21.11.2009 17:05 | Meine Presse Merkliste0

Aneinandergekettet – selbst nach Wahlen

MARTINA SALOMON (Die Presse)

Die SPÖ spekuliert mit Rot-Grün oder Rot-Blau. Doch so sicher sind die Alternativen zur Großen Koalition nicht.

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Achtung zerbrechlich: So müsste nach wie vor die Aufschrift der Großen Koalition lauten. Und was nehmen die Menschen „auf der Straße“ wahr? Wahrscheinlich nur den „Spinn“ und nicht den politischen „Spin“ der Akteure. Wissenschaftsminister Johannes Hahn traf mit seiner Aussage letzten Mittwoch – „Mir geht das alles schon so am Keks“ – wohl am besten den Nerv des Publikums.

Der Selbstbeschädigungsprozess der heimischen Politik ist so weit fortgeschritten, dass eine Neuwahl für den amtierenden Bundeskanzler russisches Roulette wäre. Dank der explosionsartig wachsenden „Partei“ der Nicht- und Weißwähler lässt sich ein Wahlausgang kaum prophezeien. Die SPÖ läuft Gefahr, trotz frisch geölter Wahlmaschinerie auf Platz zwei zu landen. Weil die Großen wohl abrutschen, werden sich Alternativen zur Großen Koalition kaum ausgehen. Den roten Landespolitikern scheint das alles egal zu sein. „Geld oder Leben“ – Steuerreform 2009 oder Ende der Koalition – fordern sie vom obersten Chef. Das, worunter die Volkspartei jahrelang litt, hat nun auch die SPÖ erfasst: mächtige Landespolitiker, die im Zweifel den fernen Bundesparteichef für ihren eigenen Vorteil opfern.

Ein dickes Plus dürften im Falle einer Wahl nur Freiheitliche und Grüne einfahren, auch wenn Peter Pilz der einzig präsente Oppositionspolitiker ist. Er hat leider die Neigung, zu seiner eigenen höheren Ehre verbrannte Erde zu hinterlassen. Würden seine politischen Gegner mit denselben Methoden arbeiten, würde er wohl die Staatsanwaltschaft einschalten. Unterstellungen und auf dubiose Weise beschaffte Beweismittel sind seine Spezialität.

Vor der Sondersitzung des Nationalrats am Montag übertrieb der große Vereinfacher wieder einmal maßlos: Machtmissbrauch sei bei der ÖVP irgendwie „genetisch“, meinte er. Das ist Öl ins Feuer jener, die immer schon den Generalverdacht hegten, dass alle Politiker „Gfraster“ sind. Was übrigens auch jene mit einschließt, die mit solchen Schmutzkübeln herumrennen, aber irgendwann ja auch ganz gern selbst mitregieren würden. Und das auch in Stadt und Land – übrigens am liebsten mit den Schwarzen – schon tun: in Oberösterreich und seit gestern auch in Graz. 2002/2003 scheiterten die schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen knapp, schon vergessen?

Rot-Grün sind einander in Wirklichkeit nur in Wien wesensverwandt. Der „absolut“ regierende Michael Häupl hat den Grünen eine kleine Spielwiese überlassen. In diesem Rahmen dürfen sie ein paar Fahrradständer aufstellen. Das Raumplanungsdesaster in und rund um Wien konnten und können sie nicht verhindern.

In der Bundespartei Van der Bellens hingegen ist Rot-Grün noch keineswegs ausgemacht. Zwar steht man gesellschaftspolitisch den Sozialdemokraten näher, betrachtet diese aber mindestens so distanziert wie die Schwarzen. Das Kalkül der SPÖ, der ÖVP die Regierungsfähigkeit mangels williger Koalitionspartner zu rauben, muss nicht unbedingt aufgehen.

