12.02.2012 11:43 | Meine Presse Merkliste0

Nach der Krise ist vor der Krise

JAKOB ZIRM (Die Presse)

Ohne neue Energielieferanten wird die nächste Gaskrise Europa noch deutlich stärker treffen.

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Ölpreisschock im Sommer, Gaskrise im Winter. Die vergangenen Monate haben gezeigt, wie verwundbar und abhängig Europa von Energieimporten ist. Beim Gas ist diese Verwundbarkeit besonders auffällig: So deckt die EU 40 Prozent ihres Bedarfs mit Erdgas aus sibirischen Feldern. Der überwiegende Teil davon fließt durch nur vier Pipelines über ukrainisches Territorium. Diesmal hat die Eskalation des alten Streits um Geld und die politische Entwicklung der Ukraine zwischen ebendieser und Russland dafür gesorgt, dass in einigen EU-Staaten die Heizungen kalt blieben und die Stromversorgung knapp wurde. Auch wenn sich diese Krise nicht wiederholen sollte – was höchst unwahrscheinlich ist –, könnten es beim nächsten Mal technische Defekte oder terroristische Anschläge sein, die einen neuerlichen Ausnahmezustand auslösten.

Politik und Bevölkerung dürfen daher auch nach dem Ende der Lieferausfälle nicht einfach zum Alltag zurückkehren. Wie kurz das Gedächtnis ist, sehen wir beim Öl, das sich wieder deutlich verbilligt hat, wodurch auch die Preise von Benzin und Diesel stark gesunken sind. Im gleichen Ausmaß geringer geworden sind auch die Ambitionen, den Verbrauch und die Abhängigkeit vom Ölkartell Opec zu verringern. Beim Gas sollte sich die Situation – trotz des tagelangen Katz-und-Maus-Spiels von Russland und der Ukraine – nun ebenfalls entschärfen. Wieder gut ist damit aber noch lange nichts.

Um das Damoklesschwert der gekappten Leitungen zu beseitigen, bedarf es als ersten Schritt einmal eines: mehr Leitungen. Wie die beiden Projekte „North Stream“ und „South Stream“, die Russland direkt über die Ostsee beziehungsweise den Balkan mit der EU verbinden sollen. Dadurch wird zwar die Verhandlungsposition der Ukraine und Weißrusslands gegenüber Moskau als einzige Transitländer geschwächt. Die EU-Bürger können dafür aber bei einem Streit nicht mehr so leicht in Geiselhaft genommen werden.

Zusätzlich bedarf es auch neuer Lieferanten, um nicht länger dem Gutdünken des Kreml ausgeliefert zu sein. Dass die Herren Putin und Medwedjew ihre zahlenden Kunden im Westen ohne mit der Wimper zu zucken in der Kälte stehen lassen, haben sie in den vergangenen Tagen ja hinreichend bewiesen. Weiteres blindes Vertrauen auf den „immer verlässlichen Lieferanten Russland“ ist nicht angebracht.

Eine Alternative wäre Flüssiggas. Dazu fehlt es allerdings an Verladestellen, an denen die Tanker ihr Gas ins Netz einspeisen können. Länder wie Spanien, Portugal oder Japan versorgen sich seit Jahren mit flüssigem Gas. Außerdem müssen Projekte wie die Pipeline Nabucco, die in die Region des Kaspischen Meeres führen soll, schnellstmöglich realisiert werden. Die Pipeline, die von Kritikern in regelmäßigen Abständen für tot erklärt wird, wäre ein entscheidender Faktor für eine größere Unabhängigkeit von Russland. Allerdings darf man sich keinen Illusionen über die neuen Lieferanten hingeben. So wird im Endeffekt auch der Iran als wichtiger Lieferant ins Spiel kommen. Bevor dies geschieht, muss sichergestellt sein, dass der Iran sein umstrittenes Atomprogramm beendet oder zumindest unter internationale Aufsicht gestellt hat. Dass Gaseuro den Bau einer Atombombe finanzieren, darf nicht geschehen.

Um nicht eine Abhängigkeit nur mit einer anderen zu tauschen, sollte auch die Nutzung der alternativen Energiequellen in Europa verstärkt werden. Das heißt nicht, dass allen, die sich ein grünes Mäntelchen umhängen, staatliche Subventionen hinterhergeworfen werden. Weitgehend ausgereifte Alternativen – wie Windräder in windigen Gebieten – sind aber sinnvoll. Bei Techniken mit einem hohen Zukunftspotenzial, wie der Solarenergie, muss genügend Geld für die Forschung lockergemacht werden. Zusätzlich muss der Ausbau der Wasserkraft und sogar der Zugang zur Kernkraft neu diskutiert werden. Die heimische Methode – Kernkraft bekämpfen und Atomstrom importieren – ist zwar fürs Kleinformat tauglich, aber keine seriöse Energiepolitik.

