25.05.2012 14:57 | Meine Presse Merkliste 0

Die etwas seltsame Gesundheitsreform

CLAUDIA DANNHAUSER (Die Presse)

Die Regierung lässt sich von den Sozialpartnern eine Reform diktieren, spart aber den Kern, die Spitäler, aus.

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Heute geht eine einschneidende Änderung des Gesundheitssystems in Begutachtung. So einen Wurf, den heftet man sich gern auf die Fahnen – würde man meinen. Doch irgendwie will keiner so recht an dem Gesetz beteiligt gewesen sein. Die Gesundheitsministerin hat ohnehin nie einen aktiven Part gespielt. Und auch Kanzler und Vizekanzler, die das Thema noch zu Weihnachten zur Chefsache erklärten, traten wenn, dann nur in geheimer Mission auf. Statt Kdolsky, Gusenbauer und Molterer mischten daher die Sozialpartner die Karten. Und sie mischten sie kräftig. Würde nämlich alles, was ÖGB und Wirtschaftskammer austüftelten, in die Tat umgesetzt, es wäre tatsächlich eine radikale Reform.

Doch dazu fehlt selbst Rudolf Hundstorfer und Christoph Leitl der Mut. Schon bei der Vorstellung ihrer Pläne vor sechs Wochen beeilten sich beide, in einem, wenn nicht sogar dem zentralen Reformpunkt einen Rückzieher zu deponieren. Die Länder, nein, die Länder, sagten sie, die könne man nicht wirklich einbeziehen. Sie führten den eben erst abgeschlossenen und „natürlich gültigen“ Finanzausgleich ins Treffen. Warum eigentlich? Wenn es sein muss, werden auch sonst laufende Verträge adaptiert. Das sollte, unter Einbeziehung der Betroffenen versteht sich, selbstverständlich sein. Noch dazu, wenn das Geld, das da so großzügig verteilt wird, von den geschröpften Steuerzahlern und nicht vom Finanzminister persönlich kommt.

Doch wenn es um die Macht der Länder geht, traut sich keiner drüber. Rote wie Schwarze haben ihre Provinzkaiser zu hätscheln. Und für die wäre es offenbar eine allzu große Zumutung, auch nur ein Mini-Spital zu schließen und durch ein ökonomisch sinnvolleres Gesundheitszentrum zu ersetzen. Die medizinische Versorgung würde darunter nicht leiden, im Gegenteil. Nicht nur schwierige Fälle sind (im Hubschrauber-Zeitalter) im routinierten Großspital besser aufgehoben. Dieses gigantische Sparpotenzial, das Gesundheitsökonom um Gesundheitsökonom seit Jahren aufzeigt, will keiner so recht heben. Bevor der Rotstift im Spital angesetzt wird, denkt man lieber an die nächste Steuererhöhung.

Aber wer weiß, vielleicht kommen ja noch späte Einsichten. Denn im Grunde ebnet die vorliegende Reform den Weg zur notwendigen Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand. Vorerst greifen die Sozialpartner freilich nur in die eigenen Strukturen ein – dafür besonders gründlich. Traditionen und Machtbefugnisse werden ohne Tabu aufgelöst. Das geht natürlich nicht ohne Widerstand. Schwarze wie rote Gewerkschafter rebellieren. Dennoch könnten die Aufwertung des Hauptverbands zu einer Holding und die Unterordnung der bisher so mächtigen, von den Arbeitnehmervertretern dominierten Einzelkassen in die richtige Richtung gehen. Könnten. Wenn im bisher zahnlosen Hauptverband künftig kundige Manager ans Werk gehen und nicht mehr die Kontrolle des politischen Gegners dominiert, dann ist das nur ein erster Schritt. Der zweite müsste allerdings folgen: Die getrennte Planung und Finanzierung des Spitalsbereichs und der niedergelassenen Ärzte ist teuer und unsinnig. Wenn sich die Holding Hauptverband bewährt, warum sollte sie diese Aufgabe nicht übernehmen?

Bei den nun fixierten Einschnitten für die Ärzte ist das Terrain weit heikler. Einerseits ist nicht einzusehen, warum nicht auch die Ärzte zu einer Reform beitragen sollen. Wenn immer größere Summen in ein System fließen, dem dennoch der Kollaps droht, dann muss wohl etwas geschehen. Andererseits ist das Verhältnis Arzt/Patient nicht allein aus dem ökonomischen Aspekt heraus zu sehen. Österreich wendet im weltweiten Vergleich zwar sehr viel fürs Gesundheitssystem auf, es gibt allerdings auch viele, ganz viele, die uns darum beneiden. Will man diese Qualität für alle erhalten, wird das nicht billiger. Im Gegenteil: Die Leute werden älter und die medizinischen Möglichkeiten reichhaltiger.

Man muss sich daher einige unangenehme Fragen stellen. Wem wollen wir was wie lange zugestehen? Ist es okay, dass in Österreich jeder, egal wie alt er ist, eine neue Hüfte erhält oder dass für jeden das teuerste Medikament zur Verfügung steht? In anderen Ländern ist das nicht der Fall. Natürlich, man kann auch darüber reden. Wer Leistungen einschränken will, der soll aber auch laut sagen, wen es trifft. Davor aber muss alles optimiert werden, was optimiert werden kann. Da gäbe es noch viel zu tun – zum Beispiel für eine (aktive) Gesundheitsministerin. Ob das noch in der Ära Andrea Kdolsky sein wird, ist fraglich.

