07.11.2009 21:05 | Meine Presse Merkliste0

Kleine Ölschocks steigern das Denkvermögen

MARTIN KUGLER (Die Presse)

Dass der Ölpreis die 100-Dollar-Marke übersteigt, ist keine Katastrophe – sondern eine Mahnung.

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Es gibt kaum eine andere Sache, die für uns so entscheidend ist, wie Erdöl und Erdgas: Ohne Energie, ohne Treibstoff, ohne Heizmaterial würde unser Leben völlig anders aussehen. Und es gibt gleichzeitig kaum einen Bereich, in dem so viel geflunkert und geschummelt wird, wie bei den fossilen Energieträgern – sei es wissentlich oder aus Unwissen heraus. Zum Beispiel, dass Öl nun, wo ein Fass des „schwarzen Goldes“ erstmals 100 Dollar kostete, teurer sei als jemals zuvor: Das ist ganz einfach nicht wahr. Denn berücksichtigt man die Inflation, dann ist der jetzige Ölpreis immer noch niedriger als etwa zu Beginn des Golfkrieges im Jahr 1980.

Eigentlich ist es ja völlig egal, ob Öl 95, 98 oder 100 Dollar kostet. Denn ob die Zahl zwei- oder dreistellig ist, ändert kaum etwas an den realen Verhältnissen, sondern ist reine Psychologie. Diese ist aber nicht weniger bedeutsam – denn in der Wirtschaft ist vieles Psychologie. Von solchen Signalen hängt die Stimmung an den Börsen ab, hängen die Erwartungen ab, die die Menschen in die Entwicklung setzen. Und das beeinflusst die Konsumlaune – die wiederum unmittelbare Konsequenzen auf die Konjunktur hat.

Wenn der Preis nun erstmals in der Geschichte dreistellig ist, dann läuten eben Alarmglocken in den Köpfen. Dann scheint vielen eine Hemmschwelle überschritten, scheint ein Damm durchbrochen, hinter dem weitere Preiserhöhungen liegen. Ökonomen sprechen nun schon von 130, von 150 oder gar von 200 Dollar, auf die sich ein Fass Rohöl verteuern könnte. Wohin sich der Ölpreis wirklich bewegen wird, ist freilich offen. Vieles deutet darauf hin, dass das Niveau hoch bleibt. Aber auch in den 1980er-Jahren hat niemand vorhergesehen, dass der Ölpreis wieder auf zehn Dollar je Fass einbrechen würde. Das ist nicht einmal im Nachhinein ganz erklärbar.

Der Ölpreis entzieht sich allen einfachen Erklärungen – in ihm kulminieren die globale Entwicklung von Wirtschaft und Menschheit, die Wirtschaftspolitik der einzelnen Staaten, die gesamte Weltpolitik. Und nicht zu vergessen: die Begrenztheit der Ressourcen in einer endlichen Welt. Kritiker des herrschenden Wirtschaftssystems bemühen derzeit die sogenannte „Peak-Oil“-Theorie. Diese geht davon aus, dass die Erdölproduktion ihren Höhepunkt bald überschritten haben wird. Diese Entwicklung ist in vielen alten Öl- und Gasfeldern – etwa in Norwegen oder Saudiarabien – nachweisbar: Nach einigen Jahrzehnten sinkt die Ergiebigkeit der Lagerstätten. Die Theorie ist intuitiv eingängig, gestritten wird darüber, wann der „Peak“, also der Höhepunkt der Ölförderung erreicht und überschritten wird. Derzeit ist das nicht absehbar: Trotz rasanter Steigerungen der Förderung steigen auch die bekannten Vorräte. Das liegt daran, dass sich das Ausbeuten vieler Förderstätten erst dann rentiert, wenn der Ölpreis hoch ist.

Wenn die Ölpreise also weiter hoch bleiben, dann werden die Ressourcen nicht so bald knapp werden. Allerdings muss klar sein, dass sie irgendwann zur Neige gehen: À la longue ist jede Lagerstätte leer. Und irgendwann sind in einer endlichen Welt alle Lagerstätten entdeckt und ausgebeutet – und spätestens dann ist endgültig Schluss mit dem wichtigsten Antrieb und Schmiermittel der Weltwirtschaft.


So weit darf es nicht kommen. Und genau das sollte die Mahnung sein, die von der Verteuerung des Erdöls auf 100 Dollar ausgehen muss. Wir müssen uns auf alle Eventualitäten vorbereiten – unabhängig davon, ob der Ölpreis weiter steigt oder ob er wieder fällt.

