12.02.2012 03:34 | Meine Presse Merkliste0

Prinzipien ohne Badehose

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Österreich muss seine politische Struktur überdenken, wenn es seine Zukunft sichern will. Mit Verdrängung, Aktionismus, Poltern und mediokren Eliten werden wir nicht weit kommen.

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Dem amerikanischen Milliardär Warren Buffett verdanken wir die Lebensweisheit, dass man nur bei Ebbe sehen könne, wer nackt badet. So ziemlich ohne Geld und Badehose steht die österreichische Bundesregierung in der Krise da. Es wird sich noch bitter rächen, dass sie in guten Zeiten zu wenig gespart und keine Strukturreformen gewagt hat. Umso schmerzhafter werden die Einschnitte sein, um die sich jetzt auftürmenden Schulden abzutragen. Das Aufheulen der Lehrer, Postler und Physiker, das nun zu vernehmen ist, wird sich im Nachhinein noch als Piepsen ausnehmen. Die Verteilungskämpfe haben noch gar nicht richtig begonnen.

Um da durchzukommen, wird Österreich seine politische Struktur und Kultur überdenken müssen. Vor allem das Prinzip Verdrängung, das ja nicht nur die rechtsextreme Vergangenheit und Gegenwart betrifft, sondern auch die Weigerung, der wirtschaftlichen Wirklichkeit ins Auge zu sehen. In der Entscheidungsfindung werden wir uns das Prinzip Status quo nicht mehr leisten können. Mit dem Motto „Wir wissen, was richtig ist, und deswegen müssen wir es auch nicht tun“ wird Österreich nicht weit kommen. Ein Land dieser Größe braucht weniger als 612.000 öffentlich Bedienstete, weniger als neun Gebietskrankenkassen, weniger als 183 Nationalratsabgeordnete. Den Bundesrat könnte man ersatzlos streichen, ohne dass es außer den Bundesräten jemand bemerken würde. Unternehmer und Arbeitnehmer stöhnen seit Jahren unter den hohen Lohnnebenkosten, Politiker versprechen fast ebenso lange Abhilfe, etwa durch eine steuerliche Finanzierung der Krankenversicherung. Es geschieht dennoch nichts.

Bewegung täuscht einzig das Prinzip Aktionismus vor. Es kann sich in Scheinlösungen manifestieren, die als Reformen verkauft werden, oder neuerdings in gewerkschaftlichen Demonstrationszügen, die ins Nirgendwo führen. Großer Beliebtheit erfreut sich auch das Polter-Prinzip, besonders bei Landeshauptleuten. Mit einem „unglaublichen Konflikt“ (dem schwarzen Loch, oder was?) drohte Erwin Pröll seinem Parteikollegen und Wissenschaftsminister Gio Hahn, wenn der Ausstieg aus dem Europäischen Kernforschungszentrum CERN nicht rückgängig gemacht werde. Es hat nämlich auch das niederösterreichische Krebsbehandlungszentrum MedAustron einen Vertrag mit CERN laufen. Und da wird das Forschungsprojekt, in das Österreich ohne Erkenntnisgewinne 20 Millionen Euro pro Jahr steckt, auf einmal ganz besonders wichtig.

Weitsicht wird da nur markiert. Keine regierende Person hat schlüssig dargelegt, wo sie das Land in 20 Jahren sieht, wie sie es in Bildung und Forschung an die Weltspitze führen will, um so den Lebensstandard zu erhalten. Dieser Mangel an Visionen ist neben rhetorischer Unfähigkeit einer der Hauptgründe, warum österreichische Politiker keine Aufbruchstimmung erzeugen.

Nachhaltig scheint einzig der Qualitätsverlust des politischen Personals garantiert zu sein: durch das Prinzip Hofstaat. Die Parteispitzen sorgen umsichtig dafür, dass ihre Umgebung und Nachfolger jedenfalls noch mediokrer sind als sie selbst. Damit perpetuiert sich die geistige Freikörperkultur der Politikerkaste, die schon in normalen Zeiten einigermaßen ärgerlich, in der Krise aber besonders fatal ist.



christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)

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15 Kommentare
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Permanent Geld in Projekte "ohne Erkenntnisgewinn" ...

zu stecken, sichert doch jede Menge Arbeitsplätze, und die noch auf Dauer gesichert, was Besseres kann doch unseren Politikern nicht passieren!

