Der Krieg in Mali geht auch Österreich etwas an

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Die radikalen Islamisten werden ihren Kampf nicht nur auf Algerien ausweiten, sondern vermutlich bald auch auf Europa. Wer vor ihnen zurückweicht, lädt sie ein.

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Schon wenige Tage nach der französischen Militärintervention in Mali hat die Internationale der radikalen Islamisten die Kampfzone ausgeweitet. Die erste Rachebotschaft kam vom anderen Ende Afrikas, aus Somalia: Die dortigen Shabaab-Milizen richteten einen französischen Geheimdienstmitarbeiter hin, den sie vor mehr als zwei Jahren entführt hatten. Die zweite Solidaritätsadresse gaben algerische Gotteskrieger ab. Ein Kommando der „al-Qaida im islamischen Maghreb“ überfiel im Süden Algeriens ein Erdgasfeld, das von einem internationalen Konsortium betrieben wird: von der norwegischen Firma Statoil und vom britischen Konzern BP; ein japanisches Subunternehmen, die JGC Corp., ist ebenfalls engagiert.

Dementsprechend bunt zusammengewürfelt war die Schar der Geiseln, die das „Blutsbataillon“ der al-Qaida in ihre Gewalt bringen wollte. Auf dem weitläufigen Gelände der Erdgasanlage bei In Amenas hielten sich zum Zeitpunkt des Überfalls nicht nur Briten, Norweger und Japaner auf, sondern unter anderen auch ein 36-jähriger Niederösterreicher.

Die Krisenstäbe der betroffenen Staaten nahmen schnell Kontakt miteinander auf. Sie richteten einen gemeinsamen Wunsch an die algerischen Behörden: Die Gesundheit und das Leben der Geiseln mögen unter allen Umständen geschützt werden. Doch für die algerischen Sicherheitskräfte hatte dieser Appell offenbar nicht die geringste Bedeutung. Sie schossen aus allen Rohren, auch aus Hubschraubern. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, war zunächst nicht in Erfahrung zu bringen.

Eines ist aber schon jetzt ersichtlich: Die radikal-islamistische Herausforderung, der sich Frankreichs Armee in Mali stellt, ist nicht auf den westafrikanischen Staat beschränkt. Seit dem Arabischen Frühling haben Jihadisten in der Region ihre Nischen gesucht und gefunden. Im unübersichtlichen Grenzgebiet zwischen Mauretanien, Algerien und Mali hatten diverse Terroristenverbände schon seit Langem ihre Schmuggel- und Rückzugszonen. Der Krieg in Libyen spülte frisches Geld in ihre Schatullen und neue Waffen in ihre Arsenale. So gerechtfertigt die Militärkampagne gegen Gaddafi war, sie hatte überregionale Folgen, die erst nach und nach sichtbar wurden. Die Tuareg, die nach dem libyschen Bürgerkrieg zurück nach Mali zogen, trugen schweres Gerät im Gepäck, mit dem sie den seit Langem schwelenden Kampf in ihrer alten Heimat befeuerten. Sie brachten das Gleichgewicht ins Kippen und riefen im Norden Malis ihre „Republik Azawad“ aus. Die großen Nutznießer waren jedoch islamistische Gruppen, die rund um Timbuktu in einem Ort nach dem anderen ihr Steinzeit-Scharia-System einführten.


Langsam, aber doch reagierte die internationale Gemeinschaft und beschloss Ende des Vorjahres, Malis Armee in einer Trainingsmission aufzupäppeln, damit diese die Rebellen aus dem Norden des Landes vertreibt. Doch die Islamisten hielten sich nicht an den Zeitplan der UNO und stießen weiter in Richtung der Hauptstadt Bamako vor. Das war der Moment, in dem die französische Armee eingriff.

Frankreich verdient Unterstützung. Denn sein Fronteinsatz gegen den aggressiven Islamismus ist für ganz Europa relevant. Es kann keine Alternative sein, Terroristengruppen gesamte Staaten zu überlassen, damit sie dann von dort aus ihren Krieg in den Westen tragen. Diese Lektion müsste seit den Terroranschlägen vom 11.September 2001 einsichtig gemacht haben. Gleichzeitig haben die darauffolgenden Kriege in Afghanistan und im Irak gezeigt, dass solche Interventionen auch beflügelnd für Terroristen wirken können. Frankreich und seine Verbündeten sollten die Kriegsziele in Mali deshalb sehr eng und genau definieren.

Von den europäischen Partnern erwartet Paris zu Recht Hilfe, auch von Österreich. Es ist beschämend, dass sich Verteidigungsminister Darabos aus populistischen Gründen dagegen querlegt, wenigstens ein paar Stabsoffiziere zur Trainingsmission nach Mali zu entsenden, und auch Außenminister Michael Spindelegger aus Angst vor Stimmenverlusten bei der Wehrpflicht-Volksbefragung nicht vehementer darauf drängt.

Mali geht auch Österreich etwas an. Das sollte spätestens seit der Geiselnahme in Algerien klar sein.

