21.11.2009 16:37 | Meine Presse Merkliste0

Noch ist der Einsatz im Tschad nicht verloren

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Die Mission startete mit totalen Fehleinschätzungen. Jetzt kopflos abzuziehen, wäre aber der größte Fehler.

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Die Lage im Tschad sei stabil, erklärte Österreichs Verteidigungsminister Darabos im November und berief sich dabei auf eine Einschätzung der EU-Geheimdienste. Er irrte. Die EU-Mission im Tschad sei gut vorbereitet, versicherte Außenministerin Plassnik am vergangenen Donnerstag. Sie irrte. Als am selben Tag erste Meldungen über den Vormarsch der Rebellen auf die Hauptstadt N'Djamena auftauchten, sagte der Sprecher der österreichischen Tschad-Truppe zur „Presse“, es bestehe kein Grund zur Sorge. Er irrte.

Noch in der Nacht auf Samstag beruhigte Generalleutnant Christian Ségur-Cabanac, der Leiter des Führungsstabes im Verteidigungsministerium. Auch er irrte. Denn wenige Stunden später saß das 15 Mann starke Vorkommando des Bundesheeres im Bunker des Hotels Kempinski in N'Djamena, während Aufständische den Präsidentenpalast unter Beschuss nahmen.

Es ist eine Kette von Irrtümern, die zu einer katastrophal falschen Lagebeurteilung geführt haben. Die befassten Ministerien der österreichischen Bundesregierung verfügen offensichtlich über keine ausreichende Afrika-Expertise. Sie verließen sich auf Brüssel und auf das Kommando der Eufor-Truppe, die im Tschad Flüchtlinge schützen soll. Eufor wiederum verließ sich auf Frankreich, das rund 1300 Soldaten permanent im Tschad stationiert hat und den Kern der europäischen Schutzmission bildet. Die ehemalige Kolonialmacht aber spielte möglicherweise ihr eigenes Spiel.

Schon schwirren Gerüchte durch Paris, dass Präsident Sarkozy den tschadischen Staatschef Idriss Déby fallen gelassen und dies auch mit dem libyschen Führer Muammar Gadhafi akkordiert habe. Beweise dafür gibt es natürlich nicht. Doch diesmal ist die französische Armee dem bedrängten Déby, anders als im April 2006, als Rebellen ebenfalls bis N'Djamena gekommen waren, nicht zu Hilfe geeilt. Ebenso stutzig macht, wie schnell und widerstandslos die Aufständischen vordrangen. Das legt nahe, dass sie gut informierte Verbündete in den Reihen der von Frankreich geschulten tschadischen Regierungsstreitkräfte haben.

Der Zeitpunkt des Rebellen-Vorstoßes war jedenfalls gut gewählt. Denn wenn die französischen Soldaten Partei für Déby ergriffen hätten, wäre unweigerlich auch Eufor in den Konflikt gezogen worden. Frankreich waren die Hände gebunden.

Die 15 österreichischen Soldaten, die am Donnerstag in N'Djamena landeten, hatten offensichtlich keinen blanken Schimmer von den Vorgängen im Wüstenstaat, während Frankreich offenbar schon ahnte, was da im Anmarsch war. Denn Freitag früh, als das Bundesheer noch eifrig beschwichtigte, kamen in N'Djamena schon 150 weitere französische Soldaten an, die Paris zur Verstärkung geschickt hatte.

Unglücklicher hätte die EU-Mission im Tschad kaum starten können. Es reihte sich Fehler an Fehler: von der der unzutreffenden Beurteilung der Lage über die Streitereien um die Bereitstellung von Hubschraubern und die Verzögerung des Einsatzes bis hin zu den offensichtlichen Defiziten in der Kommunikationsstruktur des französisch geprägten Unternehmens.

Ein noch größerer Fehler wäre es aber, den Einsatz im Tschad panisch und kopflos abzubrechen. Denn dann hätte die Europäische Union ihre sicherheitspolitische Glaubwürdigkeit nicht nur in Afrika mit einem Schlag verspielt.

Österreich hängt da mit drinnen. Es ist eine internationale Verpflichtung eingegangen und kann jetzt nicht unsolidarisch in einem Alleingang ausscheren. Die Eufor muss gemeinsam entscheiden, wie es weitergeht.

Die EU-Truppe im Tschad hat nicht das Mandat, eine Regierung oder eine Konfliktpartei zu schützen, sondern die 250.000 Menschen, die aus der benachbarten westsudanesischen Bürgerkriegsprovinz Darfur geflohen sind. Diese Flüchtlinge haben nun Schutz nötiger denn je. Sich einfach aus dem Staub zu machen und aus der Ferne zuzusehen, wie die Flüchtlinge von sudanesischen Janjaweed-Milizen massakriert werden, kann keine Option sein.

Trotz der Widrigkeiten könnte die Eufor ihre Aufgabe immer noch erfüllen. Sie muss jedoch abwarten, bis der Machtkampf im Tschad entschieden ist und sich gegebenenfalls auch mit einer neuen Staatsführung ins Einvernehmen setzen. Sollten die neuen Herrscher die EU-Mission jedoch ablehnen, könnte es endgültig schmerzlich werden. Denn dann muss die EU entweder erst recht den Schwanz einziehen – oder in den Krieg ziehen.

Bis dahin heißt es, kühlen Kopf zu bewahren und aus bisherigen Fehlern schleunigst zu lernen.

