Europa den Rücken kehren? Erdogan denkt darüber nach

BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Die Europäer merken in ihrer Selbstbezogenheit gar nicht, dass sie geopolitisch immer mehr zur Peripherie werden. Die Türkei überlegt deshalb Konsequenzen.

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Recep Tayyip Erdogan ist sauer. Sauer auf die EU und ihre Mitgliedstaaten. Und wer sich einmal in den Kopf des türkischen Regierungschefs hineinzuversetzen versucht, kann verstehen, dass er sauer ist. Seit einem halben Jahrhundert bemüht sich Ankara, in den europäischen Klub aufgenommen zu werden. Seit einem halben Jahrhundert werden in diesem Klub immer neue Hausregeln ausgedacht, um eine Aufnahme der Türkei zu verzögern beziehungsweise zu verhindern. Klar, dass da die Frustration wächst.

Diese Woche hat Erdogan in einem Fernsehinterview erklärt, dass die Türkei nach einer Alternative zu einem EU-Beitritt sucht und sich um eine Aufnahme in die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit bemühen könnte. Jetzt hört man schon die „Ja geht doch endlich“-Rufe, sieht bereits die Postings all der klein karierten, dümmlichen Türken-Hasser, die es in allen europäischen Ländern in fast allen politischen Lagern gibt.

Genau das ist ja auch das Problem der europäischen Politik im Umgang mit der Türkei. Wenn es nicht die permanente Angst der politisch Verantwortlichen in den EU-Staaten vor diesen Horden von Kleingeistern gäbe, hätte es schon längst eine Lösung der Türkei-Frage geben können – ob dies nun eine Mitgliedschaft, eine privilegierte Partnerschaft oder was auch immer ist.

Dieser europäische Kleingeist ist nichts als ein großes Übel. Vor ein paar Tagen beschrieb der Moskauer außenpolitische Vordenker Fjodor Lukjanow in der Landesverteidigungsakademie in Wien die russische Sicht auf Europa: Russland sieht Europa immer mehr zur Peripherie werden – zu dem, was es auf der Landkarte ist: eine Art größerer, ausfransender Wurmfortsatz des riesigen Kontinents Eurasien. Wer von anderen Punkten der Welt aus auf Europa schaut, sieht ständig untereinander streitende, praktisch nur mit sich selbst und der Erhaltung des hohen Lebensstandards beschäftigte Weiblein und Männlein.

Visionen für die Lösung der großen globalen Fragen kommen kaum mehr aus diesem Europa. Gefragt sind die Europäer vor allem noch als Geldgeber und vielleicht als Schuttwegräumer, wenn es irgendwo gekracht hat. Kein Wunder also, dass Russland sich wieder stärker darauf besinnt, dass es eine eurasische Macht ist, dass der größte Teil des eigenen Territoriums sich in Asien befindet.

Die Amerikaner denken ja auch um. Auch sie konzentrieren sich wirtschaftlich, außenpolitisch, geostrategisch immer stärker auf den asiatisch-pazifischen Raum, auch für sie verliert die transatlantische Verbindung an Gewicht, wird Europa zunehmend zur Peripherie.

Und angesichts der geopolitischen Verschiebungen sollen die Türken nicht auch darüber nachdenken dürfen, ob es in Asien eventuell Alternativen zu den hochnäsigen Europäern gibt? Klar haben europäische Diplomaten auch sofort mit Hochnäsigkeit auf Erdogans lautes Nachdenken reagiert: Die Shanghai-Gruppe könne doch nie eine Alternative zur EU für die Türkei sein, mit dieser Hinwendung nach Asien wolle Ankara den Europäern nur Angst einjagen – aber da werde sie sich täuschen.

Wer sich am Ende täuschen wird, bleibt abzuwarten. Die Türkei gehört wirtschaftlich derzeit zu den am dynamischsten wachsenden Ländern; gerade erst hat die Regierung angekündigt, dass in Istanbul der weltgrößte Flughafen entstehen soll. Außenpolitisch und von ihrem militärischen Gewicht ist sie ohnedies schon eine Regionalmacht, und sie ist wie Russland ein eurasisches Gebilde.

