Syrien: Der Preis der Untätigkeit

Der Westen braucht eine andere Strategie als einfach nur zu warten, bis der Krieg in Syrien von selbst aufhört. In dieser zweijährigen "Ära des Zu- und Wegschauens" wurden 70.000 Menschen getötet.

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(c) REUTERS (MUZAFFAR SALMAN)

In Syrien wollte von Anfang an niemand intervenieren, die Amerikaner nicht, die Franzosen nicht, die Briten nicht und der Rest der Welt schon gar nicht. Denn Syrien war allen zu kompliziert: mit zu vielen ethnisch-religiösen Gruppen und vor allem mit zu vielen Bezügen zu Nachbarländern. Wer in den Kampf um Damaskus eingreife, werde im Sumpf versinken, bahne Islamisten den Weg, fördere das Auseinanderbrechen des Staates und destabilisiere die gesamte Region. Es sei besser, den Konflikt ausbluten zu lassen, als durch eine Intervention alles noch schlimmer zu machen. Nach diesem Muster analysieren Politologen und Diplomaten die Lage seit zwei Jahren.

Sie haben Argumente auf ihrer Seite. Doch die Untätigkeit hat ihren Preis. Und man muss sich fragen, ob dieser Preis noch zu rechtfertigen ist: Mehr als 70.000 Menschen sind bei den Kämpfen in Syrien getötet worden. Fast eine Million Menschen sind geflüchtet, doppelt so viele sind Vertriebene im eigenen Land. Zehntausende gelten als vermisst oder sind in den Kerkern des Regimes von Präsident Assad gelandet. Wie lange will die Welt noch zuschauen?, will man da ausrufen. Doch auch dieser Vorwurf ist überholt. Denn die meisten schauen gar nicht mehr hin, sondern nur noch weg.

Und die Konsequenzen, vor denen kluge Experten für den Fall einer Intervention gewarnt haben, sind auch so eingetreten: Syrien zerfällt entlang seiner ethnisch-religiösen Bruchlinien, und der Konflikt hat längst auf den Libanon übergegriffen. Es war deshalb keine leere Geste, dass die syrische Opposition nun ihre Teilnahme an der Konferenz der „Freunde Syriens“ aus Protest gegen das „weltweite Schweigen“ abgesagt hat. „Wenn ihr unsere wahren Freunde seid, dann helft uns, die Massaker an unserem Volk zu stoppen“, teilte ein Sprecher mit.


Keine Demokraten. Die Anklage ist nicht unbegründet. Über freundliche Worte geht die Hilfe kaum hinaus. Umgekehrt ist auch die Zurückhaltung gegenüber der Opposition nachvollziehbar; die Ansammlung von Assad-Gegnern ist weder geeint noch ein Hort aufgeklärter Westminster-Demokraten. Zuletzt weigerten sich die EU-Außenminister deshalb, den Rebellen Waffen zukommen zu lassen. Von der UNO ist ohnehin nichts zu erwarten: Dort machen Russland und China Assad bei jeder Gelegenheit die Mauer.

Was also tun? Diese Frage ist nach wie vor schwer zu beantworten. Nach zwei Jahren müsste jedoch klar sein, dass es keine zielführende Strategie war, einfach zu warten, bis sich das syrische Problem von selbst löst. Der Bürgerkrieg könnte sich unter den momentanen Bedingungen noch Jahre hinziehen – und viele tausende Todesopfer mehr kosten. Der Westen sollte deswegen ernsthafter als bisher Optionen erwägen, die das militärische Kräftegleichgewicht in Syrien verändern und das Ende des Assad-Regimes beschleunigen, sei es durch eine Flugverbotszone oder durch gezielte Waffenlieferungen. Mindestens ebenso dringend bleibt es, dafür zu sorgen, dass Syrien in einer Post-Assad-Ära nicht zerfällt und sich vollends radikalisiert. Die Herausforderung ist groß, vielleicht sogar zu groß, ein entschlossenes Engagement aber notwendiger denn je.

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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