Am wichtigsten, weil am schnellsten wirksam, ist ein effizienterer Umgang mit der vorhandenen Energie. Helfen würden etwa forcierte Gebäudesanierungen und steuerliche Maßnahmen (Entlastung bei der Lohnsteuer, dafür höhere Energiesteuern). Wichtig ist, jetzt damit zu beginnen. Eine völlige Unabhängigkeit von Energieimporten ist für die EU zwar unrealistisch. Schocks wie die Gaskrise leichter zu verdauen wäre jedoch möglich.

Das Gas fließt Seiten 17 und 18


jakob.zirm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2009)

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17 Kommentare
Martin_01
13.01.2009 16:40
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Nona

Wozu dieser Artikel?

franzmann
13.01.2009 16:03
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ich würde sogar so weit gehen

ein verbot für den weiteren ausbau der gasnetze zu verhängen. wir finanzieren uns hier den strick auf dem uns anderer aufhängen können! als gezwungenermaßen gasverbraucher weiss ich wovon ich rede!

franzmann
13.01.2009 16:00
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nabucco

ist eine augenauswischerei.
1. wir schicken unser geld dann auch weiterhin ausnahmsweise an schurkenstaaten.
2. die türkei als transitland ist nicht zuverlässiger als die ukraine und potentiell viel teuerer (beitritt könnte erpresst werden).
3. das geld für die pipeline stecken wir lieber in erneuerbare energien. 8 mrd. euro... da ist einiges möglich mit biowärme, wind, solar etc. was auch immer, nur kein schurkengas! sogar atomkraft ist besser.

Gast: pan
13.01.2009 12:46
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In keinem Wort wird in diesem Artikel der erneuerbare Energieträger Holz genannt

Österreich ist damit wahrlich gesegnet. Dank modernster Anlagen wäre in vielen Fällen das Heizen mit Biomasse eine ausgezeichnete Alternative zu Gas und Öl - vor allem im öffentlichen Bereich herrscht hier allerdings leider noch enormer Aufholbedarf bei den Verantwortlichen und Entscheidungsträgern.

Gast: Valentin
13.01.2009 10:03
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Warum keine Atombombe für den Iran

Ich vverstehe nicht warum eine iranische Atombombe so vehement abgelehnt bzw. gefürchtet wird. Israel besitzt 200 Atombomben und legt in seiner Politik - wie man gerade jetzt sehen kann - ein besorgniserregendes Ausmaß an Irrationalität, strategischer Inkompetenz und Butalität an den Tag. Ich finde hier ist die viel größere Gefahr, denn den Israelis ist jederzeit ein nuklearer Erstschlag zuzutrauen. Dagegen würde eine iranische Bombe den Israelis das Gefühl der Unantastbarkeit nehmen und sie für einen friedlichen Ausgleich mit den Palästinensern bereit machen. Ich sehe daher überhaupt keinen Grund Geschäfte mit dem Iran in Frage zu stellen. Die OMV sollte vielmehr ihre Geschäftskontakte mit dem Iran intensivieren ohne sich durch Zurufe aus Israel oder den USA beirren zu lassen

Antworten Gast: Barbati
13.01.2009 13:38
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Der Iran ist als Energielieferant mindestens so unverläßlich wie

Rußland. Eine falsche Karrikatur oder ein paar islamkritische Worte in den Medien - und er dreht den Gashahn zu.

Antworten Gast: Barbati
13.01.2009 13:08
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Themenverfehlung: Was genau hat das mit Gaslieferungen

aus Rußland für die europäische Union zu tun? Im übrigen hast Du unrecht: Ein pluralistisches Land wie Israel wird nirgendwohin Atombomben werfen. Es ist nämlich im konventionellen Bereich militärisch stark genug und hat sowas nicht nötig.

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Interessante Ansätze...

