25.05.2012 14:25 | Meine Presse Merkliste 0

Von Japan bis Mexiko: „Pisa“ hobelt alle gleich

ERICH WITZMANN (Die Presse)

In drei Wochen wird die nächste Pisa-Studie präsentiert. Das befürchtete Abrutschen löst schon jetzt Hysterie aus.

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Die Pisa-Studie – genauer: das, was man dieser Studie zuschreibt – ist ein einziger Schmäh. Pisa misst höchstens sich selbst, behaupten namhafte Bildungsexperten und Wissenschafter, die (jeder für sich) ihren Ruf zu verteidigen haben. Der Pisa-Test erkundet nicht den Bildungsstandard eines Landes und liefert schon gar nicht einen Vergleich der Länder untereinander, er zeigt vielmehr, was 15-Jährige von dieser Studie selbst halten. Und zwar unbeschadet davon, ob der Inhalt der Testaufgaben bereits in der Schule unterrichtet wurde, ob die Fragen überhaupt sinnvoll in ihre Sprache übersetzt wurden, ob sie ihrem Lebens- und Kulturbild entsprechen.

Die Autoren des derzeit im Druck befindlichen kritischen Pisa-Buchs konzentrieren sich jeweils auf ihr Land und dessen Abschneiden in dieser Vergleichsstudie. Kein einziger ist zufrieden, die meisten sprechen von einer unseriösen Erhebung. Auch nicht der Autor aus Finnland, das als Pisa-Sieger in die Annalen einging.

Österreich hat ein eigenartiges Verhältnis zu dieser unter der Ägide der OECD durchgeführten Arbeit. 2001 war Jubel angesagt, lagen wir doch im guten Mittelfeld, vor allem aber einige Ränge vor Deutschland. 2004 haben uns die Deutschen überholt, Katzenjammer war die Folge. Jetzt wird ein weiteres Abrutschen befürchtet bzw. vorhergesagt. Manche obrigkeitshörige Österreicher glauben sowieso an jedes Ranking, das aus dem Ausland kommt, andere instrumentalisierten flugs die Ergebnisse nach dem eigenen politischen Gutdünken. Dass man die Pisa-Ergebnisse unabhängig vom Länder-Ranking auf Österreichs Schulwirklichkeit herunterbricht, (und damit Pisa einen fachlichen Stellenwert gibt) – dieser Arbeit unterzieht sich kaum jemand.

In Deutschland scheint klar, dass Pisa ein Votum für das differenzierte Schulsystem ist, lagen doch Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer Vielfalt an Schulformen klar vor den Gesamtschulländern im Norden Deutschlands. Diametral anders die Interpretation in Österreich: Da wir nun einmal mittelmäßig bis miserabel abschneiden, müsse sich das Land an dem Pisa-Sieger Finnland messen. Und dort gibt es die Gesamtschule, also muss sie auch für Österreich gut sein.

Ob die österreichische Schülerpopulation mit jener aus Finnland zu vergleichen ist, ob nicht der exorbitant hohe Immigranten-Anteil hierzulande eine andere Ausgangsposition schafft, wurde erst gar nicht ansatzweise erörtert. Das hätte vielleicht manche Schlagzeile zunichte gemacht, manche politische Attacke als Schaumschlägerei entlarvt. Die Oppositionsseite rief im Dezember 2004 (Veröffentlichung der Pisa-Studie 2003) den politischen Notstand aus, die damals für die Schulbelange zuständige ÖVP bunkerte sich ein. Die Folge war eine verkrampfte Bildungspolitik, bisweilen auch deren Stillstand. Zahlreiche Politiker pilgerten nach Finnland, um sich Anleitungen für ihre Politik zu holen. Kaum jemanden verschlug es zum Pisa-Zweiten Korea, wo ein uniformer Drill das Schulgeschehen prägt. Allein die Reihung Koreas knapp hinter Finnland zeigt, wie sehr die Ergebnisse einer Interpretation bedürfen.

Die Hysterie in Österreich, die sich schon drei Wochen vor der (offiziellen) Verkündung der Ergebnisse breit macht, werden auch wissenschaftliche Expertisen kaum mildern können. Man sollte Pisa analysieren, was für das österreichische Verständnis wichtig ist, was nicht. Die Kernfrage ist freilich: Streben wir eine gleichgeschaltete Bildung an, eine, die man nach den gleichen Parametern rund um den Globus messen kann?

