Mit der Freihandelszone kann sich der Westen wiederbeleben

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Europa und die USA sollten Handelsschranken abbauen und einen Binnenmarkt aufbauen. Das stärkt den Westen wirtschaftlich und als Wertegemeinschaft.

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Für die amerikanische Öffentlichkeit war es nur ein kleiner Nebensatz, dem sie kaum Aufmerksamkeit schenkte. Auch führende US-Qualitätsmedien beschäftigten sich nicht näher damit, dass Präsident Barack Obama in seiner Rede zur Lage der Nation en passant den Beginn von Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU ankündigte. In Brüssel jedoch brach ein Begeisterungssturm mit etlichen Superlativen aus. EU-Kommissionspräsident José Barroso schwärmte vom größten Handelsabkommen aller Zeiten, das der Union einen Wachstumsschub von 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bescheren werde. Millionen Arbeitsplätze könnten entstehen, Dutzende Milliarden Euro werde der Vorteil für beide Seiten betragen, prophezeite der enthusiasmierte Portugiese. Und der deutsche und der österreichische Außenminister stimmten auch gleich ein in den Chor. Die Ode an die gemeinsame transatlantische Zukunft machte keinen improvisierten, sondern einen ziemlich gut vorbereiteten Eindruck. Europa hatte Obamas Verhandlungssignal erwartet.

Seit Wochen schon hat die Idee einer transatlantischen Freihandelszone Fahrt aufgenommen. Auch US-Vizepräsident Joe Biden sprach das Thema unlängst bei der Münchner Sicherheitskonferenz an, sehr zur Freude seiner Gastgeber. Wirklich neu ist der Gedanke ja nicht. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel warb schon bei George W. Bush für einen großen europäisch-amerikanischen Binnenmarkt. Fast sechs Jahre ist das her. Das Projekt schlief bald ein, überwinterte in Expertengremien und wurde nun wiederbelebt.

Bedenken wird es auch diesmal geben, wie damals schon. Kassandras dies- und jenseits des Atlantiks sagen hinter vorgehaltener Hand voraus, es werde letztlich nie zu dem angestrebten großen Deal kommen. Zu groß seien die Unterschiede der jeweiligen Vorstellungen.

Klar: Europa wird nicht so leicht Tür und Tor öffnen für genmanipulierte Lebensmittel, wie dies die USA gern hätten. Umgekehrt werden die USA nicht so schnell jedem Industriezweig die schützende Hand entziehen. Und doch: Es ist einen Versuch wert. Der wirtschaftliche Nutzen liegt auf der Hand, gemäß dem alten Gesetz der komparativen Kostenvorteile, das der britische Ökonom David Ricardo schon vor fast 200 Jahren formuliert hat. Wenn Handelsschranken fallen, profitieren am Ende beide Seiten davon. Das jetzige System mit seinen unsinnigen Schutzzöllen und seinen hunderten Regulierungen verschlingt Jahr für Jahr unnütz Milliarden an Euro.

Doch die Sache hat auch eine politische Dimension, die vielleicht noch wichtiger ist. Ausgerechnet in einer Phase, in der sich die Vereinigten Staaten energisch den asiatischen Zukunftsmärkten zuwenden und einige bereits das neue pazifische Jahrhundert ausgerufen haben, eröffnet sich eine Chance, dass der Westen wieder näher zusammenrückt. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte eine Art Kontinentaldrift eingesetzt. Europa und die USA, nach 1945 vereint in der Gegnerschaft zur kommunistischen Sowjetunion, schienen sich auseinanderzuleben nach dem Zerfall des roten Imperiums, des gemeinsamen Feindbilds. Die Entfremdung beschleunigte sich in der Ära Bush. Und auch auf der kulturellen Ebene traten die Differenzen zwischen dem Alten und Neuen Kontinent immer deutlicher zutage. Amerikaner und Europäer verstanden einander immer weniger.

