Ein Problem von Angebot und Nachfrage

OLIVER PINK (Die Presse)

Die Wiederbelebung der Ambulanzgebühr – zumindest als Debattenbeitrag. Das letzte Mal war das ein klassischer Fall von „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“.

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Wer wie der Autor dieser Zeilen Stammgast in einer Ambulanz ist – vorzugsweise am Samstagnachmittag oder am Sonntagvormittag in einem Wiener Kinderspital –, der wird dem Befund zustimmen: Ja, die Ambulanzen sind heillos überfüllt. Wartezeiten von drei Stunden sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

So hat man immerhin Zeit, über mehrere Dinge nachzudenken: Warum ist das so? Wie erschöpft müssen die Ärzte und Krankenpfleger nach so einem Arbeitstag in der Ambulanz sein? Und wohin gehen eigentlich die Österreicher ohne Migrationshintergrund, wenn das Kind am Wochenende erkrankt? Warten sie einfach bis Montag? Rufen sie ihren Hausarzt privat an bzw. einen befreundeten Mediziner? Oder machen sie sich schlicht weniger Sorgen? Denn der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund ist hier überproportional hoch.

Die Erklärung der Experten ist einleuchtend: Es sind eher Menschen aus sozial schwachen Schichten, die Ambulanzen aufsuchen, und dazu zählen eben insbesondere die Zuwanderer. Zudem sind diese mit dem System der niedergelassenen Ärzte vielfach weniger vertraut, und der Weg in eine Ambulanz ist einfach der unkompliziertere und naheliegendere.

Und noch etwas geben Mediziner, die den Alltag in einer Ambulanz aus eigener Erfahrung kennen, zu bedenken: Viele Menschen – egal, ob nun in Österreich geboren oder nicht – suchen wegen Kleinigkeiten wie einer Verkühlung die Ambulanzen in den Spitälern auf. „Bei jedem Wehwehchen“, wie der Vizepräsident der Ärztekammer, Harald Mayer, sagt, der nun die Wiedereinführung der Ambulanzgebühr verlangt.

Die Ambulanzgebühr ist ein schönes Beispiel für den alten Kalauer „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut“. Als Lenkungsmaßnahme, um die Patientenströme von den Spitalsambulanzen in den niedergelassenen Bereich umzuleiten, hatte die schwarz-blaue Regierung diese 2001 eingeführt. Als eine Art Selbstbehalt, der auch der Finanzierung des Gesundheitssystems zugutekommen sollte. Doch wie sich bald herausstellte: Der Verwaltungsaufwand fraß die Einnahmen bei Weitem auf, zumal aufgrund zahlreicher Ausnahmeregelungen viele Patienten von der Gebühr befreit waren. Als dann auch noch der Verfassungsgerichtshof das Gesetz wegen handwerklicher Fehler teilweise aufhob, ließ man es ganz bleiben. Seitdem lebt die Ambulanzgebühr nur noch in medialen Rückblenden als ein von FPÖ-Sozialminister Herbert Haupt zu verantwortendes „Pfuschgesetz“ der Regierung Schüssel fort.

Nun erfährt sie ein kleines Comeback – allerdings auch nur als Debattenbeitrag. Denn SPÖ-Gesundheitsminister Alois Stöger denkt nicht daran, dem Vorstoß der Ärztekammer näherzutreten. Wobei dieser auch recht durchsichtig ist: Denn mit der Warnung vor einem Kollaps der Ambulanzen samt Forderung nach Zutrittsbeschränkungen und -gebühren will diese Druck für mehr Kassenstellen im niedergelassenen Bereich machen – tausend an der Zahl wären die Wunschvorstellung. Wogegen grundsätzlich nichts einzuwenden wäre. Wenn nicht das Geld knapp wäre.

Wenn man die Erfordernisse einer entsprechenden Gesundheitsversorgung der Bevölkerung und die finanziellen Möglichkeiten des österreichischen Gesundheitssystems gegenüberstellt, wird man zu dem Schluss kommen müssen, dass die Erweiterung der Öffnungszeiten von niedergelassenen Ärzten auf das Wochenende und die Schaffung von Gemeinschaftspraxen der bessere Weg ist.

Ganz abgesehen davon, dass die Steuerbelastung der Bürger ohnehin schon jetzt sehr hoch ist. Und bevor neue zusätzliche Gebühren eingeführt werden, sollte schon noch versucht werden, mit den bereits eingehobenen besser auszukommen. Wie schon bewiesen, ist gerade bei der Ambulanzgebühr die Gefahr hoch, dass diese letztlich im Verwaltungsapparat versickert.

