Vor der nächsten Ampel sind wir alle gleich

Mit der Wahl des Fortbewegungsmittels ist in der Stadt oft auch eine Aussage über den bevorzugten Lebensentwurf verbunden. Das macht Straßenkämpfe so heikel.

Wir stehen nicht im Stau. Wir sind der Stau“, sagt der Kollege aus dem Feuilleton in der Redaktionskonferenz. Und trifft damit – wie fast immer – den Punkt. Den Kern sogar. Beim Thema Mobilität bestimmt die Wahl des Fahruntersatzes nämlich unseren Standpunkt. Und selten verteidigen Menschen ihre Gewohnheiten mitten im friedlichen Mitteleuropa ähnlich emotional und aggressiv, wie dort, wo die Straßenverkehrsordnung gelten sollte.

Der eingefleischte Autofahrer, der flucht und schreit, bevor er sich bei der nächsten Kreuzung ohne Rücksicht auf Verluste auch gern einmal in einen Raufhandel stürzt, ist ebenso fixer Bestandteil dieser Straßenfolklore wie der Radfahrer, der seinem Ärger auf die stinkenden Blechpanzer mit einem Tritt gegen die nächste Kühlerhaube Luft macht. Sachbeschädigung wäre das auch seinem Verständnis nach, nur nicht, solange er im Sattel sitzt.

Der Straßenkampf rechtfertigt scheinbar fast alle Mittel. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass es in diesen scheinbar bedeutungslosen Mobilitätsscharmützeln in Ballungsräumen nur selten um das Rechthaben in der jeweiligen Verkehrssituation geht. Allzu oft wird hier an der Ampel die eigene Art zu leben an und für sich verteidigt. Der Radfahrer, der Fußgänger, der Öffi-Nutzer, der Autofahrer. In aller Regel haben wir es nicht mit einem zufällig gewählten Verkehrsmittel, sondern mit einer Art Ausweis des Lebensentwurfs zu tun. Wer schneller am Ziel ist, hat irgendwie in allem recht. Darin liegt letztlich auch die politische Brisanz bei all den leidenschaftlichen Debatten, die rund um das Parkpickerl toben. Nur vor der nächsten Ampel sind wir alle wieder gleich.

Natürlich messen wir unsere Fortbewegungsmittel vor allem an ihrem Freiheitsversprechen. Wird dieses nicht mehr eingelöst, wie das etwa beim Auto – nicht nur im städtischen Bereich – immer öfter der Fall ist, stellen wir es infrage. Nein, nicht das Automobil, Gott bewahre! Sondern all die Hürden, die sich zwischen uns und der versprochenen Freiheit aufbauen: die absurden Ampelintervalle, die ärgerlichen Baustellen, die schlecht ausgebauten Straßen, die miserable Stadtplanung. Vor allem aber den Stau. Der wir selbst sind. Doch von uns wollen wir in diesem Fall lieber nichts wissen.

Begreift man die Geschichte der Individualmobilität auch als eine Geschichte der privilegierten Fortbewegung, dann sieht man eine klare Entwicklung: Das Auto wurde von jenen, die es sich leisten können, durch Fluggeräte ersetzt. Seit aber die Slots in den Lufträumen so schmal geworden sind, dass gerade noch ein Cent, aber selten eine Maschine durchgeht, stehen für das Ideal vom Bewegen, ohne sich anstellen zu müssen, nur mehr Exoten. Wie der Sprung aus der Stratosphäre. Oder der Spaziergang um die nächste Ecke.

Die Tatsache, dass die Zahl der Autos in Europa erstmals kontinuierlich abnimmt, während sie weltweit weitersteigt, zeigt aber auch klar, dass Freiheitsträumen nicht mit Verboten beizukommen ist. Denn all die hohen Steuern, die Umweltbedenken, die Lärmklagen, die Gesundheitsstudien haben unseren Mobilitätsgewohnheiten vor allem in Hinblick auf das Auto letztlich nichts anzuhaben vermocht. Solange man nur weiterhin rasch und bequem von Eisenstadt nach Bregenz fahren konnte.

Doch der tägliche Kampf um Parkplätze (an dem schlechte Parkraumbewirtschaftung viel weniger schuld ist als viel zu viele Autos), verstopfte Hauptverbindungen, explodierende Kosten, aber vor allem immer bessere Alternativen haben die Trendumkehr nach und nach herbeigeführt. Natürlich fahren mehr Menschen Zug, seit man plötzlich (auch durch den Druck privater Konkurrenz) von Wien nach Innsbruck in deutlich unter fünf Stunden gelangen kann. Öffentlicher Verkehr wird überall dort gern angenommen, wo Frequenz, Anschlusszeiten, Verlässlichkeit und Sicherheit stimmen.

Wer nach einem langen Arbeitstag 25 Minuten auf die nächste Verbindung warten muss, wird trotzdem weiter Auto fahren. Wenn es um tägliche Wege geht, funktionieren wir – Lebensentwurf hin, Einstellung her – oft erstaunlich pragmatisch.

 

E-Mails an: florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2013)

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