Es sind ereignisreiche Tage in der Forschungspolitik: Zuerst hat der Forschungsrat (ein Beratungsgremium der Regierung) seinen Entwurf für eine neue Forschungsstrategie vorgelegt. Dann wurde die lang erwartete Systemevaluierung des österreichischen Innovationssystems veröffentlicht. Vergangenen Freitag hat das größte heimische Forschungszentrum in Seibersdorf seine neue Strategie präsentiert. Und heute, Dienstag, wird die „Eliteuni“ IST Austria feierlich eröffnet.
Zwischen diesen vier Ereignissen gibt es ein einigendes Band: Sie alle nehmen für sich in Anspruch, Österreich zur „Exzellenz“ zu führen. Das ist bemerkenswert: Jahrelang wurde recht lau darüber diskutiert, wie man die Spitzenforschung in Universitäten, Forschungsinstituten und Unternehmen stärken könnte, nun ist die „Exzellenz“ in aller Munde, sie ist zum bestimmenden Begriff geworden.
Das hat auch gute Gründe. Das Land ist viele Jahre lang gut mit dem österreichischen Klein-Klein gefahren. Alle Universitäten kümmerten sich grundsätzlich um alle Themen, nur dank einzelner herausragender Forscher kam man in dem einen oder anderen Gebiet auch zu exzellenten Ergebnissen. Die Wirtschaft auf der anderen Seite hat sehr gut damit gelebt, Produkte, die anderswo erfunden worden sind, abzuwandeln und die Produktion zu optimieren. Die großen Erfolge im Außenhandel – zwei von drei Euro werden im Export erwirtschaftet – sprechen Bände.
Die Zeiten haben sich geändert: Durch die Globalisierung gibt es keine abgeschotteten Wissenschaftsbereiche und Märkte mehr, die internationale Konkurrenz wurde größer, viele Staaten holen rasch auf. Daher, so eine gängige Phrase, müsse Österreich „vom Imitator zum Innovator“ werden. Verstärkt wird das noch durch die herrschende Wirtschaftskrise: Da die Umsätze und Steuereinnahmen nicht mehr so sprudeln, muss man sich besser als bisher überlegen, worin man Mittel investiert.
Um exzellent zu werden, sind viele Bausteine nötig. An erster Stelle: findige Köpfe. Viele Beispiele belegen, dass man Spitzenleute engagieren und ihnen die Gelegenheit zur Entfaltung geben muss. Wenn es sie im Land nicht gibt, dann muss man sie aus dem Ausland anlocken. Das gilt nicht nur für Institutsleiter, sondern – mindestens genauso wichtig – auch für topausgebildete Jungforscher. Die zweite wesentliche Ingredienz ist Geld: Den Forschern müssen so gute Bedingungen geboten werden, dass sie international mitspielen können. Die Forschergruppen müssen eine gewisse kritische Größe haben, und sie müssen Zugang zur Forschungsinfrastruktur haben. Da die Mittel nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen, muss man sie umso bewusster auf weniger Bereiche fokussieren.
Sind schon die ersten beiden Bedingungen – Köpfe und Bedingungen – schwer zu erfüllen, so ist für die dritte ein Tabubruch notwendig: Aus der sprichwörtlichen Fördergießkanne muss ein gezielter Wasserstrahl werden. Gleichzeitig dürfen die Schwerpunkte nicht von oben dekretiert werden – ansonsten setzt man garantiert auf das falsche Pferd. Die Themen müssen vielmehr von den Forschern kommen. International gibt es genügend Beispiele, wie eine solche Steuerung funktionieren kann.
Es ist ein gutes Zeichen, dass niemand mehr laut gegen das Streben nach Exzellenz protestiert. Das war vor einigen Jahren noch anders: Damals gab es viel Kritik an den Leistungsvereinbarungen, bei denen die Höhe der Uni-Budgets an die Leistung gekoppelt ist. Eine ehemalige Ministerin versicherte den Kritikern umgehend, dass es dabei keine Verlierer geben werde – obwohl klarerweise ohne Sanktion keine Qualitätssteigerung erzielbar ist.
Freilich ist noch nicht allen klar, was mit dem Schlagwort „Exzellenz“ auf sie zukommt. In der Systemevaluierung wird das für die angewandte Forschung klar ausgesprochen: Direkte Förderung solle es nur mehr für Firmengründungen, für thematische Schwerpunkte, zur Exzellenzbildung und für riskante Projekte, die im Erfolgsfall hohe Erträge versprechen, geben. Alle anderen Dinge sollen nur mehr durch steuerliche Anreize und nicht durch Zuschüsse gefördert werden, so die Experten.
Es steht zu hoffen, dass das alle Beteiligten verstehen werden. Konsequent weitergedacht bedeutet Exzellenz auch, dass man Kirchturmdenken, parteipolitische Spielchen, Partikularinteressen und Klientelpolitik beenden muss. Wenn das nicht gelingt, dann wird Österreich weiterhin seiner Klein-Klein-Mentalität folgen – und der Rest der Welt läuft uns einfach davon.
Auf die Köpfe kommt es an Seite 1
Eröffnung des IST Austria Seite 2
Land der Quanten Seite 2
martin.kugler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2009)















