Amerikas Schiefergasboom weckt trügerische Hoffnungen

Die neue Energiequelle macht einige Industriezweige wieder wettbewerbsfähig. Sie ist aber kein Wundermittel gegen die wirtschaftliche Lähmung des Westens.

In windzerzausten Kleinstädten in North Dakota verdienen Handpflegerinnen bisweilen 5000 Dollar im Monat. Auf einer Eisenbahnlinie im glühenden Westen von Texas dröhnen schier endlose Güterzüge dahin; vor einigen Jahren noch wollte man ihre Schienen mangels Verkehr als Altmetall verkaufen. Und in den klimatisierten Büros der Washingtoner Denkfabriken fantasieren Schreibtischintellektuelle davon, dass sich Amerika endlich vom Öl der Araber unabhängig machen kann.

Der Schiefergasboom in den Vereinigten Staaten treibt allerlei seltsame Blüten. Doch abseits der Goldrauschstimmung bringt er viel Gutes. Das billige Gas drückt die Strompreise so tief, dass die amerikanische Industrie verlorene Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnt. Autofabriken sperren auf, Stahlwerke entfachen Hochöfen, Elektronikkonzerne kehren aus Ostasien zurück.

Dieser Boom weckt in Amerika wie in Europa drei Hoffnungen. Erstens: Unabhängigkeit von despotischen Ölstaaten. Zweitens: einen Aufschwung, der die komatösen Volkswirtschaften des Westens erweckt. Drittens: einen Wohlstandsgewinn für die Bürger, dank steigender Reallöhne und neuer Jobs.

Das sind berechtigte Erwartungen. Realistisch sind sie nicht. Von der „Energieautarkie“ – dank Schiefergas oder Windräder und Sonnenkraft – mögen Strategen in Washingtoner Planspielen und der österreichische Umweltminister Berlakovich in seinem Büro am Stubenring träumen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die USA kauften 2012 so viel saudiarabisches Öl wie nie zuvor ein, referierte der saudische Ölminister Ali al-Naimi am Dienstag im Washingtoner Center for Strategic and International Studies. Genüsslich kanzelte er die Fantasien vom Ende der amerikanischen Abhängigkeit von nahöstlichem Öl als „naiv und eher simpel“ ab.

Das muss er sagen. Wenn niemand das saudische Öl kauft, gehen in den Palästen der Autokratenfamilie al-Saud die Lichter aus. Aber mit einer Feststellung hat der Minister recht: „Das Gerede von der Selbstgenügsamkeit ignoriert die gegenseitige Abhängigkeit der Ölmärkte.“ Das gilt nicht nur für fossile Brennstoffe, sondern auch für die Elektrizität: Wenn in Norddeutschland der Wind ordentlich in die Räder pustet, glühen Frankreichs Hochspannungsleitungen. Wenn im Winter weniger Wasser durch Österreichs Laufkraftwerke rauscht, kaufen wir kalorischen Strom bei unseren Nachbarn ein (und gar nicht so wenig „Atomstrom“).

Ebenso brüchig ist die zweite Hoffnung, die sich an das Schiefergas knüpft. Amerikas Industrie erlebt nur in Branchen mit hohem Energieaufwand einen richtigen Aufschwung (zum Beispiel bei der Petrochemie). Viele Arbeitsplätze entstehen in diesen hoch automatisierten Bereichen nicht. In den Jubelmeldungen über die vielen neuen Arbeitsplätze in der Autoindustrie wiederum wird der Umstand verschwiegen, dass diese Jobs schlechter bezahlt sind als die alten. Neue Facharbeiter bei Ford, GM und Chrysler verdienen oft nur 14 Dollar (10,70 Euro) pro Stunde; ihre langjährig angestellten Arbeitskollegen bis zu 28 Dollar und mehr. Natürlich ist es besser, einen schlecht bezahlten Arbeitsplatz zu haben als gar keinen. Ob man mit solchen Löhnen allerdings eifrig einkaufen, Häuser bauen und für die College-Ausbildung seiner Kinder sparen kann, ist fraglich.

Womit wir zur dritten Hoffnung kommen, die das Schiefergas weckt. Wenn es der Wirtschaft gut geht, soll es auch den Menschen gut gehen; das ist kein frommer Kalenderspruch, sondern das erste Gebot amerikanischer Konjunkturpolitik. Die Ausgaben der Verbraucher stellen zwei Drittel der Wirtschaftsleistung dar. Doch welches Geld sollen die Amerikaner ausgeben? Das Medianeinkommen ist, bereinigt um die Teuerung, seit 2000 um ein mageres Prozent gestiegen, teilte das US-Arbeitsministerium neulich mit. Alle niedrigeren Einkommen sind real sogar gesunken.

Wie man es auch dreht und wendet: Das Schiefergas macht manche Leute sehr reich, holt einzelne Industrien zurück nach Amerika und schafft gar nicht so wenige neue Stellen. Ein Wundermittel gegen die wirtschaftliche Lähmung des Westens ist es nicht.

 

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2013)

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