08.11.2009 03:05 | Meine Presse Merkliste0

Horrorszenarien für Europas Sorgenkinder

BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Die Finanz- und Wirtschaftskrise trifft drei Länder ganz besonders hart: die Ukraine, Ungarn und Russland.

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Die fetten Jahre sind vorbei – diese Botschaft ist inzwischen mit voller Wucht auch in Mittel- und Osteuropa angekommen. Die globale Finanzkrise und die mit ihr anschwellende Krise der Realwirtschaft treffen die Region schwer, wenn sie in den einzelnen Ländern auch zunächst unterschiedliche Auswirkungen zeigt. Sicher ist nur: Kein Land steht so gut da, dass es sich der Krise entziehen kann.

Besonders hart betroffen sind drei Länder: die Ukraine, Ungarn und Russland. Auch Rumänien, Bulgarien, Albanien, Kroatien, Serbien, Estland und Lettland sind Wackelkandidaten und sehen wirtschaftlich äußerst schwierigen Zeiten entgegen. Polen, die Slowakei und Tschechien könnten ebenfalls schwerere Rückschläge einstecken müssen, scheinen im Moment aber etwas weniger betroffen.

Die Ukraine und Ungarn stecken deshalb so tief im Schlamassel, weil sie eine Doppelkrise durchmachen: Seit längerem schon befinden sie sich in einer politischen Dauerkrise, die von einer völlig zerstrittenen und verantwortungslosen Elite verursacht wurde. Dazu kommen jetzt die finanziellen und wirtschaftlichen Turbulenzen. Nur: Weder in Kiew noch in Budapest zeigt die Elite selbst angesichts der ökonomischen Sturmwarnungen die Bereitschaft, ihre Machtambitionen zurückzuschrauben und ihren internen Streit zu beenden, um gemeinsam Auswege aus der Krise zu suchen.

Die Konsequenz ist ein rasanter Vertrauensverlust in der Bevölkerung. Wozu das wiederum führen kann, ist auch bekannt: zu einer Radikalisierung der Wählerschaft, die bei nächster Gelegenheit extremistische Kräfte stärken wird. In der Ukraine etwa prophezeien politische Beobachter der nationalistischen Partei „Swoboda“ und den orthodoxen Altkommunisten des Blocks „Witrenko“ bei den kommenden Parlamentswahlen starke Zugewinne.

Zwar hat die Ukraine einige gute wirtschaftliche Wachstumsjahre hinter sich. Aber das Geld wurde von der Regierung nicht etwa für die Modernisierung der Wirtschaft, sondern für Sozialleistungen und die Finanzierung der Einfuhren zur Versorgung der Bevölkerung verwendet. Viele Anzeichen weisen also darauf hin, dass die Ukraine Europas größtes Sorgenkind werden könnte, weil hier zudem noch Russland und der Westen um Einfluss ringen. Das Land ist wirtschaftlich am Boden und politisch zerrissen. Das trifft weitgehend auch auf Ungarn zu. Nur hat dieses Land einen großen Vorteil: Es ist Mitglied der EU und kann von dort mit Hilfe bei der Bewältigung der Krise rechnen.

Wie in Kiew ist es auch in Budapest eine egoistische politische Elite, die sich nicht zusammengerauft hat, um Barrieren gegen die drohende Wirtschaftskrise aufzubauen, und die jetzt international um Notkredite betteln muss. Und auch in Ungarn ist die Gefahr einer politischen Radikalisierung groß. Denn hier liegen sich nicht nur Präsident und Regierungschefin samt Oppositionschef in den Haaren, hier geht der Riss zwischen Sozialisten und Nationalkonservativen mitten durch die ganze Gesellschaft.

Schwer gebeutelt wird auch Russland von der Krise, obwohl Moskau dank der angesammelten 560 Mrd. Dollar Rücklagen die schlimmsten Auswüchse bekämpfen kann. Die Aktienkurse fielen um über 70 Prozent, die Oligarchen sollen um 240 Mrd. Dollar ärmer geworden sein. Die Schulden russischer Unternehmen im Ausland werden auf 510 Mrd. Dollar geschätzt.

Die russische Führung hat bisher die Krise kleingeredet und vor allem den Westen für deren Auswirkungen verantwortlich gemacht. Schadenfreude und Sündenbocksuche aber sind gewiss keine geeigneten Maßnahmen zur Krisenbewältigung. Die russische Bevölkerung spürt das. Schon gibt es Berichte, wonach die Leute anfangen, Speiseöl und Nudeln zu horten.

Russische Stimmen, die die Krise auch als Chance sehen, die staatliche Kontrolle über das ökonomische Leben zu lockern, um Strukturreformen in Angriff zu nehmen und die Wirtschaft zu modernisieren, werden derzeit kaum Gehör finden. Der Reflex der russischen Elite geht eher in die andere Richtung: mehr staatliche Interventionen in die Wirtschaft. Manche Beobachter befürchten, dass das Führungsgespann Medwedjew/Putin das Heil sogar in einer „Entwicklungsdiktatur“ suchen könnte.

Politische Radikalisierung, Heilssuche in neuen Formen der Diktatur sind die Horrorszenarien, die sich aus der jetzigen Krise ergeben könnten und für die Mittel- und Osteuropa anfällig sind. Alles schon da gewesen – mit dem Effekt einer Welt in Flammen. Vielleicht täte den verantwortlichen Politikern überall in Europa gerade jetzt eine Geschichtsstunde ganz gut.

