Diesen Sommer wird den Amerikanern der Irak-Krieg im Kino serviert. Bei Popcorn und Cola bekommt man in „The Hurt Locker“ (wieder einmal ein dummer deutscher Titel: „Tödliches Kommando“, Filmstart in Österreich am 14.8.) Männer gezeigt, die zu sehr damit beschäftigt sind zu überleben, als dass sie sich den größeren Fragen widmen könnten: „Was machen wir hier im Irak? Worin liegt der Sinn unseres Einsatzes?“ Der Film wird von der US-Kritik gefeiert – doch bisher floppten alle Irak-Kriegsfilme an den Kinokassen, weil die US-Bevölkerung diesen Krieg längst ad acta gelegt hat und bloß nicht mehr daran erinnert werden will. Man darf gespannt sein, ob es diesmal anders sein wird.
US-Präsident Barack Obama ist unter anderem 2008 mit dem Versprechen angetreten, den Krieg zu beenden. Und bei seiner Rede in Kairo am 4. Juni zitierte er den dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, Thomas Jefferson, der sagte: „Ich hoffe, dass unsere Weisheit mit unserer Macht wachsen und uns lehren wird: Je weniger wir unsere Macht einsetzen, desto größer wird sie sein.“ Damit war Obamas finales Verdikt über das schwere Erbe, das er von George W. Bush übernommen hatte, gesprochen. Und der 44. Präsident der Vereinigten Staaten unterstrich im Auditorium der Kairo University, dass die Kampftruppen bis Juli aus irakischen Städten und alle übrigen Soldaten bis 2012 aus dem Irak abziehen werden: „Wir werden einen sicheren und geeinten Irak als Partner unterstützen und niemals als Schutzmacht.“
Etwas Ähnliches hatte George W. Bush am 20. März 2003 versprochen, als er bei der Rede an die Nation – eine faktische Kriegserklärung an Saddam Hussein – sagte: „Wir haben im Irak keine anderen Ambitionen, außer eine Gefahr zu bekämpfen und dem Volk die Kontrolle über ihr Land zurückzugeben.“ Man werde keine halben Sachen machen und kein anderes Resultat als den „Sieg“ akzeptieren.
Doch von Anfang an war der Krieg eine „halbe Sache“, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld feuerte einen seiner Generäle, der es gewagt hatte, anzumerken, dass man ein paar Soldaten mehr ins Land zwischen Euphrat und Tigris schicken müsse als die geplanten 250.000. General Eric K. Shinseki hatte recht und Rumsfeld unrecht. Dieser und hunderte weitere Fehler (die Demobilisierung der irakischen Armee, die De-Baathifizierung, die Schließung sämtlicher verstaatlichter Unternehmen) beschworen einen blutigen Bürgerkrieg herauf, der 92.393 bis 100.868 irakische Zivilisten, Polizisten und Armeeangehörigen das Leben kostete. 4631 Soldaten der Koalitionstruppen starben seit 20. März 2003.
Wenn man sich verlaufen hat, sollte man ans Umkehren denken: General David H. Petraeus, der am 10. Februar 2008 das Kommando in Bagdad übernahm, tat genau das. Er suchte Verbündete, schmiedete Koalitionen. Die Sunniten, die ihre führende Stellung mit dem Sturz Saddam Husseins eingebüßt hatten, mussten die neuen Realitäten akzeptieren. Gleichzeitig mussten sie von den Schiiten endlich Teilhabe am neuen Irak bekommen, damit auch sie etwas zu verlieren haben.
Langsam gelang es, die Allianzen zwischen al-Qaida und den militanten Sunniten-Milizen aufzuweichen, die früheren Feinde der US-Armee fanden Jobs bei den sogenannten al-Sahwa-Milizen – „Söhne des Irak“ genannt, die nun die sunnitischen Dörfer beschützen sollten.
Doch dieser Prozess kommt nun in eine kritische Phase: Die Amerikaner ziehen sich mehr und mehr zurück – im Stadtbild von Bagdad sieht man sie nun kaum mehr – und die Extremisten versuchen, das Vakuum zu füllen und auf sich aufmerksam zu machen. Die Toten der vergangenen Tage sollen eine Warnung sein. Denn von einer Normalisierung kann im Irak – trotz aller Fortschritte – noch keine Rede sein, von den zwei Millionen Flüchtlingen sind bisher nach Angaben des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) erst weniger als 100.000 zurückgekehrt.
Der „Sieg“, von dem George W. Bush am 20. März 2003 bei seiner Rede ans amerikanische Volk gesprochen hat, ist noch weit: Und angesichts des politischen Multitaskings, angesichts der Krisen in Afghanistan, Iran, Nordkorea und Pakistan – ganz abgesehen von Wirtschaftskrise und Gesundheitsreform – wird es schwierig für Obama, fokussiert zu bleiben. Doch wenn es ihm gelingt, Bushs Krieg zu Ende zu bringen, ohne weiteres Chaos zu verursachen, dann hat er sein Versprechen eingelöst.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2009)















