Fast eine Viertelmillion Menschen hat heuer Aufführungen der Salzburger Festspiele besucht. Und mehr, als die öffentliche Hand an Subventionen gewährt, zahlen die Festspiele an Steuern und Abgaben an den Fiskus zurück. Hinzu kommt ein „Produktions- und Umsatzeffekt von 227 Millionen Euro“. Selbst wenn diese Zahlen geschönt sein mögen: Dass Österreich – und im Sommer vor allem Salzburg – mit Kultur viel verdient, Lob, Ehre und sogar Geld, steht außer Zweifel.
Dies vorausgeschickt, darf wohl auch Skepsis angemeldet werden, was den künstlerischen Output des Nobelfestivals betrifft, das nach wie vor das teuerste der Welt ist und einen entsprechend hohen künstlerischen Nimbus hat. Sonst wäre der Zustrom nicht so gewaltig.
Mancher Besucher anno 2009 wird sich ein wenig über die Diskrepanz zwischen dem guten Ruf und der zuweilen weniger guten Realität gewundert haben. Als Maßstab müssen die Opernproduktionen gelten. Sie sind – da das Sprechtheater sich in der Regel doch ausschließlich an die deutschsprachigen Besucher richtet – wirklich von internationaler Relevanz. Und eben diese Relevanz steht mehr und mehr infrage.
In jenen Tagen, da Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss darangingen, den Festspielgedanken in Salzburg zu verankern, konnte als Faustregel gelten: Festspiele sind das, was die besten Kräfte der Wiener Staatsoper unter idealen Arbeitsbedingungen hervorzuzaubern imstande sind. So wurden die Wiener Philharmoniker zum Gravitationszentrum. Und Dirigentengrößen wie Strauss selbst, Toscanini und Bruno Walter, später Karl Böhm und Herbert von Karajan wurden zu den prägenden Figuren des Geschehens – in Salzburg, denn Wien konnte unterm Jahr nicht die ersehnten Arbeitsbedingungen bieten.
Die anscheinend naturgegebene Abwehrhaltung gegen alles, was aus der Hauptstadt kommt, hat die Salzburger seit Anbeginn zu Festspiel-Skeptikern gemacht. Umwegrentabilität in Ehren, wienerische Übermacht sieht man nicht gern.
Dem findigen Gérard Mortier gelang es Anfang der Neunzigerjahre, den Salzburgern zu suggerieren, man könnte sich davon freispielen. Seither ist das Engagement der Philharmoniker merklich zurückgedrängt. Zweitklassige Dirigenten, Opernproduktionen mit dem Mozarteum Orchester – die Eintrittspreise vermitteln bis heute den Eindruck, auf diese Weise sei dasselbe Niveau zu erzielen wie mit den Gästen aus Wien.
Das ist schlicht und einfach gelogen. Wer die Qualitätsstandards des Festivals kontrolliert, wird feststellen, dass mittlerweile fröhlich durchmischt wird, was nicht zusammen- und vor allem (oft) nicht zu einem Festival gehört. Ja, da garantieren Gastspiele prominenter Künstler – vor allem im Konzertbereich – den erwarteten Glamourfaktor. Allein, wir finden den mittlerweile genauso bei Rudolf Buchbinder in Grafenegg. Was also sichert den Salzburger Festspielen die nötige Exklusivität, um weiterhin nicht nur als das teuerste, sondern auch als das wichtigste Festival gelten zu dürfen?
Entscheidend wäre wohl, dass mit Champagner, zumindest mit Wein gekocht wird, und nicht mit Wasser. Opernaufführungen mit dem Mozarteum Orchester, ein Beethoven-Zyklus mit der Bremer Kammerphilharmonie, sie mögen nette Ergebnisse zeitigen. Vom Exklusivitätsgedanken sind sie meilenweit entfernt. Man versucht da im Stil der heute üblichen Political Correctness, die keine Standesunterschiede duldet, zu suggerieren, sympathischer Spielgeist sei so hoch zu bewerten wie höchstentwickelte Spielkultur, Stadtmusikanten seien gleich Philharmoniker.
Doch wäre es festspieltauglich, die Philharmoniker aus (hochklassiger) Routine zu jener spontanen Spielfreude zu führen, die dann auf allerhöchstem Niveau ihren zündenden Effekt macht. Das kann nur mit den größten Dirigenten funktionieren. „In vita democrazia, in arte aristocrazia“, so lautete der Wahlspruch Toscaninis. Das ist der Festspielgedanke! Auch ein Alexander Pereira würde ihn mit Füßen treten, wenn er tatsächlich ankündigt, was die Gerüchtebörse verkündet: Die Philharmoniker mögen unter Nikolaus Harnoncourt doch endlich auch einmal „auf Originalinstrumenten“ musizieren wie der Concentus musicus. Genauso gut könnte man vom Concentus verlangen, ein Gedenkkonzert für Michael Jackson zu geben.
Bemerkenswert, wie schwierig es heutzutage ist, den Menschen begreiflich zu machen, welchen Wert es darstellt, wenn man jemandem ermöglicht, die Aufgabe, die er am besten beherrscht, unter den allerbesten Bedingungen zu erfüllen.
Thema: Salzburger Festspielbilanz Seiten 1–2
wilhelm.sinkovicz@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2009)

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