25.05.2012 14:52 | Meine Presse Merkliste 0

Mit Zorn lässt sich die Tibet-Krise nicht lösen

BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Peking ist nicht bereit, die wahren Ursachen des Aufruhrs der Tibeter zuzugeben. Die sind sozialer Natur.

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Die Propagandaschlacht um die Herzen und Hirne draußen in der Welt, also um die Sympathie der internationalen Öffentlichkeit – die hat die Volksrepublik China in der Tibet-Krise gegen die gut organisierten Exil-Tibeter nach dem Stand der Dinge verloren. Überall wird erregt über eine Bestrafung Chinas für sein Vorgehen gegen die Tibeter durch einen Olympia-Boykott diskutiert, öffentlicher Druck auf zögernde Politiker und Sportfunktionäre ausgeübt. Bereitwillig übernehmen viele westliche Medien die Behauptungen der Exil-Tibeter, deren Wahrheitsgehalt genauso unmöglich nachzuprüfen ist wie chinesische Propaganda-Aussagen. Das ergibt eine verheerende Schieflage zu Ungunsten der Chinesen – und umso lauter beklagen sie sich über schamlose Manipulationen und eine ungerechte Behandlung durch den Westen.

In der Tat wurde anfänglich in der Berichterstattung gerne übersehen, dass bei der Gewalteruption am 14. März in Lhasa Han-Chinesen und Angehörige der muslimischen Hui-Minderheit vom tibetischen Mob durch die Straßen gejagt, erschlagen, verbrannt und ihre Geschäfte abgefackelt wurden. Die wenigen unabhängigen Korrespondenten, die die Ereignisse vor Ort recherchieren konnten, haben keine Indizien dafür gefunden, dass die chinesischen Sicherheitskräfte an diesem Tag auf Aufständische geschossen hätten, wohl aber, dass Tibeter chinesische Rot-Kreuz-Helfer und Feuerwehrleute attackiert haben. Die gemeinhin als so friedliebend geltenden Tibeter waren an diesem Tag des Aufruhrs also nicht die Opfer, sondern die Täter.

Sicher aber ist auch, dass seit dem Tag der Volksrevolte der chinesische Sicherheitsrat mit größter Härte gegen wirkliche und angebliche tibetische Aufständische vorgeht, nicht nur in der Autonomen Region Tibet, sondern auch in den angrenzenden Provinzen, wo Tibeter leben. Man möchte gar nicht wissen, was in den berüchtigten chinesischen Gefängnissen mit den jungen Leuten passiert.

Schon die Sprache, derer sich Peking seit dem Aufstand befleißigt – der Dalai Lama ein „Wolf in Mönchsrobe“, die Mönche als „Bestien“ – verrät den Zorn und den Hass der chinesischen Machthaber. Aber Hass und Zorn sind für die Politik immer die schlechtesten Ratgeber. Und die bisherige Reaktion Pekings auf die Ereignisse – massive Verstärkung der Sicherheitskräfte in den Unruhegebieten, Abriegelung von Klöstern, verstärkte Propagandaanstrenugungen – beweist, dass die chinesische Führung über die Ursachen des Gewaltausbruchs nichts wissen will.

Der jüngste Aufstand der Tibeter ist nicht von der sogenannten Dalai-Clique angezettelt worden – Beweise für die entsprechende Behauptung vergangene Woche ist Ministerpräsident Wen Jiabao bis heute schuldig geblieben. Der Aufstand ist vielmehr eine klassische soziale Rebellion – die Revolte einer sich nach Jahrzehnten der Repression benachteiligt fühlenden Gruppe ohne Zukunftsperspektive. Peking und der überwältigende Teil der chinesischen Bevölkerung wollen diese Sicht der Dinge aber nicht akzeptieren. Peking weist sofort auf die gewaltigen Finanzmittel hin, die es in den letzten Jahren nach Tibet gepumpt hat, auf die Verdoppelung des Bruttoinlandsproduktes seit 2002, auf die höchste Eisenbahn der Welt, die es für sündteures Geld nach Lhasa gebaut hat.

Dass aber die Modernisierung mehr und mehr Han-Chinesen und Hui nach Tibet schwemmt, dass es vor allem sie sind, die vom Aufbau profitieren, dass sich anderseits die Tibeter in den Städten zunehmend an den Rand gedrängt und vom Entwicklungsprozess ausgeklammert fühlen – das wollen die KP-Machthaber nicht wahrhaben.

Ein Alarmsignal muss die Revolte der Tibeter für die Führung in Peking vor allem aus einem Grund sein: In China hat es zuletzt jährlich 80.000 soziale Proteste gegeben. Der Sicherheitsapparat konnte damit relativ leicht fertig werden, weil die Kleinaufstände nicht koordiniert waren, sondern spontan erfolgten. Erstmals zeigte sich in den vergangenen Tagen aber eine gewisse Vernetzung des Aufruhrs von Tibet aus in angrenzende Provinzen.

Das ist eine neue Dimension, und deshalb wurde der oberste Sicherheitsfunktionär der Volksrepublik, Meng Jianzhum, sofort nach Lhasa in Marsch gesetzt. Alles, was ihm öffentlich zur Lösung der Tibet-Krise einfiel, war, eine „Vertiefung der patriotischen Erziehungsbewegung in den Klöstern“ zu fordern. Wenn Peking aber keine besseren Rezepte hat, bettelt es geradezu um den nächsten Aufstand der Tibeter. Und die sind nicht das einzige Volksgruppenproblem, das Peking am Hals hat.

Tibet-Krise, internationale Reaktionen Seite 7


burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2008)

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3 Kommentare
Plabutsch
28.03.2008 09:23
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Peking ist nicht bereit, die wahren Ursachen des Aufruhrs der Tibeter zuzugeben. Die sind sozialer Natur.

Die "wahren Ursachen" werden wohl darin liegen, dass der vorher selbständge Staat Tibet seinerzeit unter Mao-Tsetung von China militärisch besetzt und annektiert worden ist

Antworten Gast: Hanna
28.03.2008 19:03
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Re: Peking ist nicht bereit, die wahren Ursachen des Aufruhrs der Tibeter zuzugeben. Die sind sozialer Natur.

To: Plabutsch
Sie brauchen ein bißchen Zeit, um die chinesische und tibetische Geschichte nachzuschauen. Die Geschichte beginnt nicht von der Mao Zeit, sondern von den Tousand Jahren. Danach werden Sie in der Lage sein, Ihre nünftige Meinung zu äußern.

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Re: Re: Peking ist nicht bereit, die wahren Ursachen des Aufruhrs der Tibeter zuzugeben. Die sind sozialer Natur.

Sie wollen damit aber hoffentlich nicht andeuten, dass China Tibet zu Recht annektiert hat - oder wollen Sie nur Ihre Unwissenheit öffentlich machen ?

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