Der Magie seiner Leistung konnte sich kaum jemand entziehen. Patriotisches Geheule hin oder her. Der junge Mann aus Wolkersdorf begeisterte. Er war gezeichnet, aber doch physisch und psychisch stark genug, die Verfolger abzuschütteln und sich im Konzert der Großen der Branche zu etablieren. Schnell war Bernhard Kohl zum Helden erklärt worden. Hier durfte er mit dem Landesvater Leiberl tauschen, dort enthusiasmierten Fans Autogramme geben. Dass der Doping-Generalverdacht gegenüber Radprofis (nicht nur) bei der Tour de France mitfuhr, störte kaum. Der Wunsch, vor dem Fernsehgerät Zeuge von unglaublichen Leistung zu werden, hat das Misstrauen vieler Zuseher spielend verdrängt.
Egal, ob Radfahrer, Leichtathleten oder Langläufer – keine andere Gruppe kann die Sehnsucht nach dem Idealen und dem Heldenhaften besser befriedigen als Sportler: Dank ihrer körperlichen und geistigen Kraft verbuchen sie Siege und erfüllen die gesellschaftlich anerkannten und geförderten Werte, auf die wir konditioniert sind: Gesundheit, Erfolg, Reichtum und Fairness. Helden nehmen auf diese Weise den „Normalsterblichen“, den Nichthelden, den Druck, all diese Weihen selbst erreichen und das Ideal selbst verkörpern zu müssen.
Helden sind damit aber nichts anderes als Spiegelbilder ihrer Verehrer und umreißen das kulturelle Selbstverständnis und die Mentalität einer Gesellschaft und vielleicht sogar das Bild ihrer eigenen Zukunft.
Die Nachricht von Doping zerstört das Bild des Heldenhaften. Der Geruch, Usain Bolts Weltrekord im 100-Meter-Sprint könnte durch unlautere Methoden ermöglicht worden sein, oder der Verdacht, Michael Phelps' unglaubliche Rekordserie im olympischen Schwimmbecken in Peking könnte Resultat verbotener Medikation sein, verstört. Und demontieren den Glauben an die letzten, echten Helden.
Der Verstoß gegen Normen, das Risiko, die Gesundheit aufs Spiel zu setzen oder das Karriereende zu provozieren, können allerdings selbst zu neuen Werten werden, sagt der Sportsoziologe Otmar Weiß von der Universität Wien. Ein entlarvender Mechanismus: Je eher Menschen Schummeltricks akzeptieren, desto größer ist der Dopingsünder in jedem Einzelnen. Nicht jeder Star, der zu Tricks greifen musste, um seine außergewöhnliche Stellung zu erlangen oder zu behaupten, wurde dadurch zum gefallenen Helden. Michael Schumacher etwa, der eine Zeit lang als „Schummel-Schumi“ seine Runden in der Formel 1 gedreht hat, wurde dennoch verehrt. Kaum jemand hat ein Problem damit, dass Exskiläufer Hans Knauß, des Dopings überführt und gesperrt, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Skirennen kommentiert.
Würde Doping freigegeben werden, wäre der Aufschrei vermutlich zwar laut, aber nur kurz. Im Streben nach einem besseren, faireren Wettkampf, im Streben nach einer besseren, faireren Gesellschaft aber wäre der Schritt kontraproduktiv.
Also bleibt nur der Kampf gegen Doping.
Nur wenn du dem Gegner in die Augen blickst, kannst du seine Schwächen und deine eigenen Stärken erkennen“, formulierte der chinesische Philosoph Sunzi schon 500 vor Christus in seiner „Kunst des Krieges“. Unangenehm nur, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) fehlsichtig ist. Sie macht Athleten als Gegner aus, übersieht aber die Netzwerke im Hintergrund. Den Besuch beim Augenarzt schiebt aber nicht nur die Wada auf, auch die nationalen Behörden, die durch ein schwaches Anti-Doping-Gesetz zum Hinschauen angehalten sind.
In Spanien stellten die zuständigen Stellen kürzlich alle Untersuchungen gegen den Mediziner Eufemiano Fuentes ein, der die zentrale Gestalt jenes Dopingskandals gewesen war, der die Radszene im Vorfeld der Tour de France 2007 in ihren Grundfesten erschüttert hatte. In Österreich, das sich seines strengen Gesetzes wegen selbst rühmt, international aber (nicht zu Unrecht) den Ruf hat, eine Drehscheibe des organisierten Dopings zu sein, herrscht erst recht Handlungsbedarf. Doch über das mantraartige Wiederholen der Forderung, den Sport nicht zu kriminalisieren und ihn um Gottes willen aus dem Bereich des Strafrechts heraushalten zu wollen, wird vergessen, dass es sehr wohl behördlicher Unterstützung bedarf, um den Hintermännern auf die Schliche zu kommen. Die Nationale Anti-Doping-Agentur wird die Vollziehung des Gesetzes alleine nicht bewerkstelligen können. Und ein einziger Polizist, der für die Staatsanwaltschaft ermittelt, wird dafür ebenfalls nicht ausreichen.
Österreich als Doping-Drehscheibe Seite 1
Der Fall Bernhard Kohl Seite 2
michael.koettritsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2008)

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