Freitagabend war „Faust“-Premiere im Wiener Burgtheater. Hätte anstrengend werden können: beide Teile an einem Abend, der zweite Teil auf nicht einmal zwei Stunden komprimiert. Regie: Matthias Hartmann, neuer Burgtheater-Direktor.
Es war also damit zu rechnen, dass man neben einer Einschätzung der aktuellen Regiearbeit sich auch Gedanken darüber würde machen müssen, welche Rückschlüsse das Gezeigte auf die Arbeit Hartmanns als Theaterdirektor während der kommenden Jahre zulassen würde.
Aber die Damen und Herren vom Feuilleton haben uns die Arbeit wieder einmal abgenommen. Ein linker Filmheini hat schon vor einer Woche erklärt, was man von einem Menschen zu halten hat, der sich nicht der sortenreinen Übertragung des hinterpakistanischen Problemfilms auf die Burgtheater-Bühne verpflichtet fühlt und unter Wolfgang Schüssel von Franz Morak bestellt wurde: „Ein eitler, hohler und ziemlich uninteressanter Schwätzer“ sei der, in anderen Worten „eine Art geistiger Cabriofahrer fürs Feuilleton“.
Wie's wirklich war? Nu ja, sechseinhalb Stunden Cabriofahrt im offenen Feuilletonwagen halt, und die nicht neue Erkenntnis, dass Vorurteile ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Lebens bleiben: Die Linken ersparen sich das Denken, und wir haben eine Hetz.
Ein wenig ist das auch die Entschädigung dafür, dass wir selbst uns mit Vorurteilen eher zurückhalten müssen, weil die so dumpf sind und sumpfig und aus den braunen Untergründen unserer bürgerlichen Existenz kommen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, wir würden hier problematisieren, dass Frau Glawischnig schon nach zwei Monaten Babypause wieder in den Beruf zurückkehrt. Weil nämlich unserem Vorurteil nach ein Neugeborenes zumindest ein halbes Jahr in der einigermaßen dauerhaften Obhut seiner Mutter bleiben sollte.
Der Einwand, dass das eine höchst persönliche Entscheidung sei, ist richtig, trifft nur nicht den Kern: Warum sollte alles, was der persönlichen Entscheidung obliegt, automatisch der öffentlichen Diskussion entzogen sein? Auch Herrn Hartmanns private Ansichten über Politik und Gesellschaft obliegen ja wohl seiner persönlichen Entscheidung und werden dennoch zur Diskussion gestellt.
Glawischnigs kurze Babypause und die Anfeindungen des neuen Burgtheater-Direktors ob seiner vermuteten oder tatsächlichen ideologischen (Nicht-)Positionierung sind wunderbare Beispiele für die in jahrzehntelanger Kleinarbeit hergestellte Asymmetrie unserer Debattenkultur:
Wer sagt, dass er die individuelle Entscheidung von Frau Glawischnig respektiert, sie aber aus grundsätzlichen Erwägungen für problematisch hält, muss im günstigsten Fall nur mit Empörung rechnen. Wer den Burgtheater-Direktor öffentlich beleidigt, nur weil der sich dazu bekennt, kein Linker zu sein, gilt in der Regel als „mutig“.
Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, macht das richtig Spaß.
michael.fleischhacker@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2009)















