Demnächst ist es wieder so weit: Das neue Spitzenpersonal der Republik wird bestellt. Da wären allerdings heikle Fragen zu stellen: Wer tut sich diesen Job noch an? Und wie rational ist die Auswahl? Erfolgreiche, gut verdienende Menschen müssen einigermaßen tollkühn sein, um ihren Job für die Politik an den Nagel zu hängen. „Ich will nicht nach fünf Jahren als Versorgungsfall gelten“, ist eine häufige Antwort, wenn man Manager fragt, ob sie ein Ministeramt reizen würde.
Tatsächlich ist jeder, der einen Fuß in die Politik setzt, auf alle Ewigkeiten angepatzt. Bei jedem weiteren Karriereschritt wird er verdächtigt, diesen nur dank seiner mächtigen Freunde geschafft zu haben. Belege, dass das in den vergangenen Jahrzehnten oft so lief, gibt es zuhauf. Selbst aus den Reihen der FPÖ, die sich in den 90er-Jahren zur „Kontrollpartei“ stilisierte und damit Wahlen gewann, sitzen bis heute zahlreiche blaue Vertrauensleute in Ministerien und staatsnahen Organen. Die Wähler haben es nur mittlerweile wieder vergessen.
Aber der Umkehrschluss, dass jeder, der einmal an der Politik angestreift ist, für die Wirtschaft diskreditiert ist, kann ja wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Ein Ministeramt – oder ein Job im Kabinett – ist ein Knochenjob mit hohen Anforderungen und akuter Absturzgefahr. Entscheidungen müssen oft blitzartig gefällt werden. Krisenkommunikation ist wichtig, am medialen Pranger steht man schnell, da genügt schon ein unvorsichtiger Sager. Es gibt nicht ein paar Jahresgehälter zum Trost für jene, die vorzeitig in die Wüste geschickt werden. Aus Sicht der Boulevardmedien müssten Minister überhaupt im Büßergewand daherkommen und höchstens einen alten VW-Käfer fahren (oder ist das schon wieder zu „retro“ und daher auch zu dekadent?). Für Privatleben bleibt kaum Zeit. „Ich fürchte, dann lässt sich mein Partner scheiden“, ist eine ebenso häufig gehörte Antwort von Kandidaten, die als ministrabel gelten, aber dankend ablehnen.
Das macht die Auswahl schwierig. Ohnehin gibt es eine Lawine an Kriterien, die mit der fachlichen Eignung fast nichts zu tun haben. Die Landesorganisationen müssen befriedigt werden, das ist bei Rot und Schwarz ident. Da wird dann 24 Stunden vor der Nominierung bei den Landeschefs zwecks Personalwünschen nachgefragt, was schon häufig zu bösen Überraschungen – sprich: reichlich unbedarften Ministern – geführt hat. Bei der ÖVP kommen noch die Bünde dazu. So gäbe es aus Sicht von Josef Pröll eine Menge fähiger Bauernbündler. (Die Bauern sind deutlich erfolgreicher in Nachwuchsrekrutierung als andere ÖVP-Bünde.) Aber zu viele dürfen es dann in der schwarzen Regierungsmannschaft auch wieder nicht sein. Im Zweifel wird daher vielleicht ein zweitklassiger ÖAABler vorgezogen, weil es eben der Parteistruktur entspricht. In der SPÖ ist klar, dass diesmal die Gewerkschaft wieder mitredet, und Hans Dichand sowieso. Beide Koalitionäre müssen darüber hinaus auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis achten etc. etc.
Nicht genug damit, werden davor auch noch diejenigen, die die Auswahl treffen, in Funktionärshinterzimmern ausgedealt. Dort wird dann, wie im Fall Alfred Gusenbauer, entschieden, dass der Kanzler und Parteichef abgelöst werden soll – einfach, weil absehbar ist, dass man mit ihm keine Wahl mehr gewinnen wird. Womit sich die Katze in den Schwanz beißt: Der Zynismus, mit dem die Politikerauswahl stattfindet, hat sich mittlerweile gegen die Politikerzunft als Ganzes gewendet. Das Image ist im Keller, womit es noch schwieriger wird, Menschen für diesen Job zu gewinnen. Speziell bei der Jugend ist die Politik überhaupt unten durch.
Was also tun? Manches könnte man zum Beispiel durchaus von den USA abkupfern, auch wenn die Systeme natürlich schwer vergleichbar sind. Aber warum nicht (zumindest in der Partei) eine Miniversion der Vorwahlen abhalten, bevor ein Spitzenkandidat gekürt wird? In den USA suchen sich Minister ihre Stäbe aus, aber wenn die Amtszeit endet, ist auch der Job vorbei. Dafür gelten sie nicht als Versorgungsfall, wenn sie sich danach um Arbeit umschauen, und selbst zwischen den Parteien ist das Freund-Feind-Schema nicht ganz so ausgeprägt.
Politik braucht Profis. Schön wäre es, gäbe es statt der Inflation an Arztserien im TV endlich ein paar coole Politikseifenopern. Vielleicht inspiriert ja die Obama-Manie die Drehbuchautoren. Aber bitte nicht die österreichischen. Noch mehr „Mundls“ brauchen wir echt nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2008)















