Wer in jüngster Zeit den „heißesten Tipps“ heimischer Anlage-Experten gefolgt ist, wird sich vermutlich ziemlich blöd vorkommen. Zu diesen „ganz heißen Tipps“ gehörten schließlich vor allem „Werte“ aus Russland. Vor wenigen Wochen rasselten die Aktienkurse in Moskau nämlich in den Keller. Auf ein Niveau, das von den Börsenfachleuten als lächerlich unterbewertet interpretiert wurde – weshalb den Anlegern dringend geraten wurde, ihre Brieftasche zu zücken, um die perfekte Gelegenheit beim Schopf zu packen und sich im Wachstumsmarkt Russland mit günstigen Aktien einzudecken.
Nun ja, leider hat sich die Moskauer Börse nicht ganz an die Weissagungen der österreichischen Gurus gehalten. Seit Mai dieses Jahres haben die im Leitindex versammelten Top-Aktien Russlands flotte 57 Prozent an Wert verloren. Und seit drei Tagen ist der Handel aufgrund der herben Kursverluste überhaupt ausgesetzt. Das hat zwar auch mit den Bankpleiten in den USA zu tun, aber nicht nur. Allein seit dem Georgien-Feldzug der Russen haben Investoren umgerechnet 40 Milliarden Dollar außer Landes gebracht. Anleger ziehen seit Wochen ihr Geld in großem Stil aus Russland ab, weil sie dem Land nicht mehr trauen. Der Crash an der Wall Street hat diesen Kapitalabfluss nur noch beschleunigt.
Wie uns einflussreiche Freunde Moskaus gerne erklären, sei dieser Vertrauensentzug völlig übertrieben. Klar, Russland sei noch keine „perfekte Demokratie“. Aber Europa hätte sich ja auch nicht über Nacht zu einer solchen entwickelt, das brauche eben Zeit. Und eine starke Hand. Jene des Herrn Putin zum Beispiel. Und der kleine Krieg mit Georgien? Geh bitte. Gut, der Kreml haut schon hin und wieder auf die Pauke. Aber in Wahrheit denke niemand daran, dem Westen den Gashahn abzudrehen. Und mit westlichen Investoren ist man nicht immer sehr nett umgegangen, stimmt schon – aber die politischen und wirtschaftlichen Eliten Russlands bekennen sich zu Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft.
So reden sich jene Experten Russland schön, die dort prächtige Geschäfte laufen haben. Das ändert aber nichts daran, dass Russland noch meilenweit davon entfernt ist, ein verlässlicher Geschäftspartner für den Westen zu sein. Was wiederum sehr viel damit zu tun hat, dass die russische Politik nach wie vor einen höchst unorthodoxen Zugang zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie pflegt.
Nehmen wir nur die Fälle Shell und BP. Die beiden Konzerne waren hoch willkommen, als es darum ging, in unwirtlichen Gegenden Russlands Gas und Erdöl zu Tage zu bringen. Mit Pomp und Trara wurden Gemeinschaftsunternehmen mit russischen Firmen gegründet, um selbst unzugänglichste Quellen zu erschließen. Als dies gelungen war, hat sich Shell plötzlich „zurückgezogen“, BP sah sich schweren Repressalien ausgesetzt. Auf einmal war man sich mit den Russen über die „strategische Ausrichtung“ der Gemeinschaftsunternehmen nicht mehr einig. Merkwürdig, nicht?
Fairerweise sei erwähnt, dass nicht nur westliche Firmen wissen, wie hart die Hand des Kremls sein kann. Im heurigen Sommer war Mechel, der größte Kohleproduzent Russlands, an der Reihe. Dem Unternehmen wurden die Steuerbehörden ins Haus geschickt, weil es im Verdacht steht, Kohle im Ausland günstiger verkauft zu haben als in der Heimat. Prompt wurden Spekulationen laut, der Kreml plane nach der Verstaatlichung der Rüstungs- und Erdölindustrie nun jene des Metallurgie-Sektors. Kein Wunder: Eine Schlüsselindustrie nach der anderen wurde von „Zar Putin“ unter staatliche Kontrolle gebracht, und Ex-KGB-Offiziere wurden in die Chefsessel gehievt.
Die sprudelnden Petro-Dollars werden auch zur Erweiterung des Portfolios im Ausland eingesetzt: Russische Investoren kaufen sich seit Jahren großflächig im Westen ein. Das Land hat eben eine klare Strategie für jene Tage, in denen Öl weniger wert sein bzw. überhaupt zur Neige gehen wird. Während europäische Investoren im Reich Putins gegängelt werden bzw. überhaupt ausgesperrt bleiben, ist russisches Geld in europäischen Fußballklubs ebenso willkommen wie in Industriekonzernen oder den Austrian Airlines. Einflussreiche Lobbyisten aus der SPÖ und dem „schwarzen“ Bankensektor preisen die sibirische Luftlinie S7 ja bereits als perfekten Käufer für die AUA an.
Ob tatsächlich der Kreml hinter den russischen Investoren steckt, weiß niemand so genau. Aber nur keine Bange: Die politischen und wirtschaftlichen Eliten Russlands bekennen sich ja eh zu Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft. Na dann kann ja so gut wie nichts mehr passieren...
Die Gefahr kommt aus dem Osten Seite 1
franz.schellhorn@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2008)















