26.05.2013 00:38 Merkliste 0

Es regiert das Mittelmaß

MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Ein Jahr nach der Wahl: Dank der globalen Hochkonjunktur kann sich Österreich die Koalition leisten.

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Unaufgeregtheit, wohin man blickt. An den Universitäten funktioniert die Gebäudereinigung ohne nennenswerte Pannen, die Lehrveranstaltungen finden im Großen und Ganzen pünktlich statt, und wenn einmal Angebot und Nachfrage zu weit auseinander klaffen, greift Väterchen Staat in der Person des Wissenschaftsministers gütig lenkend ein und limitiert die Studienplätze. Nicht nach inhaltlichen Überlegungen, nicht in die Zukunft gedacht. Pragmatisch. Provisorisch. Und selbstverständlich unter wortreicher Beschwörung der freien Uni-Zugangs.

Das gehört zur österreichischen Tradition. Wir sind und bleiben neutral, obwohl wir wissen, dass unsere Sicherheit während des Kalten Kriegs nicht durch die Neutralität, sondern durch die Nato gewährleistet wurde. Also bekennen wir uns auch zum freien Uni-Zugang, obwohl wir wissen, dass er während der vergangenen Jahrzehnte nicht die erwünschte soziale Mobilität gewährleistet, sondern im Gegenteil die Vererbung von Bildung zementiert hat.

Österreichische Politiker haben Übung darin, solche Widersprüche nicht als Nachweis inkonsistenten Denkens, sondern als Musterbeispiel politischer Intuition zu verkaufen. Wer das den Bürgern lange genug einredet, glaubt es auch selbst irgendwann. So entsteht in der Politik das Phänomen des „ehrlichen Lügners“, das ein nahezu unerschöpfliches Reservoir an moralischer Entlastung darstellt: Wirklich lügen kann ja nur einer, der weiß, wovon er spricht.


Ähnliches gilt für die Einkommensentwicklung. Die Stagnation der Realeinkommen hat zwar mindestens so viel mit einer brutal falschen, weil leistungsfeindlichen Steuerpolitik zu tun wie mit dem brutalen Turbokapitalismus. Wir bleiben dennoch dem Mythos treu, dass die letzte Steuerreform nur die bösen Unternehmen reicher und die guten Werktätigen ärmer gemacht habe, und dass jetzt endlich einmal was für die schwächeren Einkommen getan werden müsse. Dass letztere seit geraumer Zeit de facto steuerfrei sind, muss einen österreichischen Sozialpolitiker, der auf sich hält, überhaupt nicht irritieren: In der Welt des ehrlichen Lügners stellt das nicht einen faktischen Widerspruch dar, sondern einen besonders eindrücklichen Beweis vorbildlicher Gesinnung. Erwin Buchinger, der deklarierte Linke, scheint es da ganz mit Franz Josef Strauß, dem leidenschaftlichen Rechten, zu halten: Man muss seine Grundsätze so hoch halten, dass man aufrecht unter ihnen durchgehen kann.

Mit Blick auf den 1. Oktober, den Jahrestag der Nationalratswahl 2006, die uns die große Koalition beschert hat, muss man wohl sagen: Leider können wir uns diese schlechteste aller Regierungskonstellationen derzeit leisten. Das Land segelt relativ bequem auf der Welle der internationalen Konjunktur dahin, was mit eklatanten Fehleinschätzungen von Regierungspolitikern in Bezug auf ihren eigenen Beitrag zu dieser Entwicklung einhergeht.


Die so genannten Parteistrategen, die sich für die Fährnisse der wirklichen Welt traditionsgemäß eher unzuständig halten, konzentrieren sich auf die Aufrechterhaltung des permanenten Wahlkampfs. Die groß angekündigten Strukturreformen, mit denen man den Bürgern die Notwendigkeit der großen Koalition erklärt hat, sind nicht einmal in Spurenelementen nachweisbar. Wer heute Reformen einfordert, wird von denselben Leuten als Krankjammerer denunziert, die noch vor etwas mehr als einem Jahr erklärt hatten, dass die Republik ohne radikale Reformen in den Abgrund taumeln würde. Es regiert das selbstzufriedene Mittelmaß.

