Amerikas Schiefergasboom weckt trügerische Hoffnungen

OLIVER GRIMM (Die Presse)

Die neue Energiequelle macht einige Industriezweige wieder wettbewerbsfähig. Sie ist aber kein Wundermittel gegen die wirtschaftliche Lähmung des Westens.

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In windzerzausten Kleinstädten in North Dakota verdienen Handpflegerinnen bisweilen 5000 Dollar im Monat. Auf einer Eisenbahnlinie im glühenden Westen von Texas dröhnen schier endlose Güterzüge dahin; vor einigen Jahren noch wollte man ihre Schienen mangels Verkehr als Altmetall verkaufen. Und in den klimatisierten Büros der Washingtoner Denkfabriken fantasieren Schreibtischintellektuelle davon, dass sich Amerika endlich vom Öl der Araber unabhängig machen kann.

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Der Schiefergasboom in den Vereinigten Staaten treibt allerlei seltsame Blüten. Doch abseits der Goldrauschstimmung bringt er viel Gutes. Das billige Gas drückt die Strompreise so tief, dass die amerikanische Industrie verlorene Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnt. Autofabriken sperren auf, Stahlwerke entfachen Hochöfen, Elektronikkonzerne kehren aus Ostasien zurück.

Dieser Boom weckt in Amerika wie in Europa drei Hoffnungen. Erstens: Unabhängigkeit von despotischen Ölstaaten. Zweitens: einen Aufschwung, der die komatösen Volkswirtschaften des Westens erweckt. Drittens: einen Wohlstandsgewinn für die Bürger, dank steigender Reallöhne und neuer Jobs.

Das sind berechtigte Erwartungen. Realistisch sind sie nicht. Von der „Energieautarkie“ – dank Schiefergas oder Windräder und Sonnenkraft – mögen Strategen in Washingtoner Planspielen und der österreichische Umweltminister Berlakovich in seinem Büro am Stubenring träumen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die USA kauften 2012 so viel saudiarabisches Öl wie nie zuvor ein, referierte der saudische Ölminister Ali al-Naimi am Dienstag im Washingtoner Center for Strategic and International Studies. Genüsslich kanzelte er die Fantasien vom Ende der amerikanischen Abhängigkeit von nahöstlichem Öl als „naiv und eher simpel“ ab.

Das muss er sagen. Wenn niemand das saudische Öl kauft, gehen in den Palästen der Autokratenfamilie al-Saud die Lichter aus. Aber mit einer Feststellung hat der Minister recht: „Das Gerede von der Selbstgenügsamkeit ignoriert die gegenseitige Abhängigkeit der Ölmärkte.“ Das gilt nicht nur für fossile Brennstoffe, sondern auch für die Elektrizität: Wenn in Norddeutschland der Wind ordentlich in die Räder pustet, glühen Frankreichs Hochspannungsleitungen. Wenn im Winter weniger Wasser durch Österreichs Laufkraftwerke rauscht, kaufen wir kalorischen Strom bei unseren Nachbarn ein (und gar nicht so wenig „Atomstrom“).

Ebenso brüchig ist die zweite Hoffnung, die sich an das Schiefergas knüpft. Amerikas Industrie erlebt nur in Branchen mit hohem Energieaufwand einen richtigen Aufschwung (zum Beispiel bei der Petrochemie). Viele Arbeitsplätze entstehen in diesen hoch automatisierten Bereichen nicht. In den Jubelmeldungen über die vielen neuen Arbeitsplätze in der Autoindustrie wiederum wird der Umstand verschwiegen, dass diese Jobs schlechter bezahlt sind als die alten. Neue Facharbeiter bei Ford, GM und Chrysler verdienen oft nur 14 Dollar (10,70 Euro) pro Stunde; ihre langjährig angestellten Arbeitskollegen bis zu 28 Dollar und mehr. Natürlich ist es besser, einen schlecht bezahlten Arbeitsplatz zu haben als gar keinen. Ob man mit solchen Löhnen allerdings eifrig einkaufen, Häuser bauen und für die College-Ausbildung seiner Kinder sparen kann, ist fraglich.