Jetzt bietet sich die Möglichkeit, dem Westen neues Leben einzuhauchen. Das hat weniger mit der Person Barack Obamas zu tun, den Europa immer noch als Messias verehrt, sondern vielmehr mit der tiefen ökonomischen Krise, von der die transatlantischen Partner erfasst sind. Wer will da noch Potenziale brachliegen lassen, die hinter Handelsschranken wuchern?

Gemeinsam sind Europäer und Amerikaner stärker, gemeinsam stemmen sie 45 Prozent des Weltsozialprodukts, gemeinsam können sie aufstrebenden Mächten wie China – auch als Wertegemeinschaft, als Verfechter von Freiheit und Demokratie – die Stirn bieten. Denn vor allem daraus beziehen sie ihre Kraft, nicht bloß aus der Wirtschaft. Europa und die USA sollten die Vision wagen und sich enger als bisher zusammenschließen. Seite 1

 

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2013)

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22 Kommentare
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die USA können sich ihren Freihandel behalten

die Europäer sind nicht heiß auf ihre genmanipulierten Lebensmittel und auf noch mehr Arbeitslose in Europa!

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Wollen wir das?

US-Präsident Obama hat in seiner Rede zur Lage der Nation den Beginn von Gesprächen über eine „Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft" mit der EU angekündigt und die USA-Marionette, José Manuel Barroso, jubelt schon: Am Ende der Verhandlungen könnte das „wichtigste zweiseitige Handelsabkommen in der Geschichte" entstehen. Vielleicht ist der Vertrag auch nur ein Versuch, sich gegen die rasant wachsende Wirtschaft der B.R.I.C.-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) aufzubäumen! China hat kürzlich die USA als Handelsnation Nummer 1 abgelöst, jetzt müssen sich eben die beiden Verlierer (USA, EU) „verbandeln“. Wollen wir überhaupt die weltgrößte Freihandelszone? Sollten die Europäer dazu nicht erst einmal gefragt werden?
Mit einem solchen Übereinkommen wird die EU nämlich noch mehr zu einem US-Anhängsel. Über den Umweg der unberechenbaren NATO sollen wir Europäer uns also noch mehr an diese USA anbinden. Das viel näherliegende Russland wird von den EU-Bonzen z. B. gänzlich vernachlässigt! Vielleicht wollen die USA auch nur unter den ESM-Schirm!

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erst die Zukunft verprassen, denn der ESM, den das Stimmvieh kaum kapiert


Lasst uns alle fette Burger fressen

and business as usual treiben. Den Eurollar drucken wir auf Klopapier. Mit dem american way of life is unser good old europa gerettet. United States of Looser ...

Re: Lasst uns alle fette Burger fressen

der fasching ist vorbei
doddelpostings müßen bis 2014 warten.

btw
des burenhäutl ist noch fetter
und der mitteleuropäische bierbauch scheut keine konkurrenz

Re: Re: Lasst uns alle fette Burger fressen

Schön das sie sich trotzdem mit meinem Kommentar befassen. Zur Erklärung - die fetten Dinge würde ich nicht nur aufs Essen beziehen und die Moral des American way of life lassen sie sich anderswo erklären. Persönlich halte ich alle für Dodeln die nach dem Fasching von einem gemeinsamen Binnenmarkt mit den USA fantasieren. Und der nächste Fasching beginnt am 11.11. 2013 ...

Re: Re: Re: Lasst uns alle fette Burger fressen

die moral des americam way of life muß mir niemand erklären...ich bin dort zuhause...in ontario..

ihr kommentar erinnert mich an ähnliche zitate die ich..vor langer zeit..zu hören bekam..etwa..wer glaubt dass moskau die berliner mauer abbauen läßt ist ein dodel...oder..die freihandelszone usa/canada ist ein unsinn (copyright stronach 1988)

mit dem terminus "dodel" solölten sie vorsichtiger umgehen..er könnte auf sie zurückfallen.
ceterum ihre beurteilung von nordamerika weist sie als nichtkenner aus...sie waren höchsten mal tourist in übersee..wenn überhaupt

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. . . was willst denn vom Land der Pfuscher, deine Kinder mit verpfuschten Lebensmitteln stillen?


