Abschied vom Physik-Dinosaurier

Österreich beendet die Mitgliedschaft beim CERN: Eine richtige Entscheidung.

Der Name CERN steht für vieles: für eine europäische Großforschungsanlage, die international ihresgleichen sucht. Für tiefe Erkenntnisse über den Aufbau der Materie. Für die Geburtsstunde des Internet (die Physiker haben sich schon in den 1980er-Jahren vernetzt). CERN steht aber auch für einen teuren Fehlschlag: Das jüngste „Kind“, der LHC, hat ja veritable Startschwierigkeiten. Für Kritiker steht CERN sogar für eine mögliche Quelle des Weltuntergangs – schließlich sollen dort kleine schwarze Löcher erzeugt werden. Und nun kommt das CERN auch noch zu filmischen Ehren: Mitte nächster Woche kommt „Illuminati“ in die österreichischen Kinos, dort werden einige Körnchen Antimaterie aus dem „Gral der Teilchenphysik“ gestohlen.

Österreich ist dem CERN im Jahr 1959 beigetreten. Und just zum 50. Geburtstag kommt nun – ziemlich überraschend – das Aus: Wissenschaftsminister Johannes Hahn hat verkündet, die Mitgliedschaft per Ende 2010 auslaufen zu lassen. Begründet wird das vor allem mit dem Budget: Rund 20 Millionen Jahresbeitrag für CERN sind mehr als zwei Drittel der Mittel, die ihm für internationale Forschungskooperationen zur Verfügung stehen. Für andere interessante Projekte bleibt da kaum Spielraum.

In Zeiten von Konjunktur- und Bankenpaketen, in denen die Milliarde zur Zähleinheit der Politik geworden ist, geht es um vergleichsweise wenig Geld: 20 Millionen Euro sind gerade einmal 0,7 Prozent der öffentlichen Forschungsausgaben. Oder der Subventionsbedarf der ÖBB in vier Tagen. Über die Jahre läppert sich aber doch ein erklecklicher Betrag zusammen. Und das Wissenschaftsministerium hat – in Zeiten der knappen Budgets – die richtige Frage gestellt: Stimmt die Relation zwischen Kosten und Nutzen?

Österreich war einmal stark in der Teilchenphysik. Doch dieser Elan ist verflossen, an den meisten Universitäten ist die Forschungsrichtung ausgelaufen. Einzig das Institut für Hochenergiephysik der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist als österreichischer Brückenkopf für das CERN geblieben. Die Folge: Die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen in der Teilchenphysik ist bescheiden. Jedenfalls viel bescheidender als in anderen Disziplinen, in denen sich Österreich zur Weltspitze hinaufgearbeitet hat. Etwa in der Biotechnologie, der Quantenoptik, der Materialforschung oder in manchen Kultur- und Geisteswissenschaften. Das hängt freilich auch mit der allgemeinen Entwicklung der Wissenschaft zusammen. Im Vergleich zu den Lebenswissenschaften oder der Nanotechnologie mutet die Teilchenphysik wie ein Wissenschaftsdinosaurier an: behäbig (jedes Experiment dauert Jahre), aufwendig (riesige Anlagen sind nötig) und wenig zukunftsträchtig (die Zeit der großen Entdeckungen scheint vorbei zu sein).

Das Festhalten an Forschungsgebieten, die in die Jahre kommen, ist gerade für ein kleines Land bedenklich. Ein „Forschungszwerg“ kann nur dann bestehen, wenn er in neu entstehenden Fachrichtungen Nischen findet. Das trifft auf die Grundlagenforschung zu, bei der es gilt, international sichtbar zu sein, genauso wie auf die angewandte Forschung, deren Ergebnisse über nichts weniger als über die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft entscheiden.

Das Setzen neuer Schwerpunkte wird umso wichtiger, als mit der Wirtschaftskrise auch die Forschungsmittel knapp werden – erst am Mittwoch hat Statistik Austria berichtet, dass die Ausgaben für Forschung und Entwicklung heuer nicht mehr um fast zehn Prozent wie in den Vorjahren wachsen, sondern um bescheidene 1,8 Prozent. Dieses Plus ist nur der Tatsache zu verdanken, dass sich die öffentliche Hand nach langen Diskussionen doch zu einer – wenn auch moderaten – Ausweitung des Forschungsbudgets entschlossen hat.


Die internationale Kooperation ist für kleine Länder eine Überlebensfrage: In vielen Disziplinen braucht man Großforschungseinrichtungen, Österreich muss sich an einigen Projekten, die in der europäischen ESFRI-Roadmap festgehalten sind, beteiligen, um von neuen Entwicklungen nicht ausgeschlossen zu sein. Daher darf das Geld, das durch die Beendigung des CERN-Engagements frei wird, keinesfalls zum Stopfen von Budgetlöchern verwendet werden. Schon jetzt ist absehbar, dass die nächsten Budgetverhandlungen hart werden – schließlich wurde etwa dem Wissenschaftsfonds FWF langfristig ein hohes Budget versprochen.

Der politische Wille, weiter in die internationale Forschungskooperation zu investieren, scheint derzeit vorhanden. Nun müssen Taten folgen.


martin.kugler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2009)

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