 

E-Mails an: christian.ultsch.@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2013)

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96 Kommentare
 
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Norbert Steinmeißler..

..verhält sich wie erwartet.
Die Probleme sollen andere lösen,auch wenn wir betroffen sind.

Die islamische Gemeinschaft, die rd. 2 Milliarden Menschen

auf mehreren Kontinanten umfaßt, wird vom Westen einfach unterschätzt. Ich behaupte, es war der Westen, der als erster die muslimische Staaten kolonisiert und ihnen das Selbstbestimmungsrecht aus wirtschaftlichem Eigennutz ("Sicherung der Versorgung der USA/Europas mit Erdöl") verweigert hat. Das löste im Nahen Osten nationale Befreiungsbewegungen (Mossadeq, Nasser u. seine Epigonen etc.) aus, die schließlich in der Al Khaida-Bewegung mündete.

Wirklich Frieden wird es erst dann geben, wenn die westlichen Staaten einmal ihre eigenen Fehler sich eingestehen und ein echtes Selbstbestimmungsrecht der vom Neokolonialismus offen oder verdeckt unterdrückten orientalischen Völker akzeptieren würde. So lange das nicht geschieht und immer noch versucht wird, die orientalischen Völker gegeneinander auszuspielen, wird es keinen echten Frieden in diesen Regionen geben! Denn der Wille von 2 Milliarden Menschen, die sich mit ihren unterdrückten Glaubensgenossen solidarisieren, läßt sich nicht so leicht unterdrücken! Und durch den starken Zuzug von Orientalen nach Europa wird auch der Widerstand nach Europa getragen!

Re: Die islamische Gemeinschaft, die rd. 2 Milliarden Menschen

"Ich behaupte, es war der Westen, der als erster die muslimische Staaten kolonisiert"

der Mittelmeerraum war vor dem Auftreten des Islam praktisch rein christlich; es waren von Anfang an die Muslime, die in christliche Staaten eingefallen sind und nur mit Müh und Not abgewehrt werden konnten, nicht umgekehrt.

Alle diese arabischen Staaten gibt es ja nur aufgrund des Kolonialismus, ansonsten wären die Araber mit ziemlicher Sicherheit entweder noch Teil des Osmanischen Reichs, obskure Stammesfürstentümer oder Barbareskenstaaten - das Öl würde ihnen nichts nützen, denn dafür hätten sie keine Verwendung.

Außerdem: Das Selbstbestimmungsrecht der westlichen Völker bedeutete und bedeutet denen rein gar nichts - seit über tausend Jahren.

wir sind mal zu gar nix verpflichtet.

grundsätzlich gesehen geht uns das theater nichts an. hier geht es um französische partikularinteressen. da nach europäischer solidarität zu schreien, ist schlicht lachhaft. wenn man seinen einfluss in die ex-kolonie nicht verlieren will, soll man halt fetzen gehen. bitte, aber nicht mit uns (bestes argument GEGEN ein berufsheer, nebenbei gesagt).
im übrigen sei darauf verwiesen, dass das BVT selbst in österreich bereits ziemlich stark vor radikalen muslimischen elementen in unserer gesellschaft warnt.
wir müssen im eigenen land aufräumen.
das in afrika geht uns jedoch überhaupt nichts an.
kein blut für fremde interessen!

Österreich hat die Konflikte nicht geschaffen.

Natürlich kann alles in der Welt auch Auswirkungen auf Österreich haben.
Deshalb geht uns aber der Krieg in Mali noch lange nichts an. Frankreich war sowohl Kolonialmacht als auch einer der Siegerstaaten in WK II und hat daher auch andere Verpflichtungen als das neutrale Österreich.
Ausserdem geht die immer weitere Radikalisierung und Fanatisierung der arabischen und moslemischen Welt nicht auf das Verhalten von Österreich zurück. Da können sich ruhig die USA und Israel fragen, was man dagegen tun könnte. Natürlich nicht feige den Islamisten das Feld überlassen, aber auch trachten, die zugrundliegenden Konfliktstoffe, vorallem das Palästinaproblem zu lösen und nicht immer wieder weiter anzuheizen.

Der Islam gehört bekämpft!

Endlich aufgewacht?

nur Naivlinge hatten ungetruebte Freude an Ghaddafis Sturz

und den Arabischen "Fruehling".
Bisher waren's zwar Diktatoren, aber, frei nach Henry Kissenger, "our dictators".
Ob der Westen mit den neuen Fruehlings-Herrschern, wer immer das am Ende sein wird, Freude haben wird, ist noch offen.
Hoffentlich waren Mali, Algerien, Libyen, Aegypten und Syrien nicht nur der Auftakt.

Re: nur Naivlinge hatten ungetruebte Freude an Ghaddafis Sturz

Man hatte eher weltliche Diktatoren gestürzt, aber es kamen keine "lupenreine Demokraten" an ihre Stelle, sondern eher relgiöse Fanatiker mit beträchtlichem Charisma-Potential. Und diese sind nicht nur auf Machterhalt im eigenen Land fixiert; sie wollen den "wahren Islam" in die weite Welt hinaus tragen! Und DAS ist wirklich gefährlich. Für Europa, die USA, den Westen insgesamt. Und natürlich auch für jene asiatischen Länder, die sich den Segnungen von Demokratie, Wissenschaft und Technik gegenüber verpflichtet fühlen. Wenn das "Jenseits" angreift, so gerät das "Diesseits" insgesamt ins Wanken...