Österreich kann durchaus auch selbstbewusst sein – wenn es um seine Geschichts-tradition und das mitteleuropäische Erbe geht, um seine großen Musiker und die gegenwärtige Staatsoper. Gewisse Mängel sind bekannt, ohne Zweifel, fehlende Mobilität und Internationalität gehören dazu. Andere Länder haben wiederum ihre spezifische Eigenheiten, mehrere Länder liegen bezüglich ihres Kulturverständnisses tatsächlich auf einer Linie. Und jetzt soll alles über einen Kamm geschoren werden? Nach acht Schuljahren sollen die Burschen und Mädchen aus Österreich die gleichen Antworten liefern wie ihre Altersgenossen in Japan, Irland und Mexiko? Das kann doch wahrlich nicht das Ziel sein!

Aus Pisa lernen: Ja. Pisa eilfertig zur eigenen Maxime erheben: Nein. Eine selbstbewusste Bildungspolitik muss über verbale Schnellschüsse nach der Pisa-Veröffentlichung am 4. Dezember erhaben sein. Wie selbstbewusst diese Politik in Österreich ist, wird sich in zwei Wochen zeigen.

„Unwissenschaftliche“ Pisa-StudieSeite 1
Bildungsdokumentation Seite 2


erich.witzmann@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)

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15 Kommentare

Von Korea könnte Österreich manches lernen

Es kann kein Zufall sein,

dass Südkorea regelmäßig bei PISA bei den allerbesten Länden dabei ist.

dass von Korea jährlich tausende Studenten in die USA zu den Eliteuniversitäten gehen und dort zu Besten gehören.

dass das ehemals bettelarme Südkorea - vor 50 Jahren noch total kriegszerstört u ein reines Agrarland nach so kurzer Zeit zu den 10 führenden Technologie- u Industrienationen zählt u Exportweltmeister noch dazu. Z.B. in Punkto Breitbandinternet ist Südkorea führend u all das obwohl übermäßig viele Ressourcen in das Militär investiert werden müssen.

Mir drängt sich der Eindruck auf dass dort der Leistungsgedanke sehr betont wird. Die österr. Bildungswissenschaftler sollten sich ansehen: Warum sind die dortigen Schüler um so vieles besser als unsere.

Antworten Gast: Prof. Tod
12.11.2007 14:46
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Re: Von Korea könnte Österreich manches lernen

Weil nur die übrig bleiben, die nicht Selbstmord begehen, weil ihre Eltern genügend Geld haben.

Re: Re: Von Korea könnte Österreich manches lernen

Aha, das ist der Grund, warum unser höchstverehrter Heinz Fischer eine solche Zuneigung zu Nordkorea hegt!

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hm?

Wirklich nicht aussagekräftig? Vielleicht darin zutreffend, dass der PISA-Test sensibler auf die reine Paukerintelligenz reagiert (vor 89 dominierten die ehemaligen Ostblockländer die jeweiligen Physiker-, Chemiker- & Mathematiker- Olympiaden!) als auf die wirklich abstrakte Intelligenz. Aber wenn mir da Personen begegnen, die eine Matura in einem natruwissenschaftl. Realgymnasium gemacht haben und mich fragen, was ein "physikalischer Druck" ist. Hm?

Gast: Dr. Ch. Sitte
12.11.2007 09:33
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Die Kirche im Dorf lassen...

Natürlich ist PISA eine Studie wie auch andere (gegenteilige...) Es steht dahinter nur ein viel größeres (Profilierungs)Geschäft. Sie sagt einiges aber nicht alles und hat mehrere Seiten,ist interpretationswürdig. In d.Tagespolitik wird ja alles & jedes zur oberflächlich versprühten Propagande. Wenn man sich d.selten publiz.Streung ansieht, liegen viele AHS nicht schlecht. WICHTIGER als P-Fetischismus wäre aber d.Vergleich unserer Lehrlinge (weniger arbeitslos als in Finnland, hoch erfolgreich bei internat. Berufswettbewerben), d.Akzeptanz unserer BHS-Abgänger, die Erlebnisse&Einschätzung unserer Studis bei Studienzeiten im Ausland(durchaus dort im oberen Drittel). Aber d.ist schwerer zu ermitteln und - wir sind halbgebildet in d.Öffentlichkeit auf Rankings (egal was sie fragen)fixiert. Keiner fragt, wie d.dort mit unseren Projektunterr.Bemühungen nicht zusammenpaßt, od.wenn wir nur 15-20min testen dürfen-bei PISA stundenlang d.Konzentration anhalten soll etc. COOL BLEIBEN !

Gast: SGERBER
12.11.2007 08:08
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Taschner

bitte könne sie als Ergänzung zu Witzmanns
Artikel noch einmal den Text von Herrn Taschner in "Quergeschrieben" abdrucken.
der Titel lautete: "Nun Evaluieren sie wieder...."

Martin_01
11.11.2007 21:58
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Danke für diesen Beitrag!

Er hat mir buchstäblich aus der Seele geschrieben.

