Diese alten Herren werden nie aussterben

FDP-Politiker Brüderle hat sich geschmacklos verhalten. Die Debatte über sein Verhalten ist berechtigt, die wahren Probleme werden aber ausgeklammert.

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Brüderle – (c) REUTERS (THOMAS PETER)

Sie haben ihn nicht erfunden, die tausenden Frauen, die via Twitter ihren „Aufschrei“ gegen Sexismus tätigten: den anzüglichen Mann, der in selbstherrlicher Weise eine (jüngere) Frau mit geschmacklosen Bemerkungen in eine unangenehme Situation bringt. Es gibt wohl kaum eine Frau, die ihn nie erlebt hat, den schlüpfrigen alten Herren, der einem den Arm tätschelt. Den Uni-Professor, der die Abschlussbesprechung gern bei einem Glas Wein ansetzt. Den Vorgesetzten, der den Unterschied zwischen Kompliment und Zudringlichkeit nicht bemerken will.

Sie werden nicht aussterben, die Männer mit ihren Altherrenwitzen und ihrem nicht angemessenen Verhalten. Aber man kann sie zunehmend alt aussehen lassen. Weil Frauen keine Opfer mehr sind. Weil sie zurückreden können, weil sie aufstehen können und gehen. Weil sie selbstbewusst genug sind, Spielverderber zu sein in einer Situation, in der sie nicht mitspielen wollen. Zumindest mochte man das glauben, bis der Fall Rainer Brüderle in Deutschland zu einem Aufschrei empörter Frauen über täglich erlebten Sexismus führte.

Benachteiligung aufgrund des Geschlechts nennt man Sexismus. Brüderle hat abends in einer Bar zu einer jungen Journalistin Bemerkungen über ihre Oberweite gemacht. Das ist geschmacklos, anzüglich, unangenehm. Das sagt viel aus über das Weltbild und das Selbstverständnis des Spitzenkandidaten der deutschen Liberalen. Ist es wirklich Sexismus? Frauen legen gern Wert auf Zwischentöne, auf Nuancierungen: Dann aber bitte auch in diesem Fall. Es gibt einen Unterschied zwischen Anzüglichkeiten und Diskriminierung. Wir müssen uns auf das verlassen, was die Journalistin ein Jahr später über diesen Abend publizierte: Das, was sie beschreibt, ist ein Fehlverhalten. Es ist nicht Sexismus.

Den Vorfall nun als sexistisch einzuordnen verdeckt die wahren Probleme, mit denen Frauen etwa im Beruf zu kämpfen haben: Stichwort gläserne Decke. Hier findet täglich und tatsächlich Sexismus statt, ganz ohne Schlüpfrigkeiten und verunglückte Annäherungsversuche. Frauen werden auf ihrem Weg gezielt gebremst, weil sie Frauen sind, weil sie sich anders verhalten, anders verhandeln, weil sie anders verfügbar sind.

Im Fall Brüderle kann man von sexueller Belästigung sprechen, aber sie steht in keinem Verhältnis zu dem Ausmaß an Bedrohungen bis hin zu Vergewaltigungen, mit denen Frauen sonst konfrontiert sind. Die Journalistin wurde körperlich bedrängt? Und es gab kein Nachspiel, bis der Vorfall medial verarbeitet wurde? Was bedeutet dieses Verhalten für all jene Frauen, die den schmerzvollen Weg wählen, die anklagen, sich nichts gefallen lassen wollen?

Nun geht es in diesem Fall um das Vorfeld, um die Belästigung, die Raum schafft für mehr: für ein Machtgefüge, in dem Alltagssexismus der Normalzustand ist. Es geht um eine gesellschaftlich akzeptierte Bruhaha-Atmosphäre, die Frauen schamhaft schweigen und innerlich vor Wut zittern lässt. Hört man sich um, gibt es Geschichten zuhauf, von älteren Männern, die jüngeren Frauen zeigen, wo der Witz zu Hause ist und was sie von ihren Beinen halten. Zotige Bemerkungen schaffen ein vergiftetes Umfeld, in dem konstruktive Arbeit nicht möglich ist. Das ist widerlich. Aber es muss nicht hingenommen werden.

Es ist eine Errungenschaft, die wir der Frauengeneration vor uns verdanken, dass Männer nicht mehr mit allem durchkommen. Frauen können sich wehren, und sie tun es. Sie nennen Dinge beim Namen, sie ducken sich nicht. Eine naive Vorstellung? Weil man dem Vorgesetzten nicht gegen das Schienbein tritt, weil man bei den Kollegen nicht die humorlose Zicke sein will, die sich schlüpfrige Witze verbittet? Ist es deshalb so schwer, den Herrenwitz aus dem Berufsleben zu verbannen?

Es erfordert Mut, nicht zu schweigen. Beim ersten Mal fällt einem vielleicht nichts ein. Aber dann, beim zweiten und beim dritten Mal. Man eckt an, man ist nicht immer nur nett. Es hilft, nicht immer von allen gemocht werden zu wollen. Und dann gilt es noch, die Frauen ins Gebet zu nehmen, die das Männerspiel ganz eigennützig mitspielen. Frauen, die ständig Solidarität einfordern, sollten diese endlich auch untereinander praktizieren.

 

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2013)

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