Leitartikel: Ein legitimer Krieg, den man kommen sehen musste

WOLFGANG GREBER (Die Presse)

Die Eskalation der Lage in Mali hatte sich seit Langem abgezeichnet, wurde aber vielerorts ignoriert. Die Intervention gegen die Islamisten ist gefährlich, aber richtig.

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Am Freitag, als die ersten französischen Marineinfanteristen in Malis Hauptstadt Bamako landeten und französische Hubschrauber das Feuer auf Islamistenrebellen eröffneten, waren sie plötzlich alle überrascht: Die vielen westlichen Regierungen (außer denen Frankreichs und der USA) und die vielen Medien, die die Entwicklungen in dem armen Saharastaat seit letztem Frühjahr zwar irgendwie verfolgt hatten, aber offenkundig nur am Rande. Er war ihnen wohl nicht wichtig genug.

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Tatsächlich hatte die Berichterstattung über Mali seit Monaten nur dürftig getröpfelt, obwohl UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ebenfalls seit Langem für ein Eingreifen der Weltgemeinschaft plädiert hatte. Dabei kann man die Sache als „Chronik eines angekündigten Krieges“ bezeichnen: Im März gibt es in Mali einen Putsch, kurz darauf vertreiben Tuareg-Rebellen im Norden um die legendäre Wüstenstadt Timbuktu die Armee jenes Landes, das trotz seiner Armut als demokratischer Musterstaat gegolten hatte. Doch bis Juni werden nun die Tuareg von islamistischen Gruppen vertrieben oder unterjocht, die ein System des Steinzeitislamismus einführen, so gut wie alles verbieten, was Spaß macht, und ein Terrorregime errichten.

Da sie weiter nach Süden ziehen und Malis Armee zu schwach ist, kündigen Nachbarländer den Aufbau einer Interventionstruppe an und der UN-Sicherheitsrat gibt im Dezember für internationales Eingreifen grünes Licht. Und das geschah nun vorigen Freitag – mit Frankreich als Speerspitze, weil es die Lage in seiner Exkolonie, wo etwa 6000 Franzosen leben, immer genauer betrachtet hatte als die meisten anderen.

Dabei hätten alle genauer hinschauen müssen: Der Norden Malis wurde zu Spielfeld und Brutstätte für Islamisten und Terroristen, die nicht nur dort die Bevölkerung terrorisieren, sondern Terror auch in andere Länder der Region tragen. Dabei plagen Nord- und Westafrika von Algerien bis Nigeria schon andere Banden von Glaubensfanatikern unter dem allgemeinen Heerbanner der al-Qaida. Oft gab es Entführungen, die meist mit Lösegeld beendet werden mussten. Zudem ist die Sahara Europa näher als etwa die Islamistentollhäuser Afghanistan und Somalia: Es gab genug Warnungen, dass sich aus einem „Somalia in der Sahara“ ein unkontrollierbarer Zug potenzieller Attentäter gen Norden in Marsch setzen könnte und auf den Flüchtlingsbooten im Meer zwischen den „normalen“ Armutsflüchtlingen Europa erreichen könnte.

Dazu wirken antifranzösische Postings im Internet und Proteste von Islamisten in Europa gegen die Intervention verstörend: „EU-Krieger in Afrika sind die wahren Aggressoren“, hieß es, oder: „Waren nicht Franzosen führend in den Kreuzzügen miteingebunden?“ Und: „Nun führt die EU Religionskriege“ – als ob die UN-sanktionierte Intervention etwas mit einem religiös motivierten Feldzug zu tun hätte. In London hielten wütende Islamisten sogar ungeniert Schilder mit Slogans wie „Jihad for Mali“ und „Französische Armee, du wirst bezahlen: Die Muslime sind schon auf dem Weg“ hoch. Letztere Tafel hielt übrigens eine voll verschleierte Frau.

Wenn Malis Islamisten noch dazu so verrückt sind, dass sie in ihrem Machtbereich auch alte Heiligtümer ihrer eigenen Religion wie Moscheen und Mausoleen als „unislamisch“ zerstören, dann muss man zu dem Schluss kommen: Solchen Leuten und ihren Mitstreitern und Verstehern in Europa ist im Namen der Freiheit, der Vernunft und Menschenrechte (nicht aber der Religion) Einhalt zu gebieten. Sie verdienen kein Verständnis und keine Teilnahme an Debattier-Runden in irgendwelchen religiösen „Dialogzentren“. So etwas wollen sie aber auch selbst nicht; so viel zu den von Pazifisten beschworenen Methoden des Endlosredens und Verhandelns zur Konfliktlösung: Das funktioniert einfach, wie es sogar Mahatma Gandhi wusste, prinzipiell nicht mit jedem Gegner.

Frankreich und seine Partner handeln also richtig, und es war gut, kein Plazet der EU einzuholen, sonst wären die Islamisten schon in Bamako. Und auch wenn die Intervention Gefahren mit sich bringt: Man kann nicht immer nachgeben, bis man selbst auf dem Boden liegt. „Bis hierher und nicht weiter“ muss die Maxime sein.

 

E-Mails an: wolfgang.greber@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2013)

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14 Kommentare

Damit dürfte ein möglicher Einsatz ...

des Bundesheeres in Mali endgültig vom Tisch sein, denn Österreich braucht seine Wehrpflichtigen"armee" (oder armen Wehrpflichtigen???) ja nur im Inland. Das Hemd ist halt immer noch näher als der Rock, auch wenn dieser im Endeffekt vielleicht wichtiger wäre ....