Erdogan blufft auch nicht, wenn er in der Shanghai-Gruppe eine geopolitische Alternative sieht – „bereits viel mächtiger als die EU“. Klar, wenn sie zu einem dezidierten Anti-Nato- und Anti-USA-Bollwerk in Asien werden sollte, wird das treue Nato-Mitglied wohl kaum aufgenommen werden – außer Erdogan ist sogar bereit, die türkischen Verbindungen zu Washington zu kappen. Nichts deutet darauf hin. Und die Shanghai-Gruppe hat sich seit ihrer Gründung im Juni 2002 als Organisation zur Sicherheitskooperation und zur Terroristen- und Extremistenbekämpfung bereits einigermaßen gewandelt. Sie ist eine sich ziemlich dynamisch entwickelnde Gruppe. So wie (fast) ganz Asien. So wie die Türkei.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2013)

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76 Kommentare
 
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nur mehr CIA Autoren?

Ist die Presse so pleite, dass sie dauernd offenbar US-gesponserte Artikel bringt?

Alle die einen EU-Beitritt der Türkei skeptisch betrachten sind kleingeistige Türkenhasser?

"Visionen für die Lösung der großen globalen Fragen kommen kaum mehr aus diesem Europa" .. von wo kommen denn überhaupt welche, etwa aus China, aus Russland, aus Indien?

Dass China wirtschaftlicher bedeutender wird, ist einfach natürlich, wenn 1,8 Mrd. Menschen einen höheren Lebnsstandard erreichen. Ja, die werden auch Europa überflügeln, nicht weil EU so dumm ist sondern weil Macht=BNP.

Vermutlich machen sich die Türken über die Volksabstimmung in Österreich keine Sorgen!

Sie wissen genau, wenn Deutschland dem Beitritt der Türkei zustimmt, können die Österreicher nicht anders entscheiden! Volkeswille der Österreicher liegt also in Deutschland!

Re: Vermutlich machen sich die Türken über die Volksabstimmung in Österreich keine Sorgen!

vielleicht ja...aber auf teutonen ist verlass

Republik

bedeutet die Herrschaft des Volkes und das Volk will defenitiv keinen Beitritt der Türkei. Das Volk mag zwar stinken und dumm sein, wie irgend ein Kaiser einmal sagte, aber es fühlt zumeist das Richtige. Es fühlt das es nicht gut gehen kann (wird) mit einem Kontinent dessen Bevölkerung Schwierigkeiten hat sich fortzupflanzen, deren Werte die sie einmal groß gemacht haben den Berg runtergehen usw...es steht schlecht um die europäische Gesellschaft. Das in einer solchen, in seiner Bedrohlichkeit und Dimension, noch nie dagewesenen Situation ein Beitritt eines Landes dessen Politik durch Nationalismus, Stärke und religiösem Sendungsbewußtsein geprägt ist. Dessen Bevölkerung eine enorme Fertilitätsrate aufweist, die sich nicht integrieren(in Bulgarien hatten sie sich nach 400 Jahren immer noch nicht integriert worauf man sie 1989 darum bat in ihre angestammte Heimat zurückzukehren) und die sich aller Wahrscheinlichkeit zufolge in den kommenden Jahrzehnten aufmachen werden die Welt umspannend mit dem Islam zu beglücken, so drängt sich vielmehr der Eindruck auf das ein Beitritt der Türkei einem europäischen Suizid gleichkommt. Es steht Ihrer Meinungsfreiheit zu, dies Kleinkariert zu nennen.

Re: Republik

demokratie

Re: Re: Republik

Demokratie?

Wo?

Bei uns in Österreich?

Nur alle 5 Jahre und dann auch nicht richtig.

Also nicht auf die Türkei hinhauen.

Nur weil sich unser Politiksystem "Demokratie" nennt, heisst es noch lange nicht dass wir in einer solchen auch tatsächlich leben.

