Die Lage im Tschad sei stabil, erklärte Österreichs Verteidigungsminister Darabos im November und berief sich dabei auf eine Einschätzung der EU-Geheimdienste. Er irrte. Die EU-Mission im Tschad sei gut vorbereitet, versicherte Außenministerin Plassnik am vergangenen Donnerstag. Sie irrte. Als am selben Tag erste Meldungen über den Vormarsch der Rebellen auf die Hauptstadt N'Djamena auftauchten, sagte der Sprecher der österreichischen Tschad-Truppe zur „Presse“, es bestehe kein Grund zur Sorge. Er irrte.
Noch in der Nacht auf Samstag beruhigte Generalleutnant Christian Ségur-Cabanac, der Leiter des Führungsstabes im Verteidigungsministerium. Auch er irrte. Denn wenige Stunden später saß das 15 Mann starke Vorkommando des Bundesheeres im Bunker des Hotels Kempinski in N'Djamena, während Aufständische den Präsidentenpalast unter Beschuss nahmen.
Es ist eine Kette von Irrtümern, die zu einer katastrophal falschen Lagebeurteilung geführt haben. Die befassten Ministerien der österreichischen Bundesregierung verfügen offensichtlich über keine ausreichende Afrika-Expertise. Sie verließen sich auf Brüssel und auf das Kommando der Eufor-Truppe, die im Tschad Flüchtlinge schützen soll. Eufor wiederum verließ sich auf Frankreich, das rund 1300 Soldaten permanent im Tschad stationiert hat und den Kern der europäischen Schutzmission bildet. Die ehemalige Kolonialmacht aber spielte möglicherweise ihr eigenes Spiel.
Schon schwirren Gerüchte durch Paris, dass Präsident Sarkozy den tschadischen Staatschef Idriss Déby fallen gelassen und dies auch mit dem libyschen Führer Muammar Gadhafi akkordiert habe. Beweise dafür gibt es natürlich nicht. Doch diesmal ist die französische Armee dem bedrängten Déby, anders als im April 2006, als Rebellen ebenfalls bis N'Djamena gekommen waren, nicht zu Hilfe geeilt. Ebenso stutzig macht, wie schnell und widerstandslos die Aufständischen vordrangen. Das legt nahe, dass sie gut informierte Verbündete in den Reihen der von Frankreich geschulten tschadischen Regierungsstreitkräfte haben.
Der Zeitpunkt des Rebellen-Vorstoßes war jedenfalls gut gewählt. Denn wenn die französischen Soldaten Partei für Déby ergriffen hätten, wäre unweigerlich auch Eufor in den Konflikt gezogen worden. Frankreich waren die Hände gebunden.
Die 15 österreichischen Soldaten, die am Donnerstag in N'Djamena landeten, hatten offensichtlich keinen blanken Schimmer von den Vorgängen im Wüstenstaat, während Frankreich offenbar schon ahnte, was da im Anmarsch war. Denn Freitag früh, als das Bundesheer noch eifrig beschwichtigte, kamen in N'Djamena schon 150 weitere französische Soldaten an, die Paris zur Verstärkung geschickt hatte.
Unglücklicher hätte die EU-Mission im Tschad kaum starten können. Es reihte sich Fehler an Fehler: von der der unzutreffenden Beurteilung der Lage über die Streitereien um die Bereitstellung von Hubschraubern und die Verzögerung des Einsatzes bis hin zu den offensichtlichen Defiziten in der Kommunikationsstruktur des französisch geprägten Unternehmens.
Ein noch größerer Fehler wäre es aber, den Einsatz im Tschad panisch und kopflos abzubrechen. Denn dann hätte die Europäische Union ihre sicherheitspolitische Glaubwürdigkeit nicht nur in Afrika mit einem Schlag verspielt.
Österreich hängt da mit drinnen. Es ist eine internationale Verpflichtung eingegangen und kann jetzt nicht unsolidarisch in einem Alleingang ausscheren. Die Eufor muss gemeinsam entscheiden, wie es weitergeht.
Die EU-Truppe im Tschad hat nicht das Mandat, eine Regierung oder eine Konfliktpartei zu schützen, sondern die 250.000 Menschen, die aus der benachbarten westsudanesischen Bürgerkriegsprovinz Darfur geflohen sind. Diese Flüchtlinge haben nun Schutz nötiger denn je. Sich einfach aus dem Staub zu machen und aus der Ferne zuzusehen, wie die Flüchtlinge von sudanesischen Janjaweed-Milizen massakriert werden, kann keine Option sein.
Trotz der Widrigkeiten könnte die Eufor ihre Aufgabe immer noch erfüllen. Sie muss jedoch abwarten, bis der Machtkampf im Tschad entschieden ist und sich gegebenenfalls auch mit einer neuen Staatsführung ins Einvernehmen setzen. Sollten die neuen Herrscher die EU-Mission jedoch ablehnen, könnte es endgültig schmerzlich werden. Denn dann muss die EU entweder erst recht den Schwanz einziehen – oder in den Krieg ziehen.
Bis dahin heißt es, kühlen Kopf zu bewahren und aus bisherigen Fehlern schleunigst zu lernen.
Revolte im Tschad Seiten 1 und 2
christian.ultsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2008)

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