Gast: hkop
18.05.2009 11:48
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der blattlinien-baukasten

nur so aus interesse: dass ein befürworten des CERN-Ausstiegs Blattlinie ist, hat mittlerweile auch der letzte kapiert. aber gibt es redaktionsintern so eine art satz- und argumentebaukasten, aus dem in jedem meinungsartikel zumindest einer/eines zu verwenden ist!? das sieht nämlich langsam so aus - das argument "ohne erkenntnisgewinne" kam irgendwie schon ziemlich oft in den letzten tage ...

Gast: catto
18.05.2009 09:13
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ENRON in den Regierungssitzen

Politiker haben stets dasselbe gemacht wie die nun von ihnen so publikumswirksam verteufelten Unternehmenslenker, die ihre Unternehmen an die Wand gefahren haben: Kurzfristige "Erfolge" getrickst oder versprochen und darauf gehofft, die daraus entstehenden Katastrophen (Überschuldung, drastischer Kostensenkungsbedarf, Pleite) einem Nachfolger hinterlassen zu können. Die einen um riesige Vermögen, die anderen um politische Macht zu gewinnen. Nur der Zugriff auf die Taschen der Steuerzahler und die gute Bonität des Staates verlangsamen den Prozess.

Dies allerdings ist tatsächlich der eingebaute Fehler des Systems: Auch die Wähler wollen im Zweifel den auf Pump gekauften Kuchen hier und heute essen. Bedingte Erbserklärungen gibt es für die nächste Generation nicht.

democrates
17.05.2009 18:08
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Unser politisches System

Man muss unser politisches System einfach nur in seine Bestandteile zerlegen.
Dann findet man momentan ein Mehrbandensystem mit Bandenführer/n und Bandenmitgliedern, einem Bandenkoordinationszentrum, vielen Günstlingsystemen sowie einer Masse Auszubeutender.
Mehr ist nicht da.
Ich nenne das ein Peudalsystem.
Etwas derartiges als Staatenbetriebssystem zu verwenden muss zwangsläufig scheitern.

Solon
17.05.2009 14:33
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Angenommen Sie haben recht, Herr Ultsch

sind wir dann nicht einem genetischen Defekt unseres demokratischen System ausgeliefert ?
Wenn nämlich durch die Verfassung weder Auswahlkriterien noch das
Auswahlverfahren für die Rekrutierung des politischen Personals
vorgesehen sind die unseren Staat vor negativer Selektion schützen.

Gast: De bello xenophobico
17.05.2009 11:15
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Verdrängung der rechtsextremen Vergangenheit;

Ich finde immer wieder interessant wie es Journalisten heutzutage schaffen jegliche Themen mit der schändlichen Vergangenheit Österreichs in Verbindung zu bringen.

Gott sei Dank gibt es diese Leute, sie erinnern uns jeden Morgen daran unser Frühstücksei in Reue zu essen.

Antworten Gast: Hochwürden
17.05.2009 16:58
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Re: Verdrängung der rechtsextremen Vergangenheit;

....und wir müssen unseren Kindern von kleinst auf klar machen, daß auch sie mitschuldig sind und daß auch ihre Kinder schon schuldig geboren werden und daß es keine Schuldbefreiung gibt. Trauerarbeit ein Leben lang.

Gast: ökono-mist
17.05.2009 02:48
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In immer kürzerer Zeit immer mehr Defizit


Die Parallelen zwischen Krankenversicherung und AUA sind nicht zu übersehen.

Bei der AUA kann man wenigstens auf die Lufthansa hoffen.

Doch worauf wartet die Politik bei der Steuerfinanzierung des Gesundheitssystems? Etwa gar auf eine freundliche Übernahme durch Warren Buffet?!

Da kann sie freilich ewig warten!

P. S.: Die Liste "weniger als neun..." ließe sich noch fortsetzen: Weniger als neun Bauordnungen, weniger als neun (nämlich gar keine) ORF-"Wir senden, was wir und unsere Freunde grad so brauchen"-Landesstudios, weniger als neun fast arbeitslose Landtage mit ihren mehr als 5000 Monatseuro teuren Abgeordneten usw. usf.

P. P. S.: Natürlich ist unter solchen Umständen auch die Rundfunk-Zwangsgebühr nicht zu halten - und daher ersatzlos abzuschaffen, damit finanzielle Kapazität für die wirklich existenznotwendigen Staatsaufgaben frei wird - immerhin handelt es sich da um mehr als fünfhundert Millionen € jährlich!!!