Die Krise trifft Mittel- und Osteuropa S. 1 bis 3


burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2008)

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11 Kommentare
Gast: Cicero
04.11.2008 11:18
0 0

Schadenfreude betr. Oligarchen = Antisemitismus!

In einem hat Herr Bischof recht: In Bezug auf die russischen Oligarchen ist genau so viel Mitleid angebracht wie mit anderen Opfern der Finanzkrise, z.B. mit der Besitzerin der Constantia-Privatbank. Es besteht vielmehr der hässliche Verdacht, dass die Schadenfreude sehr viel mit Antisemitismus zu tun hat, und den gilt es zu bekämpfen!

Gast: Peter F. H.
04.11.2008 00:24
0 0

interessant

Interessant ist, dass z. B. Israel, Saudi-Arabien, die Emirate keinerlei Einbußen erleiden.

freeman
04.11.2008 12:50
0 0

Wer sagt das?

Israel wird wegen seiner engen Verflechtung mit der europäischen und amerikanischewn Wirtschaft von der Krise schwer getroffen.

Saudi Arabien und die Emirate verlieren allein durch den gefallenen Ölpreis Milliarden.


Gast: Presseleser
03.11.2008 15:00
0 0

Vollkasko?

Wenn bei jedem dritten Kredit der Default eintritt, sind die 100 Milliarden weg.

Zitat:

"Dafür sprechen auch die Schulden, die osteuropäische Firmen- und Privatkunden bei den österreichischen Banken angehäuft haben [...] 300 Milliarden Dollar macht das Obligo aus."

Quelle:

http://derstandard.at/?url=/?id=1224776722481

MfG

Gast: Gelddrucker
02.11.2008 22:05
0 0

Geld wird durch Kredite in Umlauf gebracht

Darüber wird die Presse in 100 Jahren nicht berichten:
http://www.teleboerse.de/1033237.html

antikarl
03.11.2008 15:06
0 0

Re: Geld wird durch Kredite in Umlauf gebracht

Es ist bisher noch jedes Papiergeldsystem zusammengebrochen. Ursache: Ausgabenpolitik der Regierenden. Auch Greenspan & CO glaubten an das ewige Wirtschaftswachstum und den Machterhalt. So wurde immer schneller die Geldmenge über Kredite erhöht.
Und jetzt: more of the same.

freeman
03.11.2008 15:39
0 0

Staatswirtschaft wird immer scheitern.

Warum wir ausgerechnet die Geldversorgung dem Staat als Monopol überlassen, bleibt schleierhaft.


Antworten Antworten Antworten Gast: Gelddrucker
06.11.2008 21:17
0 0

Keine private Geldschöpfung!!!

Die private Bank of England (englische Zentralbank) hat die kreditlose Geldschöpfung der englischen Siedler durch In-Umlauf bringen von gefälschten Banknoten ruiniert. Die deutsche Reichsbank (deutsche Zentralbank), eine Privatbank, hat die Inflation von 1923 zu verantworten. Die Fed, die amerikanische Zentralbank ist ein privates Bankenkartell

Antworten Antworten Antworten Gast: Gelddrucker
06.11.2008 21:16
0 0

Keine private Geldschöpfung!!!

Sie haben mich völlig missverstanden:
PRIVATE Geldschöpfung ist das Problem. Geldschöpfung die durch Kredite entsteht.
Lösung :
Geld könnte regelmäßig von einer verfassungsrechtlich eng gebundenen 4.Gewalt, der Monetative zinsfrei aufs Konto des Finanzministers gestellt werden- da die Geldmenge dabei natürlich immer weiter stiege, muss dabei auch wieder Geld aus dem Verkehr gezogen werden. Wenn der Finanzminister das Geld schon aufs Republikskonto draufgeschöpft bekommt, braucht er natürlich keine Steuern mehr- Steuern dienen dann also dazu, Geld wieder aus dem Verkehr zu ziehen. Steuereinnahmen und neu geschöpftes Geld müssen natürlich gleich hoch sein damit das gewährleistet ist, braucht es eine neue unabhängige Gewalt die Monetative (mones lat Geld)- (neu geschöpftes Geld kann de facto etwas höher sein, als das aus dem Verkehr gezogene, genau soviel wie das Wirtschaftswachstum ausmacht)

Antworten Antworten Antworten Gast: Die Saat
03.11.2008 17:07
0 0

Weil das Geldmonopol

schier unglaublich Vorteile bringt. Deswegen können wir uns es nicht aussuchen und die Regierung wird den Leuten einreden, dass es ja gar keine andere Alternative mehr gibt.
Das Privatgeld jedoch schon früher über Jahrhunderte bestens funktioniert hat wird gerne verschwiegen.
Ich kann mir absolut nicht vorstellen das die Staaten das wichtigste Monopol auf Erden irgendwann aufgeben und sie werden es mit aller nötigen Härte verteidigen. Unser jetziges Finanzsystem kann man ja schon fast mit dem Wort Gottes vergleichen, so starr wird daran festgehalten.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Gelddrucker
06.11.2008 21:18
0 0

Re: Weil das Geldmonopol

Antwort siehe oben

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