Ich befürchte nur, dass die "Presse" als Gesamtschulpusher Witzmann ins journalistische Jenseits befördern wird.

Eine wesentliche Ergänzung wäre noch anzumerken:

Die Meßwerkzeuge der Studie haben eine so große Unschärfe mit einem nicht bekanntgegebenen Variationskoeffizienten, daß ein seriöses Ranking unzulässig ist! Man könnte höchstens eine grobe Zuordnung zu Gruppen wie gut/mittel/schlecht in Erwägung ziehen!

Einfacher gesagt: Wegen der großen Meßungenauigkeit könnte der 25. im Ranking tatsächlich auch der 4. sein!

Gast: Ferdinand Raimund
11.11.2007 21:10
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legal? egal!

Der schulpolitische Hobel ist doch ganz sicher demokratisch legitimiert, oder etwa nicht? PISA will ja erklärtermaßen einen ganz eigenen Bildungsbegriff politisch durchsetzen. Was bei uns aber nur auf dem Rechtsweg (Lehrplanverordnung) geschehen kann. Die OECD-Bildungsminister als Gesetzesbrecher?

Antworten Ophicus
12.11.2007 09:44
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Re: legal? egal!

Die Pisa-Studie hat ja keine Auswirkungen auf das Bildungssystem sondern ist eben nichts weiter als eine (schlechte) Statistik. Dafür braucht es keine demokratische Legitimation.
Wenn unsere Politiker daraus Schlüsse ziehen und die Parlamente Beschlüsse daraus machen hat das schon Auswirkungen, aber ist demokratisch legitimiert.

Gast: Jack
11.11.2007 20:43
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"Pisa-Studie löst Hysterie aus"

Nein, die Hysterie wird geschürt , um diese Hysterie für poltische Ziele auszunützen !
Diese Taktik ist ja aus der nich zu fernen Geschichte bekannt! Ich bin überzeugt, dass manche Bildungspolitiker eher unglücklich über ein gutes PISA-Ergebnis wären, denn damit wäre das Hauptargument für die Einführung der GS weg!.Dass sehr viele Unterrichtsstunden in den den naturwissenschaftlichen Fächern in den vergangenen 5 Jahren gestrichen wurden, wird auch nicht erwähnt, auch nicht, dass andere PISA-getestete Länder wesentlich mehr Unterrichtsstunden für die naturwissenschaftlichen Fächer bereit stellen!
Nur nicht zu viel Hintergrundinformation
zusammen mit dem PISA-test veröffentlichen, das könnte die Leute vielleicht zum Nachdenken veranlassen,und das wollen wir doch nicht, net wahr ?

Re: Das ist eben die Gretchenfrage: Will ich eine naturwissenschaftliche, oder eine humanistische Bildung?

Ich neige zum humanistischen Schwerpunkt, denn das naturwissenschaftliche "Wissen" wandelt sich ständig mit einer "Halbwertszeit" von ca. 7 Jahren! Was gestern "gesichertes Wissen" war ist heute ein belächelter Aberglaube!

Ich will von Mitmenschen umgeben sein und nicht in einer Gesellschaft von lauter Technokraten leben, die sich gar nicht mehr unterhalten können, weil sie sich in ihrem jeweiligen Fachchinesisch nicht mehr verstehen.

Antworten Antworten Gast: Jack
12.11.2007 19:34
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Re: Re: Das ist eben die Gretchenfrage: Will ich eine naturwissenschaftliche, oder eine humanistische Bildung?

Ich meinte folgendes: wie kann man die Leistungen eines japanischen Schülers in Physik, der bis zum Pisatest vielleicht doppelt so viele Physikstunden hatte wie ein österreichischer,sinnvoll mit den Leistungen eines österreichischen Schülers in diesem Fach vergleichen ?Daher meine ich, dass mehr Hintergrundinformationen zusammen mit den Testergebnissen veröffentlicht werden müßten. Nur so kann man sich wirklich ein objektives Bild von den erbrachten Leistungen machen !!

j.r.tm
11.11.2007 20:36
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ein paar fehler:

1. werden die fragen natürlich in jeder landessprache vorab getestet.

2. hat nicht bayern etc. das diferrenzierteste schulsystem sondern eben diese deutschen bundesländer in denen es neben gymnasium, realschule noch die gesamtschule gibt.

3. dass die studie die kompetenz bezüglich der gestellten fragen testet ist wohl eine binsenweisheit. bei stupiden rechenaufgaben würden unsere schüler sicher besser ausfallen. aber die pisafragen zeichnen sich z.b. in mathematik dadurch aus, dass man den stoff verstanden haben muss.

Antworten Gast: Chesney
12.11.2007 11:26
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Re: ein paar fehler:

2. Das steht auch so nicht im Artikel.

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