Revolte im Tschad Seiten 1 und 2


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2008)

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8 Kommentare
Gast: Christian
04.02.2008 16:23
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Im österr. "Expeditionscorps" befindet sich auch eine Soldatin.

Gnade ihr Gott, wenn die den Rebellen in die Hände fällt.
Der wird das ganze Geschwafel von "Gleichberechtigung der Geschlechter" nichts nützen! Offenbar muß einmal etwas passieren, damit unsere Emanzen in ihrem "Gleichberechtigungs-Taumel" wieder zur Vernunft kommen!

atcreate
04.02.2008 14:59
0 0

Franceafrique zu ende ?

Während seiner Wahlkampagne hat der derzeitige Präsident frankreichs, N. Sarkozy, immer wieder gesagt daß die Ära von Franceafrique mit ihm zur Ende sein werde. Ist daß jetzt der Fall? Ist das der Grund dafür warum die französischen Truppen nicht mehr in die innere Angelegenheiten Tschads eingreifen? Oder ist das wieder eine neue Manipulation Frankreichs einen neuen Diktator auf den Tron zu setzen, wie es seit De Gaulle der Fall ist? Worüber sprach Khadafi mit Sakozy, vor ein paar Wochen, während seines französischen Staatsbesuches?
Man darf nicht glauben daß es in südlicheren Regionen, wo das Bundesheer eingesetzt werden soll, ruhiger wäre. Zehntausende Flüchtlinge nicht nur aus dem nahegelegenen Darfur sondern auch aus dem Zentralafrikanischen Republik halten sich in dieser Region auf. Die Lage dort ist ebenso verwirrt wie es in den restlichen Gebieten Tschads.
Die französischen Truppen halten sich dort nicht zurück...

dresak
04.02.2008 10:46
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Schlechtes Timing auf österr. Seite

Bei 1300 gut bewaffneten französischen Soldaten scheinen 2000 aufständische Rebellen ein nicht besonders grosses Problem zu sein.

Sicherlich die politische Lage ist instabil,und das österr. Vorauskommando von 15 Soldaten ist wohl gerade im falschen Moment eingetroffen - peinlich, aber nicht weiter schlimm, wenn man mit der Lage nun durch die österr. Soldaten vorort besser umgeht. Und in der Tat die österr. Soldaten sollen doch ganz woanders eingesetzt werden als wo derzeit die Aufständischen Probleme machen. Also ruhig Blut österr. Medien...gut Ding braucht Weile.

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Ein Netz von Lügen

Mein Eindruck in dieser Causa ist leider der, daß hier jeder jeden einen Schmäh erzählt und damit BETRÜGT! Und einige, z.B. unsere Politiker und ihre Generalität, tut noch dazu ein Übriges: Sie betrügt sich selbst - und daher auch UNS!

Ginge es nämlich wirklich nur um humaintäre Ziele; also den Schutu von Flüchtlingen aus dem benachbarten Sudan, dann hätte man sich schon vor geraumer Zeit mit den im Tschad relevanten politischen Kreisen in Verbindung setzen und mit ihnen eine absolut kampffreie Zone im Umfeld dieser Lager aushandeln MÜSSEN!

Einfach so aufs Geradewohl hinzufliegen und abzuwarten, was vor Ort passiert, ist ein Abenteuerurlaub, aus Steuergeldern bezahlt. Es handelt sich bei dieser Expedition auch keineswegs um eine "einzuhaltende Verpflichtung", denn die Prämissen dazu waren offenbar GEFAKET! Wir wurden unter völlig falschen Voraussetzungen in dieses Himmelfahrtskommando gelockt!

Die Franzosen hatten IHRE Interessen,unsere Politiker ebenfalls.Und wie nun weiter?

Gast: Madame Pompadour
04.02.2008 10:01
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Wie wäre es wenn...

...CR Fleischhacker seinen lieben Mitarbeiter Christian Ultsch in den Tschad schicken würde, quasi zur Sondierung der Lage. Herr Ultsch könnte dann frisch & fröhlich einen Kommentar vor Ort schreiben. Und uns berichten, wie gefährlich oder ungefährlich es dort wirklich gerade zugeht. Wäre doch eine spannende Idee, oder?

Gast: Graf Gudenus
04.02.2008 09:24
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“Expertise”,

jetzt die Gelegenheit nachzuholen, was nicht bisher erlernt wurde. Erlernen kann gelernt werden, indem Militärattachées in jeder Menge bestellt. Somit wäre auch stets 15 Mann, resp. Männinnen, an Ort und Stelle. Allein Auftrag muss nur umformuliert werden! Jedenfalls Eingeborene im Ausland im Einsatz kann nicht schaden, diese kommen ja mit Erfahrungen zurück

Gast: Crusader
04.02.2008 08:19
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Dieser "Auftrag"

wird so enden wie er begonnen hat.
Jeder mit ein wenig Verstand hat es schon vorher gewußt - nur nicht der Norbi und seine "Generäle".
Armutszeugnis für die Landesverteidigung.
Wir können echt froh sein unser Bundesheer nicht in einem echten Einsatzfall sehen zu müssen. Mit so einer Führung kann mein keinem mit gutem Gewissen einen Job beim Heer empfehlen.

Gast: Veteran
03.02.2008 18:44
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14 oder 15 Soldaten ?

Wenn 15 Soldaten hinuntergeflogen sind und nur 14 Soldaten zurückgebracht werden sollen, wo oder was ist mit dem 15. ?

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