Europa den Rücken kehren? Erdogan denkt darüber nach

Die Europäer merken in ihrer Selbstbezogenheit gar nicht, dass sie geopolitisch immer mehr zur Peripherie werden. Die Türkei überlegt deshalb Konsequenzen.

Turkey's Prime Minister Tayyip Erdogan speaks to the media during a meeting with Senegal's President Macky Sall at the presidential palace in Daka
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Turkey's Prime Minister Tayyip Erdogan speaks to the media during a meeting with Senegal's President Macky Sall at the presidential palace in Daka
REUTERS

Recep Tayyip Erdogan ist sauer. Sauer auf die EU und ihre Mitgliedstaaten. Und wer sich einmal in den Kopf des türkischen Regierungschefs hineinzuversetzen versucht, kann verstehen, dass er sauer ist. Seit einem halben Jahrhundert bemüht sich Ankara, in den europäischen Klub aufgenommen zu werden. Seit einem halben Jahrhundert werden in diesem Klub immer neue Hausregeln ausgedacht, um eine Aufnahme der Türkei zu verzögern beziehungsweise zu verhindern. Klar, dass da die Frustration wächst.

Diese Woche hat Erdogan in einem Fernsehinterview erklärt, dass die Türkei nach einer Alternative zu einem EU-Beitritt sucht und sich um eine Aufnahme in die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit bemühen könnte. Jetzt hört man schon die „Ja geht doch endlich“-Rufe, sieht bereits die Postings all der klein karierten, dümmlichen Türken-Hasser, die es in allen europäischen Ländern in fast allen politischen Lagern gibt.

Genau das ist ja auch das Problem der europäischen Politik im Umgang mit der Türkei. Wenn es nicht die permanente Angst der politisch Verantwortlichen in den EU-Staaten vor diesen Horden von Kleingeistern gäbe, hätte es schon längst eine Lösung der Türkei-Frage geben können – ob dies nun eine Mitgliedschaft, eine privilegierte Partnerschaft oder was auch immer ist.

Dieser europäische Kleingeist ist nichts als ein großes Übel. Vor ein paar Tagen beschrieb der Moskauer außenpolitische Vordenker Fjodor Lukjanow in der Landesverteidigungsakademie in Wien die russische Sicht auf Europa: Russland sieht Europa immer mehr zur Peripherie werden – zu dem, was es auf der Landkarte ist: eine Art größerer, ausfransender Wurmfortsatz des riesigen Kontinents Eurasien. Wer von anderen Punkten der Welt aus auf Europa schaut, sieht ständig untereinander streitende, praktisch nur mit sich selbst und der Erhaltung des hohen Lebensstandards beschäftigte Weiblein und Männlein.

Visionen für die Lösung der großen globalen Fragen kommen kaum mehr aus diesem Europa. Gefragt sind die Europäer vor allem noch als Geldgeber und vielleicht als Schuttwegräumer, wenn es irgendwo gekracht hat. Kein Wunder also, dass Russland sich wieder stärker darauf besinnt, dass es eine eurasische Macht ist, dass der größte Teil des eigenen Territoriums sich in Asien befindet.

Die Amerikaner denken ja auch um. Auch sie konzentrieren sich wirtschaftlich, außenpolitisch, geostrategisch immer stärker auf den asiatisch-pazifischen Raum, auch für sie verliert die transatlantische Verbindung an Gewicht, wird Europa zunehmend zur Peripherie.

Und angesichts der geopolitischen Verschiebungen sollen die Türken nicht auch darüber nachdenken dürfen, ob es in Asien eventuell Alternativen zu den hochnäsigen Europäern gibt? Klar haben europäische Diplomaten auch sofort mit Hochnäsigkeit auf Erdogans lautes Nachdenken reagiert: Die Shanghai-Gruppe könne doch nie eine Alternative zur EU für die Türkei sein, mit dieser Hinwendung nach Asien wolle Ankara den Europäern nur Angst einjagen – aber da werde sie sich täuschen.

Wer sich am Ende täuschen wird, bleibt abzuwarten. Die Türkei gehört wirtschaftlich derzeit zu den am dynamischsten wachsenden Ländern; gerade erst hat die Regierung angekündigt, dass in Istanbul der weltgrößte Flughafen entstehen soll. Außenpolitisch und von ihrem militärischen Gewicht ist sie ohnedies schon eine Regionalmacht, und sie ist wie Russland ein eurasisches Gebilde.

Erdogan blufft auch nicht, wenn er in der Shanghai-Gruppe eine geopolitische Alternative sieht – „bereits viel mächtiger als die EU“. Klar, wenn sie zu einem dezidierten Anti-Nato- und Anti-USA-Bollwerk in Asien werden sollte, wird das treue Nato-Mitglied wohl kaum aufgenommen werden – außer Erdogan ist sogar bereit, die türkischen Verbindungen zu Washington zu kappen. Nichts deutet darauf hin. Und die Shanghai-Gruppe hat sich seit ihrer Gründung im Juni 2002 als Organisation zur Sicherheitskooperation und zur Terroristen- und Extremistenbekämpfung bereits einigermaßen gewandelt. Sie ist eine sich ziemlich dynamisch entwickelnde Gruppe. So wie (fast) ganz Asien. So wie die Türkei.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2013)

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