Jawohl, macht das

42% der gesamten Weltwirtschaftsleistung werden von den USA und EU erbracht. Also ist doch die logische Konsequenz eine US-EU-Freihandelszone, eine Art wirtschaftliche Nato, ein sehr guter Fortschritt hin zu noch mehr Zusammenarbeit in der Euroatlantischen Partnerschaft von 24 Staaten in Europa und natürlich auch den anderen in der EU.
Die gegenseitigen Zölle machen zwar meist nur zwischen 3,5 – 5,5 Prozent aus (Ausnahmen bis 25%), jedoch sind es die bürokratischen Hemmnisse, die derzeit Waren bis zu 20% verteuern und die wären dann Geschichte.

Re: Jawohl, macht das ....."transatlantisch ..."

Da tritt jetzt also das NEUTRALE Österreich wirtschaftlich der NATO bei ?
Nachdem erst vor kurzer Zeit die Umstellung des Kurzzeitdiener-Heeres auf eine NATO-Taugliche Berufsarmee abgelehnt wurde, ist dieser Schritt natürlich auch ein Fall für eine Volks-befragung/-abstimmung,
..... oder nicht ?

eine alternative

Wertegemeinschaft -Verfechter von Freiheit und Demokratie. Zitatende. Noch hat Europa die Möglichkeit, den westlich demokratischen Weg beizubehalten oder sich dem "neuen" Demokratieverständnis des Nahen Ostens anzuschliessen bzw angeschlossen zu werden.
Es gibt "windows of opportunity", oder wie Hr. Bagis sagte: We are on the dance floor waiting for the commission to join us. (Hurriyet Daily News, February/13/2013)

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Wenn ich mir die Kommentare hier so durchlese...

... wissen die meisten hier scheinbar nicht, was eine Freihandelszone ist. Traurig.

Geld für die Staatskasse

Wenn keine Zölle eingehoben werden, fehlt in der Staatskasse Geld.
Einen Vorteil hätten unsere Unternehmer, die ihre Produkte am US-Markt preiswerter anbieten könnten und daher mehr Umsatz machten (und daher mehr Steuern zahlen).
Aber umgekehrt bekämen Sie im Inlandsmarkt Konkurrenz; d.h. dort verkauften sie weniger, zahlen somit weniger Steuern.
Der Konsument zahlt gleichviel Mehrwertsteuer, egal, ob er unsere oder US-Waren am österr. Markt kauft.
Wo liegt jetzt der Vorteil für Österreich? Ich sehe nur einen Vorteil für die USA.

Kann sich die EU ein neues Griechenland Namens Amerija leisten?

Amerikaner leben gern auf Pump! Die EU-Staaten könnten gern auf Pump in die USA liefern. Die Rechnung kommt ja erst nach 10 oder 20 Jahren. Nein, die USa bezahlen mit Dollar und sie haben Druckmaschienen!

Re: Kann sich die EU ein neues Griechenland Namens Amerija leisten?

Sehr richtig. Wo ist der Gegenwert wenn angreifbare Ware geliefert wird und dafür beliebig vermehrbare Papierfetzen akzeptiert werden müssen?
Gute Idee, aber nicht unter diesen Voraussetzungen. Lösung hierzu wäre, dass wir uns noch mehr überschulden dass letztens wieder ein Gleichgewicht herrscht. Dann müsste aber auch Dollar=Euro sein.

Re: Re: Kann sich die EU ein neues Griechenland Namens Amerija leisten?

Du hast rote Striche bekommen, weil du die Meinung von Dr. House richtig fandest. FPÖ-Waehler lassen sich hier nichts gefallen!