Als Alternative zur Ambulanz an Wochenenden schlägt Herr Doktor Mayer von der Ärztekammer übrigens den Ärztenotdienst vor. Aber auch auf diesen wartet man – jedenfalls in Wien – mindestens drei Stunden.

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2013)

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22 Kommentare

privat?

Haben Sie keine Privatversicherung?
Wissen Sie nicht, dass es Privatspitäler gibt?

Stammgast in der Ambulanz der Kinderklinik?

Herr Pink, ist Ihr kleiner Max etwa so ein wilder Raufer und Kraxler, der sich ständig wehtut?

Oder sind Sie ein übervorsichtiger Vater, der bei jedem Huster seines Nachwuchses sofort im Pschyrembel nachschlägt und natürlich die schrecklichsten Dinge vermutet?

Der Verwaltungsaufwand fraß die Einnahmen bei Weitem auf, zumal aufgrund zahlreicher Ausnahmeregelungen viele Patienten von der Gebühr befreit waren.

Es war ja nicht möglich, so wie beim Arzneimittelselbstbehalt einfach 5,-€ vor Ort einzuheben. Umfangreiche Allianzen zwischen Caritas, Arbeiterkammer, Pensionistenvertretern, Gewerkschaft und vor allem der Ärztevertreter haben ihre Superignoranz zu dem Lehrstück über die Bürokratie erfolgreich eingebracht!

Dazu fallen mir mehrere Dinge ein:

-) Spitalsambulanzen werden gerne von Migranten genutzt, das zu erwähnen ist zwar politisch nicht korrekt, is aber so.
-) bei den Öffnungszeiten von praktischen Ärzten ist es nicht immer einfach
-) dieser Ärzterufdienst (oder Notdienst) ist zum Vergessen

Und das Hauptproblem: jedes "ernsthaftere" Gesundheitsproblem ist für den Hausarzt zu hoch, der würde sowieso nur weiter verweisen.
Also latscht man gleich zum FA oder, wenn einem die Warterei zu deppad ist, in die Ambulanz.

Allen berechtigten Vorwürfen zum Trotz darf man nicht vergessen, dass es um Gesundheit von Menschen geht und da ist kaum wer geduldig...

Das System muss effizienter werden und so gestaltet sein, dass die Ambulanz nur noch für komplexe/spezielle Fälle nötig ist.

Re: Dazu fallen mir mehrere Dinge ein:

Wenn das Gesundheitsproblem für den Hausarzt "zu hoch" ist, dann schreibt er eh eine Überweisung und damit fiele die Ambulanzgebühr weg.

Re: Re: Dazu fallen mir mehrere Dinge ein:

11-18 Euro Gebühr also um nicht sinnlos beim Hausarzt warten zu müssen?

Re: Re: Re: Dazu fallen mir mehrere Dinge ein:

Ob die Warterei beim Hausarzt sinnlos war, sollte immer noch der Arzt entscheiden und nicht der Patient. Ärzte sind schließlich die ausgebildeten Spezialisten und haben es (so wie alle Spezialisten) zu Recht nicht besonders gerne, wenn der Laie schon Diagnose und Therapie im vorhinein zu wissen glaubt.

In schweren und dringenden Fällen kann man auch den Krankenwagen rufen, auch dann fiele laut dem Plan keine Ambulanzgebühr an.

Tipp

als ich nach anderthalb Jahren Wien das erste Mal richtig krank wurde (natürlich an einem Wochenende) und zu meinem Schrecken feststellen musste, dass in Wien weniger Ärzte am Wochenende offen haben als in meinem 5000-EW-Heimatdorf in OÖ, bin ich in meiner Verzweiflung auf die Gemeinschaftspraxis Dr. Molnar im 2. gestossen, diese hat gefühlt immer offen.
Anm.: für diesen Hinweis wurde ich nicht bezahlt und weder arbeite ich dort noch habe ich persönliche Kontakte dorthin.
Ist ja auch eher ein Armutszeugnis für eine Stadt mit der "höchsten Lebensqualität der Welt", dass man hier am Wochenende nicht krank werden sollte.