Womit wir zur dritten Hoffnung kommen, die das Schiefergas weckt. Wenn es der Wirtschaft gut geht, soll es auch den Menschen gut gehen; das ist kein frommer Kalenderspruch, sondern das erste Gebot amerikanischer Konjunkturpolitik. Die Ausgaben der Verbraucher stellen zwei Drittel der Wirtschaftsleistung dar. Doch welches Geld sollen die Amerikaner ausgeben? Das Medianeinkommen ist, bereinigt um die Teuerung, seit 2000 um ein mageres Prozent gestiegen, teilte das US-Arbeitsministerium neulich mit. Alle niedrigeren Einkommen sind real sogar gesunken.

Wie man es auch dreht und wendet: Das Schiefergas macht manche Leute sehr reich, holt einzelne Industrien zurück nach Amerika und schafft gar nicht so wenige neue Stellen. Ein Wundermittel gegen die wirtschaftliche Lähmung des Westens ist es nicht.

 

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.05.2013)

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37 Kommentare
 
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Irgendwie geht's immer weiter....

Also ich versuche, meiner Ausbildung gemäß, ein wenig nachzurechnen. Wieviel alternative Energien brauchen wir und was gehört da noch dazu, damit das funktioniert? Und , liebe Leute da wird uns vorgelogen, dass die Balken splittern! Ich rate mal jedem, der früher mal mit Dimensionen zu hantieren gelernt hat (Rechenschieber statt excel!), zu überlegen, wie man den Energieverbrauch durch derartige Energien technisch- praktisch umsetzen will. Wenn man die gesamte Energie aus PV schaffen will, braucht man für den Westen die Fläche der alten BRD. Nochmal soviel für die jetzt kommenden Schwellenländer. Das sind Quadrate mit der Seitenlänge von etwa 600 bis 800km. Dicht mit PV Anlagen (es sind etwa 9 Milliarden pro Fläche!) mit 4x6m. die Halterungen brauchen soviel Stahl wie weltweit in 100 Jahren erzeugt wird, E Leiter (Cu oder Al) mehr als es derzeit auf der Welt gibt..usw. Ach ja, man braucht ja auch Service: so an die 40 Mio Menschen wird man schon brauchen, die Sache in Schwung zu halten....
Mit dem Schotteröl und Gas: weiß nicht, wieviel das ist, aber wird das bekannte "Kraut auch nicht fett machen".
Ich vermute mal: Alles zusammen, ausgeglichen, zusammen mit "neuer Kernkraft"- also etwa Laufwellenreaktor oder Fusion, das wird es sein müssen. Ich weiß, da gibt's bei allen immer grundsätzliche Bedenken dagegen, aber was solls, irgendwie muss es doch weiter gehen. Ausser wir Menschen schaffen uns selbst ab!

Amerikas Schiefergasboom weckt trügerische Hoffnungen

was teuere Importe an Energie jedem Land kosten, spürt man hierzulande ja bestens obwohl wir dank Wasserstrom eigentlich gar nicht derart abhängig wären, gäbe es nicht den seltsamen FinanzMarkt samt seiner ebenso seltsamen Regel wie Gasanpassung an Rohölpreise !!!

Dazu kommen ebenso seltsame Ökogesetze samt sogar an den Börsen handelbaren Derivaten, welche die Preise weiterhin oben halten, und den Bürgern immer mehr Kosten bescheren !

Das man dazu seitens der angeblich sozialen Regierung in WIen sogar die Heizkostenzuschüsse gekappt hat, zeugt von den scheinbar wahren Gründen einer wohl gewollten Aushungerung der eigenen Bevölkerung zugunsten WEM eigentlich ?!

Kaum bisschen Öl und

schon nennt man arabische Verbündeten despotische Staaten!

auf fossile energie zu setzen,

ist aus ausfluss von fossilem denken.

und was haben alle fossilien gemeinsam?
sie sind tot und versteinert!

In USA reden sie vom Gründen neuer Betrieben...

... In Frankreich und Eu-Land wollen sie "den Reichtum umverteilen", die Arbeit "gerecht verteilen", als wären das fixe Konstanten.

Hier wird aufgezeigt

dass die einfachen Erklärungen der Amerikaner nur Marketing ist.

Wer 2 Gedankenschritte macht, erkennt die Fassade des Potemkinschen Dorfes.

Es ist nicht immer leicht zu erkennen, dass wirtschaftliche Tätigkeit hart ist. Aber niemand wird es uns abnehmen können.