Was zu tun ist, liegt klar auf dem Tisch: In erster Linie müssen wir mehr aus den vorhandenen fossilen Treibstoffen machen. Das Stichwort heißt Energieeffizienz – und dieses spricht sich schön langsam auch bis zu den Energieversorgern und Politikern durch. Von höherer Effizienz profitieren alle (außer den Energielieferanten). Selbst die Weltpolitik würde völlig anders aussehen, wenn die Effizienz ernst genommen würde. Ein Beispiel: Wenn die Autos der US-Amerikaner denselben Spritverbrauch hätten wie jene der Europäer, dann müssten die USA kein Öl importieren. Man stelle sich vor, wie anders die Weltpolitik dann aussehen würde.

Parallel dazu muss die Suche nach Alternativen forciert werden. Derzeit gibt es Dutzende neue Ideen, neue Ansätze, neue Technologien. Deren Umsetzung dauert lange – man muss sofort beginnen. Wir werden jedenfalls alle Technologien brauchen, um den Energiehunger der Welt befriedigen zu können. Und das völlig unabhängig davon, wo der Ölpreis steht.

Sieben Fragen zum Ölpreis Seite 1
Folgen und Ursachen S. 17 bis 19


martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2008)

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6 Kommentare
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schön wär's, wenn's so einfach wär

Große Länder könnten sich niemals solchen ein hirnamputiertes Preisniveau wie die kleinen leisten, weil diese ganz einfach nicht mehr verwaltbar wären (es gibt nicht wenige Russlanddeutsche, die jammern, dass sie in D eingesperrter als in der EX-SU sind).
Aber auch die Amies jammern bei Preisen, wo wir Jubeltänze aufführen würden.
Der Ölpreis sank in den 80igern, weil die Ind.länder schlichtweg den Arabern das Öl nicht mehr abkauften. Heute ist das anders, da die Boomländer (v.a. China & Indien) scheinbar egal welchen Preis zahlen bzw. die Motorisierung ein Niveau wie niemals zuvor erreicht hat bzw. die Wirtwschaft derartig inert auf Öl als Primärenergieträger ausgerichtet ist, dass ihr keine Zeit zu Reaktion mehr bleibt.
Trotzdem: weg vom Öl so schnell wie es nur geht. Hin zu biolog. KH (Pflanzenöl, Ethanol). Da gibt es einige vielversprechende Ansätze (Algen, Edelgräser etc.)

Ophicus
04.01.2008 12:28
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Re: schön wär's, wenn's so einfach wär

Bioethanol ist nicht wirklich eine Lösung. Da wird eben Anbaufläche verschwendet und nach wie vor Abgase in die Luft gepustet.

Die EnergieQUELLE ist aber sowieso bei Öl und Ethanol usw. immer die gleiche. Immerhin haben wir in nur 8 Minuten Entfernung einen recht großen Fusionsreaktor, der andauernd Energie ausgibt die überhaupt nicht genutzt wird.

Solarkraftwerke im Weltraum - DA haben wir Wachstumspotential. Wie viel Energie strahlt die Sonne aus und wie viel Platz gibt es da draußen um diese Energie aufzufangen.

Ist halt leider nur science-fiction - zumindest bis zur technischen Umsetzung durch irgend einen Konzern.

joquer
04.01.2008 12:26
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Re: schön wär's, wenn's so einfach wär

Pflanzenöl, Ethanol - in erster Instanz mussten wir aber auch hier einmal feststellen, dass bei diesem Ansatz eine ganze Reihe von (negativen) Auswirkungen beachtet werden muss - wir haben schon jetzt einen deutlichen Anstieg der Lebensmittelpreise hinnehmen müssen, um nur eins zu nennen.
Man wird wahrscheinlich schon deutlich mehr Phantasie aufbringen müssen - und unsere Gewohnheiten werden davon deutlich stärker beeinflußt werden - um die anstehende Problematik in den Griff zu kriegen.

Gast: Achaier
03.01.2008 21:32
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Ein ausgezeichneter Artikel

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.
Alle Aspekte wurden behandelt.

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Ihre Überschrift stimmt,

allerdings wird sie beim Gr0ßteil der Pensionisten, die hier posten, nichts ausser einem Schub bewirken, den ich bewusst nicht als Adrenalinschub bezeichne.

Re: Ihre Überschrift stimmt,/Pragmatiker

Bei dem Schub, dem Sie offensichtlich "ausgesetzt" sind, haben wir "Rentnergang" natürlich keine Chance! Oder, hab' ich da was überlesen? Machen Sie's vielleicht gar nach dem Ratschlag "unseres Kaisers" - Robert Heinrich I. - : "zurücklehnen, nix tun und woat'n, bis uns einer sagt, was wir zu tun haben!" Da müssten sich sogar die Jungen die Kugel geben!

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