Wie Pink

schreibt sind Krankenhäuser schlichtweg naheliegender, überhaupt als irgendein Arzt irgendwo, der dann auch noch mein "Hausarzt" sein soll (was wohl auch das unterschiedliche Verhalten erklärt: Höher gebildete kennen halt ihren Arzt persönlich, Verwandter oder Verwandter vom Freund etc.).
am Land mag das Sinn machen, warum in der Stadt daran festhält verstehe ich aber (als junger, relativ gesunder Mensch praktisch ohne Krankheitserfahrung) nicht...müsste es denn nichjt weitaus effektiver sein, alle Gesundheitsdienstleistungen zumindest im urbanen Bereich stärker zu konzentrieren? Z.b. zu jedem Krankenhaus noch eine Gemeinschaftspraxis. Oft sind es wirklich medizinisch gesehen Wehwechen, die aber halt trotzdem behandelt werden müssen, ich denke da z.B. an Sehnenscheidenentzündungen.

Niederschwellig


Im Ö1-Mittagsjournal heute wurde berichtet, dass die Spitalsambulanzen wichtig sind weil sie eine niederschwellige Gesundheitsversorgung bieten.

Der Radioredakteur dachte wahrscheinlich an die Menschen mit Migrationshintergrund.

Eine Ordination eines Arztes aufzusuchen ist offenbar für Viele zu hochschwellig und diesen Menschen halt nicht zuzumuten. Immerhin muss man ins Telefonbuch oder ins Internet schauen um die Adresse eines Arztes herauszufinden und die Ordinationszeiten auch noch - und das ist für Viele nicht einfach.

Ich kenne viele Menschen im Gesundheitswesen und wurde daher informiert, dass viele Migranten genau diese Mentalität haben: "Unbedingt zu jedem Anlass und zu jeder Zeit in die Spitalsambulanz" - egal ob es ein Akutfall ist oder nicht.

Herr Minister Stöger hat im Mittagsjournal nur klar gesagt dass er gegen Ambulanzgebühren ist und dafür einen Wischi-waschi-Redeschwall als Begründung geboten.

Und ob die Ärzte oder das Gesundheitspersonal sich dort in der Ambulanz überarbeiten muss - um das kümmert sich der Herr Minister Stöger bekanntlich am allerwenigsten. Und dass dies die teuerste Gesundheitsversorgung ist, das kümmert Herrn Stöger nicht.

Herr Stöger ist kein Gesundheitsminister sondern nur Gebietskrankenkassenminister!

Er hat ausschließlich die Interessen seiner vielen Genossen in den GKKs im Auge, alles andere interessiert ihn höchstens am Rande....

Re: Herr Stöger ist kein Gesundheitsminister sondern nur Gebietskrankenkassenminister!

Seine Exzellenz, nimmt Paddeiinteressen wahr. Parteiinteresse ist, möglichst viele Wählerstrimmen zu erhalten. Daran richtet sich das Bemühen seiner Exzellenz. In diesem Sinne ist Herrn BM Stöger, der ein exzellenter und ausgefuchster Verhandeer ist, die Ärzteschaft vollkommen egal. Die wählen so wie so nicht richtig! Aber nicht egal ist ihm, wenn die zahlreichen Jessicas und Kevins ((c) Ortner) nicht mehr die Stimmmehrheit liefern. Ob eine Maßnahme das Gesundheitssystem be- oder entlastet, ist vollkommen powidl. Entscheiden tut die Prolokratie. Daher gibt es keine Ambulanzgebühr und natürlich viel Tschickgestank in den Wirtshäusern.

Re: Niederschwellig

In vielen Herkunftsländern von Migranten gibt es das System der niedergelassenen Ärzte wie in Österreich nicht. Dort rennt man wirklich wegen jedem Wehwehchen in die Ambulanz und wartet dort stundenlang.

Gerade da würde wohl einzig eine Ambulanzgebühr helfen. Denn erst wenn es Geld kostet wird wohl auch bei nicht informationswilligen Migranten die Erkenntnis einsetzen, dass in Österreich die Ambulanz eigentlich nur für Notfälle da sein sollte und für die normalen Wehwehchen der Hausarzt da ist.

Der Wurm liegt in der idiotischen Finanzierung des Gesundhetswesens !!!

Die Spitäler einschließlich deren Ambulanzen finanzieren vorwiegend die Gebietskörperschaften, zumeist sind es die Länder. Die Pflichtkrankenkassen bezahlen unabhängig von der Anzahl ihrer Patienten in den Spitalstopf einen Fixbetrag, der ein Prozentsatz der Kasseneinahmen eines Jahres ist und rückwirkend nach Vorliegen der Jahresbilanz berechnet wird.

Die niedergelassenen Ärzte werden nur von den Kassen bezahlt und pro Fall bzw.Einzelleistung abgerechnet.

Es ist daher im Interesse der Kassen, daß möglichst viele Patienten in die Ambulanzen gehen, denn dort kosten sie ihnen genau 0 Euro, wogegen beim Privatarzt Honorare anfallen würden !!!!

