule kommt, dreh ich mich um und gehe, denn mit solchen, von komplexen geplagten menschen, kann man meistens auch nicht spannend diskutieren. gibts ja nicht, den scheiss kann ja keiner mehr hören...grow up

12 1

UHBP als Kindermädchen?

So ist das eben bei den Sozialisten: einer hilft dem anderen. Wie kommt der UHBP dazu, sich für einen durchgeknallten Provinzpolitiker, der einen skandalösen Vergleich gezogen hat, zu entschuldigen?

Kann der das nicht selber? Ist er zu feig? Oder, was ich eher glaube, besteht er auf seiner Meinung und will sich gar nicht entschuldigen?

Wehe, das alles hätte ein nicht-sozialistischer Politker gesagt. Die Republik hätte gebebt, Sondersendungen des Rotfunks hätten den Rücktritt gefordert, die Kerzerlmaschierer hätten tagelang den Ring blockiert.

Aber ein Roter darf eben alles. Noch dazu, wo er sofort vom UHBP Schützenhilfe bekommt. Dann ist ja alles gut, die Republik ist wieder einmal gerettet...

1 8

Erstaunlich

Also die Lehre aus dem Artikel: Der Zivildinst hat mit einem Arbeitsdienst nichts zu tun, selbst wenn eine Verweigerung unter Stafandrohung steht

Re: Erstaunlich

Erstaunlich, was Ihnen so alles einfällt umd gegen die Wehrpflicht zu argumentieren ! "Strafandrohungen" gibts auch bei Steuerhinterziehung, bei Überholen bei Überholverbot, bei übler Nachrede und und und !
Also schaffen wir alles ab, wo eine "Strafandrohung" droht, nicht nur die Wehrpflicht !

Re: Erstaunlich

Verweigerung? Schon ein simpler Auslandsaufenthalt befreit Sie von diesem Dienst. Beim Arbeitsdienst durften Sie nicht einmal ins Ausland fahren. Die Vorstellungen der 'Keulenschwinger' vom 3. Reich sind so absurd, daß es schon langsam an Verharmlosung grenzt!

0 6

Erstaunlich

Also die Lehre aus dem Artikel: Der Zivildinst hat mit einem Arbeitsdienst nichts zu tun, selbst wenn eine Verweigerung unter Stafandrohung steht

da ackerl von den roten ist,

gibts keine konsequenzen.

wehe, er wäre von den blauen...

wieso wehrPFLICHT?

weil junge menschen bis zur einberufung nur vom staat nehmen, nichts geben.

daher erscheint ein zurückgeben an die allgemeinheit von lächerlichen 6 monaten mehr als gerechtfertigt!

Was zahlt ein Berufsheer ?

Da wird von "Profis" gesprochen, die das neue Berufsheer ausmacht.
Aber steht dieser Arbeitgeber dann nicht am Arbeitsmarkt im Wettbewerb mit allen Firmen, die "Profis" brauchen ?
Werden Sich da genug melden ? Jetzt schon bekommten viele Firmen nicht die gewünschten Profis ( Fachkräfte) am Arbeitsmarkt !
Da müßte das Berufsheer schon ordentliche Gehälter zahlen, um gutes Personal zu bekommen.
Sonst besteht das Berufsheer nur aus Waffennarren und Leuten, die am zivilen Arbeitsmarkt nicht vermittelbar sind.
Aus Deutschland hört man solche Meldungen.

Entgleisung?!

