Heute vor 70 Jahren begann die militärische Aggression Nazi-Deutschlands gegen Polen und damit die westliche Welt. Heute werden an zahlreichen Orten Gedenkveranstaltungen abgehalten. Werden Politiker wortreich das Projekt Europa loben, in dem keine Kriege mehr möglich seien. Werden nicht nur Überlebende des Holocaust vor der Rückkehr des Faschismus warnen. Und natürlich wird die aktuelle historische Befindlichkeit eine große Rolle spielen. Wenn etwa nur Frankreichs Regierungschef François Fillon Polen besucht und die Regierungschefs aus den USA und Großbritannien nicht, sorgt das für böses Blut in Polen. Für Aufsehen sorgt auch der Besuch des russischen Ministerpräsidenten Wladimir Putin. In Russland datiert der Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941. Für die Polen sind der kurz vor dem deutschen Angriff auf Polen unterzeichnete Hitler-Stalin-Pakt und der Einmarsch aus dem Osten der Grund, dass die Rote Armee ihrem Gefühl nach der Aggressor blieb – auch nachdem die Nazis vor ihr den Rückzug antreten mussten. Das nehmen ihnen die Russen bis heute übel, die Boulevardzeitungen leisten das Ihre, um den Streit nicht einschlafen zu lassen.
Dass Angela Merkel ohne großen Konflikt im Gepäck nach Polen fahren kann, zeigt aber auch, dass alte Ressentiments und Verwundungen überwunden werden können: Zwischen Deutschland und Polen bringt das Thema Zweiter Weltkrieg derzeit keine großen Spannungen, das war vor Kurzem wegen der Vertreibung der deutschen Bevölkerung in Polen noch anders.
Und in Österreich? Was passiert hier? Wenig. In Wien legen Bürgermeister Michael Häupl, Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und SPÖ-Pensionistenchef Karl Blecha einen Kranz nieder. Bundespräsident Heinz Fischer hat sich ein paar Gedanken notiert und diese verlautbaren lassen: „Der 1. September 1939 war ein wahrhaft historisches Datum, denn durch den Zweiten Weltkrieg sind in Summe nicht nur mehr als 50 Millionen Menschen (...) ums Leben gekommen und ungezählte Dörfer, Städte und Regionen dem Erdboden gleichgemacht worden, sondern es sind auch die Landkarten Europas und Asiens fundamental verändert worden. Der Zweite Weltkrieg hatte millionenfach schreckliche Einzelschicksale zur Folge, er war mit dem Holocaust, also der systematischen Vernichtung von sechs Millionen Juden, verbunden, und er hat Russland bzw. der Sowjetunion unvorstellbare Opfer abverlangt – letzten Endes aber dem Stalinismus einen enormen Machtgewinn und eine Ausdehnung seines Herrschaftsbereiches bis ins Zentrum Europas ermöglicht. Sagt der Bundespräsident. Wir gehen davon aus, dass er „diese Ausdehnung“, die er in diesem Zusammenhang unbedingt erwähnen musste, ebenfalls schärfstens ablehnt. Was zu erwähnen ohnehin überflüssig, weil logisch, ist.
Sonst herrscht Schweigen an diesem Tag, wie Historiker und Intellektuelle kritisieren. Man könnte einwenden, dass es – siehe Fischers Aussendung – keinen allzu großen Verlust für die Geschichtsschreibung darstellt, wenn Werner Faymann und Josef Pröll keine mahnend-erinnernden Worte finden. Außerdem sei der kurze Hinweis erlaubt, dass die allgemeine Jahrestags- und Gedenkkultur nur dazu führt, dass wir langsam den Überblick verlieren, ob nun 1989, 1939, 1934 oder 1909 zum Thematisieren und Erinnern anstehen und welches nun das wichtigste Datum ist. Damit kommt es nicht zuletzt zu einer Inflation, die dazu führen wird, dass echte große Jahrhunderttage irgendwann auch irrelevant werden. Im Fall Österreichs und des Zweiten Weltkriegs kommt allerdings ein anderes Motiv der dezenten Verdrängung hinzu: Mit dem Zweiten Weltkrieg haben wir als erstes politisches Opfer – an ein militärisches glaubt kaum einer mehr – nichts zu tun, so die jahrelang aufrechterhaltene Linie. Dass zahlreiche Österreicher den Angriffskrieg, teils begeistert, teils unfreiwillig, mittragen mussten, wurde dabei gern vergessen. Dieses Nichtbekennen führt etwa dazu, dass es in Deutschland natürlich militärische Einrichtungen gibt, die die Namen von Hitler-Attentäter von Stauffenberg und seiner Mitstreiter tragen. In Österreich erinnert jedoch keine einzige Kaserne an die österreichischen Helden des 20. Juli 1944.
Die stärkste Ansage zum 70. Jahrestag des Zweiten Weltkriegs kommt übrigens ausgerechnet aus Hollywood: Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ verwendet ihn als bunte Kulisse für einen schnellen, intelligenten und sehr unterhaltsamen Trash-Trip. Erstmals vertauscht da einer Rollen, Zuschreibungen, spielt mit Geschichtsfälschung. Ist es schon so weit weg, dass der große Krieg als reiner Kostümfundus herhalten darf?
Ja, so weit ist es schon. Was kein Problem ist, solange über diesen Krieg noch lange gestritten und diskutiert wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2009)
