Und eine billige Energiequelle ist nur der Atemzug, der einem gegönnt wird, wenn man durch den Atlantik schwimmen will.
Aber eine billige Energiequelle hindert einem auch daran, sich ein Boot zu bauen um dann zu rudern, weil "Es geht ja eh ohne neue Ideen auch".

Was ist die Conclusio Ihres Artikels,

Herr Grimm, wenn alles so negativ ist? Sollen wir uns jetzt alle aufhängen oder auf eine Lösung durch die Kapazunder in Brüssel hoffen?

Re: Was ist die Conclusio Ihres Artikels,

Weder noch.
Aber wir könnten in Österreich z.B. die dümmste aller Abgaben, nämlich die Gesellschaftsteuer, abschaffen. Leider hat das der damalige Finanzminister Molterer Ende 2007 aktiv hintertrieben - die "Kapazunder in Brüssel" wollten das nämlich sehr wohl (zur Erinnerung: http://diepresse.com/home/recht/rechtwirtschaft/358356/Verhandlungsgeschick-in-Bruessel?from=suche.intern.portal).
Wir könnten Ausschüttungen an GmbH-Teilhaber von der KESt befreien, ohne umständliche Spezialregelungen. Das würde es attraktiver machen, in junge Firmen zu investieren; dort entstehen neue Arbeitsplätze, nicht in den Reindustrialisierungsplanspielen der Ministerien und Generaldirektionen.
Und auf europäischer Ebene könnten wir endlich die Lücken in den Elektrizitäts- und Gasnetzen zwischen den EU-Staaten schließen. Dann kämen wir dem Binnenmarkt für Energie einen großen Schritt näher - und damit der Eindämmung des oligopolistischen Marktmissbrauchs der Energiekonzerne.

Ich stimme Ihnen in allen 3 genannten Punkten zu.

Ich habe nur derartige, nicht zuletzt auch für unsere plan- und ideenlosen Politiker sinnvolle, Vorschläge in Ihrem Artikel vermißt.

Re: Ich stimme Ihnen in allen 3 genannten Punkten zu.

Das war letztlich eine Platzfrage. Gegen die GesSt und für den Lückenschluss bei den Energienetzen argumentiert die "Presse" ohnehin seit Jahr und Tag.

Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

Die LGBT-Abtreiberpaddei "Grueninnen" und ihr rotes Anhaegsel hingegen sind Menschenfeinde. Wer das waehlt, kann sich bitte gleich selbst die Kugel geben.

Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

sie sind da wesentlich schlauer:
sie geben nicht sich selbst die kugel sondern ihren kindern und enkeln.

Re: Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

Die Selbstmordrate der Leer-Leben-Hedonisten ist allerdings auch sehr hoch.... In der Biotonne entsorgen.

Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

Stimmt, was wäre das alte Rom ohne die ganzen Gaskraftwerke gewesen? Oder die Azteken ohne die Solarpaneele?

Re: Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

Die roemische und Aztekische Zivilisation war eben durch den Energiemangel auesserst limitiert. Menschliche Kraft alleine genuegt eben nicht.

Re: Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

Rom hatte billige Energie : Sklaven.
Also her mit den Ketten für die Grünen.

Und als es damit zu Ende ging,

weil die Expansionsgeschwindigkeit des Reichs und damit der Zufluss an neuen Sklaven sank, begann auch der Abstieg.

Re: Re: Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

::: GrünInnen, bitte!!!!!

Re: Billige Energie ist die GRUNDLAGE jeder Zivilisation

Da hat jemand aber so einiges überhaupt nicht verstanden...

Die sauren Trauben des Bruder Grimm!

Eines Tages wird auch Herr Grimm erkennen, dass sich der (mittel)europäische Lebensstandard nicht dadurch halten lässt, sich gegenseitig die Haare zu schneiden und die Aura zu lesen.

Während in Österreich nicht mal ein neues Wasserkraftwerk gebaut werden kann, weil irgendwelche öffentlich versorgte Leutchen dagegen protestieren, zeigt die USA, dass man sogar das CO2-Weltrettungsgeschwafel ignorieren muss, um seiner Bevölkerung tatsächlich zu dienen.