Hätte ein Politiker aus der FPÖ nur annähernd eine solche Aussage getätigt, hätte man ihn wohl geteert und gefedert, die "farbenblinde" Staatsanwaltschaft wäre tätig geworden und die "linken" im Land hätten wieder etwas zum maulen!
Es gibt viele Gründe um bei der Wehrpflicht zu bleiben bzw. zu einem Berufsheer zu wechseln.
Unsere Politiker berufen sich immer auf ausländische Armeen und deren Systeme.
Darabos mit seinem schwedischem Vorzeigemodel zum Beispiel. Selbst dort sind die Zahlen weit unter den Erwartungen. In Deutschland hören viele Bewerber nach dem "Probedienst", 6 Monate, wieder auf weil die Berufsarmee doch nicht das wahre für sie ist. Der Vorteil in Deutschland, sie haben die Wehrpflicht ausgesetzt also eine Rückkehr wäre jederzeit möglich.
Nach dem SPÖ-Model mit Profimiliz und beordeter Miliz stellt sich für mich als Milizsoldat die Frage, woher die Milizsoldaten kommen sollen? Jetzt schon zusammengeschrumpft und jährlich kleiner werdend da sich kein Nachwuchs findet, will der Herr Minister eine Profimiliz formen.
Die Wehrpflicht gehört, wie im Endbericht der Bundesheerreformkommision 2010 vorgeschlagen, an allen Ecken und Enden reformiert!
In erster Linie sollte die Regierung einmal die Schublade aufmachen und die Sicherheitsdoktrin bearbeiten und sich im klaren werden was sie will. Ohne dieser Doktrin ist die Volksbefragung, wie all zu oft, eine Steuergeldverschwendung!

Re: Entgleisung?!

glauben sie wirklich dass ein darabosche dies alles bedacht oder berücksichtigt hat? viel eher ist doch an zu nehmen dass es da rein um politisches kalkül geht und er die jungen mit der leimrute fangen will. solidarität soll in österreich abgeschafft werden.

Re: Re: Entgleisung?!

ich bin der Meinung, dass das Ganze genauso ein Stimmenfang der Roten ist wie damals unter BM Platter die Reduzierung der Wehrpflicht.

Re: Re: Re: Entgleisung?!

oder die Abschaffung der Studiengebühren war doch auch Stimmenfang der Roten.

die medien haben gesät. doch jetzt wo geerntet wird, wollen sie in guter ö tradition nicht dabei gewesen sein.

seit jahrzehnten gilt das motto: fabriziere einen 'sager', und wir fabrizieren schlagzeilen und berichte.
je lauter der sager, umso länger.

wer sein kind dafür belohnt, dass es seine geschwister schlägt, darf sich nicht wundern, wenn mal ein schläger zur familie zählt!

Der Kommentar ist gut!!!

Können Europas NATO-Staaten nicht irren ?
von Thomas Brandtner - dem ist nicht mehr hinzuzufügen.
Danke für diese Analyse

6 0

Doch steckt der Teufel eben in den vielen Details.

Was mich als Insider ärgert ist, dass hier - auf den Automarkt umgelegt - quasi zwei Verkäufer um alles in der Welt den Kunden überzeugen wollen, dass der BMW besser als der Audi ist und umgekehrt, allerdings verschweigen, dass in drei Monaten kein Benzin mehr vorhanden sein wird.

Klar ist ein Profiheer gut und zweckdienlich - wenn ich es, und da vor allem das Personal, finanzieren kann.

Bei unserem andauernd sinkenden Heeresbudget (wird so bleiben) ist es letztlich wurscht, ob die sinkende Budgetkurve die Aufwandskurve für ein Wehrpflichtsystem etwas später trifft als die des Profiheeres oder umgekehrt.
Potenzielle junge Mitarbeiter müssen vom Sinn der Tätigkeit, vom Image der "Firma" UND vom zu verdienenden Salär überzeugt sein, um mitmachen zu wollen.

Sinn denke ich, ist da;
Salär ist zu gering;
Image ist bei der gegebenen Budgetentwicklung und damit der fraglichen Unternehmensprognose denkbar klein - und die wichtige Aussenwirkung der Corporate Identity wird scheinbar talentiert dem Inhalt des bekannten Romans "Animal Farm" angepasst.

17 0

Ackerl ist ein Wichtigtuer der durch dumme Meldungen auffallen will. Sinnvolles hat er für Oberösterreich jedenfalls bisher nicht geileistet.


Schade,

dass die Welt Österreich nicht so ernst nimmt, wie sie sich selbst ernstnehmen!