Was ist an diesem Krieg Legitim?

In Mali gibt es ein Machtkampf. Die Franzosen werden für eine Seite parteiisch! Wie kann man von der Legitimitaet eines solchen Krieges sprechen?
Nach ihre Logik ist es auch Legitim, wenn die Gegenseite Europa angreift, da die Europaer für Frankreich stehen!

Üfrber die militärische Intervention in Mali

waren die Medien u. die anderen Regierungen wohl deshalb, weil sie einer sozialistischen Regierung, die noch wenige Monate vorher im Wahlkampf angekündigt hat, in Mali nicht zu intervenieren, dann trotzdem eingegriffen hat.

Ob Mali eine Musterdemokratie war: jedenfalls ist es eine frz. Ex-Kolonie, in der Kolonialherr immer schon nach Belieben militärisch eingegriffen hat!

Und der Kampf gegen die Islamisten: ob das nicht Ursache und Wirkung ein wenig verwechselt wird? Zuerst gab es doch den Neokolonialismus, der von der Notwendigkeit der Sicherung der Versorgung" Europas schwafelte und das Selbstbestimmungsrecht der Ex-Kolonie einschränkte. Als Reaktion darauf gab es den Widerstand der einheimischen Bevölkerung und als Reaktion auif die überlegenen militärischen Kräfte der Kolonialstaaten den "Krieg der Armen", nämlich den Terror, in den auch die zahlreichen islamischen Wirtschaftsflüchtlinge in Europa eingebunden wurden.

Meiner Meinung nach wäre also die logische Konsequenz, das alles wieder "rückabwickeln", dh. den Terror in Europa zwar zu bekämpfen, den Terroristen aber den Vorwand für ihren "Kampf" zu nehmen, indem man ihre Herkunftsländer in Ruhe läßt!

Re: Üfrber die militärische Intervention in Mali

dummes polit-philosophisches herumtheoretisieren. da ist eine fanatische mörderbande die ihre gebiete unterjocht, denen kann man nicht mit dem weihrauchkessel und frommen pazifistelsprüchen begegnen. man hätte bei ns-deutschland ja auch wegsehen können, oder? schrecklicher neutralist.

Nebenbei erwähnenswert wäre...

die Tatsache, dass die Anführer der malischen Islamisten noch vor einiger Zeit in lybischen Gefängnissen eingesessen sind.

Wir haben schon viel zu weit nachgegeben!

Würden diese Is la mis ten in Österreich a S y L
bekommen?

Würde Herr Schönborn die Votivkirche zur Verfügung stellen?

Was würde in diesem Fall der Staat machen?

doch doch

schade, dass die kriegspropaganda zum nutzen der konzerne so duemmlich sein muss... es langweilt den leser... wenn jemand helfen will: es gibt in oesterreich abertausende opfer...

Traurig

Trauig, aber manchmal muss man zur Erhaltung des Friedens offenbar ein paar Leute totschlagen.

Re: Traurig

si vis pacem, para bellum oder so, richtig...

Es ist gut, dass der Westen aus seiner Verblödung aufgeewacht ist.


Ich stimme vorsichtig zu.

Sagen wir so, man hat nicht vorschnell gehandelt und sich Zeit gelassen. Im Grunde kann keiner mehr sagen, man hätte Al Qaida keine Chance gegeben, sich von ihrer friedlichen Seite zu zeigen. Manchmal ist es besser zu warten, bis der Naivste an friedlichen oder rechtmäßigen Absichten ernsthaft zweifelt. Wer wird jetzt noch meckern wie beim Irakkrieg, der wirklich nur aus zweifelhaften Gründen angezettelt wurde? Alle stimmen der Op zu, sogar die AlternativMediziner, denen lieber wäre, so ein schwerer Eingriff wäre durch sanfte Medizin zu vermeiden gewesen. Nun haben die Chirurgen freie Hand das kranke Gewebe zu entfernen und hoffentlich auch die Tochtergeschwülste.
Natürlich ist es damit nicht getan, die richtige Behandlung danach muss das gesunde Gewebe der Menschheit retten.

Re: Ich stimme vorsichtig zu.

Hoffentlich hat Frankreich die Zeit genützt um den Eingriff gut zu planen, toll dass man nicht überstürzt gehandelt hat. Endlich mal eine Macht, die der organisierten Verblödung entschieden entgegentritt, anstatt die Zurücklegung zu fördern und der Religio die Tore der Burgen offen hält. Wir in Österreich sind höchstens Troja, in das schon 3 hölzerne Pferde gebracht wurden.
Das letzte war ein Saudischer Trojanisches Pferd.
Frankreich, erlöse uns von dieser Plage, (aber lasst die Napoleons auf Elba)!

ein krieg muss vom volk legitimiert sein, nicht von politikern

zb muss in amerika der kongress beschliessen, einem land dem krieg zu erklaeren (bzw einen friedensvertrag anzubieten) - wenn der praesident einfach mal truppen irgendwohin schickt und diese dann dauerhaft dort stationiert, ist das nie und nimmer legitim.

Re: ein krieg muss vom volk legitimiert sein, nicht von politikern

ihr Kommentar ist käse. bei dieser intervention wird erstens nicht gegen einen staat ins feld gezogen sondern gegen eine räuberbande. zweitens hat dieser Staat, mali, selbst um intervention gebeten. drittens hat der uno-sicherheitsrat die intervention im vorfeld genehmigt. folgt: der "krieg" ist völlig legitim. quod erat demonstrandum.

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