Und so wird die alte Welt zwischen USA, Südostasien und den BRICS-Staaten zur uralten Welt abrutschen, wo nur noch Beamte und Pensionisten reale Einkommenszuwächse (auf Schulden) erlangen.

Re: Die sauren Trauben des Bruder Grimm!

Ein "Super-Beitrag" !
Uns geht es in Österreich schlechter, weil die Konkurrenz besser wurde. Und wenn wir nicht konkurrenzfähiger werden, wird es uns bald noch schlechter gehen. "Es ist egal ob die Katze rot oder schwarz ist - Hauptsache sie fängt Mäuse" Oder wir bluten weiter langsam (über weitere Schulden) aus. Hinsichtl und Rücksichtl können wir uns nicht mehr leisten.

Re: Die sauren Trauben des Bruder Grimm!

In NÖ kann man kein Wasserkraftwerk bauen, weil die EVN das macht und sonst niemand.

Die EVN baut gerade ein Ybbs-Kraftwerk ohne ökologische Auflagen. Nicht einmal die Fischer und betroffene Landwirte, die reale Wirtschlaftliche Einbußen haben, werden gefragt.

Vor 5 Jahren wollte das die Stadt Amstetten für ihre Stromversorgung machen, mit Auflagen und mit Unterstützung der Fischer, Naturschützer aber da war das Land dagegen.

Oder in einer Kamp-tal-gemeinde wollte eine Genossenschaft ein Biomassekraftwerk bauen, hatte das Konzept, ...
Das Land verhinderte das Projekt und 1 Jahr später setzte die EVN das Konzept 1:1 um.

Das bei uns manches nicht besser, liegt an der Machtgeilheit einiger Menschen und am Pauschalen "Die anderen sind Schuld"
und nicht an Diskussionen/Protesten wenn Schwachsinn passiert.

In Canada (ok ist nicht USA, aber in dem Fall nicht viel anders) wurde einfach Familien die Baubewilligung auf dem eigenen Grund verwehrt, weil eine Konzern eine Fabrik dort plante.
Die Familien mußten dann billiger verkaufen und wegziehen.
Würde sie da diskutieren oder es einfach akzeptieren?
Wenn sie das diskutieren wollen, können sie das mit dem "früheren" Besitzer gerne bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ö machen.

Ja wir brauchen eine Änderung unserer Strukturen und unserer Denkweisen.
Aber die Automatisierung in der Wirtschaft wird unseren Lebensstandard nachhaltig erhöhen und den Energiebedarf senken.
Das ist ein neuer Gedanke, oder?

Re: Die sauren Trauben des Bruder Grimm!

Wobei "Haare schneiden und Aura lesen" kraeftigst verwaltet, umverteilt und medial aufbereitet werden muss und somit neue Arbeitsplaetze schafft.
</zynismus>

Warum sind wir gelähmt......stimmt ja gar nicht!

Die europäischen und amerikanischen Unternehmen sind weiter die innovativen. Die Arbeiter sind produktiv.
Der Wohlstand ist hoch, die Infrastruktur (sehr) gut, wenn man sie mit den Konkurrenten in z.B. SO-Asien vegleicht (außer Japan).

Man hat aber trotzdem in den letzten Jahrzehnten mehr ausgegeben als eingenommen, das ist der Punkt und das Problem. Ohne die Zinsleistungen hätten wir für vieles geld. Danke, lieber Kreisky, danke liebe Nachfolger.

Die leistbare Fernreise für jederman ist halt passee. Auch mit ein wenig enger geschnalltem Gürtel ginge es uns "Westlern" (EU, USA, Austraelien,...) immer noch besser als den "anderen".

Bitte die Relation nicht aus den Augen verlieren.

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Re: Warum sind wir gelähmt......stimmt ja gar nicht!

"Danke, lieber Kreisky, danke liebe Nachfolger.....
......und danke auch den vielen unzähligen Wählern, die immer nur die Geschenkgeber und diejenigen gewählt haben, die einen permanenten warmen sozialen Regen und immerwährenden sozial gerecht VERTEILTEN Wohlstand versprochen haben.
Denen aber nie eingefallen wäre, dass der Wohlstand in erster Linie gerecht ERARBEITET werden muss !!!


ICH BIN DAS ATOM

und keiner wollte Kreiski. Das ROTE Unglueck der Nation, beinahe so schlimm wie Renner.

 
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