Nicht bereit

Solange wir nicht bereit sind, den Islamismus bei uns zu bekämpfen, brauchen wir uns dort auch nicht einzumischen.

Re: Nicht bereit

sg arethas

1. völlig richtig
2. noch eine bemerkung drauf :

es kann uns sogar passieren, dass, wenn die franzosen es schaffen, die rebellen in die enge zu treiben, dass diese - wenigstens zum teil - plötzlich als arme verfolgte asylanten an unsere tür klopfen, sowohl allgemein an die tür der eu als auch an unsere österreichische, denn wir sind ja bekannt, dass wir alles nehmen. dann haben wir die terroristen nicht mehr in mali, sondern bei uns !

Re: Nicht bereit

iwir sollten weniger angst vor dem islamismus haben als vor dem alkoholismus!
DIESER sorgt für tod, not und elend. prost!

Re: Re: Nicht bereit

Sie sprechen aus Erfahrung?

Dann sollten Sie lieber die Finger von alkolischen Getränken lassen.

Re: Re: Re: Nicht bereit

... alkoholischen natürlich

Re: Re: Re: Re: Nicht bereit

Ironie kriegt hier im Forum so ziemlich nemand mit, wie es scheint.

Wir brauchen nicht nach Mali zu fahren

Beginnen wir in Österreich.

ja, es würde auch Österreich

gut anstehen, hier Position zu beziehen.

Die Vogel Strauss Politik wird sich eines Tages rächen. Aber was will man von einem Volk, das sich seit Jahren als Sicherheitsschmarotzer innerhalb der Weltengemeinschaft bewegt, sich hinter einer Scheinneutralität versteckt und in der Komfortgesellschaft langsam verfettet.

Es wäre wünschenswert, wenn von uns andere Länder einmals Solidarität einfordern und uns auf die Finger klopfen.

Nicht zu übersehen ist die Bedeutungslosigkeit zu der wir uns innerhalb der EU und der Weltgemeinschaft hochgekämpft haben. Dank unserer Politiker, die die Aufgabe des Heeres darauf reduzieren, in Microkatastrophen genügend Sackfüller und Schaufelträger zur Verfügung stellen zu können.

Außenpolitisch sind wir dank unserer Feigheit bald nicht mehr wahrnehmbar. Aber immerhin eine Operettenrepublik, dem Neujahrskonzert Sei Dank.

Re: ja, es würde auch Österreich

Schein-Neutrlität ist gut.
Aber nur bei Ahnungslosen und Kindern ein interessanter Begriff.
Nach der Schule werden Sie mehr darüber erfahren.

Sicherheitspolitik auf österreichisch

Möglichst lange den Kopf in den Sand stecken ("es gibt ja keine Bedrohungen") und wenn des darauf ankommt Trittbrettfahren aka die anderen die Drecksarbeit machen lassen. Beschämend!

Grundsätzlich richtig

Zitat:"Wer vor ihnen zurückweicht, lädt sie ein"

Dies gilt nicht nur für Islamisten, sondern würde generell ein vernünftiges Vorgehen, gegenüber dem Islam beschreiben.

wer beliefert...

...denn die leute in afrika mit waffen? die könnten von sich aus wahrscheinlich nicht einmal vorderlader bauen oder entwickeln - also hört auf, waffen in solche länder zu liefern. dann ist eine ruhe!

Re: wer beliefert...

die haben schon längst ihre eigenen Fabriken, wo sie zB die Kalaschnikow etc nachbauen. Nicht immer ist zwingend der Westen schuld.

Re: Re: wer beliefert...

die chinesen, amerikaner und europäer liefern waffen dorthin.
technologietransfer zu menschen, die in wirklichkeit 1000 jahre hinten sind, kann auf keinen fall gut ausgehen. niemals.
afrika gehört isoliert und sich selbst überlassen. alle probleme dort sind das resultat des versuches, notwendige geschichtliche prozesse zu überspringen!

Re: wer beliefert...

Lybien hat unter Gadaffi ein riesiges Arsenal an (hauptsächlich russischen) Waffen aufgebaut. Ich denke um diese Waffen wird es sich handeln.

Re: Re: wer beliefert...

Mit Sicherheit.
Und wenn man bedenkt was in den Kasernen in Syrien so herumliegt sollte man nachdenklich werden.

Re: Re: wer beliefert...

"Libyen" meinte ich natürlich

Mali geht auch Österreich etwas an. Das sollte spätestens seit der Geiselnahme in Algerien klar sein.

Nein, Herr Ultsch. Der Konflikt in einem Risikoland, in dem ein Österreicher bewusst ein Berufsrisiko eingeht und dann Probleme bekommt, geht mich gar nichts an!

 
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