In einer solchen Situation wird jeder, der sich Gedanken über eine Weiterentwicklung des Landes in Richtung Dynamik, Weltoffenheit, Risikobereitschaft und Eigeninitiative anstellt, zum miesepetrigen Störenfried. Etliche Mitglieder der Perspektivengruppe, die die ÖVP als Schocktherapie gegen die unerwartete Wahlniederlage vor einem Jahr ins Leben gerufen hat, haben diese Erfahrung bereits gemacht. Man darf gespannt sein, was Josef Pröll, der sich mit der Zuspitzung dieser Konzeptarbeit auf seine eigene Person weit aus dem Fenster gelehnt hat, seiner Partei zuzumuten bereit ist. Wenn die vorab bekannt gewordenen Positionen zum Thema Universitäten die Messlatte für die programmatische Sprungkraft der konservativen Regierungspartei sein, wird man am Montagabend im Happelstadion der Präsentation eines Sitzriesen beiwohnen dürfen. Wenn nicht, könnte das der Beginn einer substanziellen Programmdiskussion wenigstens innerhalb der ÖVP sein. Immerhin.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2007)

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13 Kommentare

Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient!

Warum sollen Politiker gescheiter sein, als die Leute, die sie wählen?

Antworten Gast: Philipp Gudenus
30.09.2007 07:57
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Richtiger Kommentar

des Herrn Stöckl, hoffentlich dieser nicht unter /neben Genannten

Gast: Niederösterreicher
29.09.2007 21:43
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Was der ÖVP fehlt, ist vor allem PR!

Man muß schon böswillig sein, um die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre nicht den mutigen Reformen der Schüsselregierug zuzuschreiben! Daß der wirtschaftliche Kurs, der uns aus der Rezession geführt und eine Spitzenstellung in Europa beschert hat, auf diese Politik zurückzuführen ist, zeigt sich ja daran, daß die Roten trotz ihrer Fundamental-Opposition diesen Wirtschaftskurs fast 1:1 übernommen hat!
So gesehn, war der "Umfaller" Gusenbauers wohl bedacht. Und wenn jetzt angeblich in der Meinung der Wähler die ÖVP der "Verhinderer" ist, so möchte ich bitte endlich einmal sehen, welches eigenständige Regierungsprogramm die SPÖ dem Wähler anzubieten hat, das sich auf längere Sicht auch bewährt!
Auch darauf hätte der Artikelschreiber einmal eingehen sollen!

Gast: europäer
29.09.2007 15:52
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Naja.

Mittelmaß ist ja schon eine großartige Verbesserung im Vergleich zu den Stümpern, die die vorige Regierung dargestellt haben...

Re: Naja.

da sie so von "oben" herab...oder besser von unten herauf, die vorherige regierung in den orkus erklärt haben, wären beispiele erforderlich...her damit, wenn nicht dann sind sie ein grossmaul mit leersprüchen...

Antworten Antworten Gast: europäer
30.09.2007 12:12
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Wenn Sie ernsthaft

noch eine Auflistung der Fehlschläge der letzten Regierung brauchen, ganz zu schweigen von den teilweise katastrophalen Persönlichkeiten, die sich "Minister" schimpfen durften, dann waren Sie wohl die letzten Jahre im Tiefschlaf.

Antworten Antworten Antworten Gast: Niederösterreicher
30.09.2007 15:14
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Re: ES lebe der kleine Unterschied.