Das ist nämlich der Einserschmäh beim Marketing: Den Leuten das Gefühl zu geben als ob.


Re: Re: Re: Republik

sie haben komplett daneben gesch...ssen
es ging ausschliesslich um orthographie

Re: Republik

demokratie bedeutet die herrschaft des volkes
res publica bedeutet...die öffentliche sache

Re: Re: Republik

danke für den Hinweis, hatte noch halb geschlafen beim schreiben.

Man sollte ein bißchen mehr über die Erfahrungen nachdenken,

die etwa Zypern mit der Türkei machen mußte. Die Türkei scheute sich nicht, im Interesse ihrer relativ kleinen Volksgruppe in Zypern militärisch zu intervenieren, das griechische Mehrheitsvolk aus einem unverhälltnismäßig größeren Teil der Insel auszusiedeln und Binnenland-Türken als Kolonisten anzusiedeln! Kein Wunder, wenn sich das griechische Restzypern gegen die Aufnahme in die EU sperrt, zumal die starrköpfigen Türken keinen Meter weit von ihrem völkerrechtswidrigen "Besitzstand" abrücken.

Und für die europäische Ländern mit ihren starken türkischen Minderheiten, die in den letzten Jahren ins Land gekommen sind und kaum Bereitschaft zeigen, sich zu assimilieren, ist das auch keine Empfehlung für eine Aufnahme der Türkei in die EU!!

Wie es der Grüne Vockenhuber einmal ausgedrückt hat, bestünde vielmehr die Gefahr, daß die Türkei ihre EU-Partner mißbrauchen würde, um ihre Einfluß in Zentralasien zu verstärken!

6 0

Ob es klug ist,

lieber ein Kleiner unter der Führung Russlands zu sein oder einer der Größeren unter mehreren, die einiges an demokratischer Kultur zu bieten haben?
Ist es kleingeistig, über den Beitritt eines Landes nachzudenken, das de facto im Krieg mit einem beträchtlichen Teil seiner Bevölkerung lebt? Reichen nicht Irland, Basken, Süditalien? Ist es kleingeistig, sich den Beitritt eines Landes, dass in der Zypernfrage höchst kleingeistig agiert, besser 2mal zu überlegen? B

Haupsache den Balkan hofieren.....

Tatsächlich treten wieder die überflüssigen kleinkarierten EU-Miniposter auch in diesem Forum auf - jene, denen der Blick über Grenzen eine Belastung darstellt.Jene, die Türkei negativ statt positiv sehen....
Hauptsäche, die EU nimmt die Armenäuser Europas in die Arme - diese flüchten sich immer rascher unter den Schutzschirm - also weiter mit der Aufnahme von Bosnien, Montenegro und Serbien u.a.
Kroatien, Bulgarien, Rumänien und Slowenien waren - wie sich klar herausstellt - ohnehin Fehltritte - ein vierfacher Fauxpas von Brüssel.....

5 1

Wurde auch langsam Zeit

das Erdogan bei der Europäischen Bevölkerung lieber aus der Position von hinten gesehen wird.
Wenn wir glauben das bei einem Eintritt der Türkei uns Sicherheit einzukaufen, wird der Schuss nach hinten losgehen.
Am Ende könnte es soweit kommen, wie es sich keiner wünscht, und das wäre Krieg.
Krieg gegen Moslemischen Ländern, und wir wären mittendrin.

Re: Wurde auch langsam Zeit

ja genau wiedermal gel

Re: Re: Wurde auch langsam Zeit

austro domuz

Landkarte

Ungeachtet aller möglichen Vor- und Nachteile:

Die Türkei hat Grenzen zu(m):

Syrien
Irak
Iran
Kaukasus (siehe Tschetschenien,..)

Ein einziger Blick auf einen Globus reicht aus, warum ich meine Zweifel habe, und ein entschiedener Gegner des Türkei-Beitritts. W-Wachstum hin oder her.


