Es ist einer dieser Gemeinplätze, die viele, die sich für besonders gute Menschen halten, unhinterfragt wie Horoskopsprüche auf Zuckersäckchen hinnehmen: Für Konflikte gebe es keine militärischen Lösungen. Das hat sich ein gewisser Andres Pastrana, der von 1998 bis 2002 Präsident in Kolumbien war, auch gedacht. Und deshalb überließ er einer terroristischen Drogenbande, die sich Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc – Fuerzas Armas Revolucionarias de Colombia) nennt, ein Gebiet so groß wie halb Österreich, um zu verhandeln.
Vierzig Monate dauerte der „Friedensprozess“. Das gab den damals noch rund 17.000 Guerilleros schön viel Zeit. Um sich zunächst mal ordentlich auszuruhen, auf ihre Drogengeschäfte zu konzentrieren und neue Waffen anzuschaffen. Fortschritte brachten die Verhandlungen keine. Die Farc nützte ihren Freizeitpark als Refugium für Offensiven und als Freiluftgehege für hunderte Menschen, die sie entführten.
Der Farce mit der Farc setzte Pastrana erst ein Ende, als die Wahl näher rückte. Er verlor sie trotzdem. An die Macht kam einer, der als konservativer Hardliner und Büttel der Yankees verschrien war: Alvaro Uribe. Was wurde er von der pazifistischen Internationale der Rebellenversteher dafür gescholten, dass er den Krieg entschlossener führte als je zuvor.
Doch der Erfolg gibt ihm Recht. Heute ist Kolumbien deutlich sicherer als vor sechs Jahren. Die Bürger müssen nicht an jeder Kreuzung fürchten, entführt zu werden. Die pseudomarxistische Farc ist zurückgedrängt, möglicherweise entscheidend geschwächt. Nach Niederlagen und Massendesertionen soll sie nur noch 8000 Gummistiefel-Kämpfer haben. Zuletzt ging es Schlag auf Schlag. Erst wurde Raul Reyes, Mitglied des Leitungsgremiums, getötet, dann starb der sagenumwobene Führer Manuel Marulanda. Jetzt kam der Farc in einer spektakulären Aktion auch noch der Edelstein ihrer zynischen Geiselkollektion abhanden: Ex-Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Nichts könnte den Niedergang der Farc besser illustrieren als der hollywoodreife Stunt ihrer Befreiung. Agenten gaben sich als Rebellen aus und holten Betancourt und 14 andere Top-Geiseln einfach mit dem Hubschrauber ab.
Die Farc zerfällt, ihre Truppenteile sind isoliert, ihre Führung dezimiert und ihre Verbündeten in Deckung. Seit auf dem Laptop des getöteten Farc-Führers Reyes ziemlich eindeutige Hinweise auftauchten, dass Hugo Chávez alias „Angel“ den Genossen nicht nur Unterschlupf geboten, sondern sie auch finanziell unterstützt hat, ist Venezuelas Staatsobergroßmaul ungewöhnlich kleinlaut geworden. Vor ein paar Monaten noch hatte er darauf gedrängt, die Farc als legitime Freiheitskämpfer anzuerkennen, nach dem Reyes-Fiasko forderte er seine Freunde auf, den „unzeitgemäßen“ Guerillakampf zu beenden.
Derart im Eck ist die Farc nicht, weil sie gutes Zureden erweicht, sondern weil ihr die Armee zugesetzt hat. Ein ähnlicher Vorgang ist auch am anderen Ende der Welt zu beobachten, in Sri Lanka. Auch dort hat das Militär eine Befreiungsorganisation mit autoritär-terroristischen Zügen, nämlich die „tamilischen Tiger“, unerwartet stark in die Defensive gedrängt. Oder nehmen wir die jüngsten Entwicklungen im Irak, wo die Armee die schiitischen Milizen des Muqtada al-Sadr aus wichtigen Stellungen vertrieb.
Dort wie in Kolumbien ist es gelungen, das Gleichgewicht mit militärischen Mitteln derart zu verschieben, dass nun eine Lösung wahrscheinlicher ist als vorher. Es versteht sich, dass eine kluge Strategie auch politische, wirtschaftliche oder soziale Maßnahmen enthalten muss. Dazu gehört etwa Uribes Wiedereingliederungsprogramm für Farc-Deserteure. Es könnten noch Amnestien hinzukommen, ebenso das Angebot an die Farc, sich in eine Partei umzuwandeln. Dann sähe man, ob das Gewäsch von den sozialen Ursachen des Konflikts 44 Jahre nach dessen Ausbruch und bei völlig veränderten gesellschaftlichen Bedingungen noch irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit hat und Wählerstimmen bringt.
Krieg sollte nie Selbstzweck sein, sondern immer ein Ziel haben. Das ist es, was schon der alte Clausewitz als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln verstand. Wer militärische Optionen von vornherein ausschließt, mag sich zwar besser fühlen, doch er macht den Gegner damit womöglich so stark, dass er gar nicht verhandeln will. Damit verlängert er den Konflikt.
Und übrigens kann man sektiererisch-kriminelle Aufständische einfach auch nur besiegen, so wie Perus „Leuchtendem Pfad“ das Licht abgedreht wurde.
Das Martyrium der Ingrid Betancourt S. 1, 2
christian.ultsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2008)















