Ob Gerichtspsychiater Reinhard Haller neulich in der „Presse“ oder Theaterdirektor Klaus Bachler unlängst im „Profil“: Immer mehr Bürger beklagen öffentlich das mangelnde Format österreichischer Politiker. Dahinter dürfte sich ein weitverbreiteter Leidensdruck verbergen. Österreich hat ein Elitenproblem. Das lässt sich nicht mehr verheimlichen. Und deshalb sind auch pauschale Politikerbeschimpfungen, die vor Kurzem noch in mahnender Erinnerung an die Zwischenkriegszeit wegen ihrer angeblich zersetzenden Wirkung auf die Demokratie verpönt waren, nicht mehr tabu.
Die meisten Österreicher erleben mittlerweile die Abfolge ihrer Bundeskanzler als Geschichte des Verfalls. Als Krone der politischen Schöpfung wird nach wie vor Bruno Kreisky verehrt und verklärt. Danach, so die landläufige Meinung, legte die politische Evolution den Rückwärtsgang ein. In dieses Beurteilungsschema spielen zwei urtypische österreichische Charakteristika hinein. Erstens wird hierzulande fast schon prinzipiell nur jenen Personen uneingeschränkte Achtung entgegengebracht, die entweder tot sind oder im Ausland Erfolg haben. Im nostalgischen Blick zurück wird vieles weichgezeichnet, manches auch fairer betrachtet. So steht Alfred Gusenbauer, vor einem Jahr noch der Sandkastendepp der Nation, plötzlich als Mann von Welt da, um den sich spanische und deutsche Konzerne reißen. Zweitens ist der Diskurs in Österreich von einer „Muppet Show“-Mentalität geprägt: Zuschauer ätzen gelangweilt vom Balkon aus gegen die Laientruppe im Polittheater, selbst würden sie sich nie auf die Bühne wagen.
Womit wir wieder beim Ausgangsproblem wären. Das österreichische Parteiensystem zieht in seiner jetzigen Form zu wenige Persönlichkeiten an. Intelligente und weltgewandte Menschen, die gerade Sätze sprechen können und Ausstrahlung haben, suchen in allen möglichen Bereichen lukrative Jobs, nur nicht in der Politik. Das hat mit dem schlechten Image des Politikerberufs und dessen vergleichsweise bescheidenen Verdienstmöglichkeiten zu tun, vor allem aber auch mit dem vorherrschenden Eindruck, dass Politiker Getriebene mit minimalem Gestaltungsspielraum sind. Tatsächlich fällt keine handelnde Person, sei es in der Regierung oder in der Opposition, durch so etwas Ähnliches wie eine Vision auf. Gefangen im Klein-Klein, nimmt sich niemand die Zeit, klar zu formulieren, wohin er Österreich führen und wie er das erreichen will.
Dazu fehlt wahrscheinlich auch die Substanz. Österreich hat zu wenige Denkfabriken, die Handlungsanleitungen ausarbeiten. Und Fachwissen wird in der Politik als vernachlässigbare Sekundärtugend gesehen. Sonst wäre es nicht möglich, dass ein Zivildiener Verteidigungsminister wird und drei Männer das Finanzministerium leiten, die davor kaum einen Tau von der Materie hatten. Von den Parteiakademien ist trotz Millionenförderung kein Impuls für eine Trendwende zu erhoffen. Denn genau dort kommen zum Teil Abgeordnete heraus, deren rhetorische Fähigkeiten gerade zur Bestellung eines Mittagsmenüs in der Parlamentskantine reichen.
Klar, Medien sitzen im Glashaus. Sie spielen eine symbiotische Rolle im Lizitationswettbewerb nach unten. Langsam aber sollte der Boden erreicht sein. Viel mehr Niveauverlust ertragen die Bürger nicht mehr.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2009)