Genauso wenig wie die rot-blaue Karte wirklich sticht. Sie ist in erster Linie Spielmaterial für Gusenbauer und Cap. Unter jenen, die das Lichtermeer gegen Schwarz-Blau entfacht hatten, befanden sich viele Sozialdemokraten. Der Pragmatiker Karl Schlögl, der mit Rot-Blau liebäugelte (und vor Gusenbauer als SPÖ-Chef im Gespräch war), verschwand schnell in der Versenkung. Diese Koalitionsvariante ist in der SPÖ nicht „gegessen“, auch wenn der Hass auf die ÖVP groß ist und das Experiment nicht neu wäre, siehe Sinowatz/Steger. Aber niemand kann glauben, dass Heinz-Christian Strache „salonfähiger“ als Haider ist oder wenigstens liberale Züge (wie die damalige Steger-Partei vor 1986) trägt. Strache ist schlichter, populistischer und konzentriert sich zu 100 Prozent auf das Ausländerthema.

Und die Blauen selbst? Sie laborieren noch an den Verletzungen aus der Regierungszeit – die sie sich in erster Linie selbst zugefügt haben und nicht einem „Mordanschlag“ der ÖVP verdanken (wie man es in der FPÖ heute putzigerweise sieht). Die Blauen haben bewiesen, dass sie nicht regierungsfähig sind und dafür kaum vernünftiges Personal haben. Die einzige Änderung: Der Zündler Jörg Haider ist nicht mehr an Bord. Mit seinem BZÖ wollen übrigens weder Blau noch Grün eine mögliche Dreier-Koalition eingehen.

Die bittere Wahrheit ist: Auch wenn es Beteiligten und Zuschauern noch so schwer „am Keks“ geht: Es gibt derzeit für beide Großparteien keine realistische Exit-Strategie aus der Großen Koalition.

Regierungs-Planspiele Seite 1
Sondersitzung im Parlament Seite 2


martina.salomon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.03.2008)

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10 Kommentare
Ernst Heim
04.03.2008 12:59
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„Partei“ der Nicht- und Weißwähler

« Dank der explosionsartig wachsenden „Partei“ der Nicht- und Weißwähler lässt sich ein Wahlausgang kaum prophezeien. »

@ Martina Salomon,

stellen Sie sich vor, es ist Krieg und keiner geht hin ...

Nur die Einführung des Mehrheitswahlrechtes in Einzelwahlkreisen bringt die Erlösung von diesem Übel.

ernst.heim@vol.at

MelCat
04.03.2008 10:22
0 0

Verstehe echt nicht

wer noch so bloed ist und die gruenen waehlt..gibts wirklich soviel trot*** in oesterreich?

junius
05.03.2008 22:54
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Re: Verstehe echt nicht

seien wir froh, dass es nur einen MelCat gibt.

harbard
04.03.2008 08:40
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Aneinandergekettet ...

...dann führt sie doch endlich ab!!!

Gast: Christian
03.03.2008 22:02
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Ich möchte noch weiter gehen als "weniger Rupert":

Ich habe Teile der ORF-Übertragung über die "Dringliche" und das Ö1-Journal zur Einsetzung des parl.UA gehört.
Während die Brandrede von VdB. unkommentiert in den wesentlichen Teilen übertragen wird, fühlte sich der Ö1 Kommentator (entgegen jedem Gebot zur Objektivität) bei den Redeausschnitten von Platter bemüßigt, aus eigenem hinzuzufügen, was Platter "zu sagen vergessen habe"!!! Und das in einem Medium, das aus Zwangsbeiträgen von ALLEN Österreichern finanziert wird (von gebührenbefreiten Sozis wohl zum geringeren Teil).

Und ich frage mich jetzt: wenn wirklich alle die angeführten Ungeheuerlichkeiten Plattner und den ÖVP-Ministern zur Last zu legen sind, warum will man dann die ÖVP unbedingt in der Koalition haben? Warum soll da nicht vorrangig die Justiz am Wort sein? Und um ein Bonmot von Platter zu wiederholen: kann man etwas "umfärben", was nicht schon vorher eine bestimmte "Farbe" (gemeint wohl rot) aufgewiesen hat?

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Keine Alternativen - nur wenn man in österr. Kategorien denkt

Wenn man nur mit satten Mehrheiten regieren könnte, was in Österreich als Axiom gilt, wäre halb Europa ein Chaos.

Die Roten könnten mit den Grünen regieren und sich von den Blauen tolerieren lassen - wieso nicht?

Die Schwarzen könnten mit den Grünen regieren und sich von den Blauen tolerieren lassen, wieso nicht?