Eine kleine Korrektur möchte ich noch anbringen: Der Autor schreibt von Parteispitzen - wahrscheinlich meint er aber (teure) Parteispitzel...

democrates
17.05.2009 01:43
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wo sie das Land in 20 Jahren sieht


Wo ich das Land in 20 Jahren sehe!

Die 2.Republik wir in 20 Jahren nicht mehr existieren!

Österreich wird dank DDDOS eine der fortschrittlichsten, führenden Nationen der Welt sein.


democrates
17.05.2009 01:34
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Die Günstlingsystemimmanenz der Peudalsysteme (Politiker,Parteien,Parlamente)

Was Sie hier beschreiben sind die immanierenden Günstlingssysteminstanzen des Peudalsystems.
Günstlinge sind systemimmanente Erscheinungen aller feudalen und peudalen Herrschaftsysteme.
Nachzulesen in der Zeitgeschichte z.B. in den Ausgaben DER PRESSE seit 1848.
Man glaubte das para.sitäre kuk. Feudalsystem mit dem neuen Peudalsystem überwinden zu können.
Leider erfolgten keinerlei Peudalsystemfolgenabschätzungen.
So nahm das Verhängnis ab 1918 bzw. seit 1945 erneut seinen fatalen Lauf.

Würde man das österreichische Peudalsystem mit seinem (2.Republik) z.B. mit Jahresende abstellen und 2010 die 1.ÖDD (Österreichische Direktdemokratie) mit dem effizientesten Staatenbetriebsystem DDDOS (Distributed-Direct-Democracy-Operating-System) hochfahren, so würde allein die Tilgung der peudalen Schuldenlast Österreichs 40 Jahre, also bis zum Jahr 2050 dauern.

Der Wirkungsgrad des Staatenbetriebsystems ultraeffiziengetrimmten DDDOS ist grundsätzlich ca. 100 bis 1000fach höher als des Peudalsystems.
Österreichs Einsparung liegt dabei bei ca 40Mrd.Euro und ca. 400t CO2 jährlich.

Folgendes sei allen Bürgern Österreichs jetzt schon gesagt.
Der rechtzeitige Umstieg auf das neue Staatenbetriebsystem wird den Verlust vieler östereichische Leben und Vermögen vermeiden helfen.


Gast: x1
16.05.2009 18:55
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DANKE


Gast: Daniel Mohler
16.05.2009 18:41
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Nur die Journalisten sind anscheinend noch ungebildeter als die Politiker.

Nach einem vollkommen sinnfreien Artikel gestern wird einmal mehr klar, dass bei der Presse Bildung dringend notwendig wäre. Dann würde man auch nicht ohne Ahnung behaupten:

"Und da wird das Forschungsprojekt, in das Österreich ohne Erkenntnisgewinne 20 Millionen Euro pro Jahr steckt, auf einmal ganz besonders wichtig."

An der Stelle sei mal daran erinnert, dass beim Konzept eines Lasers oder der allgemeinen Relativititätstheorie niemand auch nur an Anwendungen gedacht hatte. Wie, Sie wissen nicht wieso das relevant ist? Vielleicht sollte man ihnen ihren CD player oder Ihr Navigationsgerät wegnehmen. Doch nicht nur das: ohne die entsprechende Technik sähe in unserem täglichen Leben noch einiges andere ganz anders aus.

Welche Bedeutung der CERN-Ausstieg..

..für Österreich, die Forschung im besonderen, hat, wage ich nicht zu beurteilen. Darum kann ich ihnen in dem Punkt auch nicht widersprechen.

Aber selbst wenn Sie recht haben sollten: In allen anderen Punkten des Artikel wage ich ein Urteil - und stimme mit dem Artikel überein.

Die Regierung von Dichand/Konrads gnaden macht nicht den Eindruck als ob sie in der Lage und willens, sei über den Tellerand der KRONE hinauszublicken. Wien und ein Umkreis von 150 km ist deren Universum.

Antworten Antworten Gast: Auslandsösterreicher
17.05.2009 13:43
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Re: Welche Bedeutung der CERN-Ausstieg..

Und wenn Sie die politische Entwicklung Österreichs der letzten 50 Jahre verfolgen auch vollkommen ausreichend. LEIDER!

"Die Regierung von Dichand/Konrads gnaden macht nicht den Eindruck als ob sie in der Lage und willens, sei über den Tellerand der KRONE hinauszublicken. Wien und ein Umkreis von 150 km ist deren Universum."

tarrant
16.05.2009 18:38
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DANKE


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