Noch amal

Ungeachtet von Problemen mit hier lebenden Türken, den Defiziten in der Türkei (Menschenrechte, Lage der Christen, et.c) oder dem jetzigen W-Wachstum der Türkei, gibt es 4 sehr gute Gründe gegen einen Beitritt:

1.) Eine Grenze zum Iran
2.) Eine Grenze zum Irak
3.) Eine Grenze zu Syrien
4.) Eine Grenze in d. Kaukasus-Region

Wir wären mittendrin und nicht nur dabei.
Sind wir heutzutage zu blöd, um auf einen Globus zu schauen?

2 1

Nicht mehr aktuell

Vorläufer der SOZ war die Shanghai Five-Gruppe
Mitgliedstaaten

China
Kasachstan
Kirgisistan
Russland
Tadschikistan
Usbekistan

Staaten mit Beobachterstatus

Mongolei
Indien
Pakistan
Iran
Afghanistan

Staaten, die Interesse an der SOZ bekundet haben

Nepal
Weißrussland
Turkmenistan
Türkei

Dialogpartner der SOZ

Afghanistan
ASEAN
GUS
Sri Lanka
Weißrussland
Türkei

Die Türkei hat im Oktober 2011 einen offiziellen Antrag auf eine Dialogpartnerschaft bei der SOZ gestellt.
Am 7. Juni 2012 ist die Türkei offiziell ein weiterer Dialogpartner geworden
Damit ist die Türkei das erste Land, welches eine Dialogpartnerschaft mit der SOZ unterhält und gleichzeitig Mitglied der NATO ist.

12 2

Niemand will die Türken in Europa - mittlerweilen aus Erfahrung und damit aus gutem Grund.

Wenn die Türken dies jetzt endlich kapieren - sehr schön.

Jemand, der es notwendig hat, Andersdenkende...

...als "kleinkariert & dümmlich" zu diskreditieren, ist es i.d.R. selber.

Menschenrechte?

Dass in der Türkei die Menschenrechte mit Füßen getreten werden und Oppositionelle bei Erwähnung des Völkermordes an den Armeniern mit Verfolgung rechnen können, ist Herrn Bischof anscheinend egal. Wie unsensibel muss man eigentlich sein um so zu argumentieren. Die Türkei passt mit seiner Menschrechtssituation sowieso besser zu Rußland und China.

Heisst wohl, ich habe kein Recht mehr ..

... für einen Staatenbund einzutreten.
Ich bin dann ein "kleingeistiger EU-Hasser"?

Das erspart zumindest die Argumentation.
Im Grunde ist das Zeichnen von Bildern das Gegenteil einer vernünftigen Argumentation.
Das Zeichnen von Bildern ("Türkenhasser") ist natürlich nur eine rhetorische Figur, die impliziert, dass Ihre Argumentation so richtig ist, dass jeder, der sie nicht ungefragt übernimmt, ein Vollidiot ist (oder - besser noch, weil strafbar - ein Hetzer).

Wenn Sie keine rhetorisch logische Argumentationskette bilden können, sollten Sie keine Leitartikel schreiben.

Im Leitartikel ...

... die eigene Leserschaft beschimpfen.
Weit hats die Presse gebracht.

11 0

das darf doch nicht wahr sein

..doch nicht der bischof??
so ein schmarrn...sind wir doch nicht gewohnt von burkhard....das muß eine verwechslung sein...leider nicht, jetzt hat er sich geoutet...er ist doch nur mieser durchschnitt

9 2

nicht nur einen Blödsinn schreiben, beleidigen auch noch

"Wenn es nicht die permanente Angst der politisch Verantwortlichen in den EU-Staaten vor diesen Horden von Kleingeistern gäbe"
die Türkei ist für Europa einfach nicht interessant, Russland wäre interessant, aber da regiert der Kleingeist.

Abgesehen davon, dass die Türkei nie wirklich gezeigt hat, dass sie an europa interessiert wäre, übrigens wird sich Russland mit der Türkei nicht leicht tun, das werden die auch noch merken.

2 12

Es ist ein Privileg von Europa

die Politik der Zukunft vom Stammtisch bestimmen zu lassen!

 
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