Aber über die Atompolitik neu nachdenken. Nunja, das ist wieder fraglich.
Klar ist dieser Punkt mit einer gewissen Doppelmoral verbunden, jedoch sind, wie im Leitartikel angesprochen, genug alternative Möglichkeiten vorhanden.
Befürworter von Atomenergie argumentieren mit 30 Jahren Stromversorgung ohne Sorgen. Gegner kontern mit einer Verschmutzung von mehreren 1000 Jahren...
Hm was ist uns lieber? Vorallem wer hat im Endeffekt den Weitblick?

In diesem Sinne

MFG vom Elch

Gast: Steirer
13.01.2009 09:32
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Autarke Lösungen her

Wohnhäuser, Stadtviertel, Dörfer, Kleinstädte lassen sich mit geeigneten Energiemix-Lösungen unabhängig von Fern-Versorgern machen. Dazu muss die Politik aber die Macht der Energie-Kartelle brechen. Traut sie sich das gegen die Energie-Konzerne?
Dezentralisierung radikal bringt hohe Energiesicherheit.

Antworten Inamaria
14.01.2009 03:44
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Re: Autarke Lösungen her

Bin voellig Ihrer Meinung! Es wird ab jetzt sicher jeder fuer sich entscheiden, welche thermische Sanierung und Alternativen (Holz, Erdwaerme, Solarenergie, ...) er/sie waehlt, dafuer braucht es keine "Genehmigung" durch die Energiekartelle, man muss es nur tun.
Besser waere es natuerlich, wenn es Foerderungen gaebe fuer
- Forschung und Entwicklung im Energiebereich (bessere Energieausbeute in der Solartechnik, Speichertechnologie vor allem bei Strom, etc.)
- Investitionen in thermische Sanierung und Alternativenergien.

Antworten Gast: Barbati
13.01.2009 14:45
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"Energiekartelle", die nicht liefern, brechen sich selbst.

Wichtiger als eine Zersplitterung der Energieversorgung wäre eine Vernetzung von ganz Europa im Energiebereich. Wer gerade einen Engpaß hat, dem wird ausgeholfen. Dafür wird der, der die Energie liefert auch bezahlt. Nachhaltige Energien wie die Wasserkraft gehören auf großem und auf kleinem Niveau ausgebaut. Müll, der im Inland verbrannt werden kann (Stichwort Tirol) darf nicht ins Ausland geführt werden. Vernetzung bringt hohe Energiesicherheit!

dr. philpp
13.01.2009 06:46
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Soll Nabucco nicht durch die Türkei führen? VIEL SPASS!!!!


Gast: Christian
13.01.2009 00:26
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Welches Disaster die Deutschland-Politik der Alliierten in Jalta zeitigte,

wurde uns mit der Drohung, Raketen in russ. Enklave Königsberg aufzustellen bzw. Europa den Gashahn nach Belieben abzudrehen, jedem Europäer klar!

Andererseits ist Europa jetzt den USA auf Gedeih und Verderben ausgesetzt. Die USA werden für weitere Generationen riesige Truppenübungsplätze wie Grafenwörth in Dtl. unterhalten und für die Vorbereitung von Präventionskriegen in der ganzen Welt nutzen. Unklar ist, ob die USA auch weiterhin Atomwaffen in Dtl. lagern!

Antworten Gast: BM
13.01.2009 08:18
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Re: Welches Disaster die Deutschland-Politik der Alliierten in Jalta zeitigte,

Fundierter Beitrag (wenn er nachvollziehbar wäre). Es heißt übrigens Desaster und der Truppenübungsplatz nennt sich Grafenwöhr.

Antworten Antworten Gast: Christian
14.01.2009 15:18
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Re: Re: Welches Disaster ?

Danke für die Richtigstellung! Es schleichen sich leider auch schon bei mir die Anglizismen (disaster statt Desaster) eiin.

Und zur Nachvollziehbarkeit: hat hat nicht selbst ein US-Wahlkämpfer die Deutschen als "fawning" (=unterwürfig) bezeichnet? Deutschland braucht halt - seit 1945 - wie die übrigen Europäer einer Beschützer!

Abhilfe bildet nur die europäische Einigung, die aber von vielen abgelehnt wird!

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Re: Re: Welches Disaster die Deutschland-Politik der Alliierten in Jalta zeitigte,

Wieso so kompliziert denken.
Nehmen wir doch einfach Ramstein her oder?;)


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Re: Russland hat recht!

Russland laesst sich weder von den USA allein, noch mit der Hilfe der EU weiterhin provozieren. Und es hat recht.
Wer Dreck am Stecken hat, zeigt nicht mit dem Finger auf andere!

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