Leitartikel: Ein legitimer Krieg, den man kommen sehen musste

Die Eskalation der Lage in Mali hatte sich seit Langem abgezeichnet, wurde aber vielerorts ignoriert. Die Intervention gegen die Islamisten ist gefährlich, aber richtig.

Am Freitag, als die ersten französischen Marineinfanteristen in Malis Hauptstadt Bamako landeten und französische Hubschrauber das Feuer auf Islamistenrebellen eröffneten, waren sie plötzlich alle überrascht: Die vielen westlichen Regierungen (außer denen Frankreichs und der USA) und die vielen Medien, die die Entwicklungen in dem armen Saharastaat seit letztem Frühjahr zwar irgendwie verfolgt hatten, aber offenkundig nur am Rande. Er war ihnen wohl nicht wichtig genug.

Tatsächlich hatte die Berichterstattung über Mali seit Monaten nur dürftig getröpfelt, obwohl UN-Generalsekretär Ban Ki-moon ebenfalls seit Langem für ein Eingreifen der Weltgemeinschaft plädiert hatte. Dabei kann man die Sache als „Chronik eines angekündigten Krieges“ bezeichnen: Im März gibt es in Mali einen Putsch, kurz darauf vertreiben Tuareg-Rebellen im Norden um die legendäre Wüstenstadt Timbuktu die Armee jenes Landes, das trotz seiner Armut als demokratischer Musterstaat gegolten hatte. Doch bis Juni werden nun die Tuareg von islamistischen Gruppen vertrieben oder unterjocht, die ein System des Steinzeitislamismus einführen, so gut wie alles verbieten, was Spaß macht, und ein Terrorregime errichten.

Da sie weiter nach Süden ziehen und Malis Armee zu schwach ist, kündigen Nachbarländer den Aufbau einer Interventionstruppe an und der UN-Sicherheitsrat gibt im Dezember für internationales Eingreifen grünes Licht. Und das geschah nun vorigen Freitag – mit Frankreich als Speerspitze, weil es die Lage in seiner Exkolonie, wo etwa 6000 Franzosen leben, immer genauer betrachtet hatte als die meisten anderen.

Dabei hätten alle genauer hinschauen müssen: Der Norden Malis wurde zu Spielfeld und Brutstätte für Islamisten und Terroristen, die nicht nur dort die Bevölkerung terrorisieren, sondern Terror auch in andere Länder der Region tragen. Dabei plagen Nord- und Westafrika von Algerien bis Nigeria schon andere Banden von Glaubensfanatikern unter dem allgemeinen Heerbanner der al-Qaida. Oft gab es Entführungen, die meist mit Lösegeld beendet werden mussten. Zudem ist die Sahara Europa näher als etwa die Islamistentollhäuser Afghanistan und Somalia: Es gab genug Warnungen, dass sich aus einem „Somalia in der Sahara“ ein unkontrollierbarer Zug potenzieller Attentäter gen Norden in Marsch setzen könnte und auf den Flüchtlingsbooten im Meer zwischen den „normalen“ Armutsflüchtlingen Europa erreichen könnte.

Dazu wirken antifranzösische Postings im Internet und Proteste von Islamisten in Europa gegen die Intervention verstörend: „EU-Krieger in Afrika sind die wahren Aggressoren“, hieß es, oder: „Waren nicht Franzosen führend in den Kreuzzügen miteingebunden?“ Und: „Nun führt die EU Religionskriege“ – als ob die UN-sanktionierte Intervention etwas mit einem religiös motivierten Feldzug zu tun hätte. In London hielten wütende Islamisten sogar ungeniert Schilder mit Slogans wie „Jihad for Mali“ und „Französische Armee, du wirst bezahlen: Die Muslime sind schon auf dem Weg“ hoch. Letztere Tafel hielt übrigens eine voll verschleierte Frau.

Wenn Malis Islamisten noch dazu so verrückt sind, dass sie in ihrem Machtbereich auch alte Heiligtümer ihrer eigenen Religion wie Moscheen und Mausoleen als „unislamisch“ zerstören, dann muss man zu dem Schluss kommen: Solchen Leuten und ihren Mitstreitern und Verstehern in Europa ist im Namen der Freiheit, der Vernunft und Menschenrechte (nicht aber der Religion) Einhalt zu gebieten. Sie verdienen kein Verständnis und keine Teilnahme an Debattier-Runden in irgendwelchen religiösen „Dialogzentren“. So etwas wollen sie aber auch selbst nicht; so viel zu den von Pazifisten beschworenen Methoden des Endlosredens und Verhandelns zur Konfliktlösung: Das funktioniert einfach, wie es sogar Mahatma Gandhi wusste, prinzipiell nicht mit jedem Gegner.

Frankreich und seine Partner handeln also richtig, und es war gut, kein Plazet der EU einzuholen, sonst wären die Islamisten schon in Bamako. Und auch wenn die Intervention Gefahren mit sich bringt: Man kann nicht immer nachgeben, bis man selbst auf dem Boden liegt. „Bis hierher und nicht weiter“ muss die Maxime sein.

 

E-Mails an: wolfgang.greber@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.01.2013)

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