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Leitartikel: Fallende Werte

21.03.2009 | 20:19 | Christian Ultsch (Die Presse)

Ob in der großen oder in der kleinen Welt. Pragmatismus lautet die Losung in Zeiten der Krise. Doch das kann schnell in Beliebigkeit enden. Den Kurs werden die Standfesten vorgeben.

Irgendeinem romantischen Wesen ist im Herbst eingefallen, dass Wirtschaftskrisen auch ihr Gutes hätten: Die Leute rückten wieder näher zusammen und wärmten sich am Feuerchen alter Familienwerte. Dieser tröstliche Gedanke ist zwar Millionen Male in Talkshows, Partygesprächen und Politikerreden nachgeplappert worden. Doch das macht den Humbug nicht plausibler. Stimmte das Märchen vom guten Menschen in den schlechten Zeiten, dann wäre die Depression der 30er-Jahre das Goldene Zeitalter nobler Gesinnung gewesen. Historisch lief es jedoch genau umgekehrt.
Auch jetzt leben wir in einer Zeit fallender Werte, und das betrifft nicht nur die Aktienkurse. Wenn das Licht ausgeht, ist sich jeder selbst der Nächste. Und wer der panischen Herde Solidarität predigt, kann schnell von ihr niedergetrampelt werden. Der Trieb zum Protektionismus ist so ein Beispiel. Jeder volkswirtschaftlich halbwegs gebildete Politiker weiß ganz genau, dass es letztlich allen schadet, wenn Märkte abgeschottet werden. Und dann passiert es trotzdem, weil ein Staat in der irrigen Absicht, die eigene Wirtschaft zu schützen, damit anfängt, die Rollbalken herunterzulassen. Keiner will dann der Letzte sein.
Pragmatismus heißt die Losung dieser Tage. Ausgegeben hat sie der neue US-Präsident Barack Obama. Und das war zunächst eine beruhigende Ansage nach dem Dogmatismus seines Vorgängers, der mit seinem voreingenommenen Schwarz-Weiß-Denken die Realität verändern wollte, bevor er sie überhaupt begriffen hatte. Mittlerweile wird in Washington alles, was nur entfernt nach Ideologie klingt, gemieden wie eine ansteckende Krankheit. Wichtig sei nur herauszufinden, was funktioniere, sagt Obama, der Pragmatiker, bei jeder Gelegenheit.
Es dominiert ein neuer Realismus, vor allem auch in der Außenpolitik. Die Amerikaner wollen plötzlich mit allen reden, die sie vor Kurzem noch verteufelt haben: mit Syrien, den afghanischen Taliban-Milizen und dem Iran. Blöd nur, dass Irans geistliches Oberhaupt, Ayatollah Khamenei, darin keinen Wandel der amerikanischen Haltung erkennen will. Diesen Dialog muss Obama vorerst leider mit sich selbst führen. Seine Außenministerin, Hillary Clinton, sagte bei ihrem Besuch in China unverhohlen, dass Menschenrechtsfragen die Beziehungen nicht trüben sollten. Realisten fragen nicht lange, ob sie es mit Demokratien oder Diktaturen zu tun haben. Werteorientiert ist eine solche Außenpolitik nicht mehr, auch wenn Obama sie poetisch verbrämt.
Doch auch Pragmatismus braucht Prinzipien, sonst wird er beliebig. Sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Außenpolitik. Nur wer Grundsätze hat, wird sich in Zeiten der Krise und des aufkeimenden sozialistischen Massenwahns gegen den Strom stellen können. Erfreulicherweise dürfte es auf dem politischen Markt eine Nachfrage nach Standfestigkeit geben. Nach Politikern, die die Freiheit des Einzelnen hochhalten und dem Staat skeptisch gegenüberstehen. In Deutschland etwa erzielt ausgerechnet eine liberale Partei, die sich weiter klar zur Marktwirtschaft bekennt, Bestwerte in Meinungsumfragen: Die einstige Honoratiorenpartei FDP ist auf phänomenale 16 Prozent hochgeschossen. Die konservative Union indes schwächelt, weil sie schlingert. Das Erfolgsrezept in der Krise könnte Kurshalten heißen.


christian.ultsch@diepresse.com

 


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