Den Spitalserhaltern bleibt als Notwehr nur die Möglichkeit, die Ambulanzen personell so kurz zu halten, daß eben lange Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen......

So ist das und nicht anders !!!

Re: Der Wurm liegt in der idiotischen Finanzierung des Gesundhetswesens !!!

Sie haben mit dem was Sie sagen natürlich recht. Trotzdem gehe ich wenn was ist in die Ambulanz, weil ich lieber 3 Stunden dort als 6 Monate auf den Termin beim Facharzt warte (Linz).

Re: Re: Der Wurm liegt in der idiotischen Finanzierung des Gesundhetswesens !!!

Und genau das wollen die Genossen und ihr GKK-Minister Stöger!

Der "Stellenplan" für niedergelassene Fachärzte mit Kassenvertrag ist so restriktiv, damit eben möglichst viele atienten in die Spitalsambulanzen abwandern. Und überdies werden diese Ärzte dann angehalten, alles möglichst billig zu machen. Wer über dem Durchschnitt liegt, wird von der Kasse sofort zu einem "amikalen Gespräch", wie sie das tatsächlich nennen, eingeladen!

Der Wurm liegt in der idiotischen Finanzierung des Gesundhetswesens !!!

Die Spitäler einschließlich deren Ambulanzen finanzieren vorwiegend die Gebietskörperschaften, zumeist sind es die Länder. Die Pflichtkrankenkassen bezahlen unabhängig von der Anzahl ihrer Patienten in den Spitalstopf einen Fixbetrag, der ein Prozentsatz der Kasseneinahmen eines Jahres ist und rückwirkend nach Vorliegen der Jahresbilanz berechnet wird.

Die niedergelassenen Ärzte werden nur von den Kassen bezahlt und pro Fall bzw.Einzelleistung abgerechnet.

Es ist daher im Interesse der Kassen, daß möglichst viele Patienten in die Ambulanzen gehen, denn dort kosten sie ihnen genau 0 Euro, wogegen beim Privatarzt Honorare anfallen würden !!!!

Den Spitalserhaltern bleibt als Notwehr nur die Möglichkeit, die Ambulanzen personell so kurz zu halten, daß eben lange Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen......

So ist das und nicht anders !!!

Es wird ohne Selbstbehalt nicht abgehen!

Dass die Gebühr seinerzeit in sich zusammenfiel, ist ein anderes aber erklärbares Kapitel!
Menn es bei den Medikamenten funktioniert, warum nicht in Ordinationen und Ambulanzen.
Gestorben ist der Selbstbehalt nur durch die unheilige Allianz von Caritas, Arbeiterkammer und Ärztekammer. Alles diese Gruppen haben und noch andere Interessenvertreter haben daran mitgewirkt, dass dieEinhebung so kompliziert wie nur möglich gestaltet wurde um dann zusammenzubrechen!
Der totale und freie Gratiszugang fördert den bedenkenlosen Konsum von Medizin und nicht mehr!

Re: Es wird ohne Selbstbehalt nicht abgehen!

Vollkommen richtig. Ich kann mich noch erinnern, wie das damals bei der Ambulanzgebühr ablief. Diese war zunächst klar definiert. Eine Gebühr von 18€ wäre zu zahlen, wenn man ohne Überweisung die Ambulanz aufsuche.
Nach Bekanntwerden dieses Plans setzte sofort der Empörungstsunami der unheiligen Allianz, wie sie das so treffen nennen, ein. Verbunden mit dem Totschlagwort "unsozial" und unter Konstruierung möglichst absurder Härtefälle wurden die Regierungsparteien medial weichgebombt und knickten ein. Es wurde Ausnahme um Ausnahme hinzugefügt, bis das System wirklich nur noch unübersichtlich und sinnlos war. Danach wurde eben von dieser unheiligen Allianz schadenfroh über diese Pfusch-Verordnung gefeixt, obwohl sie selbst maßgeblich daran beteiligt waren es zum Pfusch werden zu lassen.

exakt!!


Re: Es wird ohne Selbstbehalt nicht abgehen!

100% zustimmung,- was nix kostet ist nix wert. das manche ambulanzen, speziell im akh od smz-ost, auch als familientreff für diverse großklans herhalten müssen, kann jeder der seit jahrzehnten im wiener gesundheitsystem vertraut ist nur bestätigen

Re: Re: Es wird ohne Selbstbehalt nicht abgehen!

Das, was jeder sieht und hört, ist meist nicht politisch korrekt darstellbar. Daher kann darüber nichts geschrieben werden!

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