Schüssel mußte mit knapper Mehrheit regieren und nahm mutig Reformen in Angriff, die die SP-geführten Regierungen jahrelang vor sich hergeschoben hatten.
Die Funamentalopposition der Roten und Grünen hatte schon deshalb Resonanz beim Wähler, weil "der Österreicher sich nichts wegnehmen läßt" - eine Erfahrung die sogar Kreisky machen mußte.

Gusenbauer verfügt jetzt über eine Verfassungmehrheit. Die Anfechtung von Gesetzen beim VfGH ist daher wie schon in der Vergangenheit wegen der Möglichkeit, das aufgehobene Gesetz als "Verfassungsbestimmung" zu beschließen, aussichtslos und die Opposistionspolitik der restl. Kleinparteien findet naturgemäß weit weniger Resonanz wie bei einer großen Partei in Opposition. Auch wird die Opposition von den meist rosaroten Printmedien (Fellner-Presse) nicht entsprechend unterstützt, zumal Hr. Dichand sich jetzt auch für den grobschächtigen Gusenbauer begeistern kann!

Gast: Graf Gudenus
29.09.2007 12:18
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Das Volk regiert durch sich selbst,

somit ist Mittelmass berechtigt, das eher unter dem Durchschnitt ist, weill Mittelmass in O5 sehr niedrig ist. Keine Kritik, nur Feststellung

Gast: derökonom
29.09.2007 12:10
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?????

kritik am herrn chefredakteur nicht erlaubt?

Gast: derökonom
29.09.2007 11:36
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einen hab ich noch

Sie schreiben von einer "leistungsfeindlichen Steuerpolitik".

Warum hat sich die "Presse" dann wiederholt für die Abschaffung der Erbschaftssteuer ausgesprochen?

Alle "good old economists" drehen sich Grab. Angefangen von John Stuart Mill bis Hajek.

Gast: derökonom
29.09.2007 11:27
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Herr Chefredakteuer,

wenn Sie schreiben, "In der Welt des ehrlichen Lügners stellt das nicht einen faktischen Widerspruch dar, sondern einen besonders eindrücklichen Beweis vorbildlicher Gesinnung", dann meinen Sie sich wohl nicht selbst?

Oder nehmen Sie es nicht so genau?
Die schwächeren Einkommen sind "seit "geraumer Zeit de facto steuerfrei". Ich weiß zwar nicht wie Einkommen steuerfrei sein können, wenn dann vielleicht die Bezieher dieser Einkommen. Aber es geht um etwas anderes. In Ihrer Zeitung wird in letzter Zeit ständig wiederholt, dass die "Ärmeren" sind nicht aufregen sollen, zahlen ja eh keine Steuern mehr. Sie tun dabei so, als ob die Welt nur aus Lohnsteuern bestehen würde. Das diese Menschen aber sehr wohl massiv Konsumsteuern usw. (die übrigens regressiv wirken) zahlen, wird halt locker verschwiegen. So ist das halt in "Qualitätszeitungen".

Um wieviel wird man entlastet, wenn man vor einer Steuerreform schon keine Lohnsteuer zu berappen hatte?

Antworten Gast: st.mill
30.09.2007 00:31
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Von wegen Mythos

nicht nur Konsumsteuern, auch die einkommensunabhängigen Gebühren belasten die Bezieher niedriger Einkommen. Und diese Gebühren wurden von der letzten Regierung massiv angehoben. Aber das weiß der Chefredakteur natürlich, er unterschlägt es nur.

Re: Herr Chefredakteuer,

Wirklich entlastet wäre man wohl nur wenn man von den Sozialabgaben befreit wäre. Es ist ja wirklich ein Witz: Ein Bezieher eines geringen Einkommens darf auch noch Sozialversicherungsbeitrag zahlen, bekommt ihn aber auf Umwegen wieder zurück mittels einer Menge Förderungen und Befreiungen. Das wird alles von einer Unmenge von Beamten administriert die sicherstellen daß der Befreiungswerber den Staat nicht um einen Cent betrügt.

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