Vielleicht geht sich sogar eine rechte Mehrheit aus.

Alles besser als die jetzige Grosse Koalition (GK). Die hat den Mund voll genommen und kläglich versagt. Das Wort "Neustart" erinnert an hohle Phrasen vor der Konstituierung ("ganz grosse Reformen, weil alle Länder im einem Boot" = Tod der Staatsreform). Leichenstarre durch ggseit. Blockade.

Nur weil gewisse Leute aus Gewohnheit den Staat nur in Händen einer GK gut aufgehoben wähnen und mit den Sozialpartnern Entzugserscheinungen haben, wenn es anders kommt, muss das Land Jahre weiter leiden - und dann etwa noch einmal eine GK, GK in alle Ewigkeit, wie der Artikel nahelegt? Änderungen - warum nicht gleich!!

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Der wahre Grund, wieso sich die Parteien in Österreich mehr an die Macht krallen als anderwo..

.. und warum die Oppositionsrolle für beide staatsragenden Parteien eine Katastrophe ist, wird durch eindrücklich durch die Strasser-Mails und die verstaubten BAWAG-Akten demonstriert. Durch das Schüssel-Intermezzo hat sich nichts geändert. Die betrachten den Staat als ihr Eigentum und durchdringen ihn bis zum letzten Postenkommandanten bzw. Hauptschuldirektor. Wär ja noch schöner da vier Jahre lang nicht zum Zuge zu kommen, weil man in die Opposition gehen muss. Da walte Gott vor.

Wenn ich daran denke, dass Österreichs Medienzar Konrad ein glühender Verfechter grosser Koalitionen (GK)ist, andere Medien im Einflussbereich von Kammern oder gar der Parteien stehen, dann ist das Medienecho nicht weiter verwunderlich: Die GK ist zwar eine Katastrophe (-ein Faktum das sich nicht leugnen lässt), aber Neuwahlen bringen sowieso nur wieder eine solche hervor. Das gilt natürlich auch 2010. Also: GK auf ewig.

Antworten Antworten Gast: Christian
04.03.2008 01:06
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Re: Wenn die ÖVP wirklich so korrupt ist, wie Sie tun,

dann bitte die Leute vor Gericht bringen und keine Koalitions mit diesen Verbrechern!

Oder handelt es sich bei dem UA mit seiner Unzahl von Fragestellungen lediglich um eine verspätete Faschingsveranstaltung eines pflichtvergessenen Parlaments?

Antworten Antworten Antworten Gast: Ewald
04.03.2008 09:34
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Re: Re: Wenn die ÖVP wirklich so korrupt ist, wie Sie tun,

Sie sagen es, Christian/Cicero, keine Koalition mit diesen Verbrechern, doch die Gier nach Ämtern und Pfründen lässt die SPÖ, und auch manch andere Partei, so die FPÖ bei ihrem Regierungseintritt im Februar 2000, manch guten Vorsatz vergessen.

Gast: wenger Rupert
03.03.2008 20:39
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Hass zwischen den Parteien

Wie Frau Salomon richtig vermerkt, ist für jeden Laien der Hass erkenn- und spürbar, den die führenden SPÖ-Regierungsmitglieder gegen den Koalitionspartner täglich zur Schau stellen. Daraus ergeben sich zwei Fragen:
1. Kann ein derartiger Hass Grundlage einer gedeihlichen Zusammenarbeit sein? Die Antwort auf diese Frage macht sofortige Neuwahlen zum Wohl der Republik und ein Auswechseln der handelnden Personen unausweichlich.
2. Woher rührt dieser Hass? Wenn er vom Gefühl kommt, von der ÖVP bei den Regierungsverhandlungen und in der täglichen Regierungsarbeit über den Tisch gezogen zu werden, hat sie sich zu fragen, ob ihre Regierungsmitglieder vielleicht zu wenig fähig sind, mit denen der ÖVP fertig zu werden. Dann projiziert die SPÖ aber nur den Frust über die eigene Unfähigkeit auf den Koalitionspartner.
Der Hass in der politischen Auseinandersetzung wird sich über Kurz oder Lang in Gewaltausbrüchen manifestieren. Zum Schutz der Demokratie: Haltet ein!

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