NOVA und Co

Man kann ja darüber nachdenken, aber vorher bitte erst mal so Relikte innerhalb der EU-Staaten selbst, wie die NOVA, abschaffen.

Es ist absolut grotesk über eine Freihandelszone mit den USA nachzudenken solange selbst innerhalb der EU noch so kleingeistige Schutzzölle wie die NOVA bestehen weil Denzel, Porsche Salzburg, Pappas und Co. scheinbar die stärksten Einflüsterer bei unseren sonst für nichts eintretenden Regierungsmitgliedern sind.

Dann können wir weiter reden.

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am besten der Barroso nimmt die USA in die EU auf

dann haben wir gleich einen gemeinsamen genmanipulierten Markt...

Strikt DAGEGEN!!

Die USA sind es gewohnt immer und überall den Ton anzugeben.

Die USA werden automatisch versuchen die notorische Uneinigkeit der Europäer auszunützen und sich immer und überall Vorteile herausholen - die Rosinen herauspicken.

Die größten Konzerne in der Welt sind amerikanische: Coca-Cola, GM, GE, usw.

Für die USA sind wir sowieso die "alte Welt" und in Wahrheit wendet sich die USA seit 10 Jahren schon Asien zu: "Pacific-Rim-Region".

Die USA setzen darauf: Die EU 'amerikanischer' zu machen - durch ihren Einfluss. Zu vergessen ist hingegen der Gedanke, dass die USA 'europäischer' werden.

Und nicht zu vergessen: Das heutige Großbritannien (U.K.) ist schon seit langem die Interessensvertretung der Amerikaner in den EU-Gremien.

Ich habe das Gefühl, dass es die Engländer und ihre Lobbyisten sind die diese Idee lancieren.

Generell wird es so sein dass die Mehrheit der Lobbyisten in Brüssel in die Richtung EU & USA-Freihandelszone arbeitet.

Die EU in Brüssel wird in Wahrheit von tausenden hochbezahlten Lobbyisten gesteuert die den EU-Parlamentariern und der EU-Kommission die EU-Richtlinien Wort für Wort vorformulieren.

Die einzelnen Bürger und die EU-Völker sind bestenfalls lästiges Beiwerk das ruhig gehalten werden muss.

Über die Frage einer allfälligen Freihandelszone EU und USA muss es in der gesamten E.U. gleizeitig in allen EU-Ländern eine VOLKSABSTIMMUNG geben wo jeder einzelne EU-Bürger mitstimmen darf.

Re: Strikt DAGEGEN!!

Richtig verstanden gehören wir besser zur aufstrebenden TK?

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es ist in der tat sehr schwer zu glauben

daß sie das wirklich ernst meinen.
oder können sie wirklich nicht sehen wie das alles funktioniert?

glauben sie das im ernst was sie da schreiben ??

Es ist einen Versuch wert. Der wirtschaftliche Nutzen liegt auf der Hand, gemäß dem alten Gesetz der komparativen Kostenvorteile, das der britische Ökonom David Ricardo schon vor fast 200 Jahren formuliert hat. Wenn Handelsschranken fallen, profitieren am Ende beide Seiten davon. Das jetzige System mit seinen unsinnigen Schutzzöllen und seinen hunderten Regulierungen verschlingt Jahr für Jahr unnütz Milliarden an Euro.

wenn nur mehr der profitiert der seine arbeitnehmer u. resourcen am brutalsten ausnützt , wo ist dann der " profit" für das gemeine volk ???? hat nicht europa schon millionen arbeitslose?? der schmäh mit dem zölle runter u. dann gehts uns ja soviel besser der hat auch schon einen langen bart ? den einzigen vorteil von zölle runter haben staaten wie china, korea usw. aber doch nicht länder wie österreich, deutschland usw. die sogenannten verfechter der demokratie u. freiheit haben es doch erst ermöglicht das chinesische diktatur so groß werden konnte. millionen von arbeitsplätzen wurden nach china ausgelagert, damit die eliten noch reicher werden u. wurden.

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