Die Reform im Detail Seite 3


claudia.dannhauser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2008)

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5 Kommentare
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Zuerst Mißbrauch abstellen

Bevor wir alten Menschen, die ein Leben lang Beiträge für unser Sozialversicherungssystem bezahlt haben, keine neue Hüfte mehr bezahlen, muss sichergestellt werden, dass der ausufernde Mißbrauch der E-Card durch nichtversicherte Ausländer abgestellt wird. Solange es - wie jeder im Gesundheitswesen Tätige unter der Hand bestätigt - einen regelrechten Tourismus kranker und schwangerer Personen in österreichische Spitäler gibt, ist jede Leistungskürzung für die Beitragszahler schlicht eine Frechheit!

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heute bei der pressekonferenz

liebe frau dannhauser, ich fand ihre viel detailwissen zeigenden fragen sehr toll (es war ja eine etwas andere pressekonferenz als die üblichen, erstens die dauer, dann die masse an medienvertreterInnen). ich hab auch zu ihrem kommentar verlinkt in meinem bericht unter

www.ceiberweiber.at

herzliche grüsse
alexandra bader

NeroRosso
14.05.2008 11:51
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Kurpfuschern sollte das Handwerk gelegt werden!

Das was da jetzt als Reform verkauft wird, trägt den Begriff zu Unrecht.
Wie immer haben da die blinden Funktionäre die lahmen Funktionäre durch das Gesundheitssystem geführt. Was bitte haben WK und ÖGB in dieser Sache zu plaudern? Es sind die Gelder der Patienten (Beiträge, Steuergeld, Zusatzversicherung!) die verteilt werden und sinnlos bürokratisiert werden!

Eine Besserung wird erst dann zum Tragen kommen, wenn auch der intramurale Bereich (Spitäler und Ambulanzen) mit eingebunden ist.
Da hier allerdings viele Interessen im Spiel sind, hält man sich am derzeit schwächsten Glied dieser Kette (den Ärzten) schadlos.
Dass dem so ist beweist ja die Haltung der OÖGKK, die eben "positiv" wirtschaftet und auch mit der neuen Situation nichts anfangen kann.
Also: Auf in den vertragslosen Zustand!
Oder noch besser: liebe Ärzte meldet euch bei Fr. Kdolsky zu einem Kochkurs für Schweinsbraten an, sie wird bald mehr in diesem Bereich zu tun haben.

Gast: Leser
14.05.2008 10:28
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immer mehr Pfusch...????

Wenn man davon ausgeht, dass heute schon einnTeil der Gesundheitsleistungen "privatisiert" ist (lächerliche 10 E von KrankenK. für ein 70-90 E Akkupunkturbehandlung etc.... Alternative: "mach ma' lieber chemisch" auf Schein...) und dann noch die zT. mickrigen Honrare für d.wirklich wichtigen Hausartztleistungen dazurechnet... (motivierend!) und: vollends ein Flopp das "neue" Arbeitszeitgesetz für Krankenhausärzte -> Arbeitszeitbegrenzung "offiziell" ja - aber dadurch nur erreicht, dass die Assistenzärzte die Arbeitsstunden zT. nicht mehr "aufschreiben" dürfen (natürlich weiss keiner davon, dass... ) - also de facto unversichert in den grauen Bereich gedrängt werden... quasi erpresst ("sie wollen ja den Turnusplatz behalten... also...machen sie es...) (Frage: wo ist meine Standesvertretung/Gewerkschaft ????) - Dann zeichnet sich ein Bild ab, dass immer katastrophaler wird... "verwaltet" durch hochbezahlte Karnkenkassenbonzen und Länderkaiser...

Gast: Dr. Ernst Egerer
14.05.2008 09:46
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Millionen für Geschäftsführer

Im Bereich des formalen, der Umgestaltung der Sozialversicherungsträger, stehen die einzigen Gewinner schon jetzt fest: die neuen Geschäftsführer, Funktionäre und Obermacher. Sie werden nämlich nicht mehr nach der Dienstordnung honoriert, sondern erhalten frei vereinbarte Verträge mit sogenannten Erfolgskomponenten. Was das bedeutet sehen wir bei anderen halbstaatlichen und staatlichen Institutionen. AUA oder ÖBB beispielsweise. Da werden für sogenannte Manager Millionen hinausgeworfen, die nicht einmal Bruchteile von dem Wert sind, was sie da erhalten. Und wenn sie gar nicht mehr haltbar sind, dann schmeißt man ihnen noch ein paar Millionen nach.
In Wirklichkeit ist die Organisationsreform nur ein Vorwand um neue Millionenjobs für Politfreunderln zu schaffen.
Wie man hört, stehen - trotz angekündigter Ausschreibung - die so versorgten Personen bereits fest - schön aufgeteilt zwischen Wirtschaftskammer und Gewerkschaft. Und es sind alte Bekannte!!!!!