8 0

warum

werden immer die alten themen herangezogen?
man kann aktuell bleiben, indem man das milizheer reformiert (nicht nur oberflächlich) und ernsthaft der frage nachgeht, ob frauen nicht auch an der wehrpflicht beteiligt werden müssen. denn frauen dürfen - männer müssen. das ist die gleichbehandlung 2013.
eine diskussion über ein berufsheer ist bei der größe österreichs lächerlich.
anstatt mangelhafte und für ö nicht notwendige flugzeuge zu kaufen hätte das geld auch gespart und um einen geringen teil davon hubschrauber angeschafft werden können. die brauchen wir - warum borgen wir sie uns immer aus?

Solche Cretinos schaffen es in Österreich an die Spitze einer (Landes-) SPÖ!

Faymann, Darabos, Ackerl, ihr seids zum Speiben!

Und zwar auch für gestandene SPÖ-ler!

9 0

Ich seh schon

den Ackerl mit der großen Trommel am Hauptplatz Soldaten werben. Und die Burschen so lange eintrankeln, bis sie unterschreiben.

sooo abstrus nicht

Natürlich kommt das österreichische Wehrssystem nicht "von den Nazis". Aber es könnte schon auffallen, dass viele Argumente der Befürworter der Wehrpflicht und vor allem des Ersatzdienstes mit Argumenten kommen, die verdammt jenen ähnlen, mit denen die Nazis (oder die Kommunisten) den Arbeitsdienst begründeten. Dort wurde der "Dienst an der Gemeinschaft" leider pervertiert.

Können Europas NATO-Staaten nicht irren ?

Die Staaten Europas, die die Wehrpflicht abgeschafft haben, könnten doch auch nicht alle irren. Meinen Sie. Aber da bitte ich doch Folgendes zu bedenken: die Einführung der "Stehenden Heere" ist historisch immer mit dem Imperialismus verknüpft, also mit dem Wunsch von Regierungen, lang dauernde Kriege in geographisch entfernten Gebieten zu führen, deren Notwendigkeit sich für die heimische Bevölkerung nicht überzeugend erklären läßt. Berufssoldaten dienen, wo man sich hinschickt, und sterben leise. Das war schon im alten Rom so: den Verteidigungskrieg gegen Hannibal gewann noch das alte Volksheer. Das Weltreich (und die Beseitigung der Republik) waren dann Taten von Berufsheeren und ihren Führern. In Europa haben wir viele Staaten, die früher Kolonial-mächte waren. Manche intervenieren auch heute noch immer wieder militärisch in ihren traditionellen Einflußgebieten. Für derartige Aktionen ist ein Volksheer kein ideales Instrument. Der objektive Hauptgrund für die Umstellung der meisten NATO-Staaten auf Berufsheere liege aber im massiven Druck der USA, und erklärt sich aus der Umorientierung der NATO von einem regionalen Verteidigungsbündnis zu einem globalen Interventionsbündnis: die Hegemonialmacht USA verlangt von ihren Verbündeten Heeresfolge für US-Interessen, und für solche Verpflichtungen sind wiederum Berufssoldaten geeigneter als mobilisierte Bürger in Uniform. Sehen Sie, und das ist ein Grund, warum ich gegen ein Berufsheer bin.


Re: Können Europas NATO-Staaten nicht irren ?

"Berufssoldaten dienen, wo man sich hinschickt, und sterben leise."

das kann einem zwangsrekruten tatsächlich nicht passieren.
der hört schon bei der befehlsausgabe nicht hin, was ihm der betrunkene uo so sagt.
und wenn er sich doch irgendwie in bewegung setzt, stolpert er über die eigenen füße und schiesst sich genau dorthin.

irgendwie ja spaßig. aber geben sie die 300 gwd-millionen mir: ich sorge damit für deutlich mehr spaß!

Wehrpflicht

Kleine Anmerkung: die Wehrpflicht wurde in der 1. Republik 1936 eingeführt!
Übrigens, nach Hr. Ackerls Äusserungen möchte ich Godwins Gesetz anwenden und die sinnlose Debatte beenden! ;-)

Re: Wehrpflicht

Das stimmt nicht :
die Wehrpflicht wurde in Österreich-Ungarn im Jahre 1868 eingeführt .

 
